Bilder bewegen
Filmen mit der DSLR

Fotografen können mit Video ihr Geschäftsfeld sinnvoll erweitern. Weite Teile des Fotoequipments lassen sich für beide Sujets nutzen. Allerdings muss der angehende Filmer bei der praktischen Umsetzung einige neue Aspekte berücksichtigen. Das jetzt in der Edition ProfiFoto erschienene Praxisbuch von Oliver Feld nimmt die Videoeinsteiger an die Hand und führt den Leser anhand eines Kurzfilm-Beispiels Schritt für Schritt von der ersten Idee über Storyboard, Dreh und Schnitt bis hin zur Präsentation des eigenen Werkes. Spezielle Kapitel widmen sich dem genauen Fokussieren, externer Tonaufnahme, Schnittsoftware und Workflow. Die Besprechung wichtigen Zubehörs und Hinweise für die Arbeit vor, während und nach dem Dreh runden das Kompendium ab. Zuvor gilt es aber erstmal die Grundlagen zu vermitteln.

Wir befinden uns in einer glücklichen Lage. Die Auflösung von Videobildern hat in den letzten Jahren einen großen Sprung gemacht, vom DV-Standard (720 x 576 Pixel) auf »Full-HD« (1920 x 1080 Pixel), das zum neuen Standard geworden ist. Der »kleine HD-Standard« (1280 x 720 Pixel) wird auch von vielen Video-SLRs angeboten, ist aber nur interessant in Kombination mit höheren Bildraten für Slow-Motion, da viele Video-SLRs Bildraten von mehr als 30 Bildern/s in der höchsten Auflösung noch nicht unterstützen. Wenige Kameras (z.?B. die Canon C500) bieten auch die Aufnahme in »4K« an (4096 x 2160 Pixel); bis sich dieses Format durchsetzt, wird es allerdings noch ein paar Jahre dauern.
Die Auflösung unseres Videobildes beeinflusst, wie viele Details wir darin erkennen können. Wenn es keinen sehr wichtigen Grund gibt, eine kleinere Auflösung zu wählen, sollten wir immer in der höchstmöglichen filmen. Warum sollten wir Details wegwerfen, die wir ebenso gut aufnehmen könnten? Für die Verbreitung des fertigen Videos in geringer Auflösung können wir unser Video immer noch nach dem Schnitt verkleinern.
Beide HD-Standards weisen das gleiche Seitenverhältnis auf: 16:9. Dieses Seitenverhältnis ist parallel zur Verbreitung der HD-Auflösungen Standard bei Videokameras und Fernsehern geworden, auch alle Video-SLRs filmen in 16:9. Sollten wir in einem anderen Seitenformat (4:3 oder 2,35:1) drehen wollen, müssten wir das 16:9-Format beschneiden und verlören dabei an Auflösung, im 4:3-Format hätten wir ein Bild mit 1440 x 1080 Pixeln, im 2,35-Format blieben uns 1920 x 816 Pixel. Dieser Beschnitt fände allerdings erst in der Post-Production und nicht während der Aufnahme statt.

Bildrate
Die Bildrate gibt an, aus wie vielen Einzelbildern unser Film in jeder Sekunde zusammengesetzt wird. Ab einer bestimmten Zahl von Bildern pro Sekunde sieht unser Auge keine Einzelbilder mehr, sondern Bewegung. Die Kino-Industrie hat vor langer Zeit festgelegt, dass 24 Bilder/s ausreichend sein sollten.
Seitdem werden Filme im Kino mit 24 Bildern/s gezeigt und zahlreiche Amateurfilmer betrachten diese Bildrate als wichtigen Bestandteil des erstrebten »Film-Looks«. Wenn wir unseren Film fürs Kino produzieren, sollten wir mit einer Bildrate von 24 B/s drehen.
Im Fernsehen sind Bildraten (allerdings interlaced) von 50, oder im US-Fernsehen 60 B/s, üblich. Da pro Sekunde die Bewegung nicht nur mit 25 oder 30 Bildern erfasst wird, sondern mit dem Doppelten (50 oder 60), gibt es mehr Zwischenbilder – die Bewegung erscheint uns flüssiger (»bessere Bewegungsauflösung «). Merkwürdigerweise sind die meisten Zuschauer gar nicht an einer so flüssigen Darstellung interessiert, sondern bevorzugen die »ruckelnden« Kino-Bilder mit 24 B/s. Das könnte daran liegen, dass die langsamere Bildrate »abstrakter« wirkt und nicht so »natürlich« wie die schnellere und es beim Geschichtenerzählen ja durchaus richtig sein kann, dass nicht alles so aussieht wie in der Realität. Vielleicht setzen auch viele die schnellere Bildrate mit »Video« oder »Fernsehen« gleich und die langsamere mit »Kino« – und verbinden mit Letzterem die angenehmeren Erlebnisse.
Es ist entscheidend, die Bildrate für unseren Verwendungszweck von vornherein richtig zu setzen, die nachträgliche Konvertierung einer Bildrate in eine andere fällt fast immer negativ auf.
Die hierzulande wichtigste Bildrate ist 25 B/s. In allen Ländern, in denen der PAL-Standard verbreitet ist und die Frequenz des Wechselstroms bei 50 Hz liegt (und man außerdem nicht, wie oben beschrieben, fürs Kino oder Ausland produziert), sollte man 25 B/s verwenden. So ziemlich alle Abspielgeräte sind bei uns auf 25 (oder das Doppelte, 50 Hz interlaced) ausgelegt, fast alle DVDs haben hier diese Bildrate, das Fernsehen strahlt seine Sendungen damit aus. Bei der Aufnahme mit 25 B/s kommt uns außerdem zugute, dass Kunstlichtquellen, die mit Wechselstrom betrieben werden, nicht flimmern werden, unabhängig von der eingestellten Belichtungszeit.
In einigen Ländern (z.?B. den USA) beträgt die Wechselstromfrequenz 60 Hz und die Bildrate entweder (knapp) 60 B/s interlaced oder (knapp) 30 B/s. Wenn wir in diesen Ländern unterwegs sind und für diese Märkte produzieren, können wir die Bildrate entsprechend verändern. An den meisten Video-SLRs kann man zwischen den wichtigsten Bildraten wählen: 24, 25 oder 30 B/s. Dabei sind die 24 oft 23,976 (um leichter in 29,97 konvertiert werden zu können) und die 30 in Wirklichkeit 29,97 B/s, um dem NTSC-Standard gerecht zu werden. Beim Schnitt sollte man darauf achten, dass die Bildraten der Kamera und des Schnittprogramms exakt übereinstimmen. Wir Europäer haben es einfacher: Unsere 25 B/s sind auch immer genau das.
Beim Filmen mit vergleichsweise geringen Bildraten von 24, 25 oder auch 30 B/s sollte man übrigens auf die Schnelligkeit seiner Schwenks achten: Sind diese zu schnell, kann das Ruckeln durchaus störend werden. Hollywood-Kameraleute haben Tabellen, in denen vermerkt ist, wie schnell sie mit welcher Brennweite schwenken dürfen – je länger die Brennweite, desto langsamer müssen die Schwenks sein.
Es gibt auch die Möglichkeit, hierzulande mit 30 B/s zu drehen, um das Material später mit 24 oder 25 B/s wiederzugeben, was eine leichte Zeitlupe ergibt. In dem Fall muss man auf eine flimmerfreie Belichtungszeit (z.?B. 1/50 s) achten. In den meisten Fällen lohnt sich dies nicht, da der Zeitlupeneffekt kaum auffällt. Für Zeitlupenaufnahmen (Slow-Motion) besser geeignet sind Bildraten von 50 oder 60 B/s, die die meisten Video-SLRs allerdings nur in der kleinen HD-Auflösung von 1280 x 720 Pixeln anbieten. In dem Fall muss man sich entscheiden, was einem wichtiger ist – die höhere Bild- oder Bewegungsauflösung. Man kann oft kurze Einstellungen in kleiner HD-Auflösung mit der großen HD-Auflösung mischen, ohne dass es stört.
Nachdem man 50 oder 60 B/s an der Kamera eingestellt hat, sollte man noch die Belichtungszeit anpassen (entsprechend der 180-Grad-Regel), entweder 1/100 s oder 1/120 s.

(kein) Interlacing
Interlacing ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Fernsehen nicht genügend Bandbreite für die Übertragung von 50 Vollbildern pro Sekunde aufwies, die verfügbaren Fernseher aber mit 50 Bildern/s angesteuert werden wollten, da sie sonst flimmerten. Der technische Ausweg war, 50 Halbbilder zu senden, jeweils eins mit den ungeraden Zeilen und danach eins mit den geraden. Der Fernseher zeigte abwechselnd die ungeraden und die geraden Zeilen eines Bildes an und unser Auge machte aus diesen verwobenen Halbbildern wieder ein ganzes. Die heute verbreiteten Flachbildfernseher und sämtliche Computermonitore benötigen keine Interlaced-Bilder mehr.
Das Thema Interlacing erlaubt in diesen Tagen deshalb eine glückliche Abkürzung: Sie brauchen sich in den meisten Fällen nicht mehr damit zu beschäftigen. Unsere Video-SLRs nehmen Vollbilder (»progressive«, das Gegenteil von interlaced) auf, die Schnittprogramme schneiden Vollbilder und auch die Ausgabe für das Web, DVD und BluRay erfolgt am besten als Strom von Vollbildern.
Es kann sein, dass für eine Ausstrahlung im Fernsehen Ihr Film »interlaced« werden muss, aber das können Sie dann guten Gewissens den dortigen Technikern überlassen, die sich damit auskennen.

Schärfe, Kontrast & Sättigung
Mangels RAW-Video muss man alle wichtigen Bildeinstellungen vor der Aufnahme an der Kamera vornehmen. Manche, wie den Weißabgleich, verändert man häufiger, es gibt aber auch Parameter, die man möglichst »sanft« und »zurückhaltend« für alle Situationen einstellen kann, um ein möglichst neutrales Grundbild für die weitere Bearbeitung beim Schnitt zu haben.
Bei den meisten Video-SLRs gibt es »Bildeinstellungen« oder »Picture Styles«, in denen Schärfe, Kontrast, Sättigung und Weiteres eingestellt werden können. Beim Fotografieren werden diese auf die JPEGs und die RAW-Voreinstellungen angewendet, beim Filmen werden sie unwiederbringlich ins Material »gebrannt«. »Schärfe« bedeutet dabei die Stärke, mit dem das Bild geschärft wird, diese sollte man auf 0 setzen (also den kleinstmöglichen Wert) – dies sorgt dafür, dass auch Moiré und Aliasing nicht mehr so stark sichtbar werden. Bei Bedarf kann man immer noch bei der Nachbearbeitung schärfen. Ähnliches gilt für den Kontrast und die Sättigung. Ich nehme meine Bilder bei geringstmöglichem Kontrast auf, was sie auf dem Bildschirm erst einmal flau wirken lassen kann, aber den besten Spielraum beim Schnitt bietet – Kontrast verstärken ist einfacher, als ihn nachträglich zu senken.
Auch die Sättigung belasse ich beim niedrigsten oder jedenfalls einem niedrigen Wert – gerade bei Kunstlicht ist der Rotkanal sehr schnell übersättigt, dem man mit einer niedrigen Sättigungseinstellung zumindest ein wenig entgegenwirken kann. Ein passender Weißabgleich hilft auch, Näheres dazu im Kapitel »Belichtung & Beleuchtung«.


Belichtungsmodus
Es gibt für »ernsthafte« Aufnahmen nur einen Modus: »M«. Im manuellen Modus (manchmal scherzhaft als »Meister-Modus« bezeichnet) regelt man Zeit, Blende und Empfindlichkeit selbst. Alle anderen Modi scheiden aus: P und A (Av), weil wir eine konstante Belichtungszeit (siehe unten) brauchen, aber auch S (Tv) und die ISO-Automatik, weil wir keine Belichtungssprünge haben wollen, wenn der Darsteller im dunklen Mantel auf die Kamera zugeht oder wir auf ein helles Fenster schwenken.

Belichtungszeit: 1/50s oder was?
Die häufigste Bildrate hierzulande ist 25 B/s, dazu werden von allen Seiten 1/50 s Belichtungszeit empfohlen, ja geradezu vorgeschrieben. Warum ist das so?
Zum einen gibt es die »180-Grad-Regel«, die besagt, dass die Belichtungszeit dem Reziproken der Hälfte der Bildrate entsprechen soll (bei 25 B/s ist es 1/50 s). Zum anderen benötigt unser Auge bei bewegten Objekten eine bestimmte Bewegungsunschärfe, damit uns die Bewegung natürlich vorkommt.

Die 180-Grad-Regel
Wenn wir dem »Film-Look« nahekommen wollen, ist es hilfreich zu wissen, wie eine Filmkamera funktioniert, genauer: wie sie belichtet. In einer klassischen, analogen Filmkamera lässt sich die Belichtungszeit nicht mit Hilfe eines Schalters beliebig ändern. Die Filmkamera enthält ein Rad, das sich im Strahlengang des Objektivs vor dem zu belichtenden Negativ befindet. Dieses Rad macht 24 Umdrehungen pro Sekunde und ist zur Hälfte undurchsichtig, also ein Halbkreis, die andere Hälfte bleibt frei – daher der Name »180 Grad«. Dieses Halbkreis-Rad hat zwei Aufgaben: Zum einen transportiert es den Film: Am Ende jeder Umdrehung, kurz vor dem Ende der Dunkelphase, rutscht der Film um ein Negativ weiter. Die zweite Aufgabe besteht in der Belichtung des Negativs: Während des freien Teils des Rads wird der Film belichtet. Während einer Umdrehung also für die Hälfte der Zeit der Umdrehung. Da sich das Rad 24-mal pro Sekunde dreht, dauert eine Umdrehung 1/24 s und ein Negativ wird mit 1/48 s belichtet.


Bei Zeitlupenaufnahmen muss man, um der 180-Grad-Regel zu entsprechen, die Einzelbilder ebenfalls mit dem Reziproken der Hälfte der Bildrate belichten; nimmt man also mit 50 B/s auf, belichtet man mit 1/100 s. Die Einzelbilder werden dann immer schärfer (und man benötigt immer mehr Licht), je höher die Bildrate steigt, dies ist jedoch kein großes Problem. Zum einen nimmt man in Zeitlupe eher schnelle Bewegungen auf, bei denen der Zuschauer über weniger Bewegungsunschärfe eher erfreut sein wird, um überhaupt noch etwas zu erkennen. Zum anderen nimmt der Zuschauer eine Zeitlupenaufnahme sowieso nicht mehr als »natürlich« wahr. Zeitlupenaufnahmen von fallenden Tropfen z.?B. werden angefertigt, um den Tropfen in seinen Einzelphasen betrachten zu können, dafür muss die Belichtungszeit sehr kurz sein, um den Tropfen nicht durch Bewegungsunschärfe verschwimmen zu lassen.
Die 180-Grad-Regel bedeutet auch, dass wir von der gesamten Zeit, in der eine Bewegung stattfindet, nur die Hälfte aufnehmen. Wenn wir mit 25 B/s pro Sekunde filmen, jedes Bild aber mit 1/50 s belichten, belichten wir nur die Hälfte jeder Sekunde Bewegung – wir greifen uns nur »Zwischenbilder« aus der Bewegung heraus. Zwischen jedem aufgenommenen Bild vergeht noch mal eine 1/50 s, in der sich das Objekt weiterbewegt – wovon wir aber kein Bild haben. Interessanterweise kommt uns das normal vor – unser Gehirn setzt die Einzelbilder wieder zur Bewegung zusammen und überbrückt dabei die ausgelassenen Augenblicke. Nehmen wir dagegen die ganze Zeit auf (z.?B. 25 B/s mit einer Belichtungszeit von 1/25 s), erscheint uns das resultierende Video oft als »zu flüssig«, es entspricht eher dem »Video-Look« (im Gegensatz zum »Film-Look«) – probieren Sie es selbst einmal aus.

Bewegungsunschärfe


Die Belichtungszeit des Einzelbildes ist wichtig: Ist sie zu lang, verwischen Bewegungen zu stark, ist sie zu kurz, verwischen Bewegungen nicht stark genug. Videoaufnahmen mit kurzen Belichtungszeiten von z.?B. 1/250 s kommen vielen daher abgehackt und künstlich vor.
Die »Belichtungszeit« des menschlichen Auges liegt bei 1/20 bis 1/60 s. Sehen Sie sich ein Foto eines Wasserfalls an, der mit 1/50 s oder 1/60 s aufgenommen wurde – der Bildeindruck müsste ungefähr mit dem übereinstimmen, den Sie auch bei direkter Betrachtung des Wasserfalls in der Natur haben. Sie können die einzelnen Tropfen nicht scharf sehen (wie es bei einem Foto mit z.?B. 1/4000 s möglich wäre), Sie sehen den Wasserfall aber auch nicht als »milchigen Fluss«, wie es bei einem Bild mit einer Sekunde Belichtungszeit wäre.
Für normale Bildraten von 24, 25 oder 30 B/s liegt die Belichtungszeit entsprechend der 180-Grad-Regel also bei 1/50 s oder 1/60 s. Wie schon erwähnt, ist dies eine Zeit, bei der unseren Augen Bewegungen natürlich erscheinen, da sie mit der »richtigen« Bewegungsunschärfe aufgezeichnet werden.
Diese Regel kann man auch umdrehen: Sollen dem Betrachter einige Einstellungen unnatürlich vorkommen, verkürzt man die Belichtungszeit und wählt z.B. 1/100 s oder gar 1/200 s bei normalen 25 B/s. Dies bedeutet, dass nur noch 1/4 oder gar 1/8 der gesamten Bewegung aufgenommen wird und führt bei der Betrachtung zu einem Stroboskop- oder Stakkato-Effekt, die Bewegungen wirken abgehackt. Ein bekanntes Beispiel für den Einsatz dieses Stilmittels findet sich im Film »Der Soldat James Ryan« (Saving Private Ryan) von Steven Spielberg, während der Landung der US-Soldaten in der Normandie.

Empfindlichkeit des Sensors
Die Empfindlichkeit des Sensors ist eine der drei elementaren Stellgrößen der Belichtung, und insofern besonders, da sie die einzige ist, die sich nicht direkt auf andere Dinge auswirkt. Wie allgemein bekannt ist, wird die Belichtung eines Bildes durch drei Parameter bestimmt: Zeit, Blende und Empfindlichkeit. Die Zeit kann man nicht ändern, da sonst Bewegungen anders aussehen (siehe oben). Die Blende kann man ändern, ändert damit aber die Schärfentiefe mit, was vielleicht nicht beabsichtigt ist. Einzig die Empfindlichkeit lässt sich verstellen, ohne dass sich Bewegungsanmutung oder Schärfentiefe im Bild ändern.

Etwas ändert sich allerdings zusammen mit der Empfindlichkeit: das Rauschen. Beispielsweise bietet die Canon 600D mit ihrem 18-Megapixel-APSC-Sensor im Videomodus 100-6400 ASA, ein Bereich über sieben Blenden, den man jedoch nicht bedenkenlos nutzen kann, denn mit steigender Empfindlichkeit steigt ebenso das Sensor-Rauschen. Ab wann das Rauschen stört, ist zum Teil Geschmackssache. Manche Kameraleute mögen bereits 1600 ASA nicht mehr, manche tolerieren das Rauschen bis 3200 ASA, an besseren Kameras wie den 5D Mark II oder III kann vielleicht auch noch 6400 ASA genutzt werden. Auch hängt es vom Licht ab; kontrastreiches Licht oder kontrastreiche Motive kaschieren das Rauschen besser als homogene Flächen.
Machen Sie unbedingt Testaufnahmen (nicht nur Fotos, sondern Videoaufnahmen) und sehen Sie sich die Filme auf einem großen Bildschirm an, das Kameradisplay ist zur Beurteilung des Rauschens ungeeignet. So können Sie feststellen, bis zu welcher Empfindlichkeit für Sie das Rauschen noch hinnehmbar ist.

Lichtempfindlichkeit einer Video-SLR
Die Lichtempfindlichkeit einer Video-SLR ist – ein weiterer Vorteil des großen Sensors – besser als bei herkömmlichen Camcordern. Das bedeutet praktisch, dass man mit weniger Licht auskommt, eventuell akkubetriebene Lampen verwenden und manchmal sogar im Schein von Feuer oder einer brennenden Kerze filmen kann. Das ist ein immenser Vorteil gegenüber Camcordern und auch 35-mm-Negativfilm.
Bei den Dreharbeiten der »Grünen Fee« reichte eine Kerze nicht aus, dafür hätte man wohl die Kerze nah an ein Gesicht bringen und Blende 1,4 nutzen müssen. Der Schein des brennenden Feuerstabes genügte aber zum Drehen.
Wie weit Sie mit Ihrer eigenen Kamera gehen können, hängt vom Modell und Ihren Ansprüchen an die Rauschfreiheit ab. Ich war mit den Ergebnissen bei der 5D Mark II bis 6400 ASA und bei der 550D/600D bis 1600 (zur Not 3200 ASA) zufrieden. Der Vollformatsensor ist also mindestens eine, eher zwei Blenden lichtempfindlicher als der APS-C-Sensor der kleinen Canons.
Denken Sie auch daran, dass bei zu großen Abweichungen der Empfindlichkeit innerhalb einer Szene (z.?B. eine Einstellung mit 100 ASA, die nächste mit 3200) der Wechsel durch das erhöhte Rauschen auffällt und Sie beim Schnitt später vor Probleme stellen kann. Wenn Sie absehen können, mehrere Einstellungen mit hoher Empfindlichkeit drehen zu müssen, drehen Sie lieber alle mit derselben (oder fast derselben) Empfindlichkeit, um später ein einheitliches Bild durch die gesamte Szene zu haben.
Beim Dreh der Grünen Fee im dunklen Wald hatten wir meist sowieso keine andere Wahl, als mit hohen Empfindlichkeiten zu arbeiten. Zumeist bin ich so vorgegangen:
1. Einstellung der Zeit auf einen festen Wert, bei 25 B/s ist es 1/50 s.
2. Abschätzung der Blende: Möchte ich eher bei offener oder geschlossener Blende filmen? Ich nahm oft (auch zugunsten der Helligkeit) eine offene Blende, z.B. f/4.
3. Belichtung messen und Empfindlichkeit einstellen. Bei richtiger Belichtung ergäben sich vielleicht 1600 ASA.
Diese Belichtungssituation war typisch für die Dreharbeiten bei der »Grünen Fee«, wenn wir die Szene gut ausgeleuchtet hatten – wir drehten nachts, zum Beispiel mit einer nahen Ballonlampe (205 W) und einem 2400-W-HMI für den Hintergrund, außerdem wurden die Darsteller manchmal zusätzlich durch das Feuer von Feuerstab oder Fackeln beleuchtet.
Bei mehreren Einstellungen unterschiedlicher Helligkeit muss man nun abwägen: Wird es vielleicht noch um ein bis zwei Blenden dunkler? Dann könnte man die Empfindlichkeit auf 3200 oder 6400 ASA hochschrauben oder die Blende weiter öffnen (wenn dies möglich ist mit dem verwendeten Objektiv), auf f/2,8 oder f/2. Oder eine Kombination von beidem, 3200 ASA und die Blende um eine Stufe öffnen.
Wie Sie sehen, haben wir an den Grenzen unserer Möglichkeiten gedreht: In den oberen Empfindlichkeiten und mit offener Blende bleiben einem nur noch Kompromisse übrig: Öffnet man die Blende weiter, riskiert man sehr schnell unscharfe Bilder, eine erhöhte Empfindlichkeit lässt das Rauschen störend werden. Immerhin waren die Bedingungen für die gesamte Drehzeit gleich dunkel.
Hat man einen Film mit Einstellungen bei Tageslicht und in einer dunklen Kammer, geht z.?B. eine Figur in eine dunkle Wohnung und kommt wieder heraus, ist es verführerisch, die Helligkeitsunterschiede über die Empfindlichkeit abzufangen: Draußen filmt man mit 100 ASA, drinnen mit 3200. Falls Sie die Unterschiede im Rauschen stören, können Sie alle Einstellungen mit 1600 filmen: Innen öffnen Sie die Blende um eine Stufe, draußen schließen Sie sie um vier Stufen. Das kann allerdings durch die nun wesentlich höhere Schärfentiefe ebenso auffallen, wenn man dasselbe Objektiv verwendet. Der komplizierte Ausweg ist, draußen mit einem Weitwinkelobjektiv zu drehen, das sowieso für eine höhere Schärfentiefe bekannt ist, so dass dem Zuschauer die geschlossene Blende nicht auffällt. Einfacher ist es jedoch, draußen einen Graufilter vor das Objektiv zu schrauben (in diesem Fall einen mit vier Blenden).
Drehen Sie Ihren Film nur draußen bei Tageslicht, können Sie natürlich durchgängig 100 ASA nutzen und werden mit einem sauberen und rauschfreien Bild belohnt. Um für eine geringe Schärfentiefe die Blende öffnen zu können, sollten Sie auch hier einen Graufilter bereithalten.

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