Interview
Ralf Hanselle im Gespräch mit Paolo Roversi

Der 1947 im italienischen Ravenna geborene Paolo Roversi hatte eigentlich nie vor, einer der namhaftesten Modefotografen der Gegenwart zu werden. Heute sind Roversis fragile Fotografien sowohl aus der Welt der Mode als auch aus dem Kosmos der Kunst nicht mehr wegzudenken. ProfiFoto sprach mit Paolo Roversi über Moden, Mystik und Mittelmaß.

Paolo Roversi war Teenager, als er zusammen mit dem örtlichen Postboten eine Dunkelkammer im Keller des Hauses seiner Eltern einrichtete. Eigentlich wollte er da noch Pressefotograf werden. Doch nach ersten Aufträgen für Associated Press und Huppert Agency holte ihn Peter Knapp, Art Director der Zeitschrift Elle, nach Paris. Hier entdeckte Roversi die Haute Couture. Es folgten große Bildstrecken für Depeche Mode und Marie Claire, Vogue und Harper’s Bazaar.

Profifoto: Herr Roversi, Sie waren 17, als Sie Ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckten. Was hat sie damals an einer Kamera so fasziniert?

Paolo Roversi: Für mich war das ein bisschen wie Voodoo in Schwarzweiß. Besonders die Arbeit in der Dunkelkammer hat mich sofort in den Bann gezogen. Diese Idee, dass es da Dinge gibt, die auf einem Bild Anwesenheit bekommen, ohne dass sie wirklich da wären. Ich könnte darüber noch heute stundenlang schwärmen und philosophieren: Über diese Verbindung aus Zeit und Erinnerung; aus Träumen und aus Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit, von der sie da sprechen, war Ihnen ja zunächst fotografisch am nächsten: Als sie 1970 die Fotografie zu ihrem Beruf machten, haben Sie zunächst im journalistischen Bereich gearbeitet. Sie waren Pressefotograf für Associated Press und Hupper Agency.

Ja, die Wende kam erst, als ich 1973 nach Paris ging. Da entdeckte ich die Welt der Mode für mich. Ein paar befreundete Fotografen hatten mich nach Frankreich eingeladen. Ich blieb zunächst nur zwei oder drei Wochen. Ich kannte mich mit Modefotografie ja auch eigentlich gar nicht aus. Natürlich kannte ich Richard Avedon oder Irving Penn. Die großen Namen eben. Aber damals war in der Modewelt gerade einiges in Umbruch geraten. Es war die Zeit von Helmut Newton oder Guy Bourdoin – von Fotografen, die die Modefotografie extrem erweiterten und veränderten. Das faszinierte mich. Bald erkannte ich, dass mir die Inszenierung von Mode eigentlich viel mehr lag als die journalistische Abbildung der Wirklichkeit. In der Mode ging es viel mehr um Träume und um Schönheit. Das lag meinem Wesen viel näher. Also bin ich in Paris geblieben.

Wodurch wurde dieses Wesen denn bei ihnen geprägt?

Ich war schon als Kind begeistert von der Malerei der Renaissance. Für einen Italiener ist das naheliegend. Die klassische Malerei hat meine Kindheit sehr beeinflusst. In der Fotografie war ich aber auch geprägt von Robert Frank, Edward Steichen und August Sander. Von Fotografen also, die nicht unbedingt etwas mit Kleidern zu tun hatten. Selbst Nadar hat mich beeinflusst. Von ihm habe ich Unmengen lernen können.

Viele ihrer Modelaufnahmen sind mit einer 8?x?10 Polaroid-Kamera aufgenommen worden – einem für eine Sofortbildkamera ungewöhnlichen Format. Was fasziniert sie an dieser Kamera?

Dieses Modell kam ja erst 1980 auf den Markt. Aber als ich es damals das erste Mal in Händen hatte, war ich sofort begeistert. Das hatte viele Gründe: die Farben, die Kontraste, die Größe der Bilder. Außerdem mochte ich es, dass man durch diese Kamera mit beiden Augen hindurchschauen konnte. Das kam meiner Art des Fotografierens sehr nahe.
 
Heute ist dieser Polaroid-Look wieder sehr en Vogue. Es gibt sogar Apps für das iPhone, mit denen man seinen Aufnahmen einen Polaroid-Touch geben kann. Ist dieser analoge Effekt digital nachstellbar?

Natürlich ist das nicht das Gleiche. Man kann digital alles mögliche machen, aber die Anmutung eines Polaroids ist etwas ganz Eigenes. Das kann man nicht aus der Retorte reproduzieren.

Nahezu all ihre Bilder haben eine sehr eigene Mystik. Sie erzählen nie alles. Sie hüten ein Geheimnis – selbst dann, wenn die Models auf den Bildern nahezu hüllenlos sind. Würden Sie sagen, dass dieses Geheimnis das Wesentliche Ihrer Bild-Philosopie ist?

Ja, absolut. Ich möchte mit meinen Bildern immer eine Wahrheit offenlegen – aber diese Wahrheit ist eine imaginierte Wahrheit. Man kann die großen Fragen ja immer nur berühren, man kann sie nie wirklich greifen. Die Antwort auf die Frage etwa, warum wir hier sind oder die, wohin wir einmal gehen werden, die bleibt immer vage. Es ist unmöglich, diese Wahrheit wirklich auszusprechen. Meine Bilder haben daher immer etwas Mystisches. Schönheit ist etwas Mysteriöses. Jeder Mensch ist etwas Mysteriöses. Man kann das nur erfühlen. Man kann das vielleicht auch ein Stück in einem Bild sichtbar machen. Aber ganz erfassen wird man es nie.

Das erinnert sehr an die Ästhetik des Piktorialismus.

Ja, der Piktorialismus hat mich durchaus geprägt. Auch da geht es ja um das Mysteriöse und um das Mystische. Viele Porträtaufnahmen aus dieser Zeit haben ein stark psychologisches Moment. Sie gehen hinter die faktische Wirklichkeit. Darin ähneln sie der Malerei. Es geht auf diesen Fotografien nicht mehr nur um physiognomische Ähnlichkeit , sondern um die Abbildung von Persönlichkeit. Nadar hat das einmal die „ressemblance intime“ genannt. Da sehe ich eine Verwandtschaft zu meinen eigenen Bildern.

Besonders fällt das bei Ihrer Serie „Nudi“ auf, an der sie nun bereits seit gut 30 Jahren arbeiten.

Ja, bei „Nudi“ geht es sehr um das Wesen von Menschen. Diese vielen Porträts haben immer etwas zeitloses – ja, fast einen Hauch von Ewigkeit. Ich habe mit den ersten Aufnahmen vor gut einem Viertel-Jahrhundert begonnen. Doch wenn man die Serie heute in ihrer Gesamtheit sieht, dann kann man nicht mehr sagen, wann welches Bild genau entstanden ist. Nicht einmal die Frisuren der Models geben einen Hinweis auf eine konkrete Zeit.

Man kann über „Nudi“ nicht reden, ohne nicht auch über Licht zu reden.

Über Licht könnte ich drei Wochen – ach was, drei Monate reden. Ich mag das Licht auf den Bildern von „Nudi“ sehr. Das hat etwas sehr Reines und zugleich etwas sehr Ursprüngliches. Das ist sehr schwer in Worte zu fassen. Es ist zart und zugleich gewaltig. Durch dieses reine Licht scheinen die Models fast zu verschwinden. Das Licht markiert eine Grenze. Die Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Bilder sind ja immer wie Geister. Sie erzählen davon, dass etwas da war. Und zugleich davon, dass etwas für immer verschwunden ist. Das ist ja das große Mysterium der Fotografie. Sie bewegt sich immer zwischen Leben und Tod; zwischen Hier und Dort; zwischen Licht und Dunkel. Genau diese Grenze ist es, die ich so liebe. Ich mag es auf ihr zu wandern – zu balancieren. Das ist schöner, als in der Mitte eines Feldes zu gehen. In der Mitte ist es langweilig.

In der Mitte ist auch das Mittelmaß. Carine Roitfeld, ehemalige Chef-Redakteurin der französischen Vogue, hat sich jüngst genau über dieses Mittelmaß ein wenig beschwert. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte sie, dass es in der heutigen Modefotografie zu viel „Vintage“ gäbe – zu viel Fotografen, die sich an klassischen Vorbildern orientierten, ohne etwas eigenes zu versuchen. Wie sehen sie das?

Ich denke, zunächst einmal gibt es einfach zu viele Fotografen. Jeder kann sich heute eine Kamera kaufen und loslegen. Das ist alles viel einfacher geworden. Und zugleich haben sich auch die Veröffentlichungswege verändert. Man muss diese Bilder nicht mehr in einem Magazin veröffentlichen. Man stellt sie einfach auf Facebook. Die Bilder spülen doch heute über die ganze Welt hinweg.

Muss die Digitalisierung denn zugleich auch immer einen Verlust an Qualität bedeuten?

Ich denke schon. Zudem ist es ein Verlust an Identität und vor allem auch an Kritik. Es gibt in diesen Foren ja kaum eine qualifizierte Rückmeldung. Keiner sagt einem, dieses Bild ist gut und das ist schlecht. Und wenn er es sagt, dann sagt er nicht, warum. Aber um auf Carine Roitfeld zurückzukommen: Meiner Meinung nach gibt es heute durchaus noch junge Fotografen, die interessant sind. Fotografen, die eine neue Energie einbringen und die einen neuen Look einführen. Es gibt also nicht nur Kopien von Althergebrachtem. Natürlich: Es gibt viele Kopisten. Aber Kopisten hat es zu jeder Zeit gegeben. Das Problem ist ein anderes. Es gibt zu viele Fotoapparate, aber viel zu wenig Fotografen.

Vielleicht hat man es als Fotograf in der Modewelt auch schwerer, als in anderen Branchen. Nichts ist ja schließlich schneller als Fashion und Style. Kann man bei dieser Geschwindigkeit überhaupt mithalten? Kann man als Fotograf ästhetisch konstant bleiben in einer Welt des permanenten Umbruchs?

Ich denke, man kann es schaffen, wenn man wahrhaftig und spontan bleibt. Und natürlich sollte man Freude und Herzblut in die Arbeit stecken. Ich denke, man sollte nie zu intellektuell oder zu konzeptionell an die Sache herangehen. Dann verliert man den Anschluss. Mode ist eben tatsächlich frisch und schnelllebig. Man kann nur modisch bleiben, wenn man Spaß am Spiel hat. Man darf nicht zu ernst sein. Wer zu ernst ist, ist out of fashion. Der verliert den Moment. Nichts ist ja schlimmer, als „out of fashion in fashion“.

Aber was, wenn sich das ganze System bereits selbst überrundet hätte? Wenn die Modefotografie selbst bereits unmodisch geworden wäre? Erleben wir nicht derzeit das Ende der Modefotografie, wie wir sie einst kannten?

Definitiv. Wir erleben gerade das Ende der Magazine; das Ende des Analogen; das Ende des Papiers, der Abzüge, der klassischen Fotografie. In ein paar Jahren ist das alles vorbei. Wieder also geht es um meinen liebsten Ort: um die Grenze. Wir befinden uns zwischen zwei Ären. Der Ära des Papiers und der Ära des Bildschirms. Für jemanden wie mich – jemanden aus der alten Generation – ist das natürlich schwer zu akzeptieren. Dabei habe ich nicht einmal was gegen die Digitalisierung. Die Digitalisierung ist sehr praktisch. Aber für mich ist eine Fotografie kein Image, das durch den Raum fliegt. Eine Fotografie ist Papier. Material. Etwas, was meine Sinne anspricht. Etwas, was mich bewegt und was ich bewegen kann. Das gilt selbst für die Amateurfotografie. Früher gab es Fotoalben. Heute gibt es diese ganzen Papas und Mamas, die auf Knopfdruck auf einem Monitor erscheinen. Die gehören auch niemandem mehr. Ein Fotoalbum gehörte früher einer Familie. Heute sind alle Bilder omnipräsent. Sie sind überall – und überall sind sie zugleich. Mit solchen Bildern kann man keine Beziehung eingehen.

Die Berliner Galerie Camera Work zeigt Paolo Roversis Serie „Nudi“ noch bis zum 28. Januar 2012.

Foto: © Paolo Roversi, Kate, Paris, 1994

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