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Phillip Prioleau, 1980 © 2010 Robert Mapplethorpe Foundation
Es gibt wohl kaum einen Fotografen, der mehr und tiefer mit den 1980er Jahren verwurzelt war als er: Robert Mapplethorpe! Und er starb an der bis heute unterschätzten HIV Infizierung AIDS – ebenfalls ein „Kind“ der 1980er Jahre!
Der New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe verherrlichte wie kein anderer den menschlichen Körper und ästhetisierte ihn bis hin zur Skulptur. Die nackten und gestählten Körper seiner männlichen und weiblichen Modelle wie Ken Moody, Tyler, Thomas, Lydia Cheng oder „Lady“ Lisa Lyon posieren in erstarrten Haltungen und treten in Konkurrenz zu Michelangelos David. Das NRW-Forum in Düsseldorf widmet nun – nach spektakulären Ausstellungen von Fotografenkollegen wie Michel Comte, Bettina Rheims, Peter Lindbergh oder Albert Watson – dem Kultfotografen Robert Mapplethorpe die größte Retrospektive seit den frühen 1990er Jahren in Deutschland und untermauert einmal mehr die nationale Bedeutung des NRW-Forums als führende Institution in Sachen zeitgenössischer Fotografie.
Rund 150 Fotoarbeiten, allesamt Leihgaben der Robert Mapplethorpe Foundation in New York, werden hier präsentiert. Man betritt die zwei riesigen Ausstellungshallen und wird empfangen von frühen Aufnahmen seiner damaligen Lebensgefährtin Patti Smith. Taucht man tiefer ein in die Ausstellung, erwarten den Zuschauer bereits hier die ersten beiden Überraschungen, die ein neues Licht auf die Rezeption des Künstlers und die Auseinandersetzung mit dem Werk Mapplethorpes werfen sollen: einerseits die Bildauswahl und andererseits die Hängung der Bilder. Wurden in der Vergangenheit vor allem vordergründig „bunte“ Wände als Präsentationsform gewählt, überführt der Direktor des NRW-Forums, Werner Lippert, die Bilder in ein ästhetisches Äquivalent zu den aus heutiger Sicht vor allem klassizistisch anmutenden Fotografien. Lippert präsentiert die meist kleinformatigen Arbeiten in großen und schlichten Holzrahmen auf schneeweißen Wänden, um die Würde der Modelle und die künstlerisch-zeitlose Leistung Mapplethorpes zu betonen.
Patti Smith, 1975 © 2010 Robert Mapplethorpe Foundation
Natürlich sind die Auseinandersetzung mit Zensur, die stets aktuell erscheinenden Fragen nach dem „wie weit darf man in der Fotografie gehen“ oder „was ist erlaubt in der Darstellung sexueller Handlungen“ auch heute noch relevant. Zur Beantwortung dieser Fragen und als inhaltliche Erweiterung zur Ausstellung, ging ich auf Spurensuche nach New York, Los Angeles, München, Berlin und Düsseldorf. In Zusammenarbeit mit dem NRW-Forum und dem Institut für Kunstdokumentation sollte der Film „Shapes“ produziert werden, in dem erstmalig die Personen zu Wort kommen sollten, mit denen Mapplethorpe direkt zusammen gearbeitet hat: Sein deutscher Verleger Lothar Schirmer, F.C. Gundlach, der Mapplethorpe erstmalig 1983 in Deutschland ausstellte und seine Modelle wie Isabella Rossellini, Ken Moody, Lydia Cheng oder „Lady“ Lisa Lyon. Mir schien auch der Diskurs zwischen der amerikanischen und europäischen Position wichtig. Nach sechsmonatigen Dreharbeiten entstand so der Dokumentarfilm „Shapes“. Neben intimen Details über die Beziehung der Modelle zu Mapplethorpe, lüftet der Film aber auch fotografische Geheimnisse: Wie kam es zu der „Bronze-Serie“ mit Lydia Cheng? Weshalb posiert Ken Moody auf den meisten seiner Fotografien mit geschlossen Augen? Wie war es, zum ersten Mal nackt vor eine Kamera zu treten? Eine spannende Reise in das „Mapplethorpe-Universum“ erwartet den Zuschauer in dem eigens gebauten Kinosaal. Doch zuerst begibt sich der Besucher auf eine Wanderung durch die Bilderwelten Mapplethorpes.
Die Düsseldorfer Ausstellung beweist Mut, indem sie keines der von Mapplethorpe präferierten Sujets auslässt. Seien es nun die ästhetischen Körperlandschaften, die berühmten Porträts prominenter Zeitgenossen wie David Hockney und Robert Rauschenberg, die ebenfalls skulptural anmutenden Bilder zahlloser Penisse oder sein Skandal umwittertes „Self-Portrait“, auf dem sich der diabolisch wirkende Mapplethorpe mit einer Peitsche im Anus darstellt. Daneben natürlich, ebenfalls zahlreich vertreten, seine Vasen- und Blumenbilder, frühste Fotografien seiner damaligen Lebensgefährtin Patti Smith und ein „Self-Portrait“, das ihn kurz nach Bekanntmachung seiner HIV-Infizierung zeigt. Man begegnet gleich zu Beginn der Retrospektive aber auch diesen frühen, teils noch nie zuvor gezeigten, sinnlichen Polaroids, in denen die Experimentierfreudigkeit Mapplethorpes zum Vorschein kommt und die einen Ausblick auf seine Lieblingssujets erlauben: Homosexualität, formale Perfektion, „Black Man“ und Klassizismus. Aber vor allem die Thematisierung von Homosexualität in seinen Fotografien bedeutet bis heute gesellschaftlich wie soziokulturell einen Meilenstein in der Kunst. Der amerikanische Künstler – und das betont er in nahezu jedem Interview – sah sich selbst nicht primär als Fotograf, sondern als Künstler, der sich der Form und der Suche nach Perfektion in dessen Darstellung verschrieben hat.
Ajitto, 1981 © 2010 Robert Mapplethorpe Foundation
„Ich suche nach der Perfektion der Form. Ich mache das in Porträts, in Fotografien von Penissen, in Fotografien von Blumen“, so Robert Mapplethorpe So begibt sich Mapplethorpe in seinen Aufnahmen sozusagen auf Spurensuche nach Details, die er in schlichtem Schwarzweiß auf Agfa Papier bannte. Seine abgelichteten Körper wurden zum Torso, der Schwung einer Vase und der darin drapierten Blumen weisen dieselben fast schon erotisierenden Formen auf wie die in skulpturaler Qualität abgelichteten Penisse – wahlweise als Akt oder aus dem Schlitz einer Anzugshose herausragend. Was ihn an einem Bild nicht interessierte, schnitt er konsequent ab, obwohl er die klassische Mittelformat Quadratur 6x6 bevorzugte. In Sammlerkreisen waren seine Fotografien schon seit den späten 1980er Jahren begehrte Objekte, obwohl der Verkauf seiner Bilder gerade in Deutschland nur schleppend verlief. Lothar Schirmer, der mit Mapplethorpe unter anderem das Buch „Lady Lisa Lyon“ herausbrachte, berichtete, dass bei der Ausstellung in München von den 50 ausgestellten Arbeiten nur zwei Prints verkauft wurden. Einer an den Galeristen und eins kaufte er selbst.
Trotzdem fanden die Fotografien Mapplethorpes den Weg nicht nur in die Museen – und waren damit wichtige Wegbereiter für die Akzeptanz des Mediums Fotografie als Kunstform – sondern wurden zur Massenkultur. Zahlreiche Bilder sind heute Ikonen der Fotografie und werden als solche geschätzt und mittlerweile zu exorbitanten Preisen gehandelt. Berühmtheit erlangten auch seine Porträts, mit denen er Mitte der 1980er Jahre begann. Andy Warhol, dessen Nähe (und die seiner Factory) er stets suchte, porträtierte er mehrfach. Besonderen Bekanntheitsgrad erreichte das Porträt, auf dem Warhol vor einem weißen runden Lichtkreis positioniert wurde, der ihm eine fast „heilige“ Aura bescherte. Ohne Zweifel zählt Robert Mapplethorpe zu der Riege der Fotografen, die sich formal und inhaltlich mit dem Medium Fotografie bahnbrechend auseinandersetzten und wichtige soziale Themen einer breiten Masse zugänglich machten. Trotz aller Widerstände, Verbote, Proteste und Anfeindungen bei Ausstellungen wie in Washington oder Cincinnati, das Thema Zensur scheint heute einem künstlerischen Diskurs gewichen zu sein.
Parrot Tulips, 1988 © 2010 Robert Mapplethorpe Foundation
Als ich mit den Dreharbeiten zum Film „Shapes“ vor einem Jahr begann, fiel mir vor allem eines auf, das sich in jeder Fotografie Mapplethorpes widerspiegelt: Die Würde, mit der er jedes seiner Modelle ablichtete – ganz gleich wie extrem oder erotisiert Mapplethorpe sein „Objekt“ darstellte – zeugt von einem tiefen Vertrauen zwischen Model und Fotograf. Insbesondere Lisa Lyon, die sich mir erstmalig nach 25 Jahren vor meiner Kamera präsentierte, schilderte eindrucksvoll die besondere Beziehung zu Robert Mapplethorpe und seine einfühlsame wie ruhige Art: „Ich weiß nicht, ob es eine Liebesbeziehung oder eine typische Model-Fotograf-Beziehung oder sonst etwas war? Das Privileg, das wir Beide spürten, wenn wir zusammen arbeiteten, war die totale Aufmerksamkeit des Anderen in diesem besonderen Moment zu besitzen!“.
Die Ausstellung „Robert Mapplethorpe – Eine Retrospektive“ und der Film „Shapes“ sind im NRW-Forum in Düsseldorf vom 06.02. – 15.08.2010 zu sehen.