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Fashion Fotograf Michael Gelfert weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht reicht nur die eigene Kamera zu beherrschen, um im Bereich der Fashion-Fotografie erfolgreich arbeiten zu können. Vom Equipment über die Licht- und Bildwirkung bis hin zum Umgang mit den Models oder der Location-Auswahl – ein Fotograf muss in diesem Genre viele kleine Details zu einem großen Ganzen verbinden, um ein außergewöhnliches und eindrucksvolles Ergebnis zu erhalten. Aus diesem Grund beinhaltet diese inspirierende Fotobuch eine reihe interessanter Themenschwerpunkte rund um die Fashion-Fotografie. Nach einer Einführung in die Begriffswelt der Modefotografie geht der Autor auf die notwendige Ausrüstung ein. Dabei werden insbesondere Lichtformer ausführlich behandelt und deren unterschiedliche Auswirkung anhand von Beispielfotos an einem Model anschaulich dargestellt. Fashion Fotografie ist Teamwork und welche Aufgaben dem einzelnen Teammitglied zukommt beschreibt Gelfert ebenso ausführlich wie zwingend notwendige Kommunikation mit dem Model. Anhand von Beispiel-Shootings aus der Praxis zeigt der Autor dann die verschiedenen Herausforderungen, die den Fotografen und sein Team im Studio, on Location oder Outdoor erwarten. Genaue Beleuchtungs-Skizzen der jeweiligen Shootings, Erklärungen zum Ablauf, zum Model-Posing und zu den Problemen samt den optimalen Lösungen zeigen die anschaulich den Workflow beim Fashion-Shooting.
Tipp: Wenn Sie unterwegs oder direkt bei der Suche danach irgendwo eine potenziell interessante Location entdecken, halten Sie sie in einem Foto fest. Das muss nicht perfekt aussehen oder eine tolle Qualität haben, zur Not reicht schon ein Handy-Schnappschuss. Das Bild dient nur als Sie. Wenn möglich, nehmen Sie eine Person oder einen Ihnen bekannten Gegenstand zum Größenvergleich mit auf
Das Outdoor(»draußen«)-Shooting hat logischerweise den immensen Vorteil, dass dafür kein Studio und keine überdachte Location benötigt wird. Dennoch muss man auch bei diesen Shootings die rechtliche Lage beachten. Auf eine Genehmigung kann man nur verzichten, wenn sich die Location auf öffentlichem Gelände befindet. Sollen z.B. Gebäude als Hintergrund dienen, muss man zudem darauf achten, dass keine Hilfsmittel wie Leitern verwendet werden dürfen. Näheres zu diesem Thema findet man auch in dem Buch »Fotografie und Recht. Die wichtigsten Fälle für die Fotopraxis« von Jens Brüggemann und Daniel Kötz. Nachteilig ist natürlich die Abhängigkeit vom Wetter. Regen, Schnee, Wind, Kälte – all das kann ein Shooting ziemlich verderben. Es sei denn, man wollte genau diese Witterung. Dann bekommt man die nirgends leichter als bei einem Outdoor-Shooting. Ist das Wetter gut, spielt die Sonne eine sehr große Rolle bei der Beleuchtungssituation. Steckdosen sind draußen ohnehin Mangelware und auch mit mobilem Lichtequipment ist es schwierig, gegen eine starke Sonnenstrahlung anzukommen. Also arbeiten Sie besser mit der Sonne als gegen sie. Natürlich kann man diesen Nachteil auch für sich nutzen und nur mit natürlichem Licht arbeiten. Reflektoren wie die California Sunbounce-Produkte kann man gut unterstützend einsetzen. Unter diesen Bedingungen kann man auch mit minimalem Equipment tolle Fotos machen. Für professionelle Produktionen kann man sich auch bezüglich der Outdoor-Locations an Location-Scouts (bzw. -Agenturen) wenden.
2008 habe ich für einen Wettbewerb ein Bild produziert, auf dem sich ein Model mit schier unmenschlicher Geschwindigkeit und Verbissenheit ein Wettrennen mit einem Auto liefert. Gern hätte ich das Foto hier gezeigt, aus rechtlichen Gründen ist es mir jedoch leider nicht möglich. Sie finden es aber auf meinem Blog. Obwohl ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden war und noch immer bin, gab es einige Punkte, die ich verbesserungswürdig fand. Neben dem unruhigen Hintergrund, den ich in der Nachbearbeitung später weggeschnitten und abgedunkelt habe, waren das im wesentlichen drei Details.
Ausschnitte aus dem Foto, das ich 2008 zum Wettbewerb einreichte. Hier sind die drei Dinge, die ich als nicht perfekt empfand, vergrößert dargestellt
Nummer 1 ist die Richtung der vor allem an der linken Hand des Models sichtbaren Unschärfe. Diese sieht aus, als ob sie in die »falsche« Richtung ginge, da sich die Unschärfe vor dem sich bewegenden Objekt befindet. In unserer Vorstellung sollte sich die Unschärfe für eine nach vorn gerichtete Bewegung jedoch hinter dem Objekt befinden. Nummer 2 ist der unten am Bild angeschnittene Fuß. Es wäre einfach schöner gewesen, wenn beide Füße auf dem Foto voll zu sehen wären. Nummer 3 schließlich ist die Bewegungsunschärfe von Model und Auto. Diese ist trotz aller Bemühungen bei der Aufnahme zum größten Teil in der Bildbearbeitung entstanden. Ich bin der Meinung, dass eine so erstellte Unschärfe nicht wirklich authentisch wirkt und hätte den Effekt auch lieber fotografisch erhalten. Als sich also die Gelegenheit ergab, das Motiv neu umzusetzen, ergriff ich sie.
Beim ursprünglichen Bild war die Location direkt vor meinem Studio. Das hatte vor allem praktische Gründe. Ich hatte dort genug Platz für Auto, Model und Ausrüstung. Zudem konnte ich per Verlängerungskabel Strom direkt aus dem Studio verwenden. Optisch erwies sich der Hintergrund jedoch nicht als ideal, da dort eine Menge verschiedener Autos parkten und Teile eines Autohauses gut zu sehen waren. Die neue Location fand ich einige Tage zuvor. Es war ein Stück abgelegene Straße direkt in einem Waldgebiet. Bei richtigem Sonnenstand würde der Wald hinter dem Wagen eine schöne dunkle Kulisse ergeben.
Beim ersten Entdecken und Erkunden der Loca-tion machte ich ein paar grobe Probeaufnahmen, auch welche mit Bewegungsunschärfe. Natürlich fehlte hier noch der Blitz und das Model der späteren fertigen Aufnahmen, aber ich bekam so einen ersten Eindruck von Hintergrund, Licht und idealer Tageszeit
Bei diesem Shooting gab es natürlich ein sehr bedeutendes Requisit: den Wagen. Beim ersten Mal handelte es sich um einen Mazda MX-5. Natürlich wollte ich das beim neuen Versuch übertreffen und konnte dank des lokalen Lexus-Autohauses einen Lexus IS 250C benutzen – einen Wagen, den es überhaupt erst seit einigen Wochen auf dem deutschen Markt gab.
Auch bei der Kleidung wollte ich dieses Mal besser vorbereitet sein. Im ersten Anlauf wählten wir ein Kleidungsstück des Models aus, das zwar noch ins Konzept passte, aber nicht meiner Idealvorstellung entsprach. Dank der freischaffenden Sytlistin und Mode-Designerin Doreen Kipping konnte ich dieses Mal ein Kleid direkt nach meinen Vorstellungen anfertigen lassen. Eines der Hauptkriterien war, dass sich das Kleid gut von Auto und Hintergrund abheben sollte. Deshalb haben wir einen pinkfarbenen, leicht glänzenden Stoff gewählt. Rottöne haben generell die Tendenz, auf Fotos besonders stark ins Auge zu fallen und sich »in den Vordergrund zu drängen«. Das zweite wichtige Kriterium war, die Bewegung und Geschwindigkeit auch im Kleid sichtbar werden zu lassen. Deshalb wurde vor allem der untere Teil sehr weit geschnitten und mit zahlreichen Schlitzen gestaltet, durch die die Luft fließen konnte. Die hinteren Schlitze wurden mit weißem luftigen Stoff verschlossen, was dem Kleid etwas farbliche Abwechslung gab und für die vorn durchfließende Luft Angriffsfläche gab, so dass das Kleid ein wenig »fliegen« konnte. Zusätzlich war hinten eine ca. 3 m lange Schleppe aus dem pinkfarbenen Stoff befestigt, die ebenfalls im Wind fliegen sollte. Die Passform wurde vor Ort mithilfe von Sicherheitsnadeln direkt am Model optimiert.
Haare und Make-up wurden im Studio vorbereitet. Draußen wurden dann nur noch einige Details nachgebessert
Damit die Haare ebenfalls dynamisch aussahen, bekam unser langhaariges Model ein paar Locken verpasst, die der Frisur mehr Volumen verliehen. Die Lippenfarbe wurde auf das Kleid abgestimmt und die Augen in einem Blauton mitteldunkel geschminkt.
Auf diesem Bild: Fahrer, Stylistin, Make-up Artist, Model. Zur Vervollständigung des Teams fehlen noch der Assistent und der Fotograf
Eins kann man nicht verhehlen: Für ein solches Shooting braucht man eine Menge Personal. Neben dem obligatorischen Make-up Artist braucht man einen Assistenten, der die Startsignale für Auto und Model gibt. Natürlich braucht man eine weitere Person, die das Auto fährt. Letztlich musste noch von einer Person vor jedem Versuch das Kleid sortiert und die Schleppe hoch gehalten werden.
Dem Fashion-Thema entsprechend wurde das Kleid für ein schlankes Model mit ca. 175 cm Körpergröße entworfen. Ich suchte eine Blondine, damit die Haare einerseits gut zum eher hellen Outfit passen und sich andererseits gut vom dunklen Hintergrund abheben. Lange Haare, die im Wind fliegen konnten, waren ebenfalls Bedingung.
Hier ist die gesamte Ausrüstung zu sehen, die draußen bei dem Shooting eingesetzt wurde. (Rechts das fertige Set)
Für den ersten Kritikpunkt am »alten« Bild, die Unschärfe in die »falsche« Richtung, gibt es zwei mögliche Ursachen. Die eine ist eine falsche Synchronisation des Blitzes. Zur Abbildung der Bewegungsunschärfe des Bildes ist ein Dauerlicht nötig, wie es durch die Sonne erzeugt wird. Um nun gleichzeitig scharfe Konturen von Person und Wagen zu erhalten, wird diese Belichtung mit einer Blitzbelichtung kombiniert. Es werden also in einem Bild zwei verschiedene Belichtungen (Dauer- und Blitzlicht) festgehalten.
Der Lichtaufbau – diesmal mit viel Grün (Licht-Setup-Tool by http://www.fotografienonstop.de, Modifikationen von Michael Gelfert)
Auszug aus dem Datenblatt des Hensel Porty 12 Lithium. Die interessante Angabe ist die Abbrennzeit t 0,5. Dies ist die Zeit, nachdem mehr als 50% der maximalen Leistung abgegeben wurde. Interessanter für das Einfrieren von Bewegungen wäre t 0,1 (weniger als 10% Leistung noch nicht abgebrannt). Nach einer Faustformel kann man für t 0,1 etwa das Dreifache von t 0,5 annehmen. Der Einsatz von zwei Köpfen an einem Generator/Porty verkürzt die Abbrennzeiten zudem weiter
Dabei kann der Blitz auf den ersten oder zweiten Verschlussvorhang synchronisiert werden. Vereinfacht gesagt: Der Blitz zündet entweder vor oder nach der Dauerbelichtung. Zündet er vorher (auf den 1. Verschlussvorhang), bewegt sich die Unschärfe scheinbar vor dem Objekt her. Genau diesen Effekt wollen wir nicht. Der Blitz muss also auf den 2. Verschlussvorhang gezündet werden. Dazu später mehr. Die zweite mögliche Ursache ist eine zu lange Abbrennzeit des Blitzes. Obwohl Blitze innerhalb des Bruchteils einer Sekunde abbrennen, kann diese Zeit für eine schnelle Bewegung bereits zu lang sein. Zudem brennt ein Blitz nicht linear ab, sondern gibt einen Großteil der Energie am Anfang und weitere Energie danach ab. Das ähnelt etwas der Belichtung auf den 1. Verschlussvorhang und hat denselben negativen Effekt der Bewegungsunschärfe in die »falsche« Richtung. Gegen Ursache Nummer 2 hilft nur ein Blitz, der schneller abbrennt. Die Speed-Köpfe bieten im Zusammenhang mit dem Porty Lithium genau diesen Vorteil gegenüber den beim ersten Mal verwendeten Kompaktblitzen.
Die Zuweisung von Haupt- und Fülllichtern fällt in diesem Beispiel schwer. Ich neige in diesem Fall dazu, alle Lichtquellen als Hauptlichter zu betrachten. Das erste Hauptlicht war die Sonne, die an diesem Tag erbarmungslos herunterbrannte und die Luft auf ca. 36° erhitzte. Sie lieferte mir die Grundbeleuchtung und die »verwischte« Dauerbelichtung bei einer Verschlusszeit von 1/80 s und ISO 100. Sie schien auf die Straße, den Wagen und das Model, traf aber nur wenig den als Hintergrund dienenden Wald. Nun war nur noch eine kurze Blitzbelichtung nötig, die mir die nötigen scharfen Umrisse von Model und Auto liefern würde. Dafür war ganz schlicht Blitzlicht von vorn oben vorgesehen, jeweils ein Blitz für Model und Auto. Letzterer wurde auf einem Galgen so positioniert, dass der Wagen darunter hindurchfahren konnte. Der Einsatz von zwei Blitzköpfen an einem Porty hatte den Vorteil, dass die Abbrennzeiten verkürzt wurden. Nachteilig war allerdings, das dann logischerweise für jeden Kopf nur noch maximal 600 Ws Leistung zur Verfügung standen. Beide wurden mit 9-Zoll-Reflektoren ausgestattet. Diese sind die Reflektoren mit der größten Effizienz in meinem Repertoire. Ich verwendete den langen 9er, um das Model gezielt zu beleuchten und den mittleren 9er für den Wagen.
Der Belichtungsmesser ist, wie eigentlich bei jedem Shooting, wieder unverzichtbares Werkzeug. Mit ihm lässt sich auch bei knalligem Sonnenschein zuverlässig die richtige Blitzmenge ermitteln. Auch das Umgebungslicht wird dabei angezeigt, bei diesem Gerätemodel sehr genau in 10%-Stufen
Dieses Bild wurde ohne Blitzlicht aufgenommen. Wie man sieht, stimmt die wesentliche Belichtung schon fast. Allerdings ist das Gesicht des Models im Schatten und es fehlt dem gesamten Bild an Schärfe. Bewegungsunschärfe und eher ungenaues Mitziehen lassen die Konturen deutlich verwischen
Beide Blitzköpfe wurden synchron mit gleicher Leistung betrieben, so dass sich auf beiden etwa eine Blende 11 ergab. Das Umgebungslicht hatte dabei einen Anteil von 40 bis 50 Prozent an der Gesamtbeleuchtung.
Erinnern Sie sich noch an die angesprochenen Kritikpunkte beim »alten« Foto? Gehen wir sie noch einmal Stück für Stück durch ... Der Hintergrund war unruhig und von ein paar hellen Flecken durchzogen. Für das neue Foto hatte ich nun einen Waldstreifen als Hintergrund, der in Farbe und Struktur relativ gleichmäßig ist. Durch den Stand der Sonne wurde der Hintergrund recht dunkel. Dieses Problem war also behoben. Der Fuß war angeschnitten. Das zu beheben, ist beim neuen Foto eine relativ leicht Aufgabe, der Bildausschnitt wurde einfach von Anfang an etwas größer gewählt. Nun kommen wir zu den kniffligeren Punkten.
Hier ein Probefoto mit einem Assistenten, das beim Lichttest der »alten« Produktion entstand. Das endgültige Foto mit Model wurde später aus etwas tieferer Position aufgenommen, damit vor allem die Beine nicht so gestaucht wirkten
Die Bewegungsunschärfe in der Aufnahme von 2008 war nicht stark bzw. nicht deutlich genug zu sehen und musste deshalb in der Bildbearbeitung deutlich verstärkt werden. Damals verwendete ich eine 24 mm-Brennweite und eine 1/100s als Verschlusszeit. Dieses Mal setzte ich ein Canon 70-200 L IS Objektiv auf 70 mm ein und konnte deshalb die Verschlusszeit nicht beliebig verlängern. Das hätte die Gefahr von Verwacklungen deutlich erhöht, was für die Bildwirkung abträglich gewesen wäre. Ich entschied mich für 1/80s als Verschlusszeit und setzte den Bildstabilisator des Objektivs im Modus 2 ein. Dieser sorgt dafür, dass nur eine Richtung stabilisiert wird, in diesem Fall die Vertikale. Die Horizontale blieb unstabilisiert, was ein Mitziehen mit dem Objekt ermöglichte. Das Mitziehen hilft, den Eindruck der Bewegungsunschärfe zu erhöhen. In meinem Fall bewegte ich das Objektiv sogar deutlich schneller als die Bewegung es erfordert hätte, was die »Schlieren« noch verstärkt (siehe Abbildung 7.12). Dass das Objekt dadurch nicht mehr scharf ist, ist weniger schlimm, da dies durch die Blitzbelichtung kompensiert wird. Sie sorgt ja mit der kurzen Abbrennzeit für scharfe Kanten.
Meine Aufnahmeposition für das »neue« Foto. Diesmal hatte ich mich mit einem Tele-Zoom ins Dickicht geschlagen
Warum habe ich nun überhaupt eine Brennweite von 70 mm gewählt? Schließlich musste ich damit weit zurückgehen, zurück bis ins Dickicht neben der Straße. Dafür gab es mehrere Gründe. Der banalste ist, dass dieses Objektiv eines meiner besten ist und eine beeindruckende Schärfe und Qualität liefert. Das allein wäre aber natürlich kein sehr vernünftiges Argument. Wichtiger hingegen ist, dass sich durch den weiter entfernten Aufnahmestandpunkt, der sich durch das Teleobjektiv ergibt, die Perspektive »verdichtet«. Dadurch wirkten Auto und Model deutlich näher beieinander, als es bei der 2008er Aufnahme der Fall war. Damals musste der Fahrer schon bedenklich nahe an das Model heranlenken, was ich dieses Mal aus Sicherheitsgründen lieber vermeiden wollte. Die längere Brennweite wirkt sich auch auf das Mitziehen aus. Wir können davon ausgehen, dass ich in einer gegebenen (sehr kurzen) Zeitspanne immer in etwa den gleichen Winkel beim Mitziehen überbrücke.
Detailausschnitte aus dem »neuen« (unbearbeiteten) Bild. Die deutliche Bewegungsunschärfe und Verwischungen sind gut zu erkennen
Im Verhältnis zum Aufnahmewinkel des Objektivs erreiche ich also mit dem Teleobjektiv eine prozentual größere Änderung des Bildinhalts (der Aufnahmewinkel eines Teles ist deutlich kleiner als der eines Weitwinkels). Ich bin sicher, ein besserer Mathematiker als ich könnte das hervorragend erklären und illustrieren. Inzwischen behelfen sie sich einfach mit einem eigenen Versuch in der Praxis: Machen Sie eine Aufnahme eines Objektes mit einer Weitwinkelbrennweite. Drehen sie die Kamera um ein paar Grad (am besten auf einem Stativ) und machen sie eine weitere Aufnahme (merken sie sich den Winkel der Drehung). Nun wiederholen Sie den ganzen Vorgang mit einer Telebrennweite und demselben Drehwinkel. Vergessen Sie dabei aber nicht, den Aufnahmestandpunkt zu ändern, so dass sie denselben Bildausschnitt fotografieren. Sie werden sehen, dass die Abweichung zwischen den letzten beiden Fotos deutlich größer ist als zwischen den ersten beiden. Für unser konkretes Foto-Beispiel bedeutet das, dass Sie mit einer längeren Brennweite bei gleichem Bildausschnitt und Zeit einen längeren »Unschärfeschweif« beim Mitziehen haben.
Ich hatte bereits erwähnt, dass die Wahl der Blitzsynchronisation einen wesentlichen Einfluss auf die Richtung der »Unschärfeschlieren« hat. Leider kann man die Synchronisation auf den 1. oder 2. Verschlussvorhang (VVH) bei Canon-Kameras nur mit den hauseigenen oder kompatiblen Systemblitzen einfach auswählen. Bei Blitzen ohne Automatik, wie Studioblitzen, wird die entsprechende Einstellung leider völlig ignoriert, geblitzt wird immer auf den 1. VVH. Erstaunlicherweise tritt dieses Phänomen bei Nikon nicht auf, hier kann man den 2. VVH auch mit einer Studioblitzanlage nutzen. Getestet habe ich das Ganze mit der EOS 40D und 5D Mark II von Canon sowie der D80 und der D700 von Nikon. Die PocketWizard MultiMAX-Funkauslöser bieten einen Workaround für dieses Problem. Bei ihnen kann man einen zeitlich minimal verzögerten Blitz auslösen, was bei richtiger Abstimmung der Synchronisation auf den 2. VVH entspricht.
Alle für den »Selbstbau« benötigten Teile sind hier einzeln zu sehen. Ich verwendete einen Canon 580 EX II und einen Hensel-Funkauslöser inkl. kurzem Adapterkabel. Die einfache Servozelle gibt es für wenige Euro z.B. bei ebay
Ich wollte allerdings eine Lösung mit den vorhanden Hensel-Funkauslösern und meinen Canon-Kameras und ersann so einen kleinen Trick. Selbstbau: 2. Verschlussvorhang mit Canon und Hensel Mit einem kleinen Trick und etwas zusätzlichem Equipment lassen sich auch Canon-Kameras dazu überlisten, Studioblitze auf den 2. VVH auszulösen. Benötigt wird dazu:
Mit diesem Trick funktioniert die Blitzauslösung ansonsten wie gehabt. Arbeiten Sie mit Funkempfängern, können Sie also über Funk auslösen und auch verschiedene Kanäle nutzen wie bisher. Haben Sie keine Funksysteme, funktioniert das Ganze aber ebenso mit einem herkömmlichen PC-Synch-Kabel. Ich selbst habe als Blitz ein Canon-Modell genommen, aber es funktioniert natürlich ebenso mit einem Gerät von Sigma, Metz o.Ä., wenn es die Synchronisation auf den 2. VVH unterstützt. Wenn Ihre Kamera einen eingebauten Blitz besitzt, der auf den 2. VVH eingestellt und heruntergeregelt werden kann, geht es sogar damit. Verwenden Sie ein Synchronkabel, können Sie dieses direkt an den Blitz und die Servozelle anschließen. Mein Funkauslöser benötigte ein kleines Adapterkabel, mit dem er an die PC-Synch-Buchse der Servozelle passte. Servozellen werden normalerweise dafür eingesetzt, um Blitze per Lichtsignal zu zünden. In viele Blitzgeräte sind diese Zellen heute schon fest eingebaut, so dass man einen zweiten Blitz zünden kann, auch wenn nur ein Synchronkabel (oder Funkauslöser o.Ä.) vorhanden ist.
Funkauslöser und Servozelle werden über ein kurzes Kabel miteinander verbunden
So sieht die fertige Konstruktion aus. Die Servozelle sollte man noch mit Tape (z.B. Gaffa) am Blitz fixieren
Die Servozelle fängt einfach das starke Licht des ersten, per Kabel (oder Infrarot oder Funk) ausgelösten Blitzes auf und löst daraufhin den an sie angeschlossenen Blitz mit aus. Genau diese Eigenschaft machen wir uns zunutze. Sind Servozelle und Blitz oder Funksender miteinander verbunden, fehlt eigentlich nur noch der auslösende Blitz. Dafür verwenden wir den auf die Kamera gesteckten Systemblitz und stellen ihn auf den 2. VVH ein.
Vor Ort hatten wir das erste Mal überhaupt das Gaffa-Tape vergessen. Deshalb musste ein wenig schmuckes und schlecht haftendes Isolierband als Notlösung dienen
Komplett und auf der Kamera sah das Ganze dann so aus. Voilà, 2. Verschlussvorhang mit Canon und Hensel! Nicht schön oder stromlinienförmig, funktioniert aber
Hier sind noch mal alle Einstellungen am Canon 580 EX II zu sehen. Der Zoom stand auf maximaler Weite von 28 mm. Der Blitz wurde im manuellen Modus betrieben (sichtbar am großen »M«), um die Leistung selbst regeln zu können. Es wurde die minimale Leistung von 1/128 eingestellt. Die wichtigste Einstellung ist die Synchronisation auf den 2. Verschlussvorhang, erkennbar am dreifachen Pfeil. Zweifacher Druck auf die entsprechende Taste aktiviert die Funktion bei diesem Blitz
Nun müssen wir nur noch die Servozelle direkt vor dem Systemblitz befestigen, damit diese den ausgelösten Blitz auch auf jeden Fall registriert. In dem Moment, in dem der Systemblitz von der Kamera ausgelöst wird (das ist beim 2. Verschlussvorhang), registriert die Servozelle die Auslösung und gibt das Auslösesignal an den Funksender weiter, welcher dann das Signal zum Auslösen des Studioblitzes an den Funkempfänger weitergibt. Das klingt kompliziert und ist es auch. Dennoch läuft das Ganze so rasend schnell ab, dass ich auch bei Tests im Studio keine Verzögerung feststellen konnte. Ich habe am Blitz zusätzlich noch die Leis-tung auf minimal und den Zoom auf möglichst weit gestellt. So konnte der Blitz mein Bild nicht beeinflussen. Besteht bei Ihnen die Gefahr dafür, können Sie den Blitzkopf auch nach hinten wegdrehen und/oder den Blitzkopf samt Servozelle abkleben. Durch Überhitzung könnte es dann allerdings besonders bei schnelleren Blitzfolgen zu Schäden am Systemblitz kommen.
Auf dem fertigen Bild sollte ein Model zu sehen sein, das mit einem Auto um die Wette läuft. Für mich ist damit völlig klar, dass also auch beide, Wagen und Model, in Bewegung sein müssen. Ohne eine echte Bewegung wäre fotografisch keine Bewegungsunschärfe realisierbar. Ohne Bewegung des Wagens würden sich die Räder nicht drehen und dort keine radiale/elliptische Unschärfe entstehen. Ohne Bewegung des Models wäre die dynamische Pose niemals zu halten gewesen. Trotz all der technischen Tricks und Herausforderungen war das Schwierigste an diesem Shooting das richtige Timing. Auto und Model sollten Kopf an Kopf liegen. Ich konnte aber keinesfalls das Model mit High Heels und bei sengender Hitze tatsächlich mit einem Auto meterweit um die Wette laufen lassen, selbst bei Schrittgeschwindigkeit. Zudem laufen wir Menschen meist recht aufrecht, was in unserer Vorstellung aber nicht zu einem echten High-Speed-Rennen passt, bei dem der Luftwiderstand durch eine tiefe Haltung optimiert werden muss.
Eine Frontalansicht der Szene vor einem Start. Der Assistent gleich neben den Blitzen gibt die Startsignale für Auto und Model
Eine Aufnahme vor dem Start aus Sicht des Fotografen mit einem Weitwinkelobjektiv. Nicht zu sehen ist der Wagen, der von rechts ins Bild gefahren kommt
Hier ein Bild »in Action« und mit eingeschalteten Blitzen aus Fotografensicht, allerdings mit einem Weitwinkel aufgenommen. Man sieht, dass ich leicht abschüssig stand und rechts im Bild ist noch die Stylistin zu sehen, die eben die Schleppe losgelassen hatte
Es gibt aber einen Moment, in dem wir eine ähnliche Haltung beim Laufen haben: Direkt nach dem Start aus der Hocke (so genannter »Tiefstart«). In diesem Moment musste ich das Model ablichten. Der Ablauf ergab sich also wie folgt: Das Auto stand ein gutes Stück hinter und neben dem Model. Das Model wartete in gehockter Stellung. Sobald ich mit der Wahl des Bildausschnitts und des Fokuspunkts fertig war, gab ich meinem Assistenten ein Zeichen und dieser wiederum dem Fahrer des Wagens. Der Wagen rollte heran und kurz bevor er das Model erreichte, bekam auch das Model vom Assistenten ein lautstarkes Startsignal. Kurz nach dem Start des Models löste ich aus und zog für den Bruchteil einer Sekunde die Bewegung mit. Um auch die Schleppe schön in Bewegung und auf der richtigen Höhe zu haben, wurde diese vor dem Start hoch gehalten und erst beim Start fallengelassen. Das Model brauchte nur wenige Schritte zu laufen.
Die HoodLoupe wird in einer hübschen, kleinen Ledertasche geliefert, die sich auch sicher am Gürtel befestigen lässt. Beim Shooting kann man die HoodLoupe einfach am Riemen um den Hals tragen (gibt auch dieses coole »ich-bin-hier-der-Regisseur«-Gefühl)
Für ein klein wenig mehr Bewegung in Haaren und Kleid sollte ein vor dem Model positionierter Industrieventilator sorgen, der an eine mobile Steckdose (eine Art Akkumulator) angeschlossen war. Waren Timing des Startsignals, Reaktion des Models und Zeitpunkt meines Auslösens perfekt abgestimmt, ergab sich das ideale Foto. In unserem vorhandenen Zeitfenster realisierten wir 47 Versuche. Natürlich gab ich nach jedem Versuch mindestens dem Assistenten ein Feedback, damit er wusste, wie gut sein Timing war. Doch auch das Model bekam regelmäßig Rückmeldung, wie nahe Haltung, Mimik und Reaktionsschnelligkeit dem Ideal entsprachen. Die Anweisungen für das Posing und die Mimik waren: Tief bleiben, aber die Beine deutlich nach vorn reißen, das Gesicht gerade nach vorn richten, das nahe Ziel fest im Blick. Der Gesichtsausdruck sollte leicht aggressiv, vor allem aber entschlossen wirken. Ganz sicher nicht einfach, beim Tiefstart und im Bruchteil einer Sekunde all das zu beachten. Unschätzbare Dienste beim Betrachten der Bilder während des Shootings leistete ein kleines Zubehörteil, das ich mir vor einiger Zeit aus den USA importieren ließ. Inzwischen ist die »Hoodman HoodLupe« aber auch in Deutschland erhältlich. Das Gerät erinnert an einen kleinen Lichtschachtsucher und wird auch so ähnlich verwendet. Man setzt die HoodLupe einfach direkt auf den Kameramonitor auf und kann dann durch die Augenmuschel das Bild ganz ohne störendes Streulicht betrachten. Ohne dieses Zubehör hätte ich die Bilder bei dieser starken Sonneneinstrahlung beinahe unmöglich auf dem Monitor betrachten und somit meinem Team auch keine Rückmeldungen geben können.
Das Bild oben ist das fast perfekte Ausgangsmaterial. Lediglich der Gesichtsausdruck gefällt mir im Bild rechts besser. Mittels Bildbearbeitung habe ich deshalb im Endprodukt das Gesicht aus dem rechten Foto in das Bild oben »transplantiert«. (Beide Bilder unbearbeitet)
DIE EDITION PROFIFOTO Die Experten der Redaktion ProfiFoto und aus dem mitp-Verlag bündeln ihr Know-how und publizieren in Zusammenarbeit mit erfahrenen Autoren, die unmittelbar aus der Foto-Praxis kommen, eine einmalige Fachbuchreihe „made for professionals“: Ergänzend und flankierend zum Magazin ProfiFoto bieten die mitp-Bücher der Edition professionelles Wissen zum richtigen Umgang und zur effizienten Nutzung digitaler Fototechnik und Bildbearbeitung.
Fashion-Fotografie
von: Michael Gelfert, Softcover, 228 Seiten, Format 22,0 x 22,0, ISBN 978-3-8266-5528-9, 39,95 Euro Jetzt bestellen im ProfiFoto Online-Shop unter www.profifoto.de