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Das katastrophale Erdbeben auf Haiti bestimmte in den letzten Wochen die Medien. Die führende Nachrichtenagentur Reuters beschreibt die Arbeitsbedingungen ihrer Fotografen vor Ort als emotionale und logistische Achterbahnfahrt. Für ProfiFoto beschreibt Catherine Bremer von Reuters die Lage vor Ort.
Hunderte Reporter, Fernsehteams und Fotografen reisten unmittelbar nach dem Erdbeben am 12. Januar nach Haiti, dem schätzungsweise bis zu 200.000 Menschen im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre zum Opfer fielen.
Catherine Bremer war unmittelbar nach dem großen Erdbeben im Januar vor Ort. Zelte, Satellitenempfänger, Laptops und Kabelgewirr bestimmten das Bild im Garten eines teilweise zerstörten Hotels in der Hauptstadt Port-au-Prince. Journalisten tippten ihre Berichte, schrien in ihre Satellitentelefone, fluchten bei jedem Ausfall des Stromgenerators und rannten bei jedem Nachbeben zum Pool der Anlage, um möglichst viel Abstand zu einsturzgefährdeten Gebäuden zu halten.
Catherine Bremer: „Viele der Journalisten trugen Tag für Tag die selben, verdreckten Kleider und schliefen so weit wie möglich von Häuserwänden entfernt im Freien, weil stets die Gefahr bestand, dass diese bei einem der vielen Nachbeben zusammenbrachen. Jeder Besuch der beschädigten Toilette im Keller des Hotels war nervenaufreibend. Im Zentrum von Port-au-Prince fehlte in einem anderen Hotel, das internationale Journalisten aufgenommen hatte, fließendes Wasser, so dass die Reporter sich in ihrer Unterwäsche im Pool waschen mussten. Andere campten unweit der Start- und Landebahn des Flughafens, weil dort die Internetverbindung dank vorhandener Satellitentechnik besser funktionierte. Kekse, Erdnussbutter und Armeerationen waren die einzigen Lebensmittel, während die Journalisten zwischen Chemietoiletten versuchten, etwas Schlaf zu finden, während Transportflugzeuge landeten und ein Strom an Hilfsgütern auf Militärlastwagen verladen wurde.

„Der Pool war ein Segen für uns, wir haben uns alle darin gewaschen. Jeden Morgen versammelten wir uns dort und warteten, bis eine Ladung Chlor hineingeworfen wurde, um das Wasser sauber zu halten“, so Sky News Korrespondent Robert Nisbet, der im Oloffson Hotel wohnte. Zu den logistischen Herausforderungen, aus einem Land zu berichten, dessen Infrastruktur weitgehend zerstört ist, kam die emotionale Belastung angesichts verwesender Leichen, von Kindern, die zu Waisen geworden waren, zahlreicher Verletzter und einem Heer hungriger Menschen hinzu. Catherine Bremer: „Viele der Reporter standen zu ihren Tränen und versuchten bei der medizinischen Versorgung zu helfen und so Leben zu retten. Ein Journalist rief eine Miltiäreinheit zu Hilfe und blieb so lange vor Ort, bis ein verletzter Junge ausgeflogen wurde. Ein anderer trug ein verletztes Mädchen einen Berg hinunter in ein Hospital.“ „Ihr Vater weinte und weinte. Er hatte seine Frau bei dem Erdbeben verloren. Ich konnte das Mädchen einfach nicht in dem Wissen zurücklassen, dass sie sterben würde“, so der Journalist.


Viele der ersten internationalen Medienvertreter, die nach dem Beben ins Land kamen, bezogen Quartier im Villa Creole Hotel, das bis auf den mittleren Teil unzerstört geblieben war. Die Zimmer dienten als Ausrüstungslager, geschlafen wird im Gras vor dem Hotel, auf dessen Dach oder in Fahrzeugen, kaum aber in Gebäuden. Am meisten begehrt waren funktionsfähige Internetzugänge, aufblasbare Matratzen und Zelte. Catherine Bremer: „Die Hotelmitarbeiter servierten währenddessen trotz der Lebensmittelknappheit warme Mahlzeiten und verteilten allabendlich warme Decken. Doch nur wenige Journalisten vor Ort konnten in Hörweite der Trauernden und Verletzten in den ersten Nächten nach dem Erdbeben überhaupt schlafen.“ „Wir alle haben so viele Bilder und Emotionen zu verarbeiten. Es ist das erste Mal für mich, dass ich an Leichen vorbeifahren musste, die auf den Straßen lagen“, so Nisbet. „Beim ersten Mal schwiegen alle im Wagen. Das schlimmste war der Geruch...“. Nacht für Nacht saßen Fotografen rund um den Hotelpool und bearbeiteten ihre Bilder auf ihren Laptops. Jeder arbeitete bis zur totalen Erschöpfung. Wein und Bier sollten helfen zu entspannen und die Szenen des Tages zu verarbeiten.

Catherine Bremer: „Haitianer bettelten die Journalisten um Wasser an, um Nahrung und Atemmasken, andere wollten sich als Fahrer oder Führer verdingen. Die Journalisten zahlten inflationär überhöhte Preise in dem Bewusstsein, wie nötig das Geld von den Einheimischen benötigt wird.“ Und in all dem Wahnsinn ereigneten sich auch Szenen, die einer gewissen Komik nicht entbehrten: Das große Nachbeben der Stärke 6,0 jagte im Morgengrauen jedermann aus den Zelten, als zwei Journalisten nackt aus den Waschräumen zum Pool flohen... Catherine Bremer: „Die eigentliche Arbeit der Journalisten vor Ort waren Geschichten und Bilder, die dazu führten, dass die Welt Anteil nahm und durch Spenden half, die Katastrophe zu bewältigen. Als einer der Journalisten zwei Weisenkindern eine Packung Schokoladenkekse schenkte, hörte er das erste Lachen seit Tagen.“ Carlos Barria war einer der ersten Fotografen, die nach dem Erdbeben in Haiti eintrafen. In einem Interview auf www.profifoto.de spricht er über seine Eindrücke.
