In der Berlinischen Galerie ist noch bis zum 27. Februar erstmals eine Retrospektive der ungarischen Fotografin mit 120 Vintage-Prints zu sehen.
Als Eva Besnyö 1930, gerade zwanzigjährig, mit einer Gesellenprüfung des angesehenen Budapester Fotoateliers József Pécsi im Gepäck in Berlin eintraf, hatte sie bereits zwei folgenreiche Entscheidungen getroffen: Das Fotografieren zu ihrem Beruf zu machen und dem faschistischen Ungarn für immer den Rücken zu kehren. Wie ihre ungarischen Kollegen Moholy-Nagy, György Kepes und Martin Munkacsi erlebte auch Eva Besnyö – und wenig später Endre Friedmann (Capa) – Berlin als Metropole künstlerischer Experimentierfreude und demokratischer Lebensformen. Sie hatte bei dem Pressefotografen Dr. Peter Weller Arbeit gefunden, streifte tagsüber mit der Kamera durch die Stadt, suchte Motive auf Baustellen, am Wannsee, im Zoo oder in den Sportstadien und ihre Aufnahmen wurden veröffentlicht – allerdings wie damals üblich – unter dem Namen des Ateliers. Besnyös bekanntestes Foto stammt aus diesen Jahren: Der „Junge mit Cello“ auf dem Rücken – eine weltweit bekannte Ikone für den heimatlosen Tramp. Für Eva Besnyös hellhöriges politisches Gespür spricht ihre rechtzeitige Flucht vor antisemitisch-nationalsozialistischer Verfolgung im Herbst 1932 aus Berlin nach Amsterdam. Unterstützt durch den Künstlerkreis um Charley Toorop, Malerin der „Neuen Wirklichkeit“, den Dokumentarfilmer Joris Ivens und den Designer Gerrit Rietveld, erfuhr Besnyö, inzwischen verheiratet mit dem Kameramann John Fernhout, schon bald öffentliches Ansehen als Fotografin. Eine Einzelausstellung 1933 in der international renommierten Kunst-Galerie Van Lier machte sie mit einem Schlag in den Niederlanden bekannt. Einen weiteren Durchbruch erlebte Besnyö wenige Jahre später mit ihrer Architekturfotografie: ihrer Übertragung des funktionalistischen Neuen Bauens in das Neue Sehen. Sie engagiert sich kulturpolitisch wie z. B. 1936 bei der Anti-Olympiade-Ausstellung und im Jahr darauf kuratierte sie im Stedelijk Museum Amsterdam die internationale Ausstellung „foto’37“. Der Einmarsch der deutschen Truppen im Mai 1940 bedeutete für die Jüdin Eva Besnyö, sich im Untergrund versteckt zu halten. Während der 1970er Jahre wurde Besnyö zur Aktivistin der niederländischen Frauenbewegung „Dolle Mina“, setzte sich öffentlich für Gleichberechtigung ein und dokumentierte mit der Kamera Demonstrationen und Straßenproteste. „Wie viele andere Talente, ist auch das Eva Besnyös wegen des Rassenwahns der Nationalsozialisten für Deutschland und seine künstlerische Kreativität verloren gegangen“ (Karl Steinorth, DGPh, anlässlich der Verleihung des Dr.-Erich-Salomon-Preises an Eva Besnyö 1999).
Foto: Narda, Amsterdam 1937 © Eva Besnyö / Maria Austria Instituut Amsterdam
Link: www.berlinischegalerie.de
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