Von den frühen Experimenten mit Farbfotografie bis zu zeitgenössischen Arbeiten ohne Kamera: Die Ausstellung „ENCHANTING COLOUR“ bei CHAUSSEE 36 Photography in Berlin untersucht die gestalterischen Möglichkeiten fotografischer Farbe. Historische Positionen aus der Collection De Gambs treten dabei in einen Dialog mit den experimentellen Arbeiten der Künstlerin Marta Djourina.
- Thomas Ruff, ch.phg.01, 2014, © Thomas Ruff and VG-Bildkunst, 2026
Farbe ist in der Fotografie weit mehr als ein Mittel zur möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit. Sie kann zum eigenständigen Gestaltungselement werden, Emotionen hervorrufen und fotografische Bilder bis an die Grenze zur Abstraktion führen. Diesen unterschiedlichen Möglichkeiten widmet sich die von Mathilde Leroy kuratierte Ausstellung „ENCHANTING COLOUR: Collection De Gambs & Marta Djourina“, die noch bis zum 19. Dezember 2026 in Berlin zu sehen ist.
Die Schau vereint Arbeiten von Nobuyoshi Araki, Erwin Blumenfeld, Harold Edgerton, René Groebli, Sarah Moon, Norman Parkinson und Thomas Ruff mit den kameralosen Farbarbeiten der 1991 in Sofia geborenen Künstlerin Marta Djourina. Dabei präsentiert die Collection De Gambs auch Abzüge, die bislang noch nicht öffentlich gezeigt wurden.
- Marta Djourina, Untitled, 2026, © Marta Djourina and VG Bild-Kunst, Courtesy: the artist & FWR Galerie
Acht Jahrzehnte fotografischer Farbexperimente
Obwohl Farbe heute selbstverständlich zur fotografischen Bildsprache gehört, war ihre Anerkennung als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel lange umstritten. Die Ausstellung zeichnet anhand unterschiedlicher Positionen nach, wie Fotografen seit den 1940er-Jahren mit technischen und ästhetischen Verfahren experimentierten, um die Ausdrucksmöglichkeiten der Farbfotografie zu erweitern.
Bereits Erwin Blumenfeld und René Groebli nutzten in den 1940er- und 1950er-Jahren Mehrfachbelichtungen, um Körper und Gesichter mit intensiven Farbflächen zu überlagern. Norman Parkinson erschloss der Modefotografie durch den Einsatz von Farbe außerhalb des Studios neue gestalterische Möglichkeiten. Harold Edgerton wiederum machte die Farbfotografie zum Bestandteil seiner wissenschaftlichen Experimente mit der Hochgeschwindigkeitsfotografie und der Stroboskoptechnik.
Einen anderen Zugang eröffnen die handgefertigten „Colorscapes“ von Nobuyoshi Araki sowie die pastellfarbenen Karbonabzüge von Sarah Moon, in denen Farbe zur Trägerin emotionaler und atmosphärischer Wirkungen wird. Thomas Ruff schließlich überträgt das historische Prinzip des Fotogramms in eine virtuelle dreidimensionale Dunkelkammer und entwickelt daraus digital erzeugte Farbkompositionen.
Die Gegenüberstellung verdeutlicht, dass fotografische Farbe nicht allein vom verwendeten Material abhängt, sondern ebenso von technischen Verfahren, kulturellen Konventionen und individuellen künstlerischen Entscheidungen.
- Marta Djourina, Untitled, 2020, © Marta Djourina and VG-Bildkunst
Marta Djourina: Malen mit Licht
Den historischen Positionen stellt die Ausstellung die Arbeiten von Marta Djourina gegenüber. Ihre abstrakten Farbkompositionen entstehen ohne Kamera durch die direkte Belichtung von lichtempfindlichem Fotopapier mit unterschiedlichen Lichtquellen.
Djourina untersucht dabei die Wechselwirkungen von Licht, Material und Bewegung. Indem sie Fotopapier faltet, mehrfach belichtet oder mit unterschiedlichen Oberflächen kombiniert, entstehen Bilder, deren Farbverläufe und Formen sich nur bedingt vorherbestimmen lassen. Ergänzt werden diese Verfahren durch experimentelle Techniken wie Collagen, Aufnahmen von Biolumineszenz und Lichtzeichnungen, die körperliche Bewegungen sichtbar machen.
Die Künstlerin versteht ihre Arbeit als offenen Prozess, in dem sich Licht, chemische Reaktionen und physische Eingriffe gegenseitig beeinflussen. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Fotografie, Malerei und skulpturalem Objekt. Nicht die Wiedergabe eines äußeren Motivs, sondern die Entstehung des fotografischen Bildes selbst wird zum Gegenstand ihrer künstlerischen Untersuchung.
- Marta Djourina, Glowing Attraction, 2021-2022, © Marta Djourina and VG-Bildkunst
Zwischen analoger Tradition und digitaler Transformation
Mit der Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Positionen eröffnet „ENCHANTING COLOUR“ einen Blick auf die Fotografie als experimentelles Medium. Dabei geht es nicht um eine lineare Entwicklung vom analogen zum digitalen Bild. Vielmehr zeigt die Ausstellung, dass sich die Auseinandersetzung mit Licht und Farbe unabhängig von der jeweils verfügbaren Technik immer wieder neu formuliert.
Gerade die Verbindung von Djourinas kameralosen Belichtungen und Thomas Ruffs digitalen Fotogrammen macht deutlich, wie eng historische fotografische Verfahren und zeitgenössische Bildproduktion miteinander verbunden bleiben.
Marta Djourina studierte an der Universität der Künste Berlin und der Glasgow School of Art. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Berlinischen Galerie, im Sofia Arsenal – Museum of Contemporary Art sowie im Centre d’art Neuchâtel gezeigt. Zu ihren Auszeichnungen gehören der Marianne Brandt Award for Photography (2022) und der European Month of Photography Arendt Award (2025).
- Harold Edgerton, 30 Bullets Piercing an Apple, © 2010 MIT. Courtesy of MIT Museum
Ausstellung und Führungen
ENCHANTING COLOUR: Collection De Gambs & Marta Djourina ist noch bis zum 19. Dezember 2026 bei CHAUSSEE 36 Photography, Chausseestraße 36, 10115 Berlin, zu sehen.
Die Ausstellung ist donnerstags bis samstags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Eine weitere Führung mit Kuratorin Mathilde Leroy und Marta Djourina findet am Samstag, 28. November 2026, um 15 Uhr statt.
Weitere Informationen: chaussee36.photography/
Foto oben: Rene Groebli, Portrait of artist Aja lskander Schmid/in © Rene Groebli Estate / Bildhalle





















