Hoda Afshar, Lotus L. Kang, Sasha Kurmaz und Salvatore Vitale stehen auf der Shortlist des Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2027. Die vier Positionen zeigen, wie weit sich die zeitgenössische Fotografie über das klassische Einzelbild hinausentwickelt hat.
Zum 30. Mal wird 2027 der Deutsche Börse Photography Foundation Prize vergeben. Die mit 30.000 britischen Pfund dotierte Auszeichnung würdigt Künstler, die mit einer Ausstellung oder Publikation im vergangenen Jahr einen bedeutenden Beitrag zur Fotografie in Europa geleistet haben. Die diesjährige Shortlist verbindet fotografische Arbeiten mit Film, Klang, Skulptur, Archivmaterial und Collage. Inhaltlich stehen Fragen nach Identität, Erinnerung, Krieg und den Machtstrukturen der digitalen Gesellschaft im Mittelpunkt.
- Hoda Afshar aus der Serie The Fold (2019-2025). Courtesy of the artist and Milani Gallery, Australia
Hoda Afshar: Die Macht des Blicks
Die iranisch-australische Künstlerin Hoda Afshar (*1983) wurde für ihre Ausstellung „Performing the Invisible“ im Pariser Musée du Quai Branly – Jacques Chirac nominiert. Im Zentrum steht ihre Arbeit „The Fold“, die sich mit dem kolonialen Erbe der Fotografie beschäftigt. Ausgangspunkt sind historische Aufnahmen verschleierter Frauen aus Marokko, die der französische Psychiater und Fotograf Gaëtan Gatian de Clérambault angefertigt hatte. Afshar hinterfragt die darin angelegten Machtverhältnisse und kehrt mithilfe von Fotografien, Spiegeln, Film und Klang die Perspektive des Betrachtens um.
- Lotus L. Kang The face of desire is loss, Bvlgari Pavilion, Giardini della Biennale, Venice, 2026 Courtesy the artist, Bvlgari, Commonwealth and Council, Franz Kaka, Kukje Gallery and Esther Schipper Berlin/Paris/ Seoul Photo © Andrea Rossetti
Lotus L. Kang: Bilder im Wandel
Lotus L. Kang (*1985) aus Kanada ist mit der Installation „The face of desire is loss“ im Bulgari-Pavillon der 61. Biennale von Venedig vertreten. Ihre Arbeit untersucht Vergänglichkeit, körperliche Veränderung und Erinnerung. Dabei setzt Kang unter anderem unbelichtete beziehungsweise nicht fixierte Filmstreifen ein, deren Material sich durch Licht und Feuchtigkeit kontinuierlich verändert. Fotografische Prozesse werden so selbst zum Ausdruck des Vergehens und der Veränderung.
- Sasha Kurmaz From Red Horse. © Sasha Kurmaz 2022–2025
Sasha Kurmaz: Tagebuch aus dem Krieg
Der ukrainische Künstler Sasha Kurmaz (*1986) wurde für sein 800 Seiten umfassendes Künstlerbuch „Red Horse“ nominiert. Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 dokumentiert er darin das Leben in der Ukraine. Fotografien, Zeichnungen, Notizen, Zeitungsausschnitte und Fundstücke verdichten sich zu einem persönlichen visuellen Tagebuch über den Alltag im Krieg. Die handgefertigten Collagen verbinden individuelle Erfahrungen mit Fragen nach dem gesellschaftlichen und politischen Ausnahmezustand.
- Salvatore Vitale Listen All Y’All, It’s a Sabotage, 2022 From the series Death by GPS, 2022–2026 © Salvatore Vitale
- Salvatore Vitale Untitled, 2025 From the series Death by GPS, 2022–2026 © Salvatore Vitale
Salvatore Vitale: Die unsichtbare Arbeit der digitalen Welt
Mit „SABOTAGE“, gezeigt im Photo Elysée in Lausanne, untersucht der italienische Künstler Salvatore Vitale (*1986) die Arbeitsbedingungen hinter der digitalen Wirtschaft. In Zusammenarbeit mit südafrikanischen Freelancern thematisiert er die vielfach unsichtbare menschliche Arbeit, auf der automatisierte Systeme und digitale Dienstleistungen beruhen. Fotografie, Film und skulpturale Installationen machen die Zusammenhänge zwischen technologischem Fortschritt, Überwachung und prekären Beschäftigungsverhältnissen sichtbar.
Ausstellungen in London und Eschborn
Die vier nominierten Positionen werden vom 10. März bis 6. Juni 2027 in der Photographers’ Gallery in London präsentiert. Anschließend ist die Ausstellung vom 19. Juni bis 26. September 2027 bei der Deutsche Börse Photography Foundation in Eschborn bei Frankfurt am Main zu sehen.
Die Bekanntgabe des Preisträgers erfolgt am 29. April 2027 in London. Neben dem Hauptpreis von 30.000 britischen Pfund erhalten die drei weiteren Finalisten jeweils 5.000 Pfund.
Der 1996 von der Photographers’ Gallery initiierte Preis zählt zu den bedeutenden internationalen Auszeichnungen für zeitgenössische Fotografie. 2026 ging er an Rene Matić für die Ausstellung „AS OPPOSED TO THE TRUTH“ im CCA Berlin.
Foto oben: Hoda Afshar, aus der Serie The Fold (2019-2025). Courtesy of the artist and Milani Gallery, Australia



















