75 Jahre nach Otto Steinerts wegweisender Ausstellung „subjektive fotografie“ widmet das Saarlandmuseum in Saarbrücken einem der bedeutendsten Kapitel der europäischen Fotografiegeschichte eine umfassende Jubiläumsschau.
Vom 7. November 2026 bis zum 14. Februar 2027 beleuchtet die Moderne Galerie unter dem Titel „Ein Neubeginn für Europa“ nicht nur den künstlerischen Aufbruch der Nachkriegszeit, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Widersprüche, die ihn begleiteten. Dabei wird ein vertrautes Kapitel der Fotografiegeschichte neu gelesen: Die subjektive fotografie war offenbar sehr viel mehr als eine Bewegung formal experimentierender Bildgestalter.
- Otto Steinert, Maske einer Tänzerin
Eine fotografische Revolution aus Saarbrücken
Als Otto Steinert am 2. Juli 1951 in der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken die erste Ausstellung „subjektive fotografie“ eröffnete, lag das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade sechs Jahre zurück. Deutschland suchte nach einem kulturellen Neuanfang, während die internationale Kunstwelt versuchte, an die durch Nationalsozialismus und Krieg unterbrochenen Entwicklungen der Moderne anzuknüpfen.
Steinert, seit 1948 Leiter der dortigen Fotografieklasse, hatte bereits mit der 1949 gegründeten Gruppe fotoform eine neue Auffassung fotografischer Bildgestaltung propagiert. Gemeinsam mit Fotografen wie Peter Keetman, Heinz Hajek-Halke, Toni Schneiders, Siegfried Lauterwasser und Ludwig Windstosser stellte er die freie künstlerische Interpretation des fotografierten Gegenstands in den Mittelpunkt.
Extreme Perspektiven, ungewöhnliche Ausschnitte, grafische Reduktionen, Fotogramme, Negativabzüge und Pseudosolarisationen wurden zu gestalterischen Mitteln einer Fotografie, die sich vom Anspruch einer möglichst neutralen Wirklichkeitswiedergabe emanzipieren wollte.
Schon die erste Ausstellung sprengte alle damals üblichen Dimensionen. Rund 725 Exponate wurden in den Räumen der Saarbrücker Kunstschule präsentiert. Aus der zunächst regional verankerten Initiative entwickelte sich innerhalb weniger Jahre ein international beachtetes Ausstellungsprojekt, dessen Stationen von Köln und München über Rochester und Paris bis nach Tokio, Brüssel und Hamburg reichten.
Mehr als fotografische Abstraktion
Die Jubiläumsausstellung des Saarlandmuseums nimmt die etablierte kunsthistorische Einordnung der subjektiven fotografie kritisch in den Blick. Denn über Jahrzehnte wurde sie vor allem mit abstrakter Bildgestaltung, experimentellen Dunkelkammertechniken und einer weitgehend autonomen fotografischen Formensprache identifiziert.
Kurator Roland Augustin und sein Team stellen dieser Sichtweise eine differenziertere Interpretation gegenüber. Nach ihrer Einschätzung entstand das spätere Bild der Bewegung maßgeblich durch die Publikationen, die erst nach den historischen Ausstellungen erschienen und deren Auswahl die Wahrnehmung der subjektiven fotografie nachhaltig prägte.
Tatsächlich vereinten Steinerts Ausstellungen deutlich unterschiedliche fotografische Positionen. Neben den experimentellen Arbeiten der fotoform-Fotografen fanden sich humanistische Bildreportagen, Straßenfotografie und dokumentarische Aufnahmen mit unmittelbarem gesellschaftlichem Bezug.
So waren Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau, Édouard Boubat, Bert Hardy und Louis Stettner ebenso vertreten wie László Moholy-Nagy, Herbert Bayer, Raoul Hausmann und Man Ray.
Besonders aufschlussreich sind Fotografien, die politische und soziale Konflikte unmittelbar sichtbar machten: Cartier-Bressons Aufnahme betender Frauen in Kaschmir, Bert Hardys Bilder aus dem hungernden Spanien oder seine Fotografie spielender Kinder an einem Bombeneinschlagsort in Birmingham.
Diese Werke widersprechen der verbreiteten Vorstellung einer ausschließlich formalistischen Bewegung, die sich von gesellschaftlichen Themen weitgehend abgewandt habe.
Die Saarbrücker Ausstellung macht damit deutlich, dass sich die subjektive fotografie nicht auf den Gegensatz zwischen künstlerischem Experiment und dokumentarischer Wirklichkeit reduzieren lässt. Vielmehr gehörte die Auseinandersetzung mit beiden Polen von Anfang an zu ihrem programmatischen Selbstverständnis.
Der europäische Gedanke
Eine besondere Bedeutung erhält die historische Ausstellungsreihe durch ihren Entstehungsort. Das Saarland befand sich 1951 in einer politisch außergewöhnlichen Situation. Unter französischem Einfluss entwickelte sich die Vorstellung eines europäischen Saarstaates, der eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich bilden sollte.
Vor diesem Hintergrund war Steinerts internationale Ausstellung mehr als eine kunsthistorische Initiative. Sie wurde auch als kultureller Ausdruck eines offenen, europäischen Selbstverständnisses verstanden.
Dass nur wenige Jahre nach Kriegsende Fotografen aus ehemals verfeindeten Ländern gemeinsam ausstellten, verlieh dem Projekt eine besondere Symbolkraft.
Zu den Beteiligten gehörten Künstler, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, ebenso wie Fotografen, deren Biografien durch den Krieg geprägt worden waren. Der britische Fotograf Bert Hardy begegnete in diesem Ausstellungszusammenhang deutschen Kollegen wie Siegfried Lauterwasser und Toni Schneiders, die während des Krieges als Wehrmachtsfotografen gearbeitet hatten.
Die subjektive fotografie wurde damit auch zu einem Forum kultureller Annäherung, in dem unterschiedliche Erfahrungen der europäischen Geschichte aufeinandertrafen.
- Lazlo Moholy-Nagy, Ellen Frank
Otto Steinerts widersprüchliche Biografie
Die Jubiläumsausstellung spart dabei ein schwieriges Kapitel nicht aus. Otto Steinert, der 1978 starb, war während der NS-Zeit Mitglied der NSDAP.
Seine spätere Rolle als Wegbereiter eines künstlerischen und europäischen Neubeginns lässt sich deshalb nicht losgelöst von seiner eigenen Biografie betrachten.
Gerade diese Spannung macht die Nachkriegsgeschichte der subjektiven fotografie historisch interessant. Steinert griff bewusst auf künstlerische Positionen zurück, deren Vertreter durch den Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben oder zur Emigration gezwungen worden waren.
In seiner ersten Ausstellung präsentierte er umfangreiche Werkgruppen ehemaliger Bauhauskünstler wie Moholy-Nagy und Herbert Bayer sowie Arbeiten von Raoul Hausmann und Man Ray.
Damit trug die Ausstellungsreihe zur Wiederaufnahme jener internationalen Avantgardetraditionen bei, die in Deutschland während der NS-Zeit unterbrochen worden waren. Zugleich wirft Steinerts eigene Vergangenheit Fragen nach den Brüchen und Kontinuitäten des kulturellen Neubeginns auf.
Die Moderne Galerie macht diese Widersprüche ausdrücklich zum Bestandteil ihrer historischen Betrachtung.
Vom Saarland nach Essen
Auch für die weitere Entwicklung der deutschen Fotografie waren die Saarbrücker Ausstellungen von kaum zu überschätzender Bedeutung.
Mit seinem Wechsel an die Folkwangschule in Essen im Jahr 1959 trug Steinert seine fotografischen Vorstellungen in eine Ausbildungsstätte, die in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche bedeutende Fotografen und Kuratoren hervorbrachte.
Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Timm Rautert, dessen spätere Lehrtätigkeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig die Wirkung dieser Tradition über weitere Generationen fortsetzte.
Die Geschichte der subjektiven fotografie reicht damit weit über die Ausstellungsreihe der 1950er-Jahre hinaus. Sie bildet eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der künstlerischen Fotografie in der Bundesrepublik und für die spätere institutionelle Etablierung des Mediums.
Die Saarbrücker Jubiläumsschau erinnert zugleich daran, dass diese Entwicklung ihren Ausgangspunkt nicht erst in Essen, sondern im kulturell und politisch besonderen Umfeld des Nachkriegssaarlandes nahm.
Ein neues Bild der subjektiven fotografie
Die Moderne Galerie präsentiert über 150 Fotografien aus eigenem Bestand sowie aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden.
Die Ausstellung versteht sich nicht als vollständige Rekonstruktion der historischen Präsentationen. Stattdessen konzentriert sie sich auf das Spannungsverhältnis von fotografischem Experiment und humanistischer Bildauffassung.
Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Herbert Bayer, Monika von Boch, Brassaï, Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau, Kilian Breier, Peter Keetman, László Moholy-Nagy, Lucia Moholy, Raoul Hausmann, Toni Schneiders, Otto Steinert und Ludwig Windstosser.
Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Werken, die bereits in den historischen Ausstellungen der subjektiven fotografie vertreten waren. So wird nachvollziehbar, wie vielgestaltig Steinerts ursprüngliches Konzept tatsächlich angelegt war.
Die Ausstellung wird von der Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt und ist mit dem offiziellen französischen Jubiläumslabel „Bicentenaire de la Photographie“ ausgezeichnet. Damit fügt sie sich zugleich in die internationalen Aktivitäten zum 200-jährigen Jubiläum der Fotografie ein.
Begleitet wird die Präsentation von einem dreisprachigen Katalog im Sandstein Verlag, herausgegeben von Lisa Felicitas Mattheis mit Beiträgen von Roland Augustin, Clara Bolin und Thilo Koenig.
Fotografie als Ausdruck eines Neubeginns
75 Jahre nach der ersten „subjektive fotografie“ bietet die Saarbrücker Ausstellung die Gelegenheit, ein prägendes Kapitel der Fotografiegeschichte von überlieferten Vereinfachungen zu befreien.
Die historische Bedeutung der Bewegung erschöpft sich nicht in ihren experimentellen Bildtechniken oder ihrem Einfluss auf spätere Fotografengenerationen. Sie lag ebenso in der Öffnung gegenüber internationalen Positionen und in dem Versuch, die Fotografie nach ihrer propagandistischen Vereinnahmung während des Nationalsozialismus wieder als freie künstlerische und gesellschaftliche Ausdrucksform zu etablieren.
Dass dieser Neubeginn von Persönlichkeiten getragen wurde, deren eigene Lebenswege von den Widersprüchen der deutschen Geschichte geprägt waren, gehört untrennbar zu seiner Geschichte.
Die Ausstellung „Ein Neubeginn für Europa“ erinnert deshalb nicht nur an die ästhetischen Errungenschaften der subjektiven fotografie. Sie zeigt auch, dass der fotografische Aufbruch der Nachkriegszeit zugleich ein kulturelles und politisches Projekt war.
Ausstellungsinformationen: „Ein Neubeginn für Europa. 75 Jahre subjektive fotografie“, Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Saarbrücken. 7. November 2026 bis 14. Februar 2027. Eröffnung am 6. November 2026 um 19 Uhr.
Foto oben: Henri Cartier-Bresson, Muslim WomenINDIA. Kashmir. Srinagar. 1948
















