Der ghanaisch-britische Fotograf James Barnor wird bei den Sony World Photography Awards 2027 mit dem Preis „Outstanding Contribution to Photography“ für seinen herausragenden Beitrag zur Fotografie ausgezeichnet.
Der 1929 geborene Fotojournalist und Porträtfotograf dokumentierte die Unabhängigkeit Ghanas, prägte die visuelle Darstellung afrikanischer Identität und hielt das gesellschaftliche Leben im London der 1960er-Jahre fest. Anlässlich der Auszeichnung zeigt das Somerset House in London vom 16. April bis 3. Mai 2027 eine Sonderausstellung mit mehr als 50 Arbeiten aus seinem umfangreichen Lebenswerk.
- James Barnor, Untitled #2, Two friends dressed for a church celebration, Accra, 1970s © James Barnor / Courtesy Galerie Clémentine de la Féronnière
Ein fotografischer Chronist der Unabhängigkeit Ghanas
James Barnor gehört zu den bedeutenden Wegbereitern der afrikanischen Fotografie. Seine Karriere begann zu einer Zeit, als Ghana noch unter britischer Kolonialherrschaft stand und sich die Unabhängigkeitsbewegung zunehmend formierte.
Nach einer fotografischen Ausbildung bei seinem Cousin J. P. D. Dodoo wurde Barnor 1950 der erste festangestellte Fotograf der neu gegründeten ghanaischen Zeitung „Daily Graphic“. In den folgenden Jahren dokumentierte er politische Kundgebungen, Straßenparaden und gesellschaftliche Veränderungen. Seine Aufnahmen begleiteten auch den historischen Übergang zur Unabhängigkeit Ghanas im Jahr 1957 unter Kwame Nkrumah.
Dabei zeichnete Barnors journalistische Arbeit eine besondere Perspektive aus: Anders als viele europäische Fotografen, die Afrika vor allem aus kolonialem Blickwinkel dokumentierten, fotografierte er gesellschaftliche Entwicklungen aus dem unmittelbaren Erleben seiner eigenen Umgebung.
Seine Bilder zeigen Menschen, die nicht länger ausschließlich Gegenstand fremder Darstellungen waren, sondern zunehmend selbst über ihre gesellschaftliche und kulturelle Identität bestimmten.
Das „Ever Young“-Studio
1953 eröffnete Barnor im Stadtteil Jamestown der ghanaischen Hauptstadt Accra sein Fotostudio „Ever Young“. Der Name war Programm: Barnor schuf einen Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Herkunft selbstbewusst vor der Kamera präsentieren konnten.
Zu seinen Kunden gehörten Politiker, Richter, Studierende, Händler, Verkehrspolizisten und junge Menschen, die sich im gesellschaftlichen Aufbruch der 1950er-Jahre neu definierten.
Seine Porträts verbinden fotografische Präzision mit einem unmittelbaren Gespür für Persönlichkeit, Mode und zeitgenössischen Lebensstil. Sie zeigen eine Gesellschaft zwischen traditionellen kulturellen Wurzeln und dem Selbstverständnis einer neuen afrikanischen Moderne.
Heute gelten diese Aufnahmen nicht nur als wichtige Zeugnisse der ghanaischen Geschichte, sondern auch als eigenständige Beiträge zur internationalen Porträtfotografie.
- James Barnor, Drum cover girl Erlin Ibreck, Kilburn, London, 1966 © James Barnor / Courtesy Galerie Clémentine de la Féronnière
Zwischen Accra und Swinging London
1959 ging Barnor nach Großbritannien, um seine fotografischen Kenntnisse zu vertiefen. Am Medway College of Art in Kent beschäftigte er sich intensiv mit der Farbfotografie. Anschließend arbeitete er als Farbdrucker bei den Colour Processing Laboratories, einem der damals führenden britischen Fachlabore.
In London entwickelte er zugleich seine fotografische Arbeit weiter und fand Zugang zur aufstrebenden afrikanischen Diaspora.
Für das südafrikanische Magazin „Drum“, das mit seiner Berichterstattung eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Apartheid spielte, fotografierte Barnor Models, Künstler und prominente Persönlichkeiten. Seine Bilder erschienen auf Titelseiten und in Modestrecken des Magazins.
Dabei verband er Elemente der Mode- und Porträtfotografie mit dokumentarischen Beobachtungen des gesellschaftlichen Lebens.
Zu seinen bekanntesten Aufnahmen zählen Bilder aus dem London der 1960er-Jahre, darunter Fotografien am Piccadilly Circus und Porträts Schwarzer Models, deren selbstbewusste Präsenz eine andere Vorstellung von Schönheit und Modernität vermittelte als die damals vorherrschende europäische Bildkultur.
Barnors Fotografien sind damit zugleich Dokumente des „Swinging London“ und Zeugnisse einer afrikanischen Diaspora, die zunehmend ihren Platz im kulturellen Selbstverständnis Großbritanniens einforderte.
Wegbereiter der Farbfotografie in Ghana
Ende der 1960er-Jahre wurde Barnor von Agfa-Gevaert angeworben und in Belgien sowie Deutschland weitergebildet.
Mit diesem technischen Wissen kehrte er nach Ghana zurück, wo er das erste Farbfotolabor des Landes gründete. Damit trug er entscheidend dazu bei, die Farbfotografie in Ghana einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
In seinem Studio X23 arbeitete er anschließend als freier Fotograf und übernahm außerdem Aufträge für staatliche Einrichtungen.
Sein Wirken beschränkte sich damit nicht auf die Produktion bedeutender Einzelbilder. Als Fotograf, Fototechniker und Unternehmer schuf er zugleich Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der fotografischen Infrastruktur seines Heimatlandes.
Internationale Wiederentdeckung
Obwohl Barnor über Jahrzehnte hinweg fotografisch tätig war, erfuhr sein Werk erst vergleichsweise spät die internationale Aufmerksamkeit, die ihm heute entgegengebracht wird.
In den vergangenen Jahren widmeten ihm bedeutende Museen und Ausstellungshäuser umfangreiche Präsentationen. Eine von Hans Ulrich Obrist kuratierte Retrospektive war 2021 in der Londoner Serpentine, 2022 im MASI Lugano und 2023 im Detroit Institute of Arts zu sehen.
2022 präsentierte LUMA Arles die Ausstellung „James Barnor: Stories, Pictures from the Archive (1947–1987)“, kuratiert von Matthieu Humery. Im selben Zusammenhang wurde der James-Barnor-Preis zur Förderung afrikanischer Fotografen ins Leben gerufen.
Weitere Ausstellungen folgten im FOMU Antwerpen und in bedeutenden internationalen Museen. 2025 waren Barnors Arbeiten unter anderem im Museum of Modern Art in New York zu sehen.
Seine Fotografien befinden sich inzwischen in den Sammlungen zahlreicher renommierter Institutionen, darunter die Tate, das Victoria and Albert Museum, die National Portrait Gallery, das Centre Pompidou, die National Gallery of Art in Washington und das Photo Elysée.
Sonderausstellung im Somerset House
Anlässlich seiner Auszeichnung zeigen die Sony World Photography Awards 2027 eine Sonderpräsentation mit mehr als 50 Arbeiten aus Barnors Karriere.
Die Ausstellung im Londoner Somerset House zeichnet seine Entwicklung von den frühen Jahren in Accra über seine Zeit in Großbritannien bis zur Rückkehr nach Ghana nach.
Neben fotografischen Abzügen sollen auch historische Dokumente und weitere Archivalien Einblick in seine Arbeitsweise und die gesellschaftlichen Zusammenhänge seiner Bilder geben.
Die Präsentation ist vom 16. April bis 3. Mai 2027 als Teil der Hauptausstellung der Sony World Photography Awards zu sehen.
Die offizielle Preisverleihung findet am 15. April 2027 in London statt. An diesem Abend werden zugleich die Gesamtsieger der 20. Ausgabe des internationalen Fotowettbewerbs bekannt gegeben.
Zwei Kontinente, eine fotografische Handschrift
Mit der Auszeichnung würdigen die Sony World Photography Awards einen Fotografen, dessen Werk über nationale und kulturelle Grenzen hinausreicht.
James Barnor dokumentierte nicht nur historische Ereignisse, sondern auch die Veränderungen gesellschaftlicher Selbstbilder. Seine Fotografien erzählen von politischer Unabhängigkeit, Migration, Modernisierung und kultureller Identität.
Dabei nahm er Menschen stets als selbstbewusste Persönlichkeiten wahr, deren individuelle Erscheinung ebenso wichtig war wie ihr gesellschaftlicher Hintergrund.
In dieser Verbindung von Porträt, Modefotografie und Fotojournalismus liegt die besondere Bedeutung seines Werks. Barnors Bilder eröffnen einen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, der lange Zeit außerhalb des dominierenden westlichen Fotografiekanons stand.
Mit dem Preis „Outstanding Contribution to Photography“ reiht er sich in eine Reihe international bedeutender Fotografen ein, zu denen unter anderem Martin Parr, Graciela Iturbide, Edward Burtynsky, Sebastião Salgado, Susan Meiselas und Joel Meyerowitz gehören.
Sony World Photography Awards 2027: Preisverleihung am 15. April 2027. Sonderausstellung James Barnor, Somerset House, London, 16. April bis 3. Mai 2027.
Foto oben: © James Barnor, Courtesy Galerie Clémentine de la Féronnière – 7
















