Mit „Fluchtpunkt Paris“ führt das LVR-Landesmuseum Bonn erstmals Leben und Werk von Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora in einer gemeinsamen Ausstellung zusammen. Rund 300 Fotografien sowie Glasplattennegative, Bücher und historische Dokumente zeigen bis zum 7. Februar 2027, wie die drei Fotografinnen das Bild der Moderne mitprägten – und wie Verfolgung, Flucht und Krieg ihre Arbeit veränderten.
- Rogi André, Peggy Guggenheim, um 1935 © BnF / Bibliothèque nationale de France
Paris war für Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora ein Ort künstlerischer Möglichkeiten, beruflicher Selbstständigkeit und persönlicher Freiheit. Die französische Metropole bot Zugang zu Verlagen und Magazinen, zur Modewelt und zu den Kreisen der literarischen und künstlerischen Avantgarde. Unter deutscher Besatzung wurde sie für die drei Frauen jüdischer Herkunft jedoch zum lebensgefährlichen Ort.
Die Bonner Ausstellung verbindet ihre fotografischen Positionen mit diesen historischen Erfahrungen. Ihr Blick auf Paris zwischen 1925 und 1975 reicht von prominenten Gesichtern und eleganten Inszenierungen bis zu sozialkritischen Reportagen und den Folgen von Verfolgung und Vertreibung. Dabei treten neben Gemeinsamkeiten auch die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Lebenswege der Fotografinnen hervor.
- Gisèle Freund, Spielende Kinder auf der Straße im Arbeitslosengebiet in Newcastle, 1935, LVR-Landesmuseum Bonn © Photo Gisèle Freund / Imec / Fonds MCC
Drei Wege nach Paris
Madame d’Ora war bereits eine etablierte Fotografin, als sie 1925 ein Atelier in Paris eröffnete. Die 1881 in Wien geborene Dora Philippine Kallmus hatte unter ihrem Künstlernamen Persönlichkeiten wie Gustav Klimt, Arthur Schnitzler und Max Reinhardt porträtiert. In Paris baute sie ihre Tätigkeit als Gesellschafts-, Künstler- und Modefotografin aus.
Rogi André kam ebenfalls 1925 in die Stadt. Die 1900 in Budapest als Rosza Jósza Klein geborene Künstlerin hatte zunächst Malerei studiert. In Paris lernte sie André Kertész kennen, den sie 1928 heiratete, und wandte sich der Fotografie zu. Aktaufnahmen brachten ihr erste kommerzielle Erfolge; seit etwa 1930 wurde das Porträt zu ihrem wichtigsten Arbeitsfeld.
Gisèle Freund erreichte Paris dagegen als politisch Verfolgte. Die 1908 in Berlin geborene Soziologiestudentin floh 1933 aus Frankfurt am Main vor den Nationalsozialisten. In Frankreich setzte sie ihre Dissertation fort und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Fotoreportagen. Ihre Begegnungen mit Schriftstellern führten zu Porträts, die das öffentliche Bild der Fotografierten nachhaltig prägen sollten.
- Gisèle Freund, Demonstration zum 1. Mai in Frankfurt am Main, 1932, LVR-Landesmuseum Bonn © Photo Gisèle Freund / Imec / Fonds MCC
Gesichter der literarischen Moderne
Der Ausstellungsbereich „Bücher und Gesichter“ versammelt Aufnahmen aus dem Umfeld der Pariser Avantgarde. Pablo Picasso, Virginia Woolf, James Joyce, Colette und Simone de Beauvoir gehören zu den Persönlichkeiten, die vor den Kameras der drei Fotografinnen standen.
Besondere Bedeutung besitzen Gisèle Freunds frühe Farbporträts. Ihre Aufnahmen von James Joyce aus den Jahren 1938 und 1939 zeigen, wie Farbe zum Bestandteil eines Autorenbildes werden konnte. Bei Simone de Beauvoir entwickelte sich die fotografische Begegnung über Jahrzehnte hinweg. Bücher, Möbel und persönliche Räume geben diesen Porträts einen Zusammenhang, der über die Darstellung des Gesichts hinausgeht.
Die Gegenüberstellung unterschiedlicher Fotografien derselben Persönlichkeiten eröffnet zugleich einen Blick auf das Porträt als Ergebnis einer Begegnung: Nähe, Haltung, Umgebung und Inszenierung bestimmen mit, welches Bild eines Menschen entsteht.
- Rogi André, Colette, 1947 © BnF | Bibliothèque nationale de France
Mode, Tanz und inszenierte Körper
Unter dem Titel „Inszenierte Körper“ untersucht die Ausstellung die Beziehungen zwischen Mode-, Tanz- und Aktfotografie. Madame d’Ora gehörte zu den erfolgreichen Modefotografinnen ihrer Zeit; ihre Arbeiten erschienen unter anderem in „L’Officiel“, „Vu“ und „Die Dame“.
Ihre Aufnahmen von Anita Berber und Sebastian Droste verbinden expressive Posen mit einer gezielten Lichtführung. Der Körper wird zum Gegenstand einer Inszenierung, deren Wirkung über die Dokumentation eines Bühnenauftritts hinausgeht.
Rogi Andrés um 1934 entstandene Fotografien von Jacqueline Lamba führen in das Umfeld des Surrealismus. Lamba verdiente damals ihren Lebensunterhalt mit Auftritten in einem Wasserbecken des Pariser Nachtclubs Le Coliseum. Andrés Aufnahmen ihres Ein- und Auftauchens wurden zu bekannten Motiven; André Breton veröffentlichte 1937 eines der Bilder in „L’Amour fou“.
- André Malraux, 1935, LVR-Landesmuseum Bonn © Photo Gisèle Freund / Imec / Fonds MCC
Reportage und die Macht der Veröffentlichung
Mit dem Aufstieg der Illustrierten entstanden neue berufliche Möglichkeiten für Fotografen. Gisèle Freund nutzte die Mobilität der Kleinbildkamera früh für politische und soziale Reportagen. Bereits während ihrer Frankfurter Studienzeit fotografierte sie Demonstrationen und politische Auseinandersetzungen.
Ihre 1935 entstandenen Aufnahmen aus den nordenglischen Arbeitslosengebieten stehen für einen sozialkritischen Blick, der über das einzelne Porträt hinausgeht. Zugleich verweist ihre Veröffentlichung auf die Bedeutung redaktioneller Zusammenhänge: Das Magazin „Life“ stellte Freunds Fotografien 1936 einem Beitrag über den Prunk der britischen Aristokratie gegenüber. Die publizistische Aussage entstand damit auch durch Auswahl und Gegenüberstellung der Bilder.
- Rogi André, Arbeiterinnen am Webstuhl, undatiert © BnF | Bibliothèque nationale de France
Verfolgung und veränderte Perspektiven
Die deutsche Besatzung Frankreichs bedeutete für alle drei Fotografinnen einen tiefen Einschnitt. Freund floh 1942 nach Argentinien und arbeitete in Lateinamerika erfolgreich als Fotojournalistin. 1953 kehrte sie dauerhaft nach Paris zurück.
Rogi André überlebte die Verfolgung im Versteck bei der Pariser Galeristin Jeanne Bucher. Nach dem Krieg wandte sie sich wieder stärker der Malerei zu, blieb aber auch fotografisch tätig. Sie starb 1970 verarmt in Paris.
Madame d’Ora überlebte versteckt in Frankreich. Ihre Schwester wurde deportiert und ermordet. Nach dem Krieg fotografierte d’Ora Überlebende und Geflüchtete in österreichischen Lagern. Ab 1949 entstanden zudem ihre eindringlichen Aufnahmen in Pariser Schlachthöfen. Zwischen den früheren Mode- und Gesellschaftsbildern und diesen späten Arbeiten wird die Spannweite ihres Werks besonders deutlich.
- Gisèle Freund, James Joyce, 1939, LVR-Landesmuseum Bonn © Photo Gisèle Freund / Imec / Fonds MCC
Arbeit am fotografischen Bild
Für die fotografische Praxis ist der Themenbereich „Arbeit am Bild“ von besonderem Interesse. Erhaltene Glasplattennegative von Rogi André und frühe Farbaufnahmen von Gisèle Freund machen unterschiedliche technische und gestalterische Entscheidungen nachvollziehbar. Kamerawahl, Licht, Farbe, Retusche und Bildausschnitt erscheinen als wesentliche Schritte auf dem Weg zum veröffentlichten Bild.
Zu den Leihgebern gehören die Bibliothèque nationale de France, das Institut mémoires de l’édition contemporaine und das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Das LVR-Landesmuseum zeigt außerdem erstmals ausgewählte Arbeiten aus einem umfangreichen Gisèle-Freund-Konvolut, das es 2023 erworben hat.
- Madame d’Ora, Pablo Picasso, um 1954 © Nachlass Madame d’Ora, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Ausstellung und Katalog
„Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“ ist vom 15. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027 im LVR-Landesmuseum Bonn, Colmantstraße 14–16, 53115 Bonn, zu sehen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Kerstin Stremmel, Thorsten Valk und Anna Zens.
Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 11 Euro, ermäßigt 7 Euro; bis 18 Jahre ist der Eintritt frei. Am ersten Freitag jedes Monats gilt freier Eintritt.
Im Hirmer Verlag erscheint der von den Kuratoren herausgegebene Begleitband mit 304 Seiten und rund 250 Abbildungen, ISBN 978-3-7774-4812-1. Führungen, Fotowalks und Filmveranstaltungen ergänzen die Ausstellung.
Foto oben: Gisèle Freund, Simone de Beauvoir, 1952, LVR-Landesmuseum Bonn © Photo Gisèle Freund / Imec / Fonds MCC
























