Mit „Memoria“ zeigt Fotografiska Berlin bis zum 3. Mai 2026 eine umfassende Ausstellung des amerikanischen Fotojournalisten James Nachtwey. Thomas Gerwers war für ProfiFoto bei der Eröffnung.
„Memoria“ versammelt sind Arbeiten aus mehr als vier Jahrzehnten, die Konflikte, Krisen und strukturelle Gewalt nicht als spektakuläre Ereignisse, sondern als menschliche Zustände sichtbar machen: Verletzlichkeit, Verlust, Überleben und die brüchigen Versuche, Würde unter extremen Bedingungen zu bewahren. Die Fotografien funktionieren dabei weniger als Chronik einzelner Kriege, denn als visuelles Gedächtnis einer Welt, in der Geschichte stets aus individuellen Schicksalen besteht.
„Wir sollten aufhören, ihn einen ‚Kriegsfotografen‘ zu nennen. Wir sollten ihn vielmehr als einen Mann des Friedens betrachten – als jemanden, dessen Sehnsucht nach Frieden ihn in den Krieg gehen und sich selbst Gefahren aussetzen lässt.“ Dieses von Wim Wenders formulierte Paradox beschreibt präzise die Perspektive der Ausstellung. Nachtwey fotografiert nicht den Kampf, sondern das, was der Kampf den Menschen antut.
Schon die Eröffnung am 30. Januar setzte diesen Ton. Kein lauter Auftakt, keine Eventrhetorik, sondern ein Publikum, das sich auffallend still und langsam durch die Räume bewegte. Diese Zurückhaltung ist programmatisch: Nachtweys Bilder lassen sich nicht konsumieren, sie verlangen Aushalten. Gedämpftes Licht, großzügige Abstände und eine ruhige, nicht chronologische Dramaturgie erzeugen einen Denkraum statt eines Bilderstroms.
Zwar hat Nachtwey nahezu alle großen Konflikte der letzten Jahrzehnte fotografiert – vom ehemaligen Jugoslawien über Ruanda und Tschetschenien bis Afghanistan und den Nahen Osten. Doch ebenso richtet sich sein Blick auf Gefängnissysteme in den USA, Umweltzerstörung in Osteuropa oder die stillen Katastrophen von Hunger, Krankheit und Vertreibung. Krieg erscheint hier nicht als Ausnahme, sondern als extreme Verdichtung jener Ungerechtigkeiten, die auch im vermeintlichen Frieden fortbestehen. Das einzelne Gesicht widerspricht dabei jeder abstrakten Rede von „Kollateralschäden“.
Formal zeichnen sich viele Arbeiten durch eine beinahe irritierende Klarheit aus. Linien und Blickachsen wirken komponiert, obwohl die Aufnahmen oft in Sekundenbruchteilen und unter Lebensgefahr entstanden. Diese ästhetische Präzision ist kein Selbstzweck, sondern eine Strategie der Aufmerksamkeit: Das Bild strukturiert das Chaos so weit, dass wir nicht ausweichen können. Zugleich bleibt ein produktiver Widerspruch bestehen – die visuelle Strenge berührt bisweilen das Schöne und gerät damit in Spannung zum dargestellten Schrecken. Dass die Bilder dennoch nicht ins Erhabene kippen, liegt an der beharrlichen Nähe zu den Porträtierten. Ihre Würde bleibt unangetastet, weil der Blick nie über sie verfügt.
Die Ausstellung versteht diese Haltung als Methode: Zeugnis ablegen, ohne auszubeuten; Empathie nicht als Gefühl, sondern als Arbeitsprinzip. In einer Gegenwart, in der Bilder als endloser Strom durch digitale Feeds ziehen, wirkt diese kuratierte Verlangsamung fast widerspenstig. „Memoria“ besteht darauf, dass Fotografie Kontext braucht – Raum, Dauer und Abfolge. Das Museum wird so zum Gegenmodell zur algorithmischen Logik schneller Erregung.
Gleichzeitig stellt die Schau die unbequeme Frage nach der Wirksamkeit solcher Bilder. Seit Jahrzehnten sehen wir Fotografien von Krieg und Elend, und doch wiederholen sich Gewalt und Vertreibung. Kann dokumentarische Fotografie tatsächlich Kreisläufe durchbrechen, oder konserviert sie vor allem unser schlechtes Gewissen? Nachtweys Werk gibt darauf keine tröstliche Antwort. Es bewegt sich in einem Zwischenraum: Bilder retten die Welt nicht, aber sie verhindern das Vergessen – und damit die Ausrede, nichts gewusst zu haben.
Die Biografie des 1948 geborenen Fotografen unterstreicht diese Konsequenz. Seit 1981 arbeitet Nachtwey weltweit in Krisengebieten, war Vertragsfotograf für TIME, Mitglied von Magnum Photos und später Mitgründer der Agentur VII. Fünf Robert-Capa-Goldmedaillen, zwei World-Press-Photo-of-the-Year-Titel und zahlreiche weitere Auszeichnungen markieren eine außergewöhnliche Karriere, die stets mit persönlichem Risiko verbunden war. Seine Arbeiten befinden sich heute in den großen Museen von New York bis Paris – ihr Ursprung jedoch liegt in Lazaretten, Ruinen und Flüchtlingslagern, nicht im White Cube.
Gerade diese Musealisierung ist ambivalent. Bilder des Leids gewinnen Dauer, drohen aber an Dringlichkeit zu verlieren. „Memoria“ begegnet diesem Risiko durch Konzentration statt Monumentalität. Keine Überwältigung durch Masse, sondern insistierende Wiederholung einzelner Motive: ein Blick, eine Geste, eine Haltung. Geschichte erscheint nicht als lineare Abfolge von Katastrophen, sondern als fragile Kette menschlicher Erfahrungen.
Wenders’ Gedanke vom „Mann des Friedens“ erhält so eine zweite Bedeutung. Frieden ist hier kein Zustand, sondern eine Sehnsucht, die sich im Blick auf das Zerstörte artikuliert. Nachtweys Fotografien sind keine Bilder des Sieges, sondern des Überlebens. Sie appellieren nicht an Sensationslust, sondern an Verantwortung. Ihre bleibende Kraft liegt vielleicht gerade darin, dass sie weder Hoffnung verkaufen noch Verzweiflung ästhetisieren, sondern darauf bestehen, dass Hinsehen eine Form des Handelns ist.
Kuratiert von James Nachtwey gemeinsam mit dem Ausstellungsteam von Fotografiska Berlin, ist „Memoria“ keine klassische Retrospektive, sondern eine dichte thematische Erzählung. Wer sich auf diese Bilder einlässt, begegnet keiner fernen Geschichte, sondern der Gegenwart – und der eigenen Verpflichtung, sich zu erinnern.



















