Seit 25 Jahren beschäftigt sich die DGPh-Sektion Kunst, Markt & Recht mit den wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Bedingungen der Fotografie. Zum Jubiläum sprach Sektionsvorsitzender Thomas Gerwers mit der Fotografieexpertin Simone Klein (Foto oben: R. Franken) über den Wandel des Fotokunstmarkts, die Rolle von Galerien und Sammlern, Preisbildung und Editionen – und darüber, warum die Akteure des Markts mit dem neuen Gruber Award stärker gewürdigt werden sollen.

Simone Klein (Foto: Alwin Maigler)
Thomas Gerwers: Simone, du gehörtest zu den frühen Vorsitzenden der Sektion. Welche Themen standen bei ihrer Gründung im Vordergrund?
Simone Klein: Um das Jahr 2000 kamen unglaublich viele Dinge gleichzeitig zusammen. Da war die nach wie vor ungelöste Frage der Mehrwertsteuer für Fotografie im Kunsthandel, es gab Diskussionen um Copyright und Urheberrechte etwa bei Pressefotografien, und gleichzeitig begann dieser enorme Boom des Fotokunstmarkts. Zeitweise hatten wir allein in Deutschland bis zu acht spezialisierte Fotoauktionen im Jahr.
Gleichzeitig kam immer mehr zeitgenössische Fotografie in den Primär- und Sekundärmarkt. Damit entstanden Fragen nach limitierten Auflagen, Formaten und neuen Printtechniken. Und man musste ständig erklären: Was ist eigentlich ein Vintage Print, was ein Modern Print? Parallel begann die Digitalisierung. Es gab also einen enormen Informationsbedarf. Aus diesen unterschiedlichen Feldern haben sich Kunst, Markt und Recht schließlich zu einem sehr sinnvollen gemeinsamen Arbeitsbereich entwickelt.
Gerwers: Viele dieser Fragen beschäftigen uns tatsächlich noch immer. Hat sich zumindest die Stellung der Fotografie im Kunstmarkt grundsätzlich verändert?
Klein: Absolut. Der Markt für Fotografie wird zwar meist erst ab den 1970er Jahren als eigenständiger Kunstmarkt verstanden. Damals entstanden spezialisierte Galerien und Auktionen, zunächst vor allem in den USA und anschließend auch in Europa. In Deutschland waren beispielsweise Ann und Jürgen Wilde oder Rudolf Kicken wichtige Akteure. Der Markt war zunächst sehr klein und von spezialisierten, teilweise geradezu enthusiastischen Sammlern geprägt.
Dann öffnete er sich. Fotografie wurde zunehmend in die Programme allgemeiner Kunstgalerien aufgenommen. Spätestens in den 1990er Jahren kamen die Becher-Schule, große zeitgenössische Positionen und schließlich digital entstandene Arbeiten hinzu. Um das Jahr 2000 hat sich die Fotografie sehr stark in Richtung Contemporary Art bewegt.
Gerwers: Das hatte auch Auswirkungen auf die spezialisierten Fotoauktionen?
Klein: Ja. Ich erinnere mich noch gut an Diskussionen bei Sotheby’s. Wenn eine großformatige Fotografie von Andreas Gursky mit mehreren hunderttausend Dollar geschätzt wurde, hieß es plötzlich: Die gehört nicht in die Fotoauktion, sondern in Contemporary Art. Und ich sagte natürlich: Aber es ist doch Fotografie.
Diese Trennung ist heute viel weniger relevant. Wenn man über die Art Basel, Art Cologne oder Frieze geht, hängt Fotografie selbstverständlich neben Malerei, Skulptur, textilen Arbeiten oder computerbasierter Kunst. Das finde ich sehr positiv. Man sieht möglicherweise quantitativ weniger Fotografie als früher, aber sie ist heute klarer als Kunstform etabliert und kunsthistorisch besser eingeordnet.
Gerwers: Ist der Fotokunstmarkt damit kein Spezialmarkt mehr?
Klein: Doch, in Teilen schon. Im Vergleich zum gesamten internationalen Kunstmarkt ist Fotografie weiterhin eine Nische. Natürlich gibt es spektakuläre Auktionsergebnisse für große Namen. Aber gerade historische Fotografie bleibt ein Spezial- und Liebhabermarkt.
Wenn man wirklich ernsthaft sammelt, muss man sich mit Material, Abzugsdatum, Zustand und Provenienz beschäftigen. Das macht aber auch einen Teil des Reizes aus. Gleichzeitig ist Fotografie heute viel selbstverständlicher Bestandteil gemischter Kunstsammlungen. Man muss kein reiner Fotosammler mehr sein, um Fotografien zu kaufen.
Gerwers: Was waren die entscheidenden Faktoren für den Boom des Markts?
Klein: Es kam vieles zusammen: mehr Ausstellungen, mehr Publikationen, mehr zeitgenössische Produktion, die Digitalisierung und natürlich die Internationalisierung. Ein ganz entscheidender Faktor war für mich Paris Photo.
- „Für mich ist Paris Photo bis heute ein Seismograph des Fotomarkts“ – Simone Klein
Die Messe wurde 1997 gegründet und war zunächst viel kleiner. Im Carrousel du Louvre war das fast ein Familientreffen. Aber sie wurde immer größer, internationaler und wichtiger. Für mich ist Paris Photo bis heute ein Seismograph des Fotomarkts. Man konnte dort sehr genau beobachten, wie aus einem überwiegend europäischen und nordamerikanischen Markt eine internationale Szene wurde.
Wenn man nur die messbaren internationalen Auktionsergebnisse betrachtet, war 2014 das umsatzstärkste Jahr für Fotografie. Damals kamen unter anderem bedeutende Privatsammlungen mit sehr hochpreisigen Arbeiten in New York auf den Markt.
Gerwers: Gleichzeitig können Fotografen ihre Arbeiten heute unmittelbar über eigene Websites oder Plattformen verkaufen. Braucht es die klassische Galerie überhaupt noch?
Klein: Ich bin ein großer Fan von Galerien. Natürlich kann man heute relativ einfach etwas online verkaufen. Aber eine Galerie leistet viel mehr als einen Verkauf.
Sie vermarktet die künstlerische Arbeit im Primärmarkt, verfügt über Kontakte zu Sammlern und institutionellen Sammlungen, schafft Netzwerke, vermittelt Ausstellungen und unterstützt Publikationen. Im besten Fall entsteht eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Künstler und Galerie.
Und Galerien sind für mich auch „gratis Ausstellungs- und Bildungsinstitutionen“. Man kann hineingehen, großartige Arbeiten im Original ansehen, Informationen bekommen, beraten werden und vielleicht irgendwann eine Kaufentscheidung treffen. Diese seriöse Vermittlung darf man nicht unterschätzen.
Ohne die Galeristen, die besonders in der frühen Phase des Fotomarkts gearbeitet haben, wären viele Fotografen heute überhaupt nicht so bekannt. Diese Leute haben Werke recherchiert, Künstler wiederentdeckt, sie erstmals gezeigt und anschließend den Kontakt zu Museen und Sammlungen hergestellt.
Gerwers: Eine Frage, die Fotografen besonders beschäftigt, ist die Preisfindung. Was sind die häufigsten Fehler?
Klein: Es gibt keine Formel dafür. Man kann nicht sagen: bestimmtes Format plus bestimmtes Druckverfahren plus Rahmen ergibt automatisch einen bestimmten Preis. Natürlich spielen Produktionskosten eine Rolle, aber letztlich muss die Preisstruktur individuell entwickelt werden.
Ich sehe zwei typische Missverständnisse. Das erste ist, dass Arbeiten beim Einstieg in den Markt häufig zu teuer angeboten werden. Das zweite sind zu große Editionen.
Da gilt wirklich: Weniger ist mehr. Sammler möchten etwas Seltenes haben. Eine riesige Auflage kann sogar kontraproduktiv sein. Wenn noch sehr viele Exemplare verfügbar sind, gibt es für den Käufer keinen Grund, sich heute zu entscheiden. Dann verschwindet das Momentum.
Gerwers: Gleichzeitig haben gerade neue Vertriebsmodelle die klassische Editionspraxis verändert.
Klein: Genau. Bei Magnum haben wir beispielsweise die Square Print Sales entwickelt. Dabei werden kuratierte Fotografien für einen begrenzten Zeitraum online angeboten und anschließend genau so viele Prints produziert, wie bestellt worden waren.
Es gab also nicht vorher eine festgelegte Auflage von beispielsweise zehn Exemplaren. Die Edition ergab sich erst aus den Verkäufen während dieses begrenzten Zeitraums. Für jemanden, der aus dem klassischen Kunstmarkt kommt, war das zunächst eine völlig andere Logik.
Gerwers: Haben sich auch die Sammler verändert?
Klein: Sehr. Früher ging man zur Auktionsvorbesichtigung, sah sich die Prints an und saß anschließend möglicherweise im Auktionssaal. Heute fordert man einen Condition Report an, bekommt hochauflösende Dateien und bietet online. Der Zugang ist dadurch wesentlich einfacher geworden.
Bei klassischer Fotografie ist die Schwelle zwar noch etwas höher. Gleichzeitig beobachte ich gerade bei jüngeren Menschen wieder ein großes Interesse an klassischer Fototechnik. Analogfotografie ist wieder populär. Daraus könnte auch ein neues Interesse am Sammeln historischer Fotografie entstehen.
Gerwers: Wird sich dadurch auch das Angebot auf dem Markt verändern?
Klein: Davon gehe ich aus. Viel hervorragendes Material befindet sich derzeit in öffentlichen und privaten Sammlungen und ist gar nicht verfügbar. Gleichzeitig wurden gerade in den 1980er und 1990er Jahren bedeutende Sammlungen aufgebaut.
In den kommenden Jahren werden einige davon wieder auf den Markt kommen, weil die Sammler sterben und die nächste Generation die Sammlung nicht unbedingt weiterführen möchte. Dadurch dürfte wieder interessantes Material mit guter Provenienz verfügbar werden. Für Sammler könnte das eine sehr spannende Phase werden.
Gerwers: Zum Jubiläum der Sektion kommt mit dem Gruber Award ein neuer Preis hinzu, der sich ausdrücklich an Persönlichkeiten des Fotokunstmarkts richtet. Warum war dir das wichtig?
Klein: Mich hat schon während meiner Zeit im DGPh-Vorstand gestört, dass bei den großen Preisen der Gesellschaft die Protagonisten des Kunstmarkts kaum vorkamen. Dabei sind bedeutende Galeristen oder Sammler ja nicht einfach nur Händler oder Käufer. Das sind häufig kulturell sehr wichtige Persönlichkeiten.
Der Kunstmarkt ist ein enorm wichtiger Katalysator für die Fotoszene. Er trägt dazu bei, dass Fotografen bekannt werden, dass ihre Werke ausgestellt werden, in Sammlungen gelangen und kunsthistorisch wahrgenommen werden. Deshalb finde ich es sehr gut, dass es jetzt innerhalb der DGPh einen eigenen Preis für diese Leistung gibt.
Gerwers: Die ersten Preisträger sind Howard Greenberg und Astrid Ullens.
Klein: Und darüber freue ich mich sehr. Wir hatten eine starke Liste von Nominierten, bei denen man den Preis eigentlich jedem hätte geben können. Dass der Gruber Award künftig jährlich vergeben wird, macht diese Seite der Fotoszene endlich stärker sichtbar.
Gerwers: Wenn wir nach 25 Jahren Bilanz ziehen: Hat die Sektion ihre ursprüngliche Aufgabe erfüllt?
Klein: Ich finde schon. Gerade wenn man sich anschaut, wie sich aus den anfangs noch getrennt gedachten Bereichen Kunst, Markt und Recht im Laufe der Jahre ein gemeinsames Arbeitsfeld entwickelt hat. Es gab Symposien, Konferenzen, Gespräche und später Onlineformate. Das hat zur Vernetzung, zur Transparenz und vor allem zur Vermittlung von Wissen beigetragen.
Und die Themen gehen uns nicht aus. Ein schönes Beispiel ist der Begriff Vintage Print. Dazu gab es 2017 ein großes Symposium der Sektion – und man könnte es heute eigentlich schon wieder veranstalten. Der Begriff ist zehn Jahre später nicht eindeutiger geworden, sondern vielleicht sogar noch schwieriger.
Genau darin liegt wahrscheinlich auch die Aufgabe einer solchen Sektion: Entwicklungen zu begleiten, Begriffe immer wieder neu zu diskutieren und Wissen über einen Markt zu vermitteln, der sich permanent verändert.
Das Gespräch fand am 11. August 2026 im Rahmen des Online-Talks der DGPh-Sektion Kunst, Markt & Recht statt. Die Fassung wurde für die Veröffentlichung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Zur Person

Simone Klein (Foto: Alwin Maigler)
Simone Klein kennt den internationalen Fotokunstmarkt aus nahezu allen Perspektiven. Nach Stationen in der Galerie Kicken und im Kunsthaus Lempertz leitete sie über zehn Jahre die europäischen Fotografieauktionen von Sotheby’s in London und Paris und wechselte anschließend als Global Director Print Sales zu Magnum Photos. Heute arbeitet sie als vereidigte Sachverständige für Fotografie, Kunstberaterin und Kuratorin in Köln. Von 2002 bis 2006 war sie Vorsitzende der noch jungen DGPh-Sektion Kunst, Markt & Recht.


















