Zum 200-jährigen Jubiläum der Fotografie macht die Pinault Collection ihre fotografischen Bestände zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Pariser Bourse de Commerce. „Remember Me. Masterpieces of Photography from the Pinault Collection“ öffnet am 7. Oktober 2026 und versammelt mehrere hundert Werke von mehr als 70 Künstlern.
- Edward Steichen, Gloria Swanson, New York, 1924
- John Edmonds, Tête d’Homme, 2018
- Dorothea Lange, Migrant Mother, 1936
- Claude Cahun, Sans titre, 1936-1939
- Helmut Newton, Big Nude III, 1980
- Zanele Muholi, Mfana, Philadelphia, 2019
Die von Matthieu Humery, Advisor for Photography der Pinault Collection, gemeinsam mit Lola Regard kuratierte Schau reicht von den Anfängen des Mediums bis zu seinen zeitgenössischen Erscheinungsformen. Dabei soll keine weitere chronologische Geschichte der Fotografie entstehen. „Remember Me“ setzt vielmehr auf Korrespondenzen zwischen Bildern, Zeiten und Genres. Historische und zeitgenössische Positionen begegnen sich in einem offenen Parcours, der Themen wie Serialität, Komposition, Porträt, Körper, Erinnerung und Verschwinden miteinander verbindet. Richard Avedons Marilyn Monroe trifft auf Cindy Shermans inszenierte Selbstbilder, Gustave Le Grays Meeresbilder auf Eileen Quinlan, August Sanders Gesellschaftsporträts auf Sherrie Levines Aneignungen seiner Bilder.
Mehr als 8.000 Prints
Hinter der Ausstellung steht eine fotografische Sammlung, die inzwischen mehr als 8.000 Prints umfasst. Sie ist allerdings weder enzyklopädisch angelegt noch auf eine vollständige Geschichte des Mediums ausgerichtet. Das zeigt bereits der 2025 erschienene Band „100 Masterpieces of Photography. Pinault Collection“, der als eine wesentliche Grundlage der Ausstellung dient.
Kurator Matthieu Humery beschreibt Sammeln darin nicht nur als Auswahl und Besitz von Werken, sondern als persönliche Form, die Welt durch Fragmente zu beschreiben. Die 100 ausgewählten Arbeiten sollen deshalb ausdrücklich nicht „die besten“ Fotografien der Sammlung darstellen. Sie verdichten vielmehr eine bestimmte Sicht auf Fotografie und auf die Geschichte, die François Pinault mit ihr verbindet.
- Peter Hujar, David Wojnarowicz, 1981
- Eileen Quinlan, Shut-in Set (Oh Sister), 2023
- Edward Weston, Shell, 1927
- Annie Leibovitz, Andy Warhol, New York City, 1976, 1976
- El Lissitsky, Footballer, 1926
- Cindy Sherman, Untitled #21, 1978
Pinault begann Fotografie vergleichsweise spät im Verhältnis zu seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst zu sammeln. Bezeichnenderweise gehörten Cindy Shermans „Untitled Film Stills“ zu den Ausgangspunkten – Arbeiten also, die Fotografie, Inszenierung, Performance und Contemporary Art miteinander verbinden. Statt einzelne Ikonen zusammenzutragen, setzte Pinault zunehmend auf größere Werkgruppen. Zu den zentralen Beständen gehören Ensembles von Lee Miller, Edward Steichen, Henri Cartier-Bresson, Irving Penn, Richard Avedon, Cindy Sherman, Raymond Depardon und Annie Leibovitz.
Diese Strategie prägt auch „Remember Me“. Die Ausstellung erzählt Fotografie nicht primär als Abfolge technischer Erfindungen oder großer Namen, sondern als Kunstform, die sich immer wieder zwischen Dokumentation und Konstruktion, Wirklichkeit und Interpretation bewegt.
Das fotografische Bild und sein Objekt
Gerade darin liegt eine der Stärken der Sammlung. Fotografie erscheint hier nicht allein als Bild, sondern ebenso als physisches Objekt.
Simon Baker, Direktor der Maison Européenne de la Photographie in Paris, erinnert im Katalog daran, dass Fotografie schon immer weit mehr war als der Moment der Aufnahme. Kamera und Negativ, Dunkelkammer, Chemie, Papier, Druckverfahren und schließlich digitale Ausgabeformen gehören gleichermaßen zum Medium. Selbst im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit habe sich deshalb die Aura des besonderen, handwerklich vollkommen ausgeführten Prints erhalten. In einem fotografischen Meisterwerk verbinden sich für Baker Idee, Bild und Objekt.
Die Ausstellung macht diese Materialität besonders am Werk von Irving Penn sichtbar. Mehr als 400 Fotografien aus der Pinault Collection werden zu einer ungewöhnlich umfangreichen Installation zusammengeführt. Penn dokumentierte auf den Rückseiten seiner Arbeiten minutiös Titel, Druckverfahren und chemische Prozesse; seine Prints bilden damit zugleich ein Archiv seiner Arbeitsweise.
Drei unterschiedliche Fassungen seines berühmten „Cuzco Children“ verdeutlichen, wie stark sich ein Motiv durch das jeweilige Printverfahren verändern kann. Penn experimentierte mit Platin- und Palladiumverfahren ebenso wie mit Dye Transfer. Auch an anderen Stellen der Sammlung wird die Materialität zum Thema: Paul Strand arbeitete mit Palladium, William Eggleston erhob den aufwendigen Dye-Transfer-Print zum Träger seiner radikalen Farbfotografie, während unterschiedliche Papiere und Oberflächen bei Steichen, Weston oder Cartier-Bresson den Charakter der jeweiligen Bilder mitbestimmen.
Das ist nicht nebensächlich. Die Pinault Collection versteht Fotografie ausdrücklich als Kunstform, deren Qualität ebenso in der konkreten Ausarbeitung eines Prints liegen kann wie im fotografierten Motiv.
- Roger Fenton, Pool below the Strid, Bolton Abbey, 1854
- Henri Cartier-Bresson, Derrière la gare Saint-Lazare, place de l’Europe, Paris, France, 1932
- Raymond Depardon, Cosne-Cours-sur-Loire, Nièvre, 2009
- Raymond Depardon, Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse, Aude, 2005
- Dora Maar, Les années vous guettent, 1936
- Irving Penn, Gerbera Daisy, 2006
Von Le Gray bis Tillmans
Wie weit diese Vorstellung reicht, zeigt ein Vergleich, den Simon Baker im Katalog zwischen zwei Arbeiten an den zeitlichen Polen der Sammlung zieht: Gustave Le Grays „The Great Wave, Sète“ von 1857 und Wolfgang Tillmans’ „Lunar Landscape“ von 2022.
Le Gray arbeitete mit großformatigen Glasnegativen und Albuminprints und suchte nach größtmöglicher Detailwiedergabe. Tillmans produziert mehr als 160 Jahre später ein nahezu drei mal vier Meter großes Inkjetbild. Technisch könnten die Arbeiten kaum weiter auseinanderliegen. Beide beschäftigen sich jedoch mit Licht, Wasser, Wahrnehmung und der fotografischen Transformation eines flüchtigen Moments.
Tillmans’ „Lunar Landscape“ zeigt dabei entgegen der ersten Assoziation keine Mondoberfläche, sondern den vom Vollmond beleuchteten Atlantik. Das monumentale Bild spielt bewusst mit der Unsicherheit der Wahrnehmung: Wasser erscheint beinahe fest, die eigentlich farbige Aufnahme wirkt nahezu schwarzweiß.
Solche Verbindungen über Epochen hinweg bilden das kuratorische Prinzip von „Remember Me“.
Hände, Körper und Gesichter
Der Katalog zeigt zugleich, wie stark die Sammlung von persönlichen Interessen François Pinaults geprägt ist. Bestimmte Motive kehren auffällig häufig wieder. Dazu gehören insbesondere Hände. Humery verbindet dieses Motiv mit Pinaults Herkunft aus einem ländlichen Umfeld: Hände stehen in den Bildern für Arbeit und Kraft, zugleich für Zärtlichkeit, Trost und Verletzlichkeit.
In Dorothea Langes „Migrant Mother“ etwa ist nicht allein der berühmte Blick Florence Owens Thompsons entscheidend. Ebenso prägend sind ihre an das Gesicht gelegte Hand und die Körper der Kinder, die sich an sie schmiegen. Die Fotografie wurde zum Symbol der Great Depression und für die Würde der von Arbeitslosigkeit und Armut betroffenen Menschen.
Daneben zieht sich das Porträt durch die Sammlung – von anonymen gesellschaftlichen Typologien Eugène Atgets und August Sanders bis zu Ikonen des 20. Jahrhunderts. Edward Steichens 1924 entstandenes Porträt von Gloria Swanson zeigt beispielhaft, dass ein fotografisches Porträt für die Sammlung nicht als bloße Registrierung einer Person verstanden wird. Steichen experimentierte mit Licht und Accessoires und legte schließlich Spitze zwischen Kamera und Gesicht. Aus der vermeintlichen Dokumentation wurde eine sorgfältig konstruierte Darstellung.
Auch Richard Avedon, Irving Penn oder Cindy Sherman verschieben das Porträt von der Identifikation hin zur Inszenierung, psychologischen Interpretation oder Konstruktion von Identität.
Eros und Thanatos
Eine weitere Linie führt durch Darstellungen des Körpers. Von Imogen Cunningham, Man Ray und Edward Weston über Helmut Newton bis zu Claude Cahun, Francesca Woodman und Cindy Sherman wird sichtbar, wie Fotografie klassische Bildgenres übernimmt und zugleich neu definiert.
Man Rays „La Prière“ oder Westons Aktstudien lösen den Körper weitgehend aus der traditionellen Darstellung und verwandeln ihn in Form. Helmut Newton konfrontiert mit seinen „Big Nudes“ dagegen nicht nur den Betrachter, sondern auch die Geschichte des männlichen Blicks auf den weiblichen Körper. Cahun, Woodman und Sherman nutzen Fotografie wiederum als Mittel, Identität überhaupt erst herzustellen und wieder aufzulösen.
Matthieu Humery erkennt innerhalb der Sammlung eine grundlegende Spannung zwischen Eros und Thanatos, zwischen Lebensenergie und Todesbewusstsein. Neben Sinnlichkeit, Eleganz und Körperlichkeit stehen Krieg, gesellschaftliche Not, Verlust und Vergänglichkeit. Dorothea Langes Erntearbeiter, Robert Capas fallender Soldat oder Lee Millers Bilder aus dem befreiten Europa befinden sich in derselben Sammlung wie Mode, Körper und Schönheit.
Diese Spannung wird in „Remember Me“ zum zentralen Motiv.
Erinnerung und Verschwinden
Schon der Ausstellungstitel verweist darauf. Er stammt von Barbara Krugers Arbeit „Untitled (Remember me)“. Kruger bespielt zugleich die Rotunde der Bourse de Commerce mit einer neuen monumentalen Installation, deren Text-Bild-Botschaften sich über weitere Lightboxes in das Gebäude hinein fortsetzen.
Erinnerung bildet dabei weniger ein einzelnes Ausstellungskapitel als eine Folie für das gesamte Medium. Fotografien halten Menschen fest, die nicht mehr leben, bewahren Orte, die verschwunden sind, und verwandeln Ereignisse in kollektive Bilder.
Gerade die Geschichte der Pressefotografie spielt dabei eine wichtige Rolle in der Sammlung. Bestände aus dem Condé-Nast-Archiv erinnern daran, dass die Entwicklung der künstlerischen Fotografie im 20. Jahrhundert eng mit Zeitschriften verbunden war. Bevor Galerien, Fotomessen und ein eigenständiger Sammlermarkt entstanden, boten Magazine Fotografen wie Edward Steichen, Irving Penn oder Richard Avedon überhaupt erst die wirtschaftlichen Bedingungen für eine professionelle fotografische Praxis.
Gleichzeitig wurden Fotografen selbst zu Akteuren historischer Erinnerung. Robert Capas Spanischer Bürgerkrieg, Lee Millers Bilder der unmittelbaren Nachkriegszeit oder Raymond Depardons politische Reportagen dokumentieren Ereignisse nicht neutral, sondern prägen mit ihrer jeweiligen Perspektive, wie diese erinnert werden.
Schwarzweiß als Sprache der Sammlung
Auffällig ist dabei eine weitere Eigenart der Pinault Collection: Trotz der Dominanz der Farbfotografie seit den 1960er Jahren ist Schwarzweiß in der Auswahl außergewöhnlich stark vertreten. Im Band „100 Masterpieces“ finden sich nur rund ein Dutzend Farbprints.
Das ist weniger als historische Aussage über das Medium denn als ästhetische Präferenz des Sammlers zu verstehen. Man Rays „Noire et Blanche“, Henri Cartier-Bressons Porträts, Edward Westons Muscheln oder Irving Penns Arbeiten bilden eine grafische Sprache aus Licht, Linie und Fläche, die sich durch große Teile der Sammlung zieht. Farbe tritt dagegen besonders dort hervor, wo sie selbst zum künstlerischen Gegenstand wird – etwa bei Paul Outerbridge, Irving Penn und William Eggleston.
Damit erzählt die Sammlung letztlich ebenso viel über François Pinault als Sammler wie über die Fotografie.
Keine enzyklopädische Geschichte
Genau darin liegt ihr Reiz. Die Pinault Collection versucht nicht, sämtliche Entwicklungen des Mediums abzubilden. Der Katalog beschreibt sie ausdrücklich als Geschichte jener Fotografie, die ihren Anspruch als Kunst formuliert. Die Sammlung konzentriert sich auf Bilder, in denen Fotografie über ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Aufzeichnung hinausgeht – indem sie Wirklichkeit formt, interpretiert, verwandelt oder illusionistisch neu konstruiert.
Deshalb können sich in ihr Julia Margaret Cameron und Barbara Kruger, Gustave Le Gray und Wolfgang Tillmans, August Sander und Cindy Sherman begegnen.
„Remember Me“ überträgt diese subjektive Ordnung nun auf den Raum der Bourse de Commerce. Die Ausstellung versteht Fotografie nicht als lineare Abfolge technischer Fortschritte, sondern als ein System von Bildern, die sich über fast zwei Jahrhunderte gegenseitig kommentieren.
Am Ende steht folgerichtig Man Rays „Ma dernière photographie“. Trotz des Titels ist das Werk keine Fotografie, sondern ein schwarzes, auf Karton gemaltes Rechteck. Es schließt den Parcours mit einer scheinbaren Negation des Mediums – und verweist zugleich zurück auf die Frage, wo Fotografie beginnt und wo sie in andere Kunstformen übergeht.
Remember Me. Masterpieces of Photography from the Pinault Collection
Bourse de Commerce – Pinault Collection, Paris
ab 7. Oktober 2026
Foto oben: Man Ray, Noire et Blanche, 1926
Alle Fotos: Pinault Collection

































