Frankreich macht aus dem 200. Geburtstag der Fotografie weit mehr als ein einzelnes Jubiläumsjahr: Vom 1. September 2026 bis zum 30. September 2027 bündelt das französische Kulturministerium unter dem Titel „Bicentenaire de la Photographie“ mehr als 1.000 Ausstellungen, Festivals, Publikationen, Forschungsprojekte und Bildungsinitiativen. Das Programm reicht von den Anfängen bei Nicéphore Niépce bis zu algorithmischen Bildern und künstlicher Intelligenz und erstreckt sich über Frankreich, die Überseegebiete und rund 40 weitere Länder.
Ausgangspunkt der Feierlichkeiten ist das im Frühjahr 1827 entstandene „Point de vue du Gras“ von Nicéphore Niépce. Die Heliografie auf einer Zinnplatte gilt als älteste erhaltene Fotografie, die mithilfe einer Camera obscura entstand. Das französische Kulturministerium versteht das Jubiläum deshalb bewusst nicht allein als Erinnerung an einen technischen Erfindungsmoment, sondern als Feier einer Idee, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts an verschiedenen Orten gleichzeitig Gestalt annahm: Bilder der Wirklichkeit dauerhaft durch Licht festzuhalten.
Das Original kehrt nach Frankreich zurück
Einer der spektakulärsten Programmpunkte ist die Rückkehr des „Point de vue du Gras“ nach Frankreich. Das Werk befindet sich seit Jahrzehnten im Harry Ransom Center der University of Texas in Austin und wird anlässlich des Bicentenaire erstmals in Frankreich gezeigt. Von Ende April bis Ende Juni 2027 ist es im Musée Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône zu sehen.
Die Ausstellung „L’empreinte d’Hélios. 1826–1827, Niépce invente la photographie!“ stellt Niépces Versuche in den historischen Zusammenhang seiner Zeit und verbindet originale Geräte, Dokumente und fotografische Artefakte unter anderem aus den Sammlungen der Bibliothèque nationale de France, der Société française de photographie und der Cinémathèque mit zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten. Begleitend erscheinen eine umfangreiche Publikation unter Leitung des Fotohistorikers Michel Frizot und eine aktualisierte Ausgabe des 1984 erstmals erschienenen Photo-Poche-Bandes zu Niépce.
Mehr als 1.000 Projekte
Die Dimension des Programms ist bemerkenswert. Mehr als 800 Projektträger beteiligen sich mit über 1.000 offiziell ausgezeichneten Projekten. 86 Prozent davon finden im französischen Mutterland statt, drei Prozent in den Überseegebieten und elf Prozent im Ausland. Internationale Projekte sind in rund 40 Ländern vorgesehen.
Inhaltlich gliedert das wissenschaftliche Komitee das Bicentenaire in vier große Themenfelder: Fotografie als Teil der gemeinsamen Geschichte, ihr verändernder Blick auf Wirklichkeit und Repräsentation, Fotografie als lebendige und sich ständig neu erfindende Disziplin sowie ihre Rolle bei der Erschließung bislang unsichtbarer oder unbekannter Welten. Das sechsköpfige wissenschaftliche Komitee unter Vorsitz der Kunsthistorikerin und Louvre-Konservatorin Dominique de Font-Réaulx vereint unter anderem Éléonore Challine, Alexia Fabre, Michel Poivert, Pierre Singaravélou und Antonio Somaini. Letzterer beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Bilder und visuelle Kultur.
Fotografie zwischen Realität und KI
Bemerkenswert ist, dass das französische Jubiläum nicht versucht, 200 Jahre Fotografie ausschließlich als Erfolgsgeschichte technischer Innovation zu erzählen. Das Programm stellt vielmehr ausdrücklich die Frage, was aus dem traditionellen Verhältnis der Fotografie zur Wirklichkeit wird.
Das wissenschaftliche Manifest beschreibt die historische Vorstellung fotografischer Objektivität als eine von Beginn an wirksame Utopie. Gerade angesichts der zunehmenden Verbreitung KI-generierter Bilder müsse neu darüber nachgedacht werden, weshalb Fotografien weiterhin als unmittelbare Abbilder der Wirklichkeit gelesen werden.
Besonders deutlich wird das in der Ausstellung „Trier le monde“ im Lavoir Numérique in Gentilly. Sie untersucht vom 18. September 2026 bis 14. März 2027, was geschieht, wenn Fotografien nicht mehr allein von Menschen gesammelt, geordnet und interpretiert werden, sondern von Algorithmen. Im Zentrum stehen Datensätze, Annotationen, automatisierte Klassifikation und die Frage, wie sehr vermeintlich objektive digitale Ordnungssysteme unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Auch das Musée d’art contemporain de Lyon widmet sich mit „Alchimies photographiques“ der Transformation des Mediums. Von Autochromen der Brüder Lumière bis zu algorithmischen Bildern verfolgt die Ausstellung anhand von rund 100 Werken von knapp 60 Künstlern die Übergänge zwischen Fotografie, Wissenschaft, Technologie, Installation und digitaler Bildproduktion.
Staatlicher Auftrag: „Réinventer la photographie“
Eine zentrale Rolle spielt die vom französischen Staat initiierte fotografische Kommission „Réinventer la photographie“. Das Kulturministerium beauftragte das Centre national des arts plastiques bereits 2024 mit dem Projekt. 15 ausgewählte Fotografen unterschiedlicher Generationen sollen die Erfindung und Entwicklung des Mediums mit historischen und aktuellen fotografischen Verfahren neu befragen.
Zu den Teilnehmern gehören Mali Arun, François Bellabas, Lucien Bitaux, Marie Bovo, Anne-Lise Broyer, Gaëlle Choisne, Sybil Coovi Handemagnon, Isabelle Giovacchini, Laurent Lafolie, Laurent Millet, Constance Nouvel, Baptiste Rabichon, Michel Slomka, Stéphanie Solinas und Marie Sommer. Die entstandenen Werke gehen in die Sammlung des Cnap ein und werden zunächst im Hangar in Brüssel, anschließend im Centre photographique d’Île-de-France und schließlich im Rahmen des Grand Arles Express in Marseille präsentiert.
Fotografie soll überall stattfinden
Mit „Grand Angle“ verfolgt das Kulturministerium zugleich einen bewusst dezentralen Ansatz. Gemeinsam mit GrandPalaisRmn und der Médiathèque du patrimoine et de la photographie wurden elf vollständig vorbereitete Ausstellungen entwickelt, die Kommunen, Schulen, Bibliotheken und andere Einrichtungen übernehmen können.
Die Themen reichen von Nadar, Harcourt und Lévin über Willy Ronis und 50 Jahre Kriegsfotografie bis zu Tanz, Tierfotografie, Mittelmeerbildern und Kunstreproduktion. Die Bildrechte übernimmt das Kulturministerium. Über das Institut français können die Ausstellungen außerdem von französischen Kulturinstituten und Alliances françaises im Ausland genutzt werden.
Auch die Netzwerke Diagonal mit 31 Fotografiezentren und LUX mit 33 Festivals und Fotomessen sind eingebunden. LUX schickt unter anderem ein mobiles analoges Fotolabor auf Tour durch Frankreich und veröffentlicht ein in 20.000 Exemplaren kostenlos verbreitetes „Dictionnaire (presque) complet de la photographie“.
Vom Louvre bis Paris Photo
Nahezu sämtliche großen französischen Fotoinstitutionen beteiligen sich. Der Louvre zeigt ab 4. November 2026 „Louvre Photo“ und untersucht damit seine eigene Bedeutung für die frühen Fotografen des 19. Jahrhunderts.
Im Rahmen der Paris Photo 2026 präsentiert das Centre Pompidou im Grand Palais unter dem Titel „Révéler“ rund 100 Arbeiten von etwa 30 historischen und zeitgenössischen Künstlern aus seiner Fotosammlung.Im R Das Programm „Elles × Paris Photo“ zur stärkeren Sichtbarkeit von Fotografinnen wird fortgeführt.
Das Jeu de Paume widmet William Klein ab Januar 2027 die Ausstellung „Revoir New York“, während die Bibliothèque nationale de France mit „Dans le plus simple appareil“ anhand von 200 Werken zwei Jahrhunderte Aktfotografie untersucht – von frühen Daguerreotypien bis zu Robert Mapplethorpe, Diane Arbus und Helmut Newton.
Die Archives nationales zeigen wiederum bislang wenig bekannte Bestände von Robert Capa, Gerda Taro und David „Chim“ Seymour aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Grundlage sind acht Schulhefte mit insgesamt 4.650 Kontaktabzügen, die sich seit 1952 in den französischen Nationalarchiven befinden.
Arles feiert 2027 mit
Auch die Rencontres de la Photographie d’Arles stellen ihre 58. Ausgabe vom 5. Juli bis 3. Oktober 2027 unter das Zeichen des Bicentenaire. Geplant ist unter anderem eine gemeinsam mit dem Louvre und dem Musée départemental Arles antique entwickelte Ausstellung zu Fotografie und Archäologie.
Während der Eröffnungswoche soll außerdem eine große „Fête de la photographie“ stattfinden. Damit wird Arles im Sommer 2027 voraussichtlich zu einem der zentralen Treffpunkte des internationalen Jubiläumsprogramms.
Fotobücher als Teil des Jubiläums
Das Bicentenaire versteht Fotografie ausdrücklich auch als publizistisches Medium. Gemeinsam mit dem Centre national du livre hat das Kulturministerium einen Sonderfonds eingerichtet, der 32 neue Publikationen, Übersetzungen und Wiederauflagen unterstützt.
Als offizielles Referenzwerk erscheint unter der Leitung des wissenschaftlichen Komitees „PHOTOgraphies“bei GrandPalaisRmn Éditions. Der 364 Seiten starke Band versammelt Beiträge von 16 Wissenschaftlern, Kuratoren und Historikern und kostet 30 Euro.
Daneben erscheinen unter anderem eine umfangreiche Monografie zu Hippolyte Bayard, Luce Lebarts „Histoires de nuages“ sowie zahlreiche Neu- und Wiederveröffentlichungen. Fisheye begleitet das Jubiläum mit einem 220-seitigen Sonderheft, das ein Jahr lang erhältlich sein soll.
Fotografische Berufe im Blick
Ungewöhnlich für ein solches Jubiläumsprogramm ist die starke Einbeziehung der beruflichen Infrastruktur hinter der Fotografie. Das Bicentenaire würdigt ausdrücklich Printer, Labore, Verleger, Kuratoren und Agenturen.
Das Kulturministerium hat gemeinsam mit Berufsverbänden zudem die Definition des französischen Kunsthandwerksberufs „photographe technicien“ überarbeitet, um insbesondere die Arbeit professioneller Printer besser anzuerkennen. Erstmals wurde 2026 mit Thomas Consani und seinem Schüler Alexandre Dias Lopes ein Printer-Duo in das französische Programm „Maîtres d’art – Élèves“ aufgenommen.
Bilder lesen lernen
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bildkompetenz. Das Dossier verweist darauf, dass täglich mehr als eine Milliarde Bilder im Internet zirkulieren. Fotografische Bildung wird deshalb nicht als Zusatzprogramm verstanden, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.
Mit Wettbewerben, Schulprojekten, Workshops und frei zugänglichen Lehrmaterialien sollen insbesondere junge Menschen lernen, Fotografien ebenso kritisch zu lesen wie Texte. Das französische Kulturministerium arbeitet dabei mit dem Bildungs- und Landwirtschaftsministerium sowie Museen, Archiven, Bibliotheken und Fotografiezentren zusammen.
Mehr als eine Geburtstagsparty
Frankreich nutzt die 200 Jahre Fotografie damit für eine ungewöhnlich umfassende Bestandsaufnahme des Mediums. Historische Sammlungen werden geöffnet, vergessene Archive neu ausgewertet, zeitgenössische Positionen beauftragt, Publikationen gefördert und zugleich Fragen nach Urheberrecht, künstlicher Intelligenz, fotografischen Berufen und Bildkompetenz auf die politische Agenda gesetzt.
Dass der französische Staat das Jubiläum über 13 Monate und weit über die klassischen Fotoinstitutionen hinaus organisiert, ist dabei fast ebenso bemerkenswert wie die einzelnen Ausstellungen. Das Bicentenaire versteht Fotografie nicht als abgeschlossene Kulturgeschichte, sondern als Medium, dessen Vergangenheit gerade deshalb relevant bleibt, weil seine Zukunft derzeit neu verhandelt wird.
https://bicentenairephotographie.fr/


















