Die Fotostiftung Schweiz hat einen zentralen Teil des Archivs von Balthasar Burkhard erschlossen und online zugänglich gemacht. Rund 2.800 Silbergelatineabzüge aus unterschiedlichen Werkgruppen des Schweizer Fotografen wurden aufgearbeitet, konservatorisch betreut, digitalisiert und inventarisiert. Damit steht erstmals eine breite Werkübersicht für Forschung, Ausstellungen, Publikationen und die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung.
Balthasar Burkhard, 1944 geboren und 2010 gestorben, zählt zu den prägenden Schweizer Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst Landschaften, Luftaufnahmen von Metropolen und den Alpen, Tierporträts, Blumenstillleben und fragmentierte Körperbilder. Seit 2022 betreut die Fotostiftung Schweiz seinen Nachlass.
- Balthasar Burkhard, Alpen
Burkhard verstand Fotografie früh ausdrücklich als künstlerisches Medium. Damit unterschied er sich von einer Fotografie, die in den 1960er und 1970er Jahren noch stark durch Reportage und angewandte Bildproduktion geprägt war. Seine Arbeiten fanden Eingang in internationale Museumssammlungen und gehörten zu jenen Positionen, die zur Etablierung der Fotografie im Kunstkontext beitrugen.
Mehr als bekannte Bilder
Die Erschließung des Archivs macht nun nicht nur bekannte Motive zugänglich. Sie eröffnet zugleich einen Blick auf Burkhards Arbeitsweise.
Bei der Aufarbeitung der Werkgruppe der Körper stieß das Team der Fotostiftung beispielsweise auf zahlreiche Entwürfe und konzeptionelle Vorarbeiten. Sie ermöglichen es, die Entstehung jener reduzierten, häufig stark fragmentierten Körperbilder nachzuvollziehen, für die Burkhard später bekannt wurde.
Gerade solche Materialien machen fotografische Archive für die Forschung interessant. Sie zeigen nicht nur das autorisierte Endprodukt, sondern auch Varianten, Entscheidungen und verworfene Ansätze.
Dass Burkhard selbst diese Prozesse ernst nahm, zeigt eine Aussage aus dem Jahr 1976. Damals erklärte er über seine frühen Versuche mit Aktfotografie, ihm seien Akte nie gelungen und er habe die Aufnahmen verworfen. Zugleich hielt er fest, dass die verworfenen Fotografien ebenso wichtig seien wie die realisierten Arbeiten.
Nur wenige Jahre später begann jenes umfangreiche Körperprojekt, an dem er von etwa 1980 bis 1993 arbeitete und bei dem er sich seinen Modellen mit einer präzisen, beinahe analytischen Bildsprache näherte.
Vom Chlöntal bis Mexico City
Burkhards fotografische Welt war ausgesprochen vielfältig. Bekannt wurden seine Landschaften ebenso wie großformatige Luftaufnahmen von Städten wie Mexico City und Chicago oder den Schweizer Alpen. Tierporträts wie der „Pavian“ und „Little Donkey“, Blumen vor schwarzem Hintergrund und die radikal angeschnittenen menschlichen Körper gehören zu den wiederkehrenden Werkgruppen.
Gemeinsam ist ihnen eine Konzentration auf Form, Oberfläche und Wahrnehmung.
Auch seine Landschaften verstand Burkhard nicht primär als Dokumentation eines konkreten Ortes. Er beschrieb sie vielmehr als Versuch, die Aussage auf ein Minimum zu reduzieren und Distanz sowohl zum Gegenstand als auch zur eigenen Arbeit zu gewinnen. Entscheidend sei die Leere.
Als einen ihm besonders nahestehenden Künstler nannte er Alberto Giacometti. Die Verbindung sah Burkhard in der Beschäftigung mit Wahrnehmung, Licht und Schatten – Kategorien, die auch sein eigenes fotografisches Werk bestimmen.
- Torso, 1984
Chronist der Kunsthalle Bern
Das Archiv ist zugleich ein Dokument der Schweizer Kunstgeschichte.
Burkhard arbeitete zeitweise als Fotograf der Kunsthalle Bern und dokumentierte dort das Umfeld von Harald Szeemann, der später zu einem der einflussreichsten Ausstellungsmacher des 20. Jahrhunderts werden sollte. Damit erhalten die Bestände über Burkhards eigenes Werk hinaus Bedeutung für die Erforschung der Ausstellungspraxis und Kunstszene seit den 1970er Jahren.
Die neu erschlossenen Referenzprints bieten Kuratoren künftig eine verlässliche Grundlage für Ausstellungsprojekte. Medien und Verlage können hochaufgelöste Bilddateien für Publikationen und Online-Beiträge anfordern.
Darüber hinaus befinden sich in Winterthur zahlreiche Publikationen zu Balthasar Burkhard in der gemeinsam von Fotostiftung Schweiz und Fotomuseum Winterthur betriebenen Fachbibliothek. Ergänzende Archivalien können nach Voranmeldung eingesehen werden. Dazu zählt auch das Manuskript eines Vortrags, den Burkhard 1976 an der University of Illinois in Chicago hielt.
Solche Quellen erweitern die fotografischen Bestände um die Stimme des Künstlers selbst und ermöglichen es, sein Selbstverständnis, seine Motive und auch seine Zweifel genauer nachzuvollziehen.
Fotografisches Erbe im Netz
Mit der Veröffentlichung der rund 2.800 aufgearbeiteten Silbergelatineabzüge wird Burkhards Werk nun wesentlich einfacher recherchierbar. Für die Fotostiftung ist das Projekt zugleich Teil einer umfassenderen Aufgabe.
Die 1971 gegründete Institution widmet sich der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als schweizerischem Kulturgut. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende fotografische Archive. Zwischen 2027 und 2031 sollen diese Bestände in einem weiteren Schwerpunktprojekt strukturell und inhaltlich neu erfasst und damit gezielter recherchierbar gemacht werden.
Die Digitalisierung ersetzt dabei nicht das physische Archiv. Sie schafft vielmehr einen Zugang zu ihm.
Gerade im Fall Balthasar Burkhards zeigt sich, welchen Wert eine solche Erschließung haben kann: Sie bringt nicht nur bekannte Werke ins Netz, sondern macht Zusammenhänge, Varianten und Arbeitsprozesse sichtbar, die sich bislang vor allem innerhalb des Archivs erschlossen.
Damit ist die nun verfügbare Werkübersicht weniger Abschluss als Ausgangspunkt. Sie schafft die Grundlage für neue Ausstellungen, Publikationen und Forschungen zu einem Fotografen, der wesentlich dazu beigetragen hat, Fotografie in der Schweiz als eigenständige künstlerische Position zu etablieren.

















