Was geht Menschen durch den Kopf, wenn sie an Deutschland denken? Der Fotograf Ralf Baumgarten sucht Antworten mit einer analogen Großformatkamera, viel Geduld und einer überraschenden Frage im entscheidenden Moment. Seine Schwarzweißporträts verbinden fotografische Präzision mit persönlichen Gedanken über Heimat, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Wirklichkeit. Die erste Ausstellung seines Projekts „Denk’ ich an Deutschland“ ist ab dem 8. November 2026 in Saarbrücken zu sehen.
Normalerweise führt ihn seine Arbeit um die halbe Welt. Ralf Baumgarten fotografiert Kamele in Dubai, Radfahrer in China oder deutschen Maschinenbau in Texas. Für sein jüngstes freies Projekt richtet der in Saarbrücken geborene und heute in Köln arbeitende Fotograf die Kamera jedoch auf Menschen in Deutschland. Nicht als repräsentative Auswahl nach statistischen Kriterien, sondern als subjektive Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis sich zunehmend verändert.
„Denk’ ich an Deutschland“ heißt seine Serie, für die Baumgarten Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Lebenssituationen porträtiert. Das Besondere daran ist nicht allein die fotografische Technik, sondern ein kleines Ritual am Ende jeder Aufnahme.
Wenn die Kamera eingestellt ist, Haltung und Ausdruck gefunden sind und der Fotograf den Drahtauslöser in der Hand hält, fordert er sein Gegenüber auf, an Deutschland zu denken. Dann belichtet er das Negativ.
Erst anschließend fragt Baumgarten, welche Gedanken seinen Protagonisten in diesem Augenblick durch den Kopf gegangen sind.
So entsteht zu jedem Porträt eine persönliche Aussage, die das Bild um eine zweite, sprachliche Ebene ergänzt.
Entschleunigung im Großformat
Für seine Serie verwendet Baumgarten eine Plaubel-Großformatkamera aus dem Jahr 1960. Das Aufnahmeformat beträgt 8 × 10 Inch, entsprechend rund 20 × 25 Zentimetern.
Die Arbeit mit einer solchen Kamera unterscheidet sich grundlegend von der digitalen Porträtfotografie. Nichts geschieht beiläufig. Das Gerät muss aufgebaut, die Perspektive festgelegt, die Schärfe auf der Mattscheibe eingestellt und das Filmmaterial eingelegt werden. Auch die porträtierte Person benötigt Geduld.
Gerade diese Langsamkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die gemeinsame Vorbereitung schafft Zeit für Gespräche und verändert das Verhältnis zwischen Fotograf und Modell. Die Aufnahme wird nicht aus einer Vielzahl spontan entstandener Bilder ausgewählt, sondern gemeinsam erarbeitet.
Baumgarten belichtet pro Person nur ein einziges Großformatnegativ. Eine unmittelbare Bildkontrolle gibt es nicht. Erst nach der Entwicklung im Fachlabor zeigt sich, ob die Aufnahme gelungen ist.
Die Entscheidung für Schwarzweiß folgt derselben Konzentration auf das Wesentliche. Farben und andere visuelle Reize treten zurück, während Haltung, Gesichtsausdruck, Kleidung und Körpersprache an Bedeutung gewinnen.
Zwischen Sander und Avedon
Mit seiner Serie stellt sich Baumgarten bewusst in eine fotografische Tradition.
Als wichtige Bezugspunkte nennt er August Sanders monumentales Porträtprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ und Richard Avedons Serie „In the American West“.
Sander versuchte, die gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit anhand unterschiedlicher Berufsgruppen und sozialer Milieus sichtbar zu machen. Avedon löste seine Protagonisten dagegen aus ihrem alltäglichen Umfeld und fotografierte sie vor neutralem Hintergrund, wodurch sich die Aufmerksamkeit auf ihre körperliche Präsenz und individuelle Erscheinung konzentrierte.
Baumgarten greift Elemente beider Ansätze auf, verbindet sie jedoch mit einer zusätzlichen Frage: Was bedeutet Deutschland für die Menschen, die hier leben?
Damit geht sein Projekt über die visuelle Beschreibung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen hinaus. Die Fotografierten werden nicht allein zum Gegenstand einer Betrachtung, sondern formulieren selbst, was sie mit dem Land verbindet.
Die entstandenen Antworten sind so unterschiedlich wie die porträtierten Menschen.
Deutschland zwischen Heimat, Hoffnung und Widerspruch
Eine 21-jährige Schülerin aus dem Südsudan erinnert sich beim Gedanken an Deutschland an ihre erste Zeit als Flüchtling in Bayern. Eine 17-jährige Schülerin denkt an ihre Familie und anschließend an ihre zweite Familie, den Sport.
Für einen 22-jährigen dualen Studenten verbindet sich Deutschland mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst. Seine Zukunft liegt noch vor ihm, und mit ihr die Frage, welche Möglichkeiten und Unsicherheiten ihn erwarten.
Ein 21-jähriger Schüler aus der Ukraine nennt dagegen zwei scheinbar unvereinbare Assoziationen: „Schnitzel und AfD“.
Gerade solche Antworten verleihen dem Projekt seine gesellschaftliche Dimension. Deutschland erscheint nicht als einheitliche Vorstellung, sondern als Summe individueller Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen und Widersprüche.
Dabei geht es Baumgarten weniger um politische Stellungnahmen als um die unmittelbaren Gedanken seiner Zeitgenossen. Seine Frage ist bewusst offen formuliert. Sie erlaubt persönliche, ernste, humorvolle oder widersprüchliche Reaktionen.
Die Verbindung von Porträt und Aussage eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, die sichtbare Person mit ihren Gedanken in Beziehung zu setzen. Zugleich wird deutlich, dass sich gesellschaftliche Identität nicht allein aus äußeren Merkmalen ablesen lässt.
Erste Ausstellung in der Heimatstadt
Die erste Präsentation von „Denk’ ich an Deutschland“ findet in Saarbrücken statt. Dass Baumgarten seine Serie ausgerechnet in seiner Geburtsstadt vorstellt, geht auf die langjährige Freundschaft mit dem Galeristen und Künstler Prof. Albert Herbig zurück.
Herbig betreibt in der Feldmannstraße die Galerie SALI E TABACCHI, einen unabhängigen Kunstraum für zeitgenössische Positionen.
Die Ausstellung markiert eine erste Zwischenstation des Projekts, das Baumgarten auf etwa 50 Porträts erweitern möchte. Für 2027 plant er eine Präsentation mit lebensgroßen Fotografien in Düsseldorf anlässlich des Tags der Deutschen Einheit.
Die großformatige Präsentation könnte den Arbeiten eine zusätzliche Wirkung verleihen. Denn die Aufnahmen leben nicht zuletzt von der unmittelbaren Begegnung mit den Porträtierten und der Möglichkeit, sich mit deren persönlichen Aussagen auseinanderzusetzen.
Gerade in einer Zeit, in der Begriffe wie Heimat, Nation und Zugehörigkeit zunehmend kontrovers diskutiert werden, eröffnet Baumgartens Ansatz eine andere Perspektive: Anstelle abstrakter Zuschreibungen stehen einzelne Menschen mit ihren individuellen Erfahrungen.
Sein fotografisches Verfahren ist dabei ebenso konsequent wie einfach. Die analoge Großformatkamera erzwingt Geduld und Aufmerksamkeit, die Schwarzweißfotografie reduziert die visuellen Mittel, und die Frage im Moment der Aufnahme verbindet das Porträt mit einem Gedanken, der sonst unsichtbar bliebe.
So entsteht eine Serie, die weniger ein abschließendes Bild Deutschlands entwerfen will, als die Vielfalt persönlicher Vorstellungen von diesem Land sichtbar zu machen.
Galerie:
https://www.albertherbigart.d
Fotograf:
ralfbaumgarten.de
























