Mit der Ausstellung Vor meinen Augen widmet die Galerie Bene Taschen in Köln vom 14. März 2026 – 9. Mai 2026 dem Fotografen Rudi Meisel erstmals eine umfassende Einzelausstellung innerhalb ihres Programms und öffnet zugleich ein Fenster in die jüngere deutsche Geschichte.
- Platz der Akademie, Deutscher Dom, Wilhelm-Kuelz-Straße / Mohrenstrasse, Berlin-Mitte, DDR1980
- Rudi Meisel, Strassenbahnhaltestelle Troendlinring, Friedrich-Engels-Platz, Leipzig, DDR 1984
- Rudi Meisel, S-Bahnsteig, Alexanderplatz, Berlin-Mitte, DDR 1980
Fotografie beginnt oft dort, wo sich das Offensichtliche dem schnellen Blick entzieht. Sie entsteht nicht aus spektakulären Ereignissen allein, sondern aus Aufmerksamkeit. Genau dieser Haltung folgt der deutsche Fotograf Rudi Meisel seit mehr als sechs Jahrzehnten – einer Arbeit, die weniger vom Inszenieren als vom Beobachten geprägt ist.
Meisels Bilder wirken zunächst unspektakulär. Menschen warten auf Bahnsteigen, stehen dicht gedrängt in Waggons, unterhalten sich auf Gehwegen oder verweilen an Raststätten. Doch gerade in diesen scheinbar beiläufigen Situationen entfaltet sich ihre Kraft. Sie zeigen keine großen politischen Gesten, sondern den Alltag als gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft im Wandel. Ost und West erscheinen dabei weniger als Gegensätze denn als parallele Lebensräume, verbunden durch ähnliche Bedürfnisse, Routinen und Hoffnungen.
- Rudi Meisel, S-Bahn Zweckel, Ruhrgebiet, BRD 1985
- Rudi Meisel, Große Straße, Twistringen, Niedersachsen, BRD 1984
- Deutsche Bundesbahn 2.Klasse, Dortmund nach Muenster, Nordrhein-Westfalen, BRD 1983
Der Fotograf, 1949 in Wilhelmshaven geboren, studierte bei Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen und gehört zu jener Generation deutscher Bildjournalisten, die Fotografie als gesellschaftliches Dokument verstanden. Als Mitgründer der Fotoagentur VISUM arbeitete Meisel für Magazine wie Der Spiegel, ZEITmagazin, Stern oder art. Seine Kamera begleitete politische Umbrüche ebenso wie architektonische Transformationen, etwa bei der Dokumentation des Reichstagsumbaus im Austausch mit Norman Foster.
Besonders prägend wurde seine Arbeit als einer der wenigen Fotografen aus der Bundesrepublik, die regelmäßig in der DDR fotografieren konnten. Die Werkreihe Landsleute 1977–1987: Two Germanys entstand über elf Jahre hinweg und entwickelte sich zu einem umfangreichen Archiv des geteilten Landes. Dabei interessiert Meisel weniger das Spektakel politischer Systeme als deren Auswirkungen auf den Alltag. Seine Fotografien zeigen, wie Geschichte nicht nur in Parlamenten oder auf Demonstrationen entsteht, sondern im Warten, Arbeiten und Unterwegssein gewöhnlicher Menschen.
- 1971_Autorast_A3-Siegburg-Ost (Mutter+Sohn lesend) BRD 1971
- Rudi Meisel, Autorast, A3, Königsforst-West, südlich von Köln, BRD 1971
- Rudi Meisel, A42 vor der Freigabe, Bruckhausen, Duisburg, BRD 1979
Auch frühere Serien wie Autorast von 1971 verdeutlichen diesen Blick. Rastplätze entlang der Autobahn A3 werden darin zu Bühnen flüchtiger Begegnungen. Menschen essen, tanken, rauchen oder spielen Karten – kurze Unterbrechungen auf langen Wegen. In den Schwarzweißaufnahmen verwandeln sich diese anonymen Durchgangsorte in zeitlose Studien über Bewegung und Pause, über das Bedürfnis nach Orientierung zwischen Herkunft und Ziel.
Dass Meisels Werk heute in bedeutenden Sammlungen vertreten ist, darunter das Deutsche Historische Museum in Berlin oder das Museum Folkwang in Essen, überrascht kaum. Seine Fotografien funktionieren als visuelle Erinnerungsschichten. Sie zeigen Deutschland nicht als abstrakte Idee, sondern als Summe individueller Augenblicke. Gerade in einer Gegenwart, die von permanent produzierten Bildern geprägt ist, wirken diese ruhigen Beobachtungen fast entschleunigend.
Vor meinen Augen macht deshalb mehr sichtbar als eine fotografische Karriere. Die Ausstellung erinnert daran, dass Fotografie nicht nur dokumentiert, sondern auch zuhört. Meisel beschreibt seine Arbeitsweise mit dem Satz: „Beim Fotografieren bin ich nur Auge.“ Vielleicht liegt gerade darin die bleibende Qualität seiner Bilder – im Vertrauen darauf, dass Aufmerksamkeit genügt, um Geschichte sichtbar zu machen.
* Galerie Bene Taschen, Lindenstraße 19, 50674 Köln






















