Mehr als 55 Fotografien von Peter Lindbergh zeigt ab September die Ausstellung „Hors Champ“ im Brüsseler TheMerode. Statt einer weiteren klassischen Retrospektive verspricht die gemeinsam mit der Peter Lindbergh Foundation entwickelte Schau einen Blick über die bekannten Ikonen hinaus – auf das, was in Lindberghs Bildern außerhalb des eigentlichen Bildfeldes mitschwingt.
Am 12. September 2026 eröffnet in Brüssel die Ausstellung „PETER LINDBERGH. HORS CHAMP“. Gezeigt werden mehr als 55 Arbeiten des 2019 verstorbenen Fotografen. Kuratiert wurde die Ausstellung eigens für TheMerode von Benjamin Lindbergh und Thoaï Niradeth in Zusammenarbeit mit der Peter Lindbergh Foundation.
- Peter Lindbergh – 1996 Lily’s Hands, Los Angeles, 1996
- Peter Lindbergh – 1994 Uschi Obermaier, Los Angeles, 1994
Der Titel „Hors Champ“ – außerhalb des Bildfeldes – gibt dabei die Richtung vor. Im Mittelpunkt steht weniger eine chronologische Aufarbeitung von Lindberghs Karriere als die Frage, was seine Fotografien jenseits dessen erzählen, was unmittelbar zu sehen ist. Blicke und Gesten, Körperhaltungen, Räume und Landschaften werden als Träger von Erinnerungen und Geschichten gelesen. Die Ausstellung versteht Lindberghs Fotografien als Bilder, deren Bedeutung sich nicht an der sichtbaren Oberfläche erschöpft.
Jenseits der Supermodels
Peter Lindbergh hat die Modefotografie über Jahrzehnte geprägt. Seine Bilder von Linda Evangelista, Naomi Campbell, Christy Turlington, Cindy Crawford oder Tatjana Patitz trugen entscheidend zum Mythos der Supermodels bei. Gleichzeitig widersetzte er sich früh jener Vorstellung von Perfektion, die Modefotografie lange bestimmte. Natürlichkeit, Persönlichkeit und eine bewusst reduzierte Inszenierung wurden zu Kennzeichen seiner Bildsprache.
„Hors Champ“ nimmt diese bekannten Facetten auf, erweitert den Blick aber deutlich. Zu sehen sind Porträts ebenso wie Landschaften, Architekturen und industrielle Räume. Die bislang veröffentlichte Werkauswahl reicht von Arbeiten aus den 1980er Jahren bis weit in die 2010er Jahre. Darunter finden sich Aufnahmen aus Duisburg, Berlin, Pittsburgh, Beauduc oder von der Küste von Dorset ebenso wie Porträts und Modearbeiten.
- Peter Lindbergh – 1997 Esther Cañadas, Nevada, 1997
Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis Lindberghs wesentlich. Seine menschenleeren Landschaften und Industriestätten sind keineswegs bloße Nebenwerke seiner Mode- und Porträtfotografie. TheMerode beschreibt sie als Orte, die Spuren menschlicher Arbeit, Erinnerung und Geschichte bewahren. Industriebrachen, Küsten und schwere Himmel werden zu stillen Zeugen einer Welt, die in Lindberghs Porträts auf andere Weise wiederkehrt.
Dass dabei ausgerechnet Duisburg immer wieder auftaucht, ist kein Zufall. Lindbergh wuchs im industriell geprägten Nordrhein-Westfalen auf und bezeichnete das Ruhrgebiet rückblickend als eine entscheidende „grafische Schule“. Die Härte und Direktheit dieser Umgebung habe seine Wahrnehmung geprägt. Bevor er Anfang der 1970er Jahre zur Fotografie fand, hatte Lindbergh Malerei studiert und sich unter anderem mit Konzeptkunst auseinandergesetzt.
Eine neue Lesart des Archivs
Gerade darin unterscheidet sich „Hors Champ“ von der großen Ausstellung „Untold Stories“, die Lindbergh noch selbst über mehrere Jahre zusammengestellt hatte. Sie wurde 2020 zunächst im Düsseldorfer Kunstpalast eröffnet und später unter anderem in Brüssel gezeigt. „Untold Stories“ war in gewisser Weise Lindberghs eigener Blick zurück auf sein Werk.
- Peter Lindbergh – 2000 Alex Lundqvist, Norbert Michalke & Mark Vanderloo, New York, 2000 (2)
„Hors Champ“ entsteht dagegen bereits aus der posthumen Beschäftigung mit seinem Archiv. Benjamin Lindbergh und Thoaï Niradeth setzen Arbeiten aus unterschiedlichen Jahrzehnten neu miteinander in Beziehung und verschieben damit zwangsläufig auch den Blick auf das Werk.
Das ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil sich die Aufgaben der Peter Lindbergh Foundation ausdrücklich nicht auf die Bewahrung der bekannten Modebilder beschränken. Die Stiftung dokumentiert und erhält das Werk und will künftig auch frühe Arbeiten aus Lindberghs Zeit als Konzeptkünstler stärker sichtbar machen. Gleichzeitig versteht sie ihre Aufgabe darin, sein fotografisches Vermächtnis sowohl als handwerkliches wie als künstlerisch visionäres Werk weiterzuentwickeln und zu vermitteln.
Damit stellt sich zunehmend eine Frage, die viele große fotografische Nachlässe betrifft: Wie verändert sich ein Werk, wenn der Künstler selbst nicht mehr darüber entscheidet, welche Bilder nebeneinander hängen und welche Teile seines Archivs sichtbar werden? „Hors Champ“ könnte gerade deshalb mehr sein als eine weitere Präsentation bekannter Lindbergh-Ikonen.
Lindbergh in Bewegung
Zur Eröffnung gehört auch Lindberghs filmische Arbeit. Während des TheMerode Art Day wird mehrfach der Kurzfilm „Pina Bausch – A Portrait by Peter Lindbergh based on ‘Der Fensterputzer’“ gezeigt. Ergänzend sind stündliche Führungen durch die Ausstellung vorgesehen.
Die Vernissage findet am Samstag, 12. September, von 11 bis 17 Uhr im Rahmen des zweiten TheMerode Art Day statt. Der Veranstaltungstag ist Teil von RendezVous – Brussels Art Week. Für diesen Tag öffnet der ansonsten als privater Mitgliederclub organisierte TheMerode seine Türen ausdrücklich für die Öffentlichkeit. Neben der Lindbergh-Ausstellung stehen unter anderem Arbeiten von David Shrigley, eine Skulptur von Tony Cragg sowie ein Gespräch zwischen dem früheren Art-Basel-Direktor Marc Spiegler und Kendell Geers auf dem Programm.
„PETER LINDBERGH. HORS CHAMP“, TheMerode, Place Poelaert 6, Brüssel. Eröffnung: 12. September 2026.
Foto oben: Peter Lindbergh, Atelier Beaude, Paris, 1997



















