Von Henri Cartier-Bresson und Sebastião Salgado bis zu JR, Alex Webb und Ragnar Axelsson: Der Dokumentarfilmer Reiner Holzemer erzählt in „Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ von hundert Jahren Fotografie – und davon, wie eine kleine Kamera die Art verändert hat, in der Fotografen der Welt begegnen. Am 12. November kommt der 92-minütige Dokumentarfilm in die deutschen Kinos.
Als Oskar Barnacks Leica 1925 in Serie ging, war die entscheidende Innovation nicht allein das Kleinbildformat. Entscheidend war, was dieses Format ermöglichte: Die Kamera wurde klein genug, um selbstverständlich mitgenommen zu werden. Fotografen konnten sich schneller bewegen, näher am Geschehen arbeiten und auf Situationen reagieren, statt sie aufwendig inszenieren zu müssen. Street Photography, Reportage und moderner Fotojournalismus erhielten damit ein Werkzeug, das ihre Entwicklung entscheidend beeinflusste.
Genau dort setzt Reiner Holzemer mit seinem Dokumentarfilm „Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ an. Statt eine chronologische Unternehmensgeschichte zu erzählen, untersucht er, was die mobile Kleinbildkamera für die visuelle Kultur des vergangenen Jahrhunderts bedeutete. Hunderte Fotografien und die Begegnungen mit Fotografen verschiedener Generationen verbinden historische Ikonen mit aktuellen Formen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie. Der 92 Minuten lange Film startet am 12. November 2026 in den deutschen Kinos.
Von Magnum zur Leica
Die Idee für den Film reicht bei Holzemer rund zwanzig Jahre zurück. Während der Dreharbeiten zu seiner Dokumentation über Magnum Photos durfte er als erster Filmemacher an einem Jahrestreffen der legendären Fotoagentur in New York teilnehmen. Josef Koudelka, René Burri, Elliott Erwitt, Philip Jones Griffiths, Inge Morath, Leonard Freed, Dennis Stock, Martine Franck und Martin Parr waren dort versammelt.
Holzemer fiel etwas auf: Fast jeder hatte eine Leica um den Hals.
Für ihn wurde in diesem Moment sichtbar, wie eng die Geschichte dieser Kamera mit der Geschichte der dokumentarischen Fotografie verbunden ist. Als er später vom hundertjährigen Jubiläum der 1925 begonnenen Serienproduktion der Leica I erfuhr, entstand daraus die Idee zu einem Film.
Holzemer kennt das fotografische Terrain. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Regisseur in seinen Dokumentationen mit Künstlern, Fotografen und der Modewelt. Zu seinen früheren Arbeiten gehören Filme über William Eggleston, August Sander, Juergen Teller und Magnum Photos; daneben entstanden Dokumentationen über Dries Van Noten, Martin Margiela und Lars Eidinger.
Zwei Erzählstränge
„Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ verfolgt zwei parallele Wege. Einerseits lässt Holzemer etablierte Fotografen über Schlüsselbilder ihres Werks sprechen, andererseits beobachtet er Fotografen unmittelbar bei der Arbeit.
So begleitet er den französischen Künstler JR durch Neapel, wo dieser für eines seiner monumentalen „Chronicle“-Projekte Hunderte Bewohner der Stadt fotografiert. Greg Williams wird bei den Filmfestspielen von Venedig beobachtet, Joel Meyerowitz fotografiert am Londoner Oxford Circus, Ragnar Axelsson führt das Filmteam zu den sichtbar schwindenden Gletschern Islands.
Holzemers Auswahl reicht dabei bewusst von Street Photography und klassischem Fotojournalismus über Porträt und Kunst bis zur Kriegsfotografie. Gemeinsam ist vielen Protagonisten eine Arbeitsweise, die eng mit der ursprünglichen Idee der Kleinbildkamera verbunden bleibt: kleine Ausrüstung, Beweglichkeit, unmittelbare Reaktion und möglichst wenig Inszenierung.
Zu den im Film auftretenden Fotografen und Künstlern gehören unter anderem Jane Evelyn Atwood, Ragnar Axelsson, Ralph Gibson, Misan Harriman, JR, Barbara Klemm, Luca Locatelli, Steve McCurry, Joel Meyerowitz, Gabriele Micalizzi, Dominic Nahr, Sebastião Salgado, Andy Summers, Alex Webb und Greg Williams. Ergänzt werden ihre Begegnungen durch Werke von Oskar Barnack, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt, Elliott Erwitt, Inge Morath, Martine Franck, Bruce Davidson und zahlreichen weiteren prägenden Vertretern der Fotogeschichte.
Fotografieren an der Front
Dass die handliche Kamera nicht nur eine ästhetische, sondern mitunter eine existenzielle Dimension besitzt, zeigen die Passagen über Kriegsfotografie.
- Reiner Holzemer und Joel Meyerowitz (Foto: Chris-Ryan)
Holzemer begleitet den Schweizer Fotografen Dominic Nahr bei seiner Arbeit an der ukrainisch-russischen Front. Weil Dreharbeiten dort kaum planbar sind und das Filmteam selbst nicht zur zusätzlichen Gefahr werden durfte, wurden die Aufnahmen in den Schützengräben einem ukrainischen Kameramann mit Fronterfahrung übertragen. Für Holzemer gehören diese Sequenzen zu den eindringlichsten des Films.
Der italienische Fotograf Gabriele Micalizzi erzählt dagegen von einem Ereignis aus dem Jahr 2019. Während er die Offensive gegen die letzte ISIS-Bastion in Baghuz dokumentierte, wurde er von einer RPG-Rakete schwer verletzt. Seine vor dem Körper getragene Leica fing einen Teil des Treffers ab und rettete ihm nach eigener Darstellung das Leben.
Hier wird die Kamera endgültig vom Designobjekt zum Arbeitsgerät – und zum Gegenstand, der buchstäblich zwischen Fotograf und Ereignis steht.
Salgados Vermächtnis
Besonderes Gewicht erhält im Film die Begegnung mit Sebastião Salgado. Holzemer konnte den brasilianischen Fotografen noch ausführlich zu seinem Werk, seiner Herkunft und seinem Verständnis von der Würde des Menschen befragen.
Salgado starb 2025 in Paris. Für Holzemer bekam das Gespräch dadurch im Nachhinein den Charakter eines Vermächtnisses. Gerade Salgados jahrzehntelange Verbindung von klassischem Fotojournalismus, monumentaler Schwarzweißfotografie und gesellschaftlichem Engagement macht deutlich, dass es dem Film letztlich um mehr geht als um eine Kameramarke.
Auch Jane Evelyn Atwood steht für diese Haltung. Ihre langfristigen Projekte über Prostituierte, Gefängnisse und gesellschaftliche Außenseiter entstanden aus dem Wunsch, mit der Kamera Zugang zu Lebenswelten zu bekommen, die ihr ansonsten verschlossen geblieben wären. Für Holzemer formulierte sie einen denkbar einfachen Maßstab: Ein gutes Foto müsse bewegen – ein großartiges überwältigen.
Sehen statt Technik
Interessant wird „Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“ vor allem dort, wo der Film den Mythos der Kamera hinter sich lässt und nach der fotografischen Haltung fragt, die mit ihr verbunden ist.
Bei Alex Webb etwa spielt der Messsucher eine Rolle, weil er dem Fotografen erlaubt, mit einem Auge durch die Kamera und gleichzeitig mit dem anderen die reale Szene weiter zu beobachten. Das Werkzeug verschwindet damit idealerweise zwischen Wahrnehmung und Reaktion.
Auch Joel Meyerowitz steht für diese unmittelbare Form des Sehens. Holzemer begleitet den damals 86-Jährigen beim Fotografieren am Oxford Circus und zeigt einen Fotografen, dessen Aufmerksamkeit für das Flüchtige Jahrzehnte nach Beginn seiner Karriere ungebrochen ist.
Der Film bleibt dabei nicht bei den historischen Heroen stehen. JR nutzt Fotografie für monumentale Arbeiten im öffentlichen Raum, Misan Harriman dokumentierte die Black-Lives-Matter-Proteste in London, Ragnar Axelsson hält seit Jahrzehnten die Veränderungen von Natur und Lebensbedingungen im Norden fest. Dadurch entsteht weniger eine Geschichte der Leica als eine Geschichte unterschiedlicher Vorstellungen davon, wofür eine Kamera eingesetzt werden kann.
Die Frage nach fotografischer Wahrheit
Damit bekommt Holzemers Film eine Aktualität, die über das hundertjährige Leica-Jubiläum hinausgeht.
Der Regisseur beschreibt das Projekt als eine Rückkehr zu seiner eigenen Leidenschaft für Fotografie. Er wolle sichtbar machen, mit welchem Engagement Fotografen ihrer Arbeit nachgehen und wie sehr sie sich „in einer Zeit, in der die Bildmanipulation keine Grenzen kennt“ dafür verantwortlich fühlen, Wahrheit zu vermitteln. Gleichzeitig hofft er auf eine sehr unmittelbare Reaktion des Publikums: dass Zuschauer anschließend selbst wieder eine Kamera in die Hand nehmen und „richtige Fotos“ aufnehmen wollen.
Holzemer formuliert damit eine Frage, die dokumentarische Fotografie seit jeher begleitet und heute erneut an Gewicht gewinnt: Was kann ein fotografisches Bild bezeugen, und worauf gründet das Vertrauen in seinen Urheber?
Generative KI ist dabei nicht ausdrücklich Gegenstand des Films. Doch wenn Holzemer von einer Zeit spricht, in der Bildmanipulation kaum noch Grenzen kennt, liegt die aktuelle Entwicklung synthetischer Bilder als zusätzlicher Kontext nahe. Umso stärker rückt die Haltung der im Film versammelten Fotografen in den Vordergrund: Sie gehen an Orte, begegnen Menschen und Situationen und übernehmen Verantwortung dafür, wie sie diese mit der Kamera sichtbar machen.
Hundert Jahre nach der Leica I ist die technische Revolution der kleinen, mobilen Kamera längst selbstverständlich geworden. Ihr ursprüngliches Versprechen bleibt jedoch bemerkenswert aktuell: Ein Fotograf kann mit ihr dort sein.
Nicht die Kamera allein schreibt Geschichte. Entscheidend bleibt, wer sie wohin mitnimmt, worauf er sie richtet – und in welchem Moment er auslöst.
Für die Filmmusik schließt sich übrigens ein weiterer Kreis: Andy Summers, als Gitarrist von The Police weltbekannt und seit Jahrzehnten selbst Fotograf, komponierte den Score gemeinsam mit Ben Brunnemer. Holzemer hatte Summers zunächst beim Fotografieren in Los Angeles begleitet und ihn anschließend gefragt, ob er die Musik zum Film übernehmen wolle.
„Leica – Ein Jahrhundert in Bildern“, Regie und Kamera Reiner Holzemer, Deutschland 2026, 92 Minuten, 4K, Kinostart 12. November 2026.

















