Wie lässt sich eine Architektur fotografieren, deren Bilder längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden sind? In seiner Ausstellung „Then leave the ornamentation of it to nature“ im Meisterhaus Gropius in Dessau hinterfragt der Fotograf Jürgen Beck die überlieferte Bildsprache des Bauhauses. Statt die berühmten Bauten erneut als Ikonen der Moderne zu inszenieren, interessiert ihn ihre Einbindung in den Alltag, ihre Umgebung und die Menschen, die mit ihnen leben. Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Januar 2027 zu sehen.
Kaum eine Architektur des 20. Jahrhunderts ist so eng mit bestimmten Fotografien verbunden wie das Bauhaus. Die klaren Linien, gläsernen Fassaden und geometrischen Kompositionen der historischen Aufnahmen prägen bis heute unsere Vorstellung von den Dessauer Bauten. Die Fotografie hat damit nicht nur zur Verbreitung der Bauhaus-Architektur beigetragen, sondern entscheidend an ihrer Ikonisierung mitgewirkt.
Genau hier setzt der in Zürich lebende Fotograf Jürgen Beck an. Seine Ausstellung „Then leave the ornamentation of it to nature“ im Meisterhaus Gropius stellt die Frage, ob sich diese Architektur auch jenseits der vertrauten Perspektiven und ihrer kunsthistorischen Überhöhung betrachten lässt.
Die Fotografien entstanden während Becks Aufenthalt als Artist in Residence der Stiftung Bauhaus Dessau im Jahr 2025. Im Frühjahr und Herbst lebte und arbeitete er im Meisterhaus Muche und beschäftigte sich mit den Bauhausbauten sowie ihrem städtischen und kulturellen Umfeld.
Architektur als gelebter Raum
Beck interessiert sich weniger für die isolierte Darstellung architektonischer Formen als für die Beziehungen zwischen Gebäuden, Gegenständen und Menschen.
Seine Fotografien verorten die Bauhausbauten in ihrer heutigen Umgebung, beziehen städtische und teilweise postindustrielle Strukturen ein und verbinden historische Gestaltung mit alltäglichen Situationen. Auch Gebrauchsgegenstände von Marianne Brandt, Kleidungsstücke und Studierende der Hochschule Anhalt finden Eingang in seine Bildkompositionen.
Damit verschiebt sich der Blick vom Bauwerk als abgeschlossenem Kunstobjekt auf die Architektur als sozialen Raum. Die Gebäude erscheinen nicht mehr ausschließlich als Zeugnisse einer vergangenen Avantgarde, sondern als Orte, die weiterhin benutzt, wahrgenommen und verändert werden.
Beck sucht dabei nach einer visuellen Nähe, die der klassischen Architekturfotografie häufig fremd ist. Nicht die möglichst perfekte Darstellung eines Gebäudes steht im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel von Raum, Körperlichkeit und alltäglicher Erfahrung.
Gegen das fotografische Klischee
Dass das Bauhaus zu einer visuellen Ikone der Moderne wurde, ist auch das Ergebnis seiner historischen fotografischen Vermittlung. Aufnahmen aus den 1920er-Jahren haben maßgeblich bestimmt, welche Ansichten der Gebäude und welche Vorstellungen vom Leben und Arbeiten am Bauhaus bis heute präsent geblieben sind.
Diese Bilder waren jedoch keineswegs neutrale Dokumente. Perspektive, Lichtführung und Bildausschnitt trugen dazu bei, eine bestimmte Vorstellung von moderner Architektur zu vermitteln.
Becks Arbeit lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Auseinandersetzung mit der Macht fotografischer Bilder verstehen. Indem er vertraute Sichtweisen verlässt und ungewohnte räumliche Beziehungen sichtbar macht, hinterfragt er nicht nur die Wahrnehmung der Architektur, sondern auch ihre fotografische Überlieferung.
Dabei geht es nicht darum, den historischen Aufnahmen ihren dokumentarischen oder künstlerischen Wert abzusprechen. Vielmehr erweitert Beck den Blick auf Gebäude, die durch ihre permanente fotografische Reproduktion längst zu festen Zeichen der Moderne geworden sind.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Ein wesentliches Motiv der Ausstellung ist das Verhältnis zwischen historischem Erbe und gegenwärtiger Nutzung.
Wohn- und Werkstattbauten, Möbel und Gebrauchsgegenstände werden nicht als voneinander unabhängige Designobjekte betrachtet, sondern als Bestandteile eines kulturellen Zusammenhangs, der sich über die Jahrzehnte verändert hat.
Daraus ergibt sich eine andere Vorstellung von Architekturfotografie: Sie dokumentiert nicht allein den Zustand eines Bauwerks, sondern untersucht, wie sich gesellschaftliche Praxis und individuelle Wahrnehmung in Räume einschreiben.
Gerade beim Bauhaus ist dieser Perspektivwechsel interessant. Denn kaum eine andere gestalterische Bewegung hat sich so ausdrücklich mit dem Verhältnis von Kunst und Alltag, Gestaltung und Gebrauch auseinandergesetzt. Becks Fotografien führen diese Fragestellung mit den Mitteln zeitgenössischer Fotografie fort.
Fotografie im Bauhaus-Jubiläumsjahr
Die Ausstellung ist Teil des Residenzprogramms der Stiftung Bauhaus Dessau und wird im Rahmen des Jubiläums „An die Substanz. Bauhaus Dessau 100“ präsentiert. Mit dem Programm erinnert die Stiftung an die Übersiedlung des Bauhauses von Weimar nach Dessau im Jahr 1925 und die anschließende Entwicklung der Schule zu einem international bedeutenden Zentrum der Moderne.
Dass die Fotografien ausgerechnet im Meisterhaus Gropius ausgestellt werden, schafft eine zusätzliche Beziehung zwischen Bild und Ausstellungsort. Die Architektur, mit der sich Beck fotografisch auseinandersetzt, wird selbst zum räumlichen Rahmen seiner Arbeiten.
Die Ausstellung macht damit deutlich, dass Architekturfotografie mehr leisten kann als die ästhetische Dokumentation bedeutender Bauwerke. Sie kann vertraute Bilder infrage stellen, neue Zusammenhänge sichtbar machen und unseren Blick auf vermeintlich Bekanntes verändern.
Gerade im Fall des Bauhauses, dessen fotografische Ikonografie nahezu ebenso berühmt ist wie seine Architektur, liegt darin ein eigenständiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Erbe der Moderne.
Weitere Informationen zur Ausstellung:
Alle Fotos: Jürgen Beck, aus der Serie „Then leave the ornamentation of it to nature“, 2025




















