Je digitaler unsere Arbeitswelt wird, desto deutlicher spüren wir, wie sehr die persönliche Nähe fehlt. Viele Fotografinnen und Fotografen verlassen sich auf Plattformen, Sichtbarkeit per Algorithmus und die Hoffnung, dass die richtigen Menschen zufällig vorbeikommen. Doch die Realität zeigt etwas anderes: Beziehungen entstehen nicht durch Reichweite, sondern durch echte Begegnungen online oder offline. Gerade in Zeiten, in denen KI schneller produziert, als wir reagieren können, wird das „Wir“ zum stärksten Werkzeug, das wir haben.
Digitale Tools, neue Technologien und KI verändern die Fotografie radikal, und zwar in einer Geschwindigkeit, die vielen das Gefühl gibt, ständig hinterherzulaufen. Agenturen und Medienhäuser reduzieren Budgets, und gleichzeitig entsteht ein Markt, in dem Bildproduktionen teilweise automatisiert werden. Doch in diesem Spannungsfeld zeigt sich ein überraschend klarer Trend: Je anonymer der Markt wird, desto wertvoller wird echte Persönlichkeit. Immer mehr Auftraggeber achten darauf, wer hinter der Kamera steht, nicht nur, was produziert wird. Eine gut gepflegte und starke Eigenpräsenz auf der eigenen Website, in Social Media und im persönlichen Austausch wird zu einem entscheidenden Differenzierungsmerkmal.
In meinen Coachings beobachte ich oft, wie sehr Fotografinnen und Fotografen ihre eigene Rolle unterschätzen. Sie zeigen perfekte Porträts, Produkte oder Reportagen, aber selten sich selbst. Mein Gespräch* mit Dirk von Gehlen, dem Leiter des Think Tank des SZ-Instituts über neue Erlösmodelle für Fotografie, machte dies deutlich: Vertrauen entsteht nicht über die fotografierten Personen, sondern über die Identität der Fotografierenden. Wer bereit ist, seine Haltung, Arbeitsweise und Persönlichkeit sichtbar zu machen, schafft eine Verbindlichkeit, die KI nicht imitieren kann. Es geht dabei nicht um Selbstdarstellung, sondern um Authentizität. Um das Gefühl: „Mit dieser Person möchte ich arbeiten.“
Genauso wichtig ist der Blick auf Prozesse seiner Erfahrung nach. Viele Fotografinnen und Fotografen kommunizieren weiterhin primär über fertige Bilder, doch genau dort unterscheidet sich menschliche Fotografie von KI-generierten Ergebnissen: im Erleben. Ein Shooting ist nicht nur ein Produktmoment, sondern ein gemeinsamer Prozess, der Vertrauen schafft, Hemmungen abbaut und Menschen zeigt, wie sie wirken. Dieses Miteinander ist nicht automatisierbar. Wer seinen Workflow transparent macht, Kundinnen begleitet, vorbereitet und einbezieht, schafft nicht nur bessere Bilder, sondern baut Beziehungen auf, die Nachfrage erzeugen.
Parallel zeigt sich in der Branche, wie essenziell kleine, verlässliche Communities geworden sind. Viele merken, dass Reichweite allein keine Stabilität bringt. Eine Gruppe von 30, 50 oder 100 Menschen, die wirklich interessiert sind, ist ein Wert, der weit über Social-Media-Zahlen hinausgeht. Newsletter werden zu einem der effektivsten Werkzeuge, um Nähe aufzubauen, Einblicke zu geben, Projekte zu teilen oder eigene Gedanken sichtbar zu machen. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, den nicht Algorithmen kontrollieren, sondern Beziehungen.
Stark spürbar ist auch der Trend zu lokalen, authentischen Inhalten. Medien und Unternehmen suchen verlässliche Bildautorinnen und -autoren, die vor Ort sind, Situationen wirklich erleben und Persönlichkeiten nachvollziehbar darstellen können. Lokale Fotografie hat eine Glaubwürdigkeit, die KI-Bilder nicht erreichen, so Dirk von Gehlen. Für Fotografierende, die sich journalistisch, dokumentarisch oder regional positionieren, entsteht hier ein neues Feld mit langfristigem Potenzial.
Und dann ist da noch das Mindset, das untrennbar mit all dem verbunden ist. Wer heute Fotografie betreibt, braucht nicht nur Können, sondern die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, Routinen zu hinterfragen und Neues auszuprobieren. Kreativität entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Neugier. Ein Ideentagebuch, regelmäßige Tests, kleine Experimente, all das stärkt Motivation und Selbstwirksamkeit in einer Branche, die sich gerade neu sortiert. Und in diesem kontinuierlichen Lernen liegt die künftige Stabilität.
KI kann uns dabei unterstützen, Gedanken zu strukturieren, Muster sichtbar zu machen oder Inspiration zu liefern. Aber sie ersetzt nicht den Moment, in dem wir mit einem Menschen sprechen, lachen, arbeiten und gemeinsam ein Bild erschaffen. Genau dieses Miteinander wird zum Kern des neuen Foto-Business. Nicht schneller, nicht mehr, sondern näher.
Und wie stärken Sie Ihre Nähe im Foto-Business?
Silke Güldner coacht Fotografinnen und Fotografen dabei, ihr Potenzial und ihre Kompetenz im Foto-Business zu entwickeln, zu präsentieren und zu verkaufen.
*Gespräch mit Dirk von Gehlen in der DGPh-Mediathek: https://www.dgph.de/mediathek











