Eine aktuelle Studie des Instituts für Fotopsychologie unter Leitung von Dr. Joachim Feigl zeigt, dass private und alltägliche Fotografie weit weniger von sozialen Medien geprägt ist, als häufig angenommen wird. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Erinnerung, Dokumentation und persönliche Kommunikation. Grundlage der Untersuchung sind die Antworten von mehr als 1.000 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Ergebnisse zeigen zunächst ein deutliches technisches Gefälle: Während die Allgemeinbevölkerung durchschnittlich rund 80 Prozent ihrer Alltagsfotos mit dem Smartphone aufnimmt, liegt dieser Anteil bei fotografisch besonders aktiven Personen bei 59 Prozent. Gleichzeitig spielt die klassische Digitalkamera für engagierte Amateur- und Profifotografen weiterhin eine wichtige Rolle.
Interessant ist vor allem die Frage nach den Motiven des Fotografierens. In beiden Gruppen steht das bewusste Festhalten schöner Momente an erster Stelle. Fotos dienen dazu, Erlebnisse später noch einmal nachzuvollziehen, Erinnerungen zu strukturieren oder besondere Ereignisse festzuhalten. Deutlich weniger Bedeutung hat dagegen die Produktion von Inhalten für soziale Netzwerke. Sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Fotografie-Aktiven wird dieser Aspekt vergleichsweise selten als Motiv genannt.

Auch beim Umgang mit den entstandenen Bildern zeigt sich ein differenziertes Bild. Viele Befragte geben an, sich durch Fotos besser an Ereignisse erinnern zu können. Fotografien fungieren zudem zunehmend als visuelle Notizzettel für Einkaufslisten, Rezepte oder Informationen des Alltags. Gleichzeitig bleibt das Teilen der Bilder überwiegend auf Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Signal beschränkt. Das öffentliche Veröffentlichen in sozialen Medien spielt demgegenüber eine deutlich geringere Rolle.
Bemerkenswert sind zudem die Ergebnisse zum Thema Privatsphäre. Die große Mehrheit der Befragten empfindet es als unangenehm, wenn Fotos ohne Zustimmung veröffentlicht werden. Entsprechend hoch ist die Zustimmung zu der Aussage, dass vor dem Posten von Bildern anderer Personen deren Einverständnis eingeholt werden sollte.
Die Studie identifiziert darüber hinaus unterschiedliche Typen von Alltagsfotografen – vom eher selektiven Dokumentierer bis hin zum gestaltungsorientierten Fotografen, für den die bewusste Bildgestaltung einen zentralen Bestandteil der fotografischen Praxis darstellt. Damit wird deutlich, dass Alltagsfotografie keineswegs ein einheitliches Verhalten beschreibt, sondern sehr unterschiedliche Funktionen und persönliche Bedeutungen erfüllen kann.
Die Untersuchung widerspricht in mehreren Punkten verbreiteten Annahmen über die heutige Bilderkultur. Während öffentliche Debatten häufig die Dominanz sozialer Medien und den Einfluss von Likes und Kommentaren betonen, zeigt die Studie, dass Fotografie für die meisten Menschen weiterhin vor allem ein Instrument der Erinnerung, Kommunikation und persönlichen Dokumentation ist. Selbst bei fotografisch besonders aktiven Personen steht die kreative Auseinandersetzung mit dem Medium deutlich stärker im Vordergrund als die öffentliche Selbstdarstellung.
Für die Fotoindustrie ist dies eine interessante Erkenntnis: Die Bedeutung der Fotografie im Alltag bleibt hoch, verändert jedoch ihre Funktionen. Das Smartphone dominiert die spontane Alltagsfotografie, während Kameras vor allem dort eingesetzt werden, wo bewusste Gestaltung, Kreativität und fotografische Leidenschaft eine Rolle spielen.
Den vollständigen Forschungsbericht mit Methodik, Detailauswertungen und weiterführenden Ergebnissen finden Interessierte auf der Website des Instituts für Fotopsychologie:













