Mit dem Band Horst Faas. Ein Bildjournalist im Kalten Krieg legt der Historiker Berthold Petzinna eine ebenso fundierte wie notwendige Neubetrachtung eines der einflussreichsten Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts vor.
Das im Mitteldeutschen Verlag erschienene Sachbuch versteht sich weniger als klassische Künstlerbiografie denn als medienhistorische Analyse einer Epoche, in der Bilder politische Wirklichkeit entscheidend mitprägten.
Horst Faas, langjähriger Fotograf und später Bildredakteur der Nachrichtenagentur Associated Press, steht exemplarisch für eine Generation von Fotojournalisten, deren Arbeit zwischen journalistischer Verantwortung, militärischer Kontrolle und wachsender medialer Öffentlichkeit stattfand. Petzinna verortet Faas konsequent im Spannungsfeld von Kaltem Krieg, Entkolonialisierung und der rasanten Expansion globaler Bildmedien seit den 1950er Jahren. Gerade diese Kontextualisierung gehört zu den Stärken des Buches: Die Fotografie erscheint nicht isoliert als ästhetische Praxis, sondern als politisches Instrument innerhalb eines zunehmend globalisierten Nachrichtenwesens.
Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den Jahren zwischen 1962 und den späten 1970er Jahren, also jener Phase, in der der Vietnamkrieg zum medialen Schlüsselereignis wurde. Faas’ Tätigkeit in Vietnam, Laos und Kambodscha bildet den roten Faden der Darstellung. Dabei interessiert Petzinna weniger das einzelne ikonische Bild als dessen Entstehungsbedingungen. Die Reibungen zwischen Agenturjournalismus, militärischer Zensur und politischem Druck treten deutlich hervor. Konflikte mit der US-Armee und der Regierung, interne Diskussionen innerhalb der AP sowie drohende Einschränkungen journalistischer Freiheit werden als strukturelle Faktoren sichtbar, die das Bild des Krieges ebenso beeinflussten wie die Fotografen selbst.
Besonders überzeugend ist die Darstellung Faas’ Rolle als Bildredakteur. Nicht nur seine eigenen Fotografien, sondern auch seine Entscheidungen über Auswahl, Veröffentlichung und Gewichtung von Bildern prägten nachhaltig die visuelle Wahrnehmung des Vietnamkriegs. Petzinna macht deutlich, dass das „fotografische Gewissen“ dieser Zeit weniger in einzelnen Aufnahmen lag als in der Verantwortung für deren öffentliche Wirkung.
Neben Südostasien richtet der Band den Blick auch auf andere Schauplätze des Kalten Krieges und der Entkolonialisierung, darunter Bonn, der Kongo oder Algerien. Dadurch entsteht ein breiteres Panorama journalistischer Praxis, das zeigt, wie eng politische Konflikte und mediale Darstellung miteinander verbunden waren. Die zahlreichen Schwarzweißabbildungen unterstützen diesen Ansatz, ohne ihn zu dominieren; sie fungieren eher als historische Referenzpunkte innerhalb einer argumentativen Analyse.
Der Autor selbst bringt für diese Perspektive eine solide wissenschaftliche Grundlage mit. Berthold Petzinna, Historiker mit Schwerpunkten in Medien- und Mentalitätsgeschichte, verbindet archivalische Recherche mit einem klar strukturierten Zugriff auf journalistische Arbeitsbedingungen und kulturelle Kontexte. Sein Zugang bleibt analytisch, ohne die persönliche Dimension Faas’ aus dem Blick zu verlieren.
So entsteht ein Buch, das gleichermaßen für Fotohistoriker, Journalisten und politisch Interessierte relevant ist. Wer eine klassische Heldenbiografie erwartet, wird überrascht sein. Petzinna interessiert sich weniger für Mythosbildung als für Strukturen, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten. Gerade darin liegt die Stärke dieser Studie: Sie zeigt Horst Faas als Akteur innerhalb eines komplexen Systems – und macht verständlich, warum seine Arbeit bis heute Maßstäbe für den internationalen Bildjournalismus setzt.
Berthold Petzinna: Horst Faas. Ein Bildjournalist im Kalten Krieg. Mit dem Band Horst Faas. Ein Bildjournalist im Kalten Krieg legt der Historiker Berthold Petzinna eine ebenso fundierte wie notwendige Neubetrachtung eines der einflussreichsten Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts vor. Bonn · Kongo · Algerien · Vietnam. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2025. 320 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-68948-0516, 28 Euro.











