Kristian Liebrands Buch „Der nackte Wahnsinn“ liest sich als eine Art Selbstbefragung eines fotografischen Grenzbereichs.
Aktfotografie ist ein Genre, das seit jeher zwischen Kunstanspruch, Projektion und gesellschaftlicher Irritation oszilliert. Während Ausstellungen und Bildbände meist das ästhetische Resultat präsentieren, bleiben die sozialen Prozesse hinter der Kamera weitgehend unsichtbar. Mit „Der nackte Wahnsinn – Erlebnisse eines Aktfotografen“ versucht Kristian Liebrand, genau diese Leerstelle zu füllen. Sein Buch ist weniger fotografisches Fachbuch als autobiografischer Erfahrungsbericht aus einem Arbeitsfeld, das sich zwischen Vertrauen und Kontrollverlust bewegt.
Der seit mehr als zwanzig Jahren tätige Fotograf erzählt episodisch von Begegnungen im Studio – von Kundinnen und Kunden, deren Beweggründe für ein Aktshooting von Neugier über Selbstfindung bis hin zu existenziellen Abschieden reichen. Bereits diese Ausgangslage macht deutlich, dass es Liebrand weniger um Fotografie im engeren Sinne geht als um die sozialen Dynamiken, die entstehen, sobald Menschen sich freiwillig verletzlich machen.
Eine der stärksten Beobachtungen des Buches liegt in der Beschreibung des Studios als Übergangsraum. Sobald Kleidung, Statussymbole und Alltag verschwinden, verändern sich Rollenverhältnisse. Fotograf und Model begegnen sich auf einer Ebene, die gleichzeitig professionell organisiert und emotional hoch aufgeladen ist. Liebrand schildert diesen Zustand mit bemerkenswerter Offenheit. Shootings geraten zu therapeutischen Gesprächen, Beziehungskonflikte brechen auf, Selbstbilder werden verhandelt.
Gerade hier zeigt sich die Ambivalenz des Genres. Der Fotograf wird zum Zuhörer, manchmal zum Beichtvater oder Konfliktmanager. Diese Rollenverschiebung beschreibt Liebrand nicht theoretisch, sondern anhand konkreter Situationen: eifersüchtige Partner vor der Studiotür, improvisierte Kriseninterventionen oder unerwartete emotionale Eskalationen.
Das Buch gewinnt an Stärke, wenn es diese Grauzonen ernst nimmt. Es zeigt, dass Aktfotografie selten nur ästhetisches Handwerk ist, sondern oft ein sozialer Prozess mit unklaren Grenzen.
Viele Episoden sind bewusst humorvoll erzählt. Absurd anmutende Requisiten, technische Katastrophen oder Shootingabbrüche liefern Unterhaltungspotenzial. Doch der Humor wirkt häufig wie ein erzählerischer Schutzmechanismus gegenüber Situationen, die tatsächlich von hoher emotionaler Intensität geprägt sind.
Liebrand gelingt es dabei meist, nicht ins Voyeuristische zu kippen. Die Geschichten bleiben respektvoll gegenüber den Beteiligten, auch wenn sie deren Eigenheiten offenlegen. Dennoch stellt sich beim Lesen gelegentlich die Frage nach der Perspektive: Wer erzählt hier eigentlich über wen? Die Balance zwischen persönlicher Anekdote und professioneller Distanz bleibt ein permanentes Spannungsfeld.
Besonders eindringlich sind jene Kapitel, in denen das Shooting zur existenziellen Handlung wird. Eine todkranke Frau, die Bilder als Vermächtnis hinterlassen möchte, oder Kundinnen, die den eigenen Körper erstmals selbstbestimmt wahrnehmen wollen, zeigen die emotionale Tragweite solcher Begegnungen. Hier erreicht das Buch eine Tiefe, die weit über Anekdotensammlung hinausgeht.
Gleichzeitig werden auch die problematischen Seiten des Genres sichtbar. Liebrand beschreibt Konflikte um Besitzansprüche, verzerrte Erwartungen oder Grenzüberschreitungen im Umfeld der Shootings. Dass Aktfotografie immer auch Machtverhältnisse berührt, wird deutlich, ohne dass der Autor daraus ein theoretisches Programm entwickelt.
Zu den stärkeren Passagen zählt die Auseinandersetzung mit Bildmissbrauch im Internet. Liebrand schildert Fälle unerlaubter Nutzung und kommerzieller Aneignung von Aktfotografien und macht damit ein strukturelles Problem sichtbar, das Fotografen wie Models gleichermaßen betrifft. Hier verlässt das Buch den persönlichen Erfahrungsraum und öffnet sich einer medienethischen Dimension.
Formal bleibt „Der nackte Wahnsinn“ bewusst niedrigschwellig. Kurze Kapitel, klare Sprache und eine direkte Erzählhaltung ermöglichen einen schnellen Zugang. Gerade darin liegt jedoch auch eine Schwäche: Die analytische Reflexion tritt zugunsten der Anekdote gelegentlich in den Hintergrund. Leser, die eine systematische Einordnung der Aktfotografie als kulturelles Phänomen erwarten, werden sie nur indirekt finden.
Dennoch entsteht ein interessantes Zeitdokument. Liebrand beschreibt eine Praxis, die sich im digitalen Zeitalter zunehmend verändert hat. Körperbilder, soziale Medien und neue Formen der Selbstinszenierung beeinflussen die Erwartungen an fotografische Arbeit stärker denn je.
Am Ende liest sich das Buch weniger als Chronik spektakulärer Shootings denn als Selbstbefragung eines Fotografen über die Verantwortung seines Berufs. Zwischen Humor und Ernst zeigt es, dass Aktfotografie nicht allein vom Blick lebt, sondern vom Vertrauen – und dass dieses Vertrauen zugleich ihr größtes Risiko bleibt.












