Mit der Ausstellung „Cocktail Prolongé: F.C. Gundlach Special“ setzen die Deichtorhallen Hamburg im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg einem der prägenden Akteure der deutschen Fotogeschichte ein vielschichtiges Denkmal.

Foto: Katharina Bosse, Untitled, 1999
Die Schau, die vom 5. Juni bis 22. September 2026 in der Halle für aktuelle Kunst zu sehen ist, richtet den Blick bewusst nicht auf den Modefotografen, sondern auf den Sammler F.C. Gundlach – und eröffnet damit eine überraschend intime Perspektive.
Im Zentrum der Ausstellung steht der menschliche Körper – als Medium für Rollen, Fantasien und gesellschaftliche Zuschreibungen. Die rund 300 gezeigten Werke aus mehr als einem Jahrhundert Fotografie untersuchen, wie Körperlichkeit inszeniert wird: zwischen Stilisierung, Verletzlichkeit und radikaler Selbstbehauptung.

Foto: Jimmy De Sana, PantyHose, 1978

Foto: Herb Ritts, Dijmon With Octopus, 1985
Dabei wird deutlich, wie sehr sich Gundlachs private Sammlung von seinem eigenen fotografischen Werk unterscheidet. Während er als Modefotograf der Nachkriegszeit vor allem für elegante, stilisierte Bildwelten stand, zeigt seine Sammlung eine Vorliebe für das Unangepasste, Provokante und Grenzüberschreitende.
Ein besonderer Fokus liegt auf Positionen, die gesellschaftliche Normen infrage stellen. Queere Perspektiven, alternative Körperbilder und explizite Darstellungen stehen neben subtilen, verletzlichen Inszenierungen.
Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Fotografen wie Diane Arbus, Richard Avedon, Cindy Sherman oder Robert Mapplethorpe und spannt damit einen Bogen von klassischen Positionen bis hin zu radikalen Bildentwürfen der Gegenwart.
Gundlachs Sammlung erscheint hier als ein Ort des Widerstands gegen Konventionen – als Raum für Bilder, die im kommerziellen Kontext seines eigenen Schaffens kaum möglich gewesen wären.

Foto: Fergus Greer, NoTitle, oJ
Gerade in dieser Gegenüberstellung liegt die eigentliche Stärke der Ausstellung. Sie zeigt Gundlach nicht nur als stilprägenden Modefotografen, sondern als neugierigen, offenen Sammler, der sich bewusst mit Gegenbildern auseinandersetzte.
Seine Sammlung offenbart eine „radikale Offenheit gegenüber Brüchen und Gegenentwürfen“ und macht sichtbar, wie sehr ihn die Vielfalt fotografischer Ausdrucksformen faszinierte.

Foto: Joke Reichel
Der Ausstellungstitel verweist auf Gundlachs Vorliebe, Freunde und Weggefährten zu sogenannten „Cocktail Prolongé“-Abenden einzuladen. In diesen Gesprächen wurden Bilder neu kombiniert, diskutiert und immer wieder anders gelesen.
Die Ausstellung greift dieses Prinzip auf: Sie versteht sich als Einladung, Fotografie nicht statisch zu betrachten, sondern als offenes Feld von Bedeutungen und Perspektiven.
Die Schau ist Teil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, die 2026 unter dem Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ elf Ausstellungen in der Stadt vereint. Parallel widmet sich auch das Bucerius Kunst Forum Gundlachs Werk und Wirken in einer eigenen Ausstellung.
„Cocktail Prolongé“ ist mehr als eine Hommage. Die Ausstellung macht sichtbar, wie visionär F.C. Gundlach als Sammler war – und wie sehr seine private Leidenschaft für das Andere, das Unangepasste und das Experimentelle die Fotografie bis heute bereichert. Eine Ausstellung über Bilder – und darüber, wie wir sie sehen.
Foto oben:
Jimmy DeSana, Coffee Table, 1979, 40,7 x 50,4 cm, Color Print © Jimmy DeSana Trust









