Das Festival Visa pour l’Image richtet seinen Blick 2026 auf eine Welt, in der Kriege, Vertreibung und gesellschaftliche Verwerfungen auf eine zunehmend unsichere visuelle Wirklichkeit treffen. Vom 29. August bis 13. September versammelt die 38. Ausgabe in Perpignan 27 Ausstellungen, sechs abendliche Projektionen, Diskussionen, Portfolio Reviews und Preisverleihungen. Die Professional Week findet vom 31. August bis 5. September statt.
- Khames Alrefi, Winner of the 2026 Humanitarian Visa d’or Award – International Committee of the Red Cross (ICRC)
Das vorläufige Programm stellt die Ausgabe unter das Zeichen des 200-jährigen Jubiläums der Fotografie. Gleichzeitig versteht das Festival seine Rückschau nicht als nostalgische Feier, sondern als Bekenntnis zu überprüfbarer Information, redaktioneller Verantwortung und den Rechten der Fotografen. Angesichts KI-generierter Bilder, manipulierter Inhalte und einer wachsenden Abhängigkeit von digitalen Plattformen positioniert sich Visa pour l’Image ausdrücklich als Verteidiger eines Journalismus, der auf Recherche, Authentizität und nachvollziehbaren Quellen beruht.
Festivaldirektor Jean-François Leroy verweist in seinem Editorial auf ein gefälschtes Bild des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, das selbst erfahrene Journalisten und etablierte Medien getäuscht habe. Darin zeigt sich das zentrale Spannungsfeld der diesjährigen Ausgabe: Noch nie waren Bilder so leicht verfügbar – und noch nie war ihre Glaubwürdigkeit so schwer einzuschätzen. Das Festival setzt diesem Vertrauensverlust die Arbeit professioneller Fotojournalisten entgegen.
Die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt
Ein großer Teil der Ausstellungen beschäftigt sich mit den humanitären Folgen aktueller Konflikte. Khames Alrefi dokumentiert in „Civilians: The First Victims“ Hunger, Bombardierungen, Vertreibung und den täglichen Überlebenskampf der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Für die Arbeit erhält er den mit 8.000 Euro dotierten Humanitarian Visa d’or des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.
Philémon Barbier zeigt in „Syria: The Dawn of Ashes“ ein Land zwischen dem Ende der Assad-Herrschaft und einer politisch wie gesellschaftlich unsicheren Übergangsphase. Die Arbeit wurde mit dem Ville de Perpignan Rémi Ochlik Visa d’or ausgezeichnet. Abdulmonam Eassa verfolgt den Zerfall des Sudan von den Hoffnungen nach der Revolution bis zu einer der schwersten humanitären Krisen der Gegenwart. Tyler Hicks berichtet für die New York Times aus der ostukrainischen Stadt Kostiantynivka, während Marion Péhée eine Generation junger Menschen im Donbass begleitet, deren Jugend vom Krieg geprägt wurde.
- Laurent Ballesta, Winner of the 2026 Écologie 360 – Reporters of Hope Award
Weitere Ausstellungen führen in den Libanon, nach Iran und Afghanistan. Élise Blanchard dokumentiert in der afghanischen Provinz Badghis, wie Familien ihre minderjährigen Töchter angesichts von Dürre, Ernteausfällen und Armut verheiraten. Hashem Shakeri zeigt Iran zwischen Krieg, Repression und Hoffnung. Diego Ibarra Sánchez und Mohammad Yassine richten den Blick auf einen Libanon, dessen Bevölkerung seit Jahren zwischen militärischer Eskalation, politischer Lähmung und wirtschaftlichem Zusammenbruch lebt.
Langzeitbeobachtung und fotografisches Gedächtnis
Visa pour l’Image zeigt jedoch nicht nur die Nachrichtenbilder des vergangenen Jahres. Mehrere Ausstellungen machen deutlich, dass Fotojournalismus seine Wirkung häufig erst über lange Zeiträume entfaltet.
Gerd Ludwig blickt vier Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf einen Ort, dessen Geschichte keineswegs abgeschlossen ist. Seine seit 1993 entstandene Dokumentation verbindet den zerstörten Reaktor, die Geisterstadt Prypjat und das Leben in der Sperrzone mit Katastrophentourismus, militärischer Besetzung und neuen Angriffen.
Michael Yamashita zieht mit „East Meets West“ eine Bilanz aus 40 Jahren fotografischer Arbeit in China. Seine analogen Farbdias und digitalen Aufnahmen aus zahlreichen National-Geographic-Reportagen dokumentieren den Wandel des Landes zur globalen Wirtschafts- und Industriemacht.
Eine Ausstellung ist Raymond Depardon gewidmet, dem Mitbegründer der Agentur Gamma und einem der prägenden französischen Fotojournalisten und Filmemacher seiner Generation. Paolo Roversi wiederum führt mit „The Smell of India“ in eine deutlich poetischere Bildwelt. Lange Belichtungszeiten, Bewegungsunschärfen, tiefe Schwarztöne und zurückgenommene Farben verbinden Landschaften, Alltagsszenen und Porträts zu einer Reise zwischen Wirklichkeit und Imagination.
Globale Krisen jenseits der Kriegsschauplätze
Mads Nissen verfolgt in „Sangre Blanca – The Geography of Cocaine“ die globale Produktions- und Lieferkette der Droge von Kolumbien und Mexiko bis in die europäische Nachtökonomie. Seine Reportage fragt nach den menschlichen Kosten eines Marktes, dessen Produktion und Konsum historische Höchststände erreicht haben.
- Philémon Barbier / Hors Format for Le Figaro, Winner of the 2026 Ville de Perpignan Rémi Ochlik Visa d’or Award
Gaël Turine dokumentiert unter dem Titel „Broken by Kush“ die Folgen einer synthetischen Droge, die vor allem unter jungen Menschen in Sierra Leone und Liberia verheerende Auswirkungen hat. Jérôme Gence widmet sich dagegen Menschen in Japan, die fiktionale Figuren aus Manga und Videospielen heiraten. Hinter dem zunächst kurios wirkenden Phänomen stehen Fragen nach Einsamkeit, sozialem Druck, wirtschaftlicher Unsicherheit und der wachsenden Bedeutung virtueller Beziehungen.
Mit Laurent Ballestas „Far from the Sky“ öffnet das Programm außerdem den Blick auf Unterwasserwelten in der Antarktis, auf den Philippinen und vor Korsika. Für seine Arbeit erhält Ballesta den erstmals vergebenen Écologie 360 – Reporters of Hope Award, der bewusst eine konstruktive Perspektive auf ökologische Themen fördern soll.
Forum für die Zukunft des Berufs
Die abendlichen Projektionen im Campo Santo greifen vom 31. August bis 5. September die wichtigsten Ereignisse zwischen September 2025 und August 2026 auf. Geplant sind unter anderem Beiträge zu den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten, zu Migration, Klimakrise, US-Einwanderungspolitik und internationalen Agenturen. Auch die Preisverleihungen finden im Rahmen der allabendlichen Programme statt.
Mit „Transmission pour l’Image“ bietet das Festival erneut ein dreitägiges Forum, in dem erfahrene Fotografen und Bildredakteure ihre Arbeitsweisen, Entscheidungen und Erfahrungen an eine jüngere Generation weitergeben. Zu den Mentoren gehören Joao Silva, Michael Yamashita, Gerd Ludwig, Abdulmonam Eassa, Kiana Hayeri, Marie Sumalla und Pierre Terdjman.
Die Photojournalism Convention widmet sich der Anerkennung, wirtschaftlichen Tragfähigkeit und rechtlichen Absicherung des Berufs. Im Mittelpunkt stehen die Folgen künstlicher Intelligenz, veränderte Geschäftsmodelle der Medien und die zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit vieler Fotojournalisten. Weitere Veranstaltungen diskutieren Urheberrechte und die Frage, wie eine angemessene Vergütung gesichert werden kann, wenn journalistische Bilder von NGOs oder Kampagnenorganisationen verwendet werden.
Insgesamt vergibt Visa pour l’Image 2026 rund 130.000 Euro an Preisen und Fördermitteln. Neben den traditionellen Visa-d’or-Auszeichnungen gehören dazu der Canon Female Photojournalist Grant, der Canon Video Grant, der Camille Lepage Award, der Boulat Award sowie Förderungen für Nachwuchs-, Umwelt- und Buchprojekte.
Die Ausstellungen sind täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Die meisten Präsentationen sollen im September außerdem online zugänglich sein.
Foto oben: Tchernobyl, Ukraine © Gerd Ludwig















