Was bleibt unsichtbar, wenn Fotografie vermeintlich alles sichtbar macht? Der Kongress „Not Knowing – Photography and the Unknown“ der Internationalen Photoszene Köln stellt vom 22. bis 25. Oktober 2026 die traditionelle Vorstellung von Fotografie als Medium der Evidenz auf den Prüfstand. Im Orangerie Theater treffen Kunst, Wissenschaft, Theorie und fotografische Praxis aufeinander.
Fotografie galt lange als Instrument der Vergewisserung. Was fotografiert ist, so die tief verankerte Vorstellung, muss zumindest in irgendeiner Form vorhanden gewesen sein. Doch diese Gewissheit ist längst brüchig geworden. Digitale Bildproduktion, algorithmische Verfahren und generative Systeme haben die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Bildern neu gestellt. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass auch die klassische Fotografie nie einfach nur Wirklichkeit abgebildet hat. Was außerhalb des Bildfeldes bleibt, was nicht überliefert oder archiviert wurde und wer darüber entscheidet, welche Bilder sichtbar werden, ist ebenso Teil ihrer Bedeutung.
- Referentinnen und Referenten
Genau hier setzt der Kongress „Not Knowing – Photography and the Unknown“ an. Statt Nichtwissen als Mangel zu verstehen, begreift die Internationale Photoszene Köln Unsicherheit, Lücken, Projektionen und Spekulation als produktive Ausgangspunkte fotografischer Erkenntnis. Der Kongress bildet zugleich den diskursiven Auftakt zum nächsten Photoszene-Festival, das vom 14. Mai bis 13. Juni 2027 stattfinden wird. (Photoszene)
Grenzen des Sichtbaren
Das Programm gliedert sich in vier Themenfelder. Unter „Perception“ geht es um die Grenzen menschlicher und technologischer Wahrnehmung und damit um die Frage, wo fotografische Bilder an die Grenzen dessen stoßen, was überhaupt gewusst werden kann. „Practices“ untersucht künstlerische Strategien, die bewusst mit Leerstellen, Fragmenten und Unsicherheit arbeiten. Unter „Traces“ rücken Archive, Überlieferung und Auslassung in den Mittelpunkt, während „Potentials“ danach fragt, welche zukünftigen Formen des Sichtbaren gerade aus dem Nichtwissen entstehen können. Vorträge und Diskussionen werden durch Workshops, Performances und Screenings ergänzt. (Photoszene)
Damit berührt der Kongress eine der zentralen Fragen gegenwärtiger Bildkultur. Denn gerade dort, wo Fotografie als Beweis eingesetzt wird, lohnt sich die Frage nach dem Unsichtbaren: Was zeigt ein Bild tatsächlich? Welche Informationen fehlen? Welche technischen, politischen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen bestimmen, was überhaupt sichtbar werden kann? Und wie verändert sich unser Verhältnis zur Fotografie, wenn Bilder nicht länger automatisch als zuverlässige Fenster zur Wirklichkeit gelten?
Das Thema knüpft zugleich an das aktuelle Residenzprogramm Artist Meets Archive #5 der Photoszene an. Die Leiter der beteiligten Archive Maurice Cox, Adelheid Komenda, Berit Schallner, Anne Stukenborg und Thomas Thorausch sind im Gespräch mit Daria Bona in den Kongress eingebunden. Kooperationen bestehen außerdem mit Studenten der Kunsthochschule für Medien Köln, der Hochschule für Musik und Tanz Köln sowie der SRH University Berlin. (Photoszene)
Kunst trifft Theorie
Die Liste der angekündigten Teilnehmer reicht entsprechend weit über die Fotografie im engeren Sinn hinaus. Mit dabei sind unter anderem der Kurator und Fototheoretiker Urs Stahel, die Künstler Tobias Zielony und Munem Wasif, die Kuratorin und Autorin Bindi Vora, die Medienwissenschaftler Orit Halpern und Jens Schröter, der Kunsthistoriker und Autor Tom Holert sowie zahlreiche weitere Künstler, Wissenschaftler, Archivare und Theoretiker. (Photoszene)
„Not Knowing“ will dabei nicht lediglich über Nichtwissen sprechen. Der Kongress versteht das Ungewisse selbst als Methode: als Möglichkeit, bestehende Wissensordnungen zu überprüfen und fotografische Bilder nicht nur danach zu befragen, was sie zeigen, sondern ebenso danach, was sie verschweigen, nicht zeigen können oder erst durch Interpretation entstehen lassen.
Das ist nicht zuletzt angesichts der aktuellen Diskussion um KI-generierte Bilder von besonderer Aktualität. Während technische Systeme immer überzeugendere visuelle Gewissheiten produzieren, könnte ausgerechnet das Eingeständnis des Nichtwissens zu einer wichtigen fotografischen Kompetenz werden. Nicht jedes Bild liefert eine Antwort. Manchmal liegt sein Erkenntnispotenzial gerade darin, eine Frage offen zu halten.
- Screenshot
Not Knowing – Photography and the Unknown
22.–25. Oktober 2026
Orangerie Theater, Köln



















