Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) zeichnet die französisch-amerikanische Fotografin Jane Evelyn Atwood mit dem Dr. Erich Salomon-Preis 2026 aus. Gewürdigt wird ein dokumentarisches Werk, das seit Jahrzehnten Menschen und Lebensrealitäten in den Mittelpunkt stellt, die gesellschaftlich häufig übersehen oder ausgegrenzt werden. Die DGPh hebt insbesondere Atwoods von Nähe, Respekt und Empathie geprägte Arbeitsweise hervor.

Jane Evelyn Atwood (Foto: privat)
Jane Evelyn Atwood, 1947 in New York geboren und seit 1971 in Paris lebend, begann Mitte der 1970er Jahre als Autodidaktin zu fotografieren. Eine ihrer ersten Arbeiten entstand 1976 über Sexarbeiterinnen in der Pariser Rue des Lombards. Es folgten langfristig angelegte Projekte über transidente Menschen, blinde Kinder, Menschen mit HIV und Aids sowie über Inhaftierte. Charakteristisch für Atwoods Arbeit ist dabei weniger die schnelle Reportage als eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Themen. Häufig begleitet sie die Menschen, die sie fotografiert, über lange Zeiträume und schafft damit die Voraussetzung für Bilder, die auf Vertrauen und persönlicher Nähe beruhen.
Besondere internationale Aufmerksamkeit erhielt Atwood mit ihrem zwischen 1989 und 1999 entstandenen Langzeitprojekt „Too Much Time. Women in Prison“. Dafür fotografierte sie in rund 40 Gefängnissen in neun Ländern West- und Osteuropas sowie in den USA. Ihr gelang dabei auch der Zugang zu besonders abgeschotteten Bereichen des Strafvollzugs, darunter Todestrakte amerikanischer Gefängnisse. Die Arbeit über die Lebensbedingungen inhaftierter Frauen zählt zu ihren zentralen fotografischen Projekten.
- The Blind, L‘Institut Départemental des Aveugles, Saint-Mandé, France, 1980 ©Jane Evelyn Atwood
- Selbstporträt mit Schlange,1976 © Jane Evelyn Atwood
Neben ihren langfristig angelegten sozialen Dokumentationen hat Atwood immer wieder auf unmittelbar historische Ereignisse reagiert. So fotografierte sie nach dem Erdbeben von Kobe 1995 und dokumentierte die Folgen der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Ihre Arbeitsweise beschreibt sie selbst als „besessen“: Ein Thema gilt für sie erst dann als abgeschlossen, wenn sie überzeugt ist, es und ihre eigene Beziehung dazu verstanden zu haben – und wenn dieses Verständnis auch in den Bildern sichtbar wird.
- La Rue des Lombards, Paris,France, 1976-1977.
- Prostitutes, La Rue des Lombards, Paris, France, 1976-1977 ©Jane Evelyn Atwood
Atwoods Arbeiten wurden international ausgestellt und in zahlreichen Büchern veröffentlicht, darunter „Too Much Time, Women in Prison“, „Trop de Peines, Femmes en Prison“, „Haïti“, „Rue des Lombards“ und „Pigalle People“. Ihre Reportagen erschienen unter anderem in LIFE, Geo, Stern, Paris Match und dem New York Times Magazine. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen gehören der W. Eugene Smith Grant, ein World Press Photo Award, der Ernst Haas-Preis, der Leica Oskar Barnack Award und der Alfred Eisenstaedt-Preis.
- Women in prison/femmes en prison, Centre Pénitentiare de Femmes, Metz, France, 1990 ©Jane Evelyn Atwood
- Haiti, 2005 ©Jane Evelyn Atwood
Mit dem Dr. Erich Salomon-Preis zeichnet die DGPh seit 1971 eine „vorbildliche Anwendung der Fotografie in der Publizistik“ aus. Der nach einem der Wegbereiter des modernen Bildjournalismus benannte Preis ging in der Vergangenheit unter anderem an Robert Frank, Barbara Klemm, Mary Ellen Mark, Reporters sans Frontières, Martin Parr, Letizia Battaglia, Josef Koudelka, Susan Meiselas und zuletzt 2025 an Kathy Ryan. Partner der DGPh bei der Vergabe ist die Leica Camera AG, die den Preis mit einer Leica Kamera unterstützt.
Die Preisverleihung findet am 24. Oktober 2026 im Overstolzensaal des Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) statt. Im Rahmen der Veranstaltung werden außerdem der Kulturpreis der DGPh, die Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography sowie der Otto Steinert-Preis – DGPh-Förderpreis für Fotografie – vergeben.
Foto oben: Ile d’Ouessant, La Bretagne, France, 2014. ©Jane Evelyn Atwood 2014.





















