Mit der GFX100 II IR und der X-H2 IR bietet Fujifilm zwei Kameras an Offiziell richtet der Hersteller sie vor allem an Forensik, Wissenschaft und Kulturguterhaltung. Tatsächlich eröffnen die beiden Spezialmodelle aber auch Fotografen Möglichkeiten, die weit über technische Dokumentation hinausgehen – von Landschaft und Fine Art bis zur Portraitfotografie und Digitalisierung analoger Archive.
Infrarotfotografie ist alles andere als neu. Neu ist vielmehr, dass Fujifilm dafür zwei ab Werk entsprechend ausgelegte Systemkameras anbietet: die GFX100 II IR auf Basis des 102-Megapixel-Mittelformatmodells und die kompaktere X-H2 IR als APS-C-Alternative. Anders als bei nachträglich modifizierten Kameras handelt es sich also nicht um Fremdumbauten, sondern um regulär von Fujifilm entwickelte Spezialversionen.
Das Prinzip ist bei beiden ähnlich: Während gewöhnliche Digitalkameras ultraviolette und infrarote Strahlung weitgehend vom Sensor fernhalten, besitzen die IR-Modelle eine erweiterte spektrale Empfindlichkeit. Welche Bereiche davon tatsächlich für eine Aufnahme genutzt werden, lässt sich über entsprechende Filter vor dem Objektiv bestimmen.
Damit sind die Kameras nicht auf einen einzigen Infrarot-Look festgelegt, sondern lassen sich für unterschiedliche spektrale Anwendungen konfigurieren.
Mehr sehen als das Auge
Die GFX100 II IR basiert technisch weitgehend auf der normalen GFX100 II mit ihrem 43,8 × 32,9 Millimeter großen 102-Megapixel-Sensor. Der Autofokus bleibt auch bei IR-Anwendungen nutzbar, ebenso Pixel Shift Multi-Shot. Fujifilm nennt mehr als 14 Blendenstufen Dynamikumfang und 16 Bit Farbtiefe.
Bei einem Anfang 2026 gemeinsam mit artIMAGING durchgeführten Praxistest wurde die Kamera für sichtbare, UV- und IR-Reflexionsaufnahmen sowie verschiedene Lumineszenzverfahren eingesetzt. Getestet wurden unter anderem das GF45mmF2.8, GF63mmF2.8, GF80mmF1.7 und GF120mmF4 Macro.
Solche Anwendungen erklären, warum Fujifilm die IR-Modelle vor allem für Wissenschaft, Forensik und Restaurierung bewirbt. Unterzeichnungen in Gemälden, unterschiedliche Pigmente, verblasste Schrift oder andere für das menschliche Auge nicht erkennbare Strukturen können durch die Aufnahme außerhalb des sichtbaren Spektrums sichtbar werden.
Doch die gleiche Technik lässt sich selbstverständlich auch fotografisch nutzen.
Infrarot als Bildsprache
Vegetation reflektiert nahes Infrarot besonders stark und kann im Bild nahezu weiß erscheinen. Himmel werden tiefdunkel, Wolken heben sich deutlich ab. Wasser, Gestein, Architektur, Haut oder Textilien reagieren anders als unter sichtbarem Licht.
Das Ergebnis ist keine nachträglich simulierte Ästhetik. Die Kamera zeichnet tatsächlich vom Motiv reflektierte Strahlung auf – nur eben in einem Bereich, den das menschliche Auge nicht wahrnimmt.
- Mehr als sichtbares Licht: Die GFX100 II IR erweitert die spektrale Empfindlichkeit des 102-Megapixel-Sensors.
- Welche Wellenlängen aufgezeichnet werden, lässt sich über Filter vor dem Objektiv bestimmen. Fotos: Shinwoo Park
Gerade in der Schwarz-Weiß-Fotografie entstehen dadurch drastische Tonwerttrennungen und eine ungewöhnliche Plastizität. Farbige IR-Verfahren wiederum ermöglichen Falschfarbenbilder, die zunächst synthetisch wirken können, ihren Ursprung aber vollständig in einem realen fotografischen Vorgang haben.
Für Landschaft, Architektur und Fine Art liegt darin der vielleicht spannendste Einsatzbereich der Kameras. Hinzu kommt, dass infrarotes Licht atmosphärischen Dunst teilweise anders durchdringt als sichtbares Licht. Gerade weit entfernte Landschaftsstrukturen können dadurch mit einer ungewöhnlichen Klarheit wiedergegeben werden.
Fujifilm hat es selbst vorgemacht
Dass sich eine IR-GFX nicht nur zum Analysieren von Kunstwerken eignet, hat Fujifilm selbst bereits gezeigt.
Der koreanische Fotograf Shinwoo Park realisierte im Rahmen des Fujifilm GFX Challenge Grant sein Projekt „Active Volcano Trip to Find Sublime and Beauty“ mit der GFX100 IR, der direkten Vorgängerin der aktuellen GFX100 II IR.
- Infrarot als Gestaltungsmittel: Shinwoo Park fotografierte sein Projekt „Active Volcano Trip to Find Sublime and Beauty“ mit der Fujifilm GFX100 IR, der Vorgängerin der aktuellen GFX100 II IR. Foto: © Shinwoo Park
Park nutzte die spektrale Empfindlichkeit bewusst als gestalterisches Mittel. Seine Vulkanlandschaften verwandeln Vegetation, Gestein, Rauch und Atmosphäre in fremdartige Tonwelten. Die Bilder erinnern stellenweise an eine andere Welt – obwohl sie nicht erzeugt, sondern fotografiert wurden.
Genau darin liegt die Bedeutung der Serie für die aktuelle Generation: Fujifilm hat selbst demonstriert, dass Infrarot im Mittelformat nicht nur wissenschaftliche Daten liefert, sondern eine eigenständige fotografische Bildsprache ermöglicht.
Andere Wirklichkeit statt KI-Wirklichkeit
Gerade angesichts generativer Bildwelten bekommt dieser Unterschied zusätzliche Bedeutung.
Eine Infrarotkamera kann Bilder hervorbringen, die ebenso unwirklich erscheinen wie synthetisch erzeugte Szenen. Der entscheidende Unterschied: Sie erfindet nichts.
Ein im Infrarotbild weiß leuchtender Baum ist keine algorithmische Interpretation eines Baumes. Seine Blätter reflektieren tatsächlich Strahlung in diesem Wellenlängenbereich. Die Kamera macht lediglich einen Teil der Wirklichkeit sichtbar, für den unsere Augen keinen Sensor besitzen.
Infrarotfotografie erweitert damit nicht die erfundene, sondern die wahrnehmbare Wirklichkeit.
Vielleicht erklärt gerade das die neue Attraktivität einer Technik, die fotografisch schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Je einfacher sich vollkommen freie Bildwelten synthetisch erzeugen lassen, desto interessanter kann eine Bildsprache werden, deren Fremdartigkeit weiterhin aus Licht, Material und einem realen Motiv entsteht.
Portraits im unsichtbaren Licht
Auch Portrait- und People-Fotografen können sich diese Eigenschaften zunutze machen. Haut reflektiert Infrarot anders als sichtbares Licht und erscheint häufig heller und glatter. Augen, Lippen, Haare und Textilien verändern ihre Tonwerte teilweise erheblich.
Das Resultat unterscheidet sich deutlich von einer Schwarz-Weiß-Konvertierung oder einem digitalen Effekt, weil die Ausgangsinformation bereits bei der Aufnahme eine andere ist.
Gerade bei inszenierten Portraits und freien Projekten kann daraus eine eigene Ästhetik entstehen. Gleichzeitig verlangt die Technik einen bewussten Umgang mit Motiv und Material: Bestimmte Stoffe besitzen im IR-Bereich andere Transmissionseigenschaften als im sichtbaren Licht. Auch deshalb verbindet Fujifilm den Verkauf seiner IR-Modelle mit besonderen Nutzungsbedingungen.
Flexibler als ein Umbau
Ein weiterer Vorteil der Fujifilm-Lösung liegt in ihrer Flexibilität. Bei vielen nachträglich umgebauten Kameras wird der Sensor dauerhaft auf einen bestimmten Spektralbereich optimiert, beispielsweise mit einem Filter für 720 oder 850 Nanometer.
Die Fujifilm-Modelle arbeiten dagegen mit Filtern vor dem Objektiv. Damit lassen sich verschiedene Spektralbereiche und entsprechend unterschiedliche Bildwirkungen nutzen.
Aus einer reinen IR-Kamera wird so eher eine multispektrale fotografische Plattform.
Für professionelle Fotografen ist das interessanter als ein System, das nur einen bestimmten Look erzeugen kann. Je nach Filterung lässt sich zwischen verschiedenen IR-Anwendungen und Aufnahmen im sichtbaren Bereich wechseln.
- Foto: Shinwoo Park
Nebenjob Filmscanner
Einen erstaunlich praktischen Einsatz bietet die IR-Technik zudem bei der Digitalisierung analoger Negative.
Filmomat kombiniert die GFX100 II IR mit einem für sichtbares und nahes Infrarot optimierten Industrieobjektiv. Zusätzlich zum eigentlichen Bild wird ein IR-Kanal aufgenommen, über den Staub und Kratzer erkannt und automatisiert entfernt werden können.
Das Prinzip ist von hochwertigen Filmscannern bekannt. Staub und Beschädigungen unterscheiden sich im Infrarotkanal vom eigentlichen Bildinhalt und können dadurch gezielt identifiziert werden.
Für Fotografen, Studios und Archive mit größeren Negativbeständen verbindet die Kamera damit extrem hochauflösende Kameradigitalisierung mit einer Funktion, die normalen Digitalkameras fehlt.
Zwei Formate, ein Konzept
Dass Fujifilm neben der GFX100 II IR auch eine X-H2 IR anbietet, macht das Konzept zusätzlich interessant. Die GFX steht mit ihrem 102-Megapixel-Mittelformatsensor für maximale Auflösung und eignet sich besonders für Reproduktion, Fine Art, Landschaft oder anspruchsvolle Digitalisierung.
Die X-H2 IR überträgt denselben Grundgedanken auf ein kompakteres APS-C-System. Damit wird Infrarot ab Werk nicht allein zu einer Spezialität des Mittelformats, sondern zu einer Technik, die sich prinzipiell auch in einem mobileren fotografischen Setup einsetzen lässt.
Gerade für freie Projekte, Reise, Landschaft oder experimentelle Fotografie dürfte diese Variante für viele Anwender sogar die pragmatischere Lösung sein.
Nur ausgewählten Käufern vorbehalten
So offen die fotografischen Möglichkeiten sind, so restriktiv bleibt allerdings der Vertrieb. Fujifilm verkauft die IR-Modelle in Europa nicht wie gewöhnliche Systemkameras. Händler benötigen dafür ein spezielles Selective Distribution Agreement, Käufer müssen zusätzlich ein IR User Agreement unterzeichnen.
Eine öffentlich zugängliche Liste der speziell für den IR-Vertrieb autorisierten deutschen Fachhändler veröffentlicht Fujifilm derzeit nicht. Interessenten aus Deutschland werden an Fujifilm Germany in Kleve verwiesen. Einen konkreten Bezugsweg bietet unter anderem Filmomat, das sowohl die GFX100 II IR als auch die X-H2 IR in seinen professionellen Scanlösungen einsetzt.
Diese Zugangshürde wirkt angesichts des fotografischen Potenzials der Modelle durchaus eigenwillig. Schließlich sind GFX100 II IR und X-H2 IR keine reinen Messinstrumente, sondern zunächst einmal Kameras, die mehr vom vorhandenen Licht registrieren können als ihre konventionellen Schwestermodelle.
Fujifilm muss dabei nicht einmal mehr beweisen, dass sich damit außergewöhnliche Fotografien machen lassen. Shinwoo Parks Vulkanserie hat das längst getan.
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, „Infrarot ab Werk“ nicht nur Restauratoren, Wissenschaftlern und Forensikern zu erklären – sondern auch Fotografen.
Infos:
fujifilm-x.com
filmomat.eu





















