RAY 2027 widmet seine sechste Ausgabe einem Thema, das für Fotografen kaum aktueller sein könnte: Unter dem Titel „Truths“ untersucht die Triennale, wie sich der Wahrheitsanspruch fotografischer Bilder unter den Bedingungen von KI, unsichtbarer Manipulation und zunehmend hybrider Bildproduktion verändert. Mehr als 15 Institutionen und Ausstellungsorte in Frankfurt und der Rhein-Main-Region beteiligen sich. Eröffnet wird RAY am 3. Juni 2027, die Festivaltage folgen vom 4. bis 6. Juni. Die einzelnen Ausstellungen laufen teilweise bereits ab April und bis September 2027.
Die Frage, ob Fotografien Wahrheit abbilden können, begleitet das Medium seit seinen Anfängen. Neu ist weniger die Manipulierbarkeit des fotografischen Bildes als deren Dimension und Zugänglichkeit. Generative KI, computational photography und automatisierte Bildbearbeitung haben die Grenzen zwischen Aufnahme, Interpretation und Konstruktion erheblich durchlässiger gemacht.
Für professionelle Fotografen ist das längst keine ausschließlich kunsttheoretische Debatte. Fragen nach Authentizität, Nachweisbarkeit, Kennzeichnung, Urheberschaft und Vertrauen betreffen unmittelbar journalistische, dokumentarische und kommerzielle Bildproduktion.
- RAY Junior 2024 © Martina George
Genau an diesem Punkt setzt RAY Truths an.
Vom Wahrheitsversprechen zum Wahrheitsproblem
Fotografie besaß nie eine objektive Beziehung zur Wirklichkeit. Perspektive, Zeitpunkt, Ausschnitt, Brennweite, Inszenierung und Auswahl waren immer Entscheidungen des Fotografen. Dennoch beruhte ein wesentlicher Teil ihrer gesellschaftlichen Bedeutung auf der Vorstellung, dass vor der Kamera zumindest etwas existiert haben musste.
Diese scheinbar einfache Voraussetzung wird zunehmend komplizierter.
Bildbestandteile können heute verändert oder vollständig erzeugt werden, ohne dass die Bearbeitung im fertigen Bild sichtbar sein muss. Gleichzeitig entstehen neue Verfahren zur technischen Verifikation und Dokumentation von Entstehungsprozessen. Damit verschiebt sich die entscheidende Frage von „Ist dieses Bild bearbeitet?“ zunehmend zu „Wie ist dieses Bild entstanden – und kann ich seiner Herkunft vertrauen?“
RAY 2027 will diese Entwicklung nicht allein als Krise der Fotografie behandeln. Die Triennale versteht neue Technologien zugleich als künstlerisches Material. Fotografen und Künstler nutzen KI, digitale Manipulation und andere bildgebende Verfahren, um gerade die vermeintliche Eindeutigkeit fotografischer Wirklichkeit zu untersuchen.
Das ist für die professionelle Fotografie eine wichtige Unterscheidung: Generative Verfahren sind nicht per se problematisch. Entscheidend sind Kontext, Transparenz und der Anspruch, mit dem ein Bild eingesetzt wird.
Vier Häuser für die zentrale Ausstellung
Die zentrale Ausstellung von RAY 2027 verteilt sich auf vier Institutionen in Frankfurt und Umgebung: die Deutsche Börse Photography Foundation im The Cube in Eschborn, das Fotografie Forum Frankfurt, das Historische Museum Frankfurt und das Museum Angewandte Kunst.
Diese Aufteilung dürfte dem Thema durchaus entgegenkommen. Denn die Frage nach fotografischer Wahrheit lässt sich kaum aus einer einzigen Perspektive beantworten.
Im Kunstkontext gelten andere Maßstäbe als im Journalismus. Historische Fotografien werfen andere Fragen nach Dokument und Interpretation auf als aktuelle KI-basierte Arbeiten. Und angewandte Bildproduktion bewegt sich wiederum zwischen Gestaltung, Information und kommerzieller Kommunikation.
Über die Hauptausstellung hinaus beteiligen sich zahlreiche weitere Institutionen der Region. Zu den Kooperationspartnern gehören unter anderem die Crespo Foundation, das Kunstforum der TU Darmstadt, die Kunststiftung DZ BANK, das Jüdische Museum Frankfurt, die KfW Stiftung, die Opelvillen Rüsselsheim, die Leica Galerie Frankfurt, das Museum Giersch, das Museum MMK für Moderne Kunst und der Nassauische Kunstverein Wiesbaden.
Unter RAY Plus kommen Galerien und Off-Spaces hinzu.
- Ausstellungsansicht: Soft Proof der RAY Master Class im Museum Angewandte Kunst © Robert Schittko
Fotografie als Beweis – oder Behauptung?
Der Titel „Truths“ ist dabei bewusst im Plural formuliert. Das erscheint angesichts der aktuellen Bildkultur konsequent.
Ein fotografisches Bild kann dokumentarisch korrekt und trotzdem irreführend kontextualisiert sein. Ein inszeniertes Porträt kann mehr über eine Person erzählen als ein vermeintlich unbeobachteter Schnappschuss. Ein vollständig konstruiertes Bild kann eine gesellschaftliche Wahrheit formulieren, ohne jemals als dokumentarischer Beleg gemeint zu sein.
Umgekehrt kann ein technisch unverändertes Foto durch Auswahl, Ausschnitt oder Bildunterschrift manipulativ eingesetzt werden.
Für Fotografen liegt genau hier eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre. Die Glaubwürdigkeit eines Bildes wird sich zunehmend nicht mehr allein aus seinem sichtbaren Inhalt ergeben. Herkunft, Entstehung und Verwendungskontext gewinnen an Bedeutung.
Damit wird Bildkompetenz zu einer Schlüsselqualifikation – nicht nur beim Publikum, sondern ebenso in Redaktionen, Agenturen und bei Fotografen selbst.
KI ist nur der jüngste Einschnitt
RAY verweist dabei richtigerweise darauf, dass aktuelle KI-Technologien nicht außerhalb der Fotografiegeschichte stehen. Das Medium war stets von technischen Veränderungen geprägt.
Retusche ist älter als die digitale Fotografie. Montage, Mehrfachbelichtung, Inszenierung und fotografische Täuschung begleiten das Medium praktisch seit seiner Entstehung. Auch die Vorstellung einer vermeintlich „unbearbeiteten“ Fotografie war immer problematisch.
Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der komplexe Eingriffe heute möglich sind – und die Schwierigkeit, sie nachträglich überhaupt noch erkennen zu können.
Genau deshalb gewinnt die Diskussion über fotografische Authentizität momentan eine praktische Dimension, die weit über Museen und Kunsthochschulen hinausreicht.
Master Class zwischen Ausbildung und Praxis
Wie bei den vorausgegangenen Ausgaben wird es auch 2027 eine RAY Master Class geben. Studierende der Hochschule für Gestaltung Offenbach, der Städelschule Frankfurt, der Hochschule Darmstadt und der Kunsthochschule Mainz arbeiten dabei mit einem der beteiligten RAY-Künstler zusammen.
Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit werden anschließend ausgestellt.
Das Format ist gerade vor dem Hintergrund von „Truths“ interessant. Denn die kommende Fotografengeneration wächst mit Werkzeugen auf, bei denen Kameraaufnahme, algorithmische Bildverarbeitung und generative Verfahren immer weniger klar voneinander getrennt sind.
Damit stellt sich auch in der Ausbildung zunehmend nicht mehr die Frage, ob solche Technologien eingesetzt werden, sondern unter welchen Bedingungen und mit welcher Haltung.
Ergänzend richtet sich RAY Junior an Schüler aus der Region, die in Workshops mit professionellen Fotografen arbeiten.
Kuratorisches Netzwerk
Das Konzept von RAY Truths wurde gemeinschaftlich entwickelt. Zum Kuratorenteam gehören Anne-Marie Beckmann und Cornelia Siebert von der Deutschen Börse Photography Foundation, Celina Lunsford und Andrea Horvay vom Fotografie Forum Frankfurt, Dorothee Linnemann vom Historischen Museum Frankfurt sowie Matthias Wagner K und Jonas Deuter vom Museum Angewandte Kunst.
Ergänzt wird das Team durch den in New York arbeitenden Associate Curator Jesse Bandler Firestone.
Die institutionelle Breite gehört seit Beginn zum Grundprinzip von RAY. Die Triennale entstand 2010 auf Initiative des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, um die in der Region vorhandenen Sammlungen, Museen, Hochschulen und Ausstellungsorte stärker miteinander zu vernetzen. Die erste Ausgabe fand 2012 statt; seitdem wird RAY im Dreijahresrhythmus veranstaltet.
Einordnung: ein Thema, das die Fotografie selbst betrifft
„Truths“ könnte leicht zu einem weiteren Ausstellungsprojekt über KI werden. Interessanter wird RAY 2027 dort, wo die Triennale die gegenwärtige Entwicklung nicht isoliert betrachtet.
Denn das eigentliche Thema ist größer.
Es geht um die besondere gesellschaftliche Stellung der Fotografie als Medium, das gleichzeitig Dokument, Interpretation und Konstruktion sein kann.
Für Profifotografen ist das unmittelbar relevant. Wer journalistisch arbeitet, muss Glaubwürdigkeit gewährleisten. Wer kommerziell fotografiert, bewegt sich zunehmend zwischen klassischer Aufnahme und generativer Produktion. Wer künstlerisch arbeitet, kann genau diese Unsicherheit zum Gegenstand seiner Arbeit machen.
Und für alle gilt zunehmend: Die technische Perfektion eines Bildes sagt immer weniger darüber aus, ob das Dargestellte tatsächlich stattgefunden hat.
Damit verschiebt sich möglicherweise auch eine der Kernkompetenzen professioneller Fotografie. Neben Gestaltung, Technik und visueller Erzählung tritt immer stärker die Fähigkeit, Vertrauen in die Entstehung eines Bildes nachvollziehbar zu machen.
Dass RAY 2027 genau diese Fragen zum Thema einer groß angelegten Fototriennale macht, kommt deshalb zum richtigen Zeitpunkt. Die Festivaltage laufen vom 4. bis 6. Juni 2027, das Gesamtprogramm mit Partnerausstellungen von April bis September.
RAY – Triennale der Fotografie
Foto oben: Gallery Talk mit Joy Gregory und Celina Lunsford im Fotografie Forum Frankfurt 2024 © Sabine Schirdewahn

















