Mit „roger ballen.! drawing meets photography“ widmet sich Fotografiska Berlin vom 7. November 2026 bis 14. März 2027 dem Zusammenspiel von Zeichnung und Fotografie im Werk Roger Ballens. Mehr als 120 Arbeiten aus den Jahren 1998 bis 2025 zeigen, wie aus fotografierten Räumen psychologische Bühnen werden – und wie sich ihre Figuren, Linien und Objekte zunehmend vom fotografischen Bild lösen.
- Superman, 2018, from the series Spirits and Spaces © Roger Ballen
Ein Draht setzt eine Zeichnung fort, ein Körperfragment antwortet auf eine grafische Markierung, ein Tier wird zum Gegenüber einer rätselhaften Figur. In Roger Ballens Bildern treffen unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander. Die Kamera verbindet sie zu Kompositionen, deren Elemente zugleich vertraut und verstörend erscheinen.
Die Berliner Ausstellung verfolgt diese Entwicklung anhand zentraler Werkgruppen wie „Outland“, „Shadow Chamber“, „Boarding House“, „Asylum of the Birds“ und „Roger’s Rats“. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Linie: als vorgefundenes Zeichen, als inszeniertes Objekt, als Zeichnung im Raum und als nachträglicher Eingriff auf der fotografischen Oberfläche.
- Snatched, 2021, from the series Spirits and Spaces © Roger Ballen
Vom Hintergrund zum Hauptmotiv
Der 1950 in New York geborene Ballen lebt und arbeitet seit 1982 in Südafrika. Seine frühen Arbeiten stehen in einer dokumentarischen Tradition. In Werkgruppen wie „Dorps“ und „Platteland: Images from Rural South Africa“ beschäftigte er sich mit Orten und Menschen im ländlichen Südafrika. Doch schon damals galt seine Aufmerksamkeit auch den Oberflächen und grafischen Strukturen seiner Umgebung.
Flecken, Schatten, Graffiti und verwitterte Wände wurden zu tragenden Elementen des Bildaufbaus. Mit der zunehmenden Konzentration auf Innenräume veränderte sich ihre Funktion: Was zunächst den Hintergrund eines Porträts bildete, entwickelte eine eigene Präsenz.
- Dogfellows, 2014, from the series Rogers Rats, ©-Roger Ballen
In „Outland“ begann Ballen, stärker in diese Räume einzugreifen. Vor Wänden platzierte Drähte konnten wie gezeichnete Linien wirken. Später rückten Tiere, Puppenteile, Masken, Objekte und Zeichnungen zunehmend an die Stelle menschlicher Figuren. Die Räume wurden dichter, ihre Zusammenhänge mehrdeutiger.
Für die Verbindung von Beobachtung und Inszenierung verwendete Ballen bereits in den 1990er-Jahren den Begriff „dokumentarische Fiktion“. Die später als „Ballenesque“ bekannt gewordene Bildsprache entwickelte daraus eine eigenständige Welt, geprägt von seiner Nähe zur Art Brut und seinem Interesse am Unbewussten.
- School Room, 2003, from the series Shadow Chamber © Roger Ballen
Fotografie als Verbindung unterschiedlicher Ebenen
In Ballens Kompositionen kann eine gezeichnete Figur ein ebenso starkes Gegenüber sein wie ein Mensch. Eine Linie wechselt scheinbar mühelos zwischen Wand, Draht, Körper und Gegenstand. Die Fotografie führt diese materiell unterschiedlichen Elemente auf einer gemeinsamen Bildfläche zusammen.
Darin liegt ein zentraler Aspekt der Ausstellung: Zeichnung erscheint als aktiver Bestandteil der fotografischen Inszenierung. Sie verändert die Beziehungen zwischen den Dingen und damit auch die Wahrnehmung des Raumes. Die Innenräume lassen sich als Landschaften des Geistes lesen, in denen alltägliche Ordnungen ihre Verbindlichkeit verlieren.
Auf überzeichneten und übermalten Polaroids setzt sich dieser Prozess auf der Bildoberfläche fort. Zeichnerische Eingriffe erweitern oder verschieben das bereits fotografierte Geschehen. Daneben stehen eigenständige Zeichnungen und Radierungen, in denen Ballens Figuren ohne die Kamera existieren.
- Roar, 2002, from the series Shadow Chamber © Roger Ballen
Flüchtige Erscheinungen auf Glas
Eine besondere Stellung nimmt „The Theatre of Apparitions“ ein. Ausgangspunkt waren Figuren, die Ballen in die übermalten Fensterscheiben eines verlassenen Frauengefängnisses eingeritzt vorfand.
Gemeinsam mit Marguerite Rossouw entwickelte er daraus Experimente mit Farbe, Epoxidharz und fotografischen Emulsionen auf Glas. Die dabei entstehenden Formen waren fragil und teilweise nur vorübergehend sichtbar. Erst die fotografische Aufnahme bewahrte sie.
Hier erhält die Kamera eine andere Aufgabe als in den inszenierten Innenräumen: Sie hält einen vergänglichen Bildzustand fest. Das Zusammenspiel von Material, spontanem Eingriff und fotografischer Fixierung lässt geisterhafte Figuren entstehen, deren räumliche und körperliche Zuordnung offenbleibt.
- Place of Upside Down, 2004, from the series Boarding House © Roger Ballen
Farbe, Film und begehbare Räume
Mit „Spirits and Spaces“ stellt Fotografiska außerdem Ballens Hinwendung zur Farbe vor. Nach jahrzehntelanger Arbeit in Schwarzweiß begann er 2016, intensiv mit Farbe zu experimentieren. Die Bildräume bleiben von Tieren, Objekten, Zeichnungen und Körperfragmenten bevölkert; die Farbigkeit eröffnet eine zusätzliche Ebene ihrer Wirkung.
Film und Installation erweitern dieses Vokabular um Bewegung, Klang und räumliche Erfahrung. Einem breiteren Publikum wurde Ballens visuelle Welt unter anderem durch das 2012 realisierte Musikvideo „I Fink You Freeky“ für Die Antwoord bekannt.
In Berlin ergänzen ein Screening-Raum, Fundobjekte und skulpturale Interventionen die fotografischen Arbeiten. Mit „Drawing Man“ tritt die zeichnerische Figur als Skulptur in den Ausstellungsraum. Eine ortsspezifische Installation verbindet zudem die Ausstellung mit dem Loft von Fotografiska. Ballens psychologische Räume werden damit auch körperlich erfahrbar.
- Nudge, 2020, from the series Spirits and Spaces © Roger Ballen
Ausstellung und Eröffnung
„roger ballen.! drawing meets photography“ entstand in Zusammenarbeit mit dem museum gugging. Kuratiert wurde die Ausstellung von Nina Ansperger, künstlerisch-wissenschaftliche Leiterin des museum gugging, und in Zusammenarbeit mit Ballen von Marie-Luise Mayer, Exhibitions Manager bei Fotografiska Berlin, co-kuratiert.
Die Ausstellung läuft vom 7. November 2026 bis 14. März 2027 bei Fotografiska Berlin, Oranienburger Straße 54, 10117 Berlin. Die Eröffnung ist für den 6. November um 19 Uhr angekündigt. Fotografiska ist täglich von 10 bis 23 Uhr geöffnet.
Foto oben: Roger Ballen, 2025 © Marguerite Rossouw























