Mit einem ganzjährigen Programm feiert die Deutsche Gesellschaft für Photographie 2026 ihr 75-jähriges Bestehen. Unter dem Leitmotiv „We Celebrate Photography“ verbindet sie historische Rückschau mit aktuellen fotografischen Positionen, Diskurs und Nachwuchsförderung. Höhepunkte des Jubiläumsprogramms sind im September Veranstaltungen in Berlin sowie am 24. Oktober die DGPh Photography Awards im Museum für Angewandte Kunst Köln.
Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Photographie ist eng mit Köln und der photokina verbunden. Bereits 1950 verlieh L. Fritz Gruber der ersten photokina als Kurator der „Welt-Ausstellung der Photographie“ eine kulturelle Dimension. In einer Zeit, in der Deutschland international noch weitgehend isoliert war, entwickelte sich Köln damit zu einem wichtigen Ort des fotografischen Austauschs. Aus der Verbindung von Industrie, Ausstellungspraxis sowie künstlerischem und wissenschaftlichem Anspruch entstand 1951 die DGPh.
- Geschäftsführender Vorstand der DGPh bei den DGPh Photography Awards am 27. September 2025, v.l.n.r.: Roy Hessing, Stephan J. Schulz, Michael Kaune, Ira Stehmann, Ruediger Glatz, Frank Schumacher © Oliver Abraham
Schon die Gründungsversammlung am 15. Mai 1951 im Kölner Rathaus machte den Anspruch der Gesellschaft deutlich. Zu den damals berufenen ordentlichen Mitgliedern gehörten unter anderem August Sander, Ernst Leitz, Herbert List, Otto Steinert, Adolf Lazi und Liselotte Strelow. Edward Steichen, zu dieser Zeit Leiter der Fotoabteilung des Museum of Modern Art in New York, wurde korrespondierendes Mitglied. Damit war die DGPh von Beginn an international vernetzt.
Fotografie als gesellschaftliche Aufgabe
Heute zählt die Deutsche Gesellschaft für Photographie rund 1.200 Mitglieder. Ihr Arbeitsfeld reicht von Kunst und Wissenschaft über Bildung und Publizistik bis zu Wirtschaft und Politik. Dabei versteht sie sich nicht nur als Fachgesellschaft, sondern als Forum für die Auseinandersetzung mit Fotografie als Kulturgut und gesellschaftlichem Medium. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Bildmedien gehören ebenso zu ihren Themen wie Fragen fotografischer Überlieferung, Publizistik und künstlerischer Praxis.
- Nach dem DGPh-Mitbegründer L. Fritz Gruber (1908–2005) ist der neue Award der Sektion Kunst, Markt und Recht für Sammler und Galeristen benannt
„Wir sind stolz darauf, auf diese 75-jährige Geschichte zurückblicken zu können, auf das, was unsere Mitglieder geschaffen haben – und verstehen sie zugleich als Inspiration, in diesen Zeiten des Wandels, die auch das Medium Fotografie einschließen, der Aufgabe gerecht zu werden, die Gesellschaft entsprechend neu auszurichten“, so Ruediger Glatz, Vorsitzender des geschäftsführenden Vorstands der DGPh.
Das Jubiläum beschränkt sich entsprechend nicht auf einen historischen Rückblick. „We Celebrate Photography“ ist als partizipatives Programm angelegt, das unterschiedliche Generationen, fotografische Positionen und Formen der Beschäftigung mit dem Medium miteinander verbindet.
Fotoaktionen
Den Auftakt bildete bereits im April die Fotoaktion „Moment of Exposure“. Fortgesetzt wird das Programm mit dem Open Call „Tomorrow Will Be Yesterday“, dessen Einreichungsfrist am 21. August endet. Aus den Einsendungen wählt eine internationale Jury Arbeiten für eine Präsentation am 19. September bei Fotografiska Berlin aus. Zur Jury gehören Kathy Ryan, Trägerin des Dr.-Erich-Salomon-Preises 2025, Claire Ducresson-Boët, Wolfgang Zurborn, Thomas Gerwers und Ralph Baiker.
Die ausgewählten Arbeiten werden im Ballroom von Fotografiska Berlin auf einer großformatigen LED-Wand gezeigt und von Live-Musik begleitet. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Anton-Corbijn-Finnisage statt und bringt damit aktuelle fotografische Positionen mit einem der prägenden Namen internationaler Fotokultur zusammen.
Photobook 2026 in Berlin
Ebenfalls am 19. September widmet sich die DGPh einem Medium, das trotz – oder gerade wegen – der fortschreitenden Digitalisierung der Bildkultur weiterhin eine zentrale Rolle für die Autorenfotografie spielt. Das Symposium „Photobook 2026“ in der Staatsbibliothek zu Berlin Unter den Linden untersucht von 10 bis 17 Uhr den aktuellen Stand und die Perspektiven des Fotobuchs.
- Staatsbibliothek zu Berlin, Humboldt-Saal © Ruediger Glatz
Zu den Referenten gehören Verleger Gerhard Steidl, Markus Schaden vom The PhotoBookMuseum, der Buchgestalter und Künstler Helmut Völter sowie der Fotograf Nikita Teryoshin. Ein abschließendes Panel bringt Gerhard Steidl, Thomas Gust, Nicola von Velsen von Hatje Cantz, Helmut Völter, Markus Schaden und Manfred Heiting zusammen. Damit treffen Verlagswesen, Gestaltung, Sammlung, Vermittlung und fotografische Praxis unmittelbar aufeinander.
Fotografiegeschichte auf mehr als 700 Seiten
Ein weiteres zentrales Projekt des Jubiläumsjahres ist die von Manfred Heiting herausgegebene Publikation „Between Art and Science. 75 Years German Photographic Society. A Chronicle of Photography in Germany, 1951–2026“. Der Jubiläums-Band versteht sich nicht als klassische Festschrift, sondern als umfassende Chronik der Fotografie in Deutschland aus der Perspektive der DGPh.
- Manfred Heiting (Foto: Thomas Gerwers)
Auf mehr als 700 Seiten und mit über 1.500 Abbildungen zeichnet die Publikation nach, wie sich Fotografie seit 1951 zwischen Kunst, Wissenschaft, Technik, Publizistik und gesellschaftlicher Wahrnehmung entwickelt hat – bis hin zu aktuellen Fragen rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Manfred Heiting knüpft damit zugleich an das von ihm bereits zum 50-jährigen Bestehen der DGPh verantwortete Buchprojekt an. Die neue Publikation soll im Herbst 2026 bei Steidl erscheinen und dürfte über das Jubiläumsjahr hinaus zu einem wichtigen Referenzwerk zur deutschen Fotografiegeschichte werden.
Vier Photography Awards in Köln
Einen weiteren Höhepunkt bildet am 24. Oktober die Verleihung der DGPh Photography Awards 2026 im Museum für Angewandte Kunst Köln, MAKK. An diesem Tag vergibt die Gesellschaft vier ihrer bedeutendsten Auszeichnungen: den Kulturpreis, den Dr.-Erich-Salomon-Preis, die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography sowie den Otto-Steinert-Preis, DGPh-Förderpreis für Fotografie.
Mit den Awards bündelt die DGPh zentrale Bereiche ihres Selbstverständnisses: die Würdigung eines fotografischen Lebenswerks, herausragenden Bildjournalismus, internationale kuratorische Arbeit und die Förderung neuer fotografischer Positionen.
Kulturpreis für Timm Rautert
Der Kulturpreis der DGPh 2026 geht an Timm Rautert. Die Gesellschaft würdigt damit ein Lebenswerk, das dokumentarische Genauigkeit mit konzeptueller Reflexion verbindet. Rautert hat die deutsche Fotografie nicht nur mit seinem eigenen Werk geprägt, sondern ebenso als Journalist und Hochschullehrer. WhiteWall unterstützt den Kulturpreis 2026 als Sponsor.
- Timm Rautert, Essen, 2025 (Foto: Albrecht Fuchs)
Der seit 1959 vergebene Kulturpreis gilt als höchste Auszeichnung der DGPh und würdigt lebende Persönlichkeiten für bedeutende Leistungen auf dem Gebiet der Fotografie.
Sarah Greenough und die National Gallery of Art
Die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography 2026 geht an Sarah Greenough und die National Gallery of Art in Washington D. C.Gewürdigt wird damit die Rolle des Museums bei der institutionellen Etablierung der Fotografie.Mit der Gründung einer eigenen Abteilung für Fotografie im Jahr 1990 stellte die National Gallery das Medium gleichberechtigt neben Malerei, Skulptur und Grafik.Greenough prägte diese Entwicklung als Gründungskuratorin entscheidend mit.
- Sarah Greenough (© National Gallery of Art, Washington D.C.)
Die von Manfred Heiting initiierte und geförderte Auszeichnung wurde 2025 erstmals vergeben. Erste Preisträger waren die niederländische Kuratorin Mattie Boom und das Rijksmuseum. Die Medaille zeichnet jeweils eine Institution und eine international herausragende Persönlichkeit aus, die durch Sammlungsaufbau, Forschung, Ausstellungen und Publikationen Maßstäbe für die Vermittlung von Fotografie gesetzt haben.
Dr.-Erich-Salomon-Preis für Jane Evelyn Atwood
Mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis 2026 ehrt die DGPh die französisch-amerikanische Fotografin Jane Evelyn Atwood. Seit Jahrzehnten richtet sie ihre Kamera auf Menschen, die gesellschaftlich häufig unsichtbar bleiben.
- Jane Evelyn Atwood (Foto: privat)
Ihr Werk steht für eine dokumentarische Fotografie, die Nähe und Engagement mit einer ausgeprägten ethischen Haltung verbindet. Partner der DGPh bei dieser Auszeichnung ist Leica Camera; Atwood erhält im Rahmen der Preisverleihung eine Leica Kamera.
Der nach dem bedeutenden Fotografen der Weimarer Republik benannte Preis wird seit 1971 für eine „vorbildliche Anwendung der Fotografie in der Publizistik“ vergeben.
Förderung für Samuel Solazzo
Mit dem Otto Steinert-Preis. DGPh-Förderpreis für Fotografie rückt schließlich die Förderung neuer fotografischer Positionen in den Mittelpunkt. Preisträger 2026 ist der in Leipzig lebende Fotograf Samuel Solazzo. Für sein Projekt „A Collection of Valuable Copies“ erhält er ein Stipendium in Höhe von 5.000 Euro. Anerkennungen in Höhe von jeweils 500 Euro gehen an Clarita Maria für Xola n’abantu und Elliott Kreyenberg für die Projektidee War Flowers.
Vergangenheit als Auftrag
75 Jahre nach ihrer Gründung steht die DGPh erneut vor einer Situation, in der sich die Bedingungen fotografischer Produktion und Rezeption grundlegend verändern. War es 1951 der Wiederanschluss an die internationale Fotokultur, sind es heute Digitalisierung, generative KI und die zunehmende Auflösung klassischer Grenzen zwischen Fotografie und anderen Bildformen.
Das Jubiläum „We Celebrate Photography“ versteht die eigene Geschichte deshalb weniger als abgeschlossene Erfolgserzählung denn als Ausgangspunkt. Die Frage, welche Rolle Fotografie künftig als Kunstform, Informationsmedium, historisches Dokument und gesellschaftliche Praxis spielen wird, dürfte die DGPh auch weit über ihr Jubiläumsjahr hinaus beschäftigen.
Foto oben: Dr. Erich Salomon-Preis 2026 – Selbstporträt mit Schlange, 1976. Jane Evelyn Atwood (Ausschnitt)






















