OM System belebt eines der traditionsreichsten Kamerakonzepte aus der Olympus-Geschichte neu. Die neue OM SYSTEM PEN verbindet klassisches Design mit 20-Megapixel-Sensor, 5-Achsen-Stabilisierung, Phasen-AF, elektronischem Sucher, Wetterschutz und Computational Photography. Besonders viel Aufmerksamkeit widmet der Hersteller der Bildgestaltung direkt in der Kamera. ProfiFoto konnte die neue PEN bereits in der Praxis ausprobieren.
Eine Kamera ist wertlos, wenn man sie nicht dabeihat. Dieses dem legendären Olympus-Konstrukteur Yoshihisa Maitani zugeschriebene Prinzip steht mehr als sechs Jahrzehnte nach Einführung der ersten PEN erstaunlich unverändert hinter der jüngsten Interpretation des Konzepts.
1959 sollte die Olympus PEN Fotografie möglichst unkompliziert und selbstverständlich machen – daher auch der Name: Eine Kamera sollte sich ähnlich selbstverständlich benutzen und mitnehmen lassen wie Stift und Papier. Mehr als acht Millionen PEN-Kameras wurden nach Angaben von OM System seitdem verkauft. Die Linie führte von den analogen Halbformatkameras über die PEN-F von 1963 bis zu der digitalen PEN-F von 2016.
Jetzt übernimmt OM System den Namen erstmals für ein eigenes Modell und interpretiert die PEN zugleich neu.
Keine kleine OM-1
Die neue PEN will ausdrücklich keine geschrumpfte OM-1 sein. Mit rund 393 Gramm bleibt das Gehäuse ausgesprochen transportabel. Gleichzeitig übernimmt die PEN einen beträchtlichen Teil des Funktionsumfangs aktueller OM-System-Modelle: 5-Achsen-Stabilisierung, Phasendetektions-AF, KI-Motiverkennung, Pro Capture, High Resolution Shot, Focus Stacking, Live ND und HDR gehören ebenso dazu wie ein elektronischer Sucher mit 2,36 Millionen Bildpunkten.
Im praktischen Umgang fällt genau diese Balance positiv auf. Die Kamera wirkt klein, aber nicht spielzeughaft. Das flache Gehäuse erinnert an klassische Messsucherkameras, ohne deren Bedienlogik einfach zu kopieren. Einstellräder und Direktzugriffe vermitteln weiterhin das Gefühl, mit einer „richtigen“ Kamera zu fotografieren.
Der Sucher macht einen Unterschied
Dass OM System der PEN einen elektronischen Sucher mitgibt, ist für ihre Positionierung wichtiger, als es die reine Ausstattungsliste vermuten lässt.
Kompakte Kameras werden heute häufig fast ausschließlich über das Display verwendet. Die PEN erlaubt dagegen bewusst den Wechsel zwischen beiläufiger Display-Fotografie und der konzentrierteren Arbeit mit der Kamera am Auge.
Der EVF löst mit 2,36 Millionen Bildpunkten auf. Das ist kein Spitzenwert mehr, aber für das Konzept der Kamera ausreichend. Entscheidend ist weniger die nominelle Auflösung als die Tatsache, dass der Sucher überhaupt integraler Bestandteil des PEN-Konzepts geworden ist.
In der Praxis passt das gut: Die Kamera kann spontan verwendet werden, zwingt aber nicht zum Smartphone-artigen Fotografieren auf Armeslänge.
Ein Sensor mit langer Geschichte
Beim Bildsensor zeigt sich allerdings, dass die neue PEN nicht in allen Punkten einen Technologiesprung darstellt.
OM System verwendet einen Live-MOS-Sensor mit 20,37 Millionen effektiven Pixeln, kombiniert mit dem aktuellen TruePic-IX-Bildprozessor. Die grundlegende 20-Megapixel-MFT-Sensorplattform ist jedoch alles andere als neu.
Bereits die Olympus PEN-F von 2016 arbeitete mit einem 20-Megapixel-Live-MOS-Sensor. Im selben Jahr folgte die OM-D E-M1 Mark II mit 20,4 Megapixeln und 121-Punkt-Phasen-AF. Die heutige PEN basiert damit beim eigentlichen Bildwandler im Prinzip auf einer Technologieklasse, deren Ursprünge rund zehn Jahre zurückreichen.
Das bedeutet nicht, dass es sich zwingend um exakt denselben Sensorchip wie 2016 handelt – dafür macht OM Digital Solutions keine entsprechende Angabe. Der Punkt bleibt dennoch: Ein grundsätzlich neuer Sensorgenerationensprung ist die PEN nicht.
Für Fotografen, die von einem neuen Modell vor allem mehr Auflösung, wesentlich bessere High-ISO-Eigenschaften oder einen deutlich erweiterten Dynamikumfang erwarten, ist das eine relevante Einschränkung. OM System setzt stattdessen auf eine bewährte Sensorbasis und entwickelt vor allem das weiter, was davor und danach passiert: Autofokus, Stabilisierung, Bildprozessor, Computational Photography und kamerainterne Bildgestaltung.
Stabilisierung statt Sensorrennen
Die integrierte 5-Achsen-Bildstabilisierung kompensiert laut Hersteller bis zu 5,5 EV-Stufen in der Bildmitte beziehungsweise 4,5 EV-Stufen am Rand.
Für eine Kamera, die unterwegs möglichst ohne Stativ eingesetzt werden soll, ist das praktisch wichtiger als eine noch höhere nominelle Auflösung. Bei statischen Motiven lassen sich längere Verschlusszeiten und damit niedrigere ISO-Werte verwenden. OM System demonstriert in seinen Unterlagen sogar Freihandbelichtungen im Bereich von 1/1,6 Sekunde.
Phasen-AF erreicht die PEN
Die neue PEN arbeitet mit 121 Kreuzsensor-Phasen-AF-Feldern auf dem Sensor und ist damit laut OM System die erste PEN mit diesem Autofokustyp.
Hinzu kommt eine KI-gestützte Motiverkennung für Menschen sowie Hunde und Katzen. Das ist weniger umfassend als bei den stärker auf Wildlife und Action ausgelegten Spitzenmodellen, passt aber gut zum geplanten Einsatzbereich der PEN.
Starry Sky AF, automatische Szenenerkennung und 24 Scene Modes in sechs Themenbereichen ergänzen die Ausstattung. Pro Capture kann bereits vor dem vollständigen Durchdrücken des Auslösers bis zu zwölf Aufnahmen puffern und arbeitet mit bis zu 30 Bildern pro Sekunde, auch im RAW-Format.
Computational Photography auf Knopfdruck
Einer der interessantesten Punkte der neuen PEN liegt an ihrer Vorderseite: die CP-Taste.
CP steht für Computational Photography. Funktionen, für die normalerweise zusätzliche Filter, Stativarbeit oder spätere Kombinationen mehrerer Dateien notwendig wären, erledigt die Kamera direkt.
Durch Gedrückthalten der CP-Taste und Drehen eines Einstellrads lassen sich Tripod High Res Shot, Handheld High Res Shot, Live ND von ND2 bis ND16, Focus Stacking, HDR1 und HDR2 sowie Multiple Exposure aufrufen.
Beim ersten Ausprobieren erwies sich gerade der Direktzugriff als wichtiger als die reine Zahl dieser Funktionen. Live ND oder Mehrfachbelichtungen werden eher tatsächlich benutzt, wenn man sie spontan erreicht und nicht erst in Menüstrukturen suchen muss.
Live ND simuliert einen Neutraldichtefilter und ermöglicht längere Belichtungszeiten bei Tageslicht. Focus Stacking kombiniert mehrere Fokusebenen zu größerer Schärfentiefe. Der Handheld High Res Shot nutzt mehrere sensorversetzte Aufnahmen, um eine höher aufgelöste Datei ohne zwingenden Stativeinsatz zu erzeugen.
Eigener Look statt neutraler Datei
Noch deutlicher prägt die Color & Monochrome Profile Control den Charakter der Kamera.
Jahrelang lautete das Credo ambitionierter Digitalfotografie: möglichst neutral in RAW aufnehmen und die eigentliche Bildästhetik später am Rechner entwickeln. Inzwischen gewinnt die Gestaltung während der Aufnahme wieder an Bedeutung.
Bei der PEN lassen sich Farb- und Schwarzweißprofile unmittelbar anwählen; ihre Wirkung wird bereits während der Aufnahme im Sucher angezeigt.
Bei den Farbprofilen kann die Sättigung von zwölf einzelnen Farben in jeweils elf Stufen verändert werden. Hinzu kommen Highlight- und Shadow-Control sowie Vignettierung. Als Ausgangspunkte stehen Film Rich Color, Film Vivid, Film Soft Tone und Standard zur Verfügung.
Im Schwarzweißmodus lassen sich Farbfiltereffekt, Tonwertsteuerung, Vignettierung, Filmkorn und Tone Effect kombinieren. Die Presets Film B&W, Film IR und Film Low Contrast orientieren sich bewusst an klassischen fotografischen Bildsprachen.
Die Einstellungen gehen damit deutlich über simple Effektfilter hinaus. Fotografen können sich eigene „Rezepte“ zusammenstellen und den fertigen Bildlook bereits vor dem Auslösen beurteilen.
Profile werden teilbar
Über die aktualisierte OI.Share-App kommt eine Profile Library hinzu.
Die App kann die Einstellungen eines mit einem bestimmten Profil aufgenommenen Bildes auslesen und wieder auf die Kamera übertragen.
Damit lassen sich eigene Looks archivieren, reproduzieren und weitergeben. Insofern entwickelt OM System rund um die PEN ein Konzept, das an Presets aus der RAW-Bearbeitung erinnert – mit dem Unterschied, dass die gewünschte Ästhetik bereits beim Fotografieren sichtbar wird.
Auch Video wird nicht lediglich nebenbei mitgeführt. Die PEN nimmt 4K-Video auf und bietet OM-Cinema1- und OM-Cinema2-Profile. Die Color- und Monochrome-Profile können ebenfalls für Bewegtbild eingesetzt werden. Hinzu kommen vertikale Videoaufzeichnung und ein eigener S&Q-Modus für Slow- und Quick-Motion.
Ein eigener Schalter wechselt zwischen Foto, Video und S&Q. Außerdem verfügt die Kamera über einen Mikrofonanschluss, was insbesondere für Vlogging und mobile Content-Produktion relevant ist. Eine Tally-Leuchte signalisiert laufende Aufnahmen.
Vielleicht weniger spektakulär, im Alltag aber wichtiger als manches Kreativfeature: Die PEN ist staubgeschützt und besitzt einen IPX1-zertifizierten Spritzwasserschutz.
Damit kann sie erstmals innerhalb dieser PEN-Generation gemeinsam mit entsprechend geschützten M.Zuiko-Objektiven als kompaktes wetterfestes System eingesetzt werden.
Das ist konsequent. Eine Kamera, deren Hauptargument darin besteht, dass man sie ständig mitnimmt, sollte schließlich nicht beim ersten Regenschauer wieder in der Tasche verschwinden müssen.
Neues 14-42 mm
Parallel zur Kamera bringt OM System das M.ZUIKO DIGITAL 14-42mm F3.5-5.6 III.
Der Brennweitenbereich entspricht 28 bis 84 mm im Kleinbildformat. Die optische Konstruktion umfasst acht Elemente in sieben Gruppen, darunter drei asphärische Linsen. Das Objektiv verfügt über einen Einzugsmechanismus und kann ohne separaten Entriegelungsschalter ausgefahren werden.
Interessant wird das Kitzoom vor allem im Nahbereich. Bei 14 mm liegt die Naheinstellgrenze bei nur 13 Zentimetern. Das Motiv kann sich dann lediglich rund vier Zentimeter vor der Frontlinse befinden. Die maximale Vergrößerung gibt OM System mit 0,53x im Kleinbildäquivalent an. Focus Stacking wird unterstützt.
Auch das Objektiv ist IPX1-zertifiziert und staubgeschützt.
Neue Unternehmensphase
Interessant ist die Kamera auch vor dem Hintergrund der Veränderungen bei OM Digital Solutions selbst.
Am 1. April 2026 gab das Unternehmen eine neue Aktionärsstruktur bekannt. Präsident und CEO Shigemi Sugimoto wurde Hauptaktionär und übernahm gemeinsam mit dem bestehenden Management die Kontrolle. OM Digital Solutions erklärte ausdrücklich, die neue Struktur solle schnellere und flexiblere Entscheidungen ermöglichen und mittel- bis langfristige Investitionen in Technologieentwicklung und Wachstum erleichtern. Das Managementteam hält demnach inzwischen 100 Prozent der Anteile an OM Digital Solutions; der bisherige Eigentümer Japan Industrial Partners ist nicht mehr beteiligt.
Damit befindet sich das frühere Olympus-Kamerageschäft nach der Ausgliederung 2021 in einer neuen Phase. Zum ersten Mal kontrolliert das operative Management das Unternehmen selbst.
Man sollte die neue PEN allerdings nicht vorschnell als Produkt dieser neuen Eigentümerstruktur interpretieren. Die Entwicklungszyklen einer Kamera sind dafür zu lang – das Modell dürfte weit vor dem Management-Buyout im April konzipiert worden sein.
Gerade deshalb ist die PEN möglicherweise als Übergangsprodukt besonders aufschlussreich. Sie zeigt sehr deutlich, was OM System aus der vorhandenen technischen Basis herausholt: ein im Kern seit rund einem Jahrzehnt bekanntes 20-Megapixel-Sensorkonzept wird mit moderner Verarbeitung, Phasen-AF, KI-Erkennung, Stabilisierung, Computational Photography und einer zeitgemäßen Bedienphilosophie kombiniert.
Ob die von Sugimoto angekündigte größere unternehmerische Freiheit künftig auch zu grundlegend neuen Sensorplattformen oder deutlich größeren Technologiesprüngen führt, wird sich erst bei den kommenden Generationen zeigen.
Unser erster Eindruck
Nach dem ersten Praxiseinsatz erscheint die neue PEN gerade deshalb interessant, weil OM System der Versuchung widersteht, ihre Geschichte lediglich gestalterisch zu zitieren.
Sie ist technisch an vielen Stellen modern, ohne ein technologischer Neubeginn zu sein. Wer einen deutlichen Sprung bei Auflösung oder Sensortechnologie erwartet, wird ihn hier nicht finden.
Dafür sind Autofokus, Stabilisierung, Computational Photography und Profilsteuerung bemerkenswert weit entwickelt. Vor allem die direkten Zugriffe sorgen dafür, dass diese Funktionen nicht nur auf dem Datenblatt existieren, sondern beim Fotografieren tatsächlich eingesetzt werden.
Besonders überzeugend erscheint uns die Kombination aus Sucher, Profilsteuerung und Computational Photography. Sie animiert dazu, bereits bei der Aufnahme über das fertige Bild nachzudenken.
Für eine abschließende Bewertung von Bildqualität, Dynamikumfang, Rauschverhalten, Autofokus-Nachführung und Stabilisierung braucht es einen längeren Test. Der erste Eindruck ist dennoch eindeutig: Die PEN fühlt sich weniger nach nostalgischem Revival als nach einer bewusst modernen Interpretation einer alten Idee an.
Preis und Marktstart
Die OM SYSTEM PEN soll ab 1. Oktober 2026 in Silber und Schwarz erhältlich sein. Der Gehäusepreis beträgt 999 Euro. Im Kit mit dem neuen M.ZUIKO DIGITAL 14-42mm F3.5-5.6 III kostet sie 1.099 Euro. Das Zoom wird einzeln für 399 Euro angeboten.























