Mit TheGrain stellt das Münchner Unternehmen um Retusche-Spezialist Andreas Gamsreiter eine Software zur Simulation analoger Filmeigenschaften vor. Im Mittelpunkt steht ein adaptives Filmkorn, das nicht einfach über das digitale Bild gelegt wird, sondern sich an dessen Helligkeit, Schärfe und Struktur orientiert. Ergänzt wird die Anwendung durch Funktionen für Halation, Farbwiedergabe und den Look fotografischer Prints.
Der Wunsch nach der Ästhetik analoger Filme ist längst nicht mehr auf die klassische Analogfotografie beschränkt. Auch in der digitalen Bildbearbeitung spielen Filmkorn, charakteristische Farbverschiebungen und die spezifische Wiedergabe von Licht eine wichtige gestalterische Rolle. Allerdings erschöpft sich die Simulation analoger Eigenschaften häufig in Farbfiltern und einer mehr oder weniger gleichmäßigen Körnung.
Hier setzt TheGrain an. Die Software wurde aus der professionellen Retuschepraxis heraus entwickelt und verfolgt den Anspruch, die Eigenheiten fotografischer Filmemulsionen differenzierter nachzubilden.
- Screenshot
Filmkorn als Bestandteil des Bildes
Im Unterschied zu einfachen Grain-Filtern berücksichtigt die Körnungssimulation von TheGrain nach Herstellerangaben verschiedene Eigenschaften des Ausgangsbildes. Das Korn reagiert auf Helligkeitsunterschiede und wird in scharfen sowie unscharfen Bereichen unterschiedlich dargestellt. Dadurch soll es sich organischer in das Bild einfügen.
Gerade in der professionellen Fotografie kann diese Unterscheidung relevant sein. Während gleichmäßig überlagerte Körnungsstrukturen oft als nachträglich hinzugefügter Effekt erkennbar bleiben, entsteht die charakteristische Wirkung analoger Materialien aus dem Zusammenspiel von Filmempfindlichkeit, Belichtung, Entwicklung und Bildinhalt.
TheGrain bietet dafür unterschiedliche Film-Rezepte, die als Ausgangspunkt für individuelle Anpassungen dienen. Korngröße, Intensität und weitere Parameter lassen sich gezielt verändern.
- Screenshot
Halation, Filmfarben und Print-Simulation
Neben dem Filmkorn bietet TheGrain weitere Werkzeuge zur Simulation analoger Bildeigenschaften. Dazu gehört die sogenannte Halation, ein Effekt, bei dem helle Bildpartien von weichen, häufig rötlichen Lichthöfen umgeben sind. Deren Intensität, Ausdehnung und Farbcharakter können individuell eingestellt werden.
Mit Film Color Shift stehen zwölf Filmprofile zur Verfügung, darunter Anlehnungen an Kodak Portra, Ektar, Fujifilm Pro 400H sowie klassische Schwarzweißfilme wie Kodak Tri-X und Ilford HP5. Die Profile sollen keine vollständige Farbkorrektur ersetzen, sondern bereits bearbeiteten Fotografien eine abschließende analoge Charakteristik verleihen.
Die Print Simulation erweitert das Konzept um die Anmutung fotografischer Papiere. Drei Varianten – Matt, Neutral und Glänzend – beeinflussen Kontrast, Schwarzwert und Tonwertübergänge. Auch die Papierfärbung lässt sich variieren.
- Screenshot
Integration in professionelle Workflows
TheGrain ist als Desktop-Anwendung für macOS und Windows sowie als browserbasierte Version verfügbar. Darüber hinaus stehen Erweiterungen für Adobe Photoshop, Lightroom Classic und Capture One zur Verfügung.
In Photoshop lässt sich die Körnung über eine eigene Ebene hinzufügen und nachträglich verändern. Lightroom Classic ermöglicht die Anwendung beim Export oder die Bearbeitung einer Kopie. In Capture One kann die Software ebenfalls in den Ausgabe- beziehungsweise Bearbeitungsprozess eingebunden werden. Das Capture-One-Plugin ist derzeit allerdings nur für macOS erhältlich.
Unterstützt werden JPEG, PNG, TIFF, PSD und PSB mit 8 oder 16 Bit Farbtiefe und Bildabmessungen bis 16.000 × 16.000 Pixel. Auch Farbprofile und Metadaten sollen bei der Verarbeitung erhalten bleiben.
Besonderen Wert legt der Anbieter auf die lokale Bildverarbeitung. Nach Herstellerangaben werden die Fotografien auf dem eigenen Rechner berechnet und weder zur Cloud-Verarbeitung hochgeladen noch zum Training von KI-Modellen verwendet. Die Software arbeitet mit mathematischen Verfahren zur Filmsimulation und setzt nicht auf generative KI.
Aus der Retuschepraxis entwickelt
Hinter TheGrain steht Andreas Gamsreiter, Gründer des Münchner High-End-Retusche-Studios RETUSH. Das Programm entstand ursprünglich aus dem Wunsch, die Körnung analoger Filme in der professionellen Bildbearbeitung überzeugender nachzubilden.
Nach mehr als 15 Jahren in der kommerziellen Retusche entschied sich Gamsreiter, eine eigene Lösung zu entwickeln. Inzwischen wird TheGrain auch außerhalb seines Studios angeboten.
Damit richtet sich die Anwendung insbesondere an Fotografen, Bildbearbeiter und Retuscheure, die ihre digitalen Aufnahmen nicht lediglich mit einem Retro-Filter versehen, sondern die Eigenschaften analoger Materialien gezielt als gestalterisches Mittel einsetzen möchten.
Ob die Simulation tatsächlich näher an die charakteristische Struktur fotografischer Filmemulsionen heranreicht als die Körnungswerkzeuge etablierter Bildbearbeitungsprogramme, muss ein praktischer Vergleich zeigen. Der differenzierte Ansatz ist jedenfalls interessant, weil TheGrain die Körnung nicht als isolierten Effekt, sondern als Bestandteil der gesamten Bildwirkung versteht.
Verfügbarkeit und Preise
TheGrain kann kostenlos mit einem begrenzten Exportkontingent ausprobiert werden. Nach den veröffentlichten Preisangaben kostet die Software 20 Euro monatlich beziehungsweise 150 Euro jährlich. Alternativ wird eine auf 1.000 Lizenzen begrenzte Lifetime-Version für 250 Euro angeboten. Die genannten Preise verstehen sich ohne Mehrwertsteuer.
Weitere Informationen: thegrain.io

















