Mit der neuen Galleria Paolo Roversi widmet das MAR – Museo d’Arte della città di Ravenna einem der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart erstmals einen permanenten Ausstellungsraum.

Paolo Roversi, Kirsten, Paris 1987, © Paolo Roversi
Die am 20. Mai eröffnete Galerie versteht sich nicht nur als Hommage an den in Ravenna geborenen Fotografen, sondern zugleich als räumliche Verdichtung seiner gesamten Bildwelt — einer Bildsprache aus Licht, Erinnerung, Schatten und Stille.
Paolo Roversi zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Figuren der internationalen Mode- und Porträtfotografie. Obwohl er seit 1973 in Paris lebt und arbeitet, blieb seine Verbindung zu Ravenna stets zentral für seine visuelle Sprache. Genau diesen Zusammenhang stellt die neue Galerie nun erstmals dauerhaft in den Mittelpunkt.

Paolo Roversi, Sanjia, Paris, 2024, © Paolo Roversi
Die Galleria Paolo Roversi entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen dem Museum, der Stadt Ravenna und internationalen Kuratoren und knüpft direkt an die große Ausstellung Paolo Roversi – Studio Luce an, die das MAR bereits 2020/21 zeigte. Kuratiert wurde der neue permanente Raum von Chiara Bardelli Nonino.
Interessant ist dabei vor allem die konzeptionelle Ausrichtung der Galerie. Statt einer klassischen Retrospektive entwickelte das Team eine räumliche Inszenierung, die den Besucher unmittelbar in Roversis poetisches Universum eintauchen lässt. Bühnenbildnerin Ania Martchenko sowie Silvestrin & Associati für das Lichtdesign verwandelten die Räume in eine Art begehbares fotografisches Bewusstsein zwischen Atelier, Archiv und Erinnerung.

Paolo Roversi, Audrey, Paris, 2016, © Paolo Roversi
Im Zentrum steht dabei das legendäre Studio in der Rue Paul Fort in Paris, das für Roversi seit Jahrzehnten weit mehr ist als ein Arbeitsplatz, sondern ein beinahe ritualistischer Ort, an dem Licht selbst zur eigentlichen Hauptfigur wird. Alte Stoffe, gerettete Möbelstücke und das charakteristische Nordlicht seines Studios erschaffen jene Atmosphäre, die seine Fotografien seit Jahrzehnten prägt.
„In gewisser Weise hat Paolo Roversi Ravenna nie verlassen“, heißt es in der Pressemitteilung. Tatsächlich wirken viele seiner Fotografien bis heute wie Erinnerungsräume an die nebelhafte, von Mosaiken und diffusem Licht geprägte Atmosphäre seiner Heimatstadt. Besonders die byzantinischen Mosaike von Sant’Apollinare, San Vitale und Galla Placidia werden als zentrale Inspirationsquellen seiner Ästhetik genannt.
- Galleria Paolo Roversi – MAR @ Alessandro Levati
Die neue Galerie übersetzt diese Einflüsse nun erstmals in eine dauerhafte räumliche Erfahrung. Besucher bewegen sich durch Licht- und Schattenzonen, vorbei an Archivräumen, Stoffen, Projektionen und Bildwelten, die Roversis Arbeiten nicht chronologisch, sondern emotional erfahrbar machen. Dabei entsteht weniger ein klassisches Museum als vielmehr eine atmosphärische Reise durch seine Vorstellung von Fotografie.
Gezeigt werden Porträts, Modefotografien, Stillleben, Doppelbelichtungen und fragmentarische Arbeiten, die exemplarisch für Roversis unverwechselbare Bildsprache stehen. Seine Fotografien besitzen seit jeher eine fast schwerelose Qualität. Gesichter scheinen aus Dunkelheit hervorzutreten, Stoffe lösen sich im Licht auf, Schatten verschlucken Räume. Gerade diese Mischung aus Intimität, Unschärfe und spiritueller Aufladung machte Roversi zu einer Ausnahmefigur innerhalb der internationalen Modefotografie.
Auch die Auswahl der gezeigten Persönlichkeiten verweist auf die enorme kulturelle Reichweite seines Werkes. In den Räumen begegnen Besucher unter anderem Naomi Campbell, Rihanna, Golshifteh Farahani und Stella, eingefasst in jene fragile Lichtdramaturgie, die längst zum Markenzeichen des Fotografen geworden ist.
Bemerkenswert bleibt dabei, dass Roversi sich nie vollständig den schnellen Zyklen der Modewelt unterworfen hat. Während Trends kamen und verschwanden, entwickelte er über Jahrzehnte hinweg eine konsequent persönliche Bildsprache, die sich eher an Malerei, Erinnerung und Poesie orientiert als an klassischer Fashionfotografie. Die Galerie beschreibt seine Arbeit entsprechend als „hochpersönlichen Kult der Nuance“.
Am Ende verweist die Ausstellung auf ein Gedicht* Giuseppe Ungarettis mit dem Titel Casa Mia, das laut Kuratoren möglicherweise die beste Einführung in Roversis Welt darstellt: Kaum ein anderer Text beschreibt präziser, worum es in Paolo Roversis Fotografie seit jeher geht: um Erinnerung, Verlust, Licht und die stille Suche nach etwas Vertrautem innerhalb einer zunehmend flüchtigen Welt.
Foto oben: Paolo Roversi, Camera, Paris, 2002, © Paolo Roversi
*„Sorpresa
dopo tanto
d’un amore.
Credevo di averlo sparpagliato
per il mondo.“
„Überrascht
nach so langer Zeit
von einer Liebe.
Ich glaubte, sie
über die ganze Welt
verstreut zu haben.“














