Mit der Ausstellung „NEU. SACHLICH. Fotografie der 1920er und 1930er“ widmet sich das Leopold Museum in Wien vom 13. November 2026 bis zum 28. Februar 2027 einer entscheidenden Phase der fotografischen Moderne. Mehr als 100 künstlerische Positionen zeigen, wie sich die Fotografie nach dem Ersten Weltkrieg von malerischen Vorbildern emanzipierte und eine eigenständige, an Präzision und Wirklichkeit orientierte Bildsprache entwickelte.
Nüchtern, klar, sachlich: Mit diesen Begriffen verband sich in den 1920er-Jahren ein neues Verständnis fotografischer Bilder. Nach den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs erschien die um 1900 verbreitete Kunstfotografie mit ihren romantisierenden Inszenierungen und malerischen Effekten zunehmend überholt. An ihre Stelle trat der Anspruch, die Welt unmittelbar und ohne ästhetische Verklärung zu betrachten.
- AUGUST SANDER, Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln [Anneli Strohal] (Detail), 1931; um 1980 (Abzug Gunther Sander). Privatsammlung. Foto: Privatsammlung. © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne / Bildrecht, Wien 2026
Die Kamera sollte nicht länger die Malerei imitieren, sondern ihre eigenen Möglichkeiten entfalten. Technische Präzision, differenzierte Tonwerte, ungewöhnliche Ausschnitte und eine neue Aufmerksamkeit für Formen, Strukturen und Oberflächen bestimmten das fotografische Sehen.
Die Ästhetik des Wirklichen
Fotografen wie Albert Renger-Patzsch, August Sander, Aenne Biermann, Ellen Auerbach und Alfred Ehrhardt entwickelten unterschiedliche Antworten auf die Frage, was Fotografie als eigenständiges Medium leisten kann.
Albert Renger-Patzsch entdeckte in Pflanzen, Industrieanlagen und alltäglichen Gegenständen eine formale Ordnung, die durch die fotografische Darstellung sichtbar wurde. August Sander richtete seinen Blick dagegen auf die Menschen und gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit. Seine Porträts verbanden individuelle Erscheinung und soziale Typologie zu einem umfassenden Bild der Gesellschaft der Weimarer Republik.
- YVA, Die Schauspielerin Asta Nielsen, 1930. ullstein bild collection. Foto: ullstein bild – Yva
- RUDOLF KOPPITZ, Bewegungsstudie, 1925. Skrein Photo Collection. Foto: Courtesy Skrein Photo Collection
- TRUDE FLEISCHMANN, Claire Bauroff, 1925. Fotosammlung OstLicht, Wien. Foto: Fotosammlung OstLicht, Wien. © Trude Fleischmann
Auch Karl Blossfeldts Pflanzenstudien stehen beispielhaft für die neue Aufmerksamkeit gegenüber Strukturen, die dem flüchtigen Blick häufig verborgen bleiben. Die fotografische Vergrößerung machte Formen sichtbar, die zwischen Naturbeobachtung und abstrakter Gestaltung angesiedelt sind.
Die Neue Sachlichkeit war dabei keineswegs auf eine einheitliche Bildästhetik festgelegt. Sachstudien, Architekturaufnahmen, Porträts, Körperdarstellungen und sozialdokumentarische Fotografien bildeten ein breites Spektrum. Gemeinsam war ihnen die Abkehr von einer Fotografie, die ihre künstlerische Legitimation vor allem durch die Annäherung an die Malerei suchte.
„Film und Foto“ als Wendepunkt
Einen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung 1929 mit der vom Deutschen Werkbund organisierten Ausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart. Sie wurde zu einem internationalen Forum des Neuen Sehens und demonstrierte, wie sehr sich fotografische Wahrnehmung und Gestaltung innerhalb weniger Jahre verändert hatten.
Unmittelbar nach Stuttgart wurde die Ausstellung auch in Wien gezeigt. Dort beeinflusste sie die Entwicklung der österreichischen Fotografie und hinterließ unter anderem im Werk von Trude Fleischmann, Grete Kolliner und Rudolf Koppitz ihre Spuren.
- WERNER MANTZ, Kölnische Zeitung Pressa, Köln, 1930; 1977 (Abzug). Galerie Kicken Berlin. Foto: Galerie Kicken Berlin. © Bildrecht, Wien 2026
- EDITH TUDOR-HART, Arbeitslos, Wien, 1930. Wien Museum. Foto: kunstdokumentation.com, Wien Museum. © The estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof
- AUGUST SANDER, Handlanger (Detail), 1928; um 1980 (Abzug Gunther Sander). Privatsammlung. Foto: Privatsammlung. © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne / Bildrecht, Wien 2026
Gerade diese Verbindung zwischen deutscher und österreichischer Fotografie bildet einen wichtigen Bezugspunkt der Wiener Ausstellung. Sie macht deutlich, dass die fotografische Moderne nicht innerhalb nationaler Grenzen entstand, sondern sich durch internationale Ausstellungen, künstlerische Netzwerke und den Austausch neuer Bildideen entwickelte.
Zwischen Dokumentation und Gestaltung
Die Ausstellung im Leopold Museum zeigt, wie vielschichtig der vermeintlich einfache Begriff der Sachlichkeit tatsächlich ist.
Denn auch eine Fotografie, die auf äußerliche Inszenierung verzichtet, ist niemals nur eine neutrale Wiedergabe ihres Gegenstands. Die Wahl von Perspektive, Ausschnitt, Licht und Zeitpunkt ist immer eine gestalterische Entscheidung.
- AUGUST SANDER, Maler [Heinrich Hoerle], 1928; 1990 (Abzug Gerd Sander). Galerie Julian Sander, Köln. Foto: Galerie Julian Sander, Köln. © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne / Bildrecht, Wien 2026
- KARL BLOSSFELDT, Adiantum pedatum [Haarfarn], vor 1932. Karl Blossfeldt Archiv / Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München. Foto: Karl Blossfeldt Archiv, Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
- FRIEDRICH SEIDENSTÜCKER, Seeelefant (Detail), um 1927. Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Foto: Anja Elisabeth Witte / Berlinische Galerie
Besonders deutlich wird dies im Nebeneinander der ausgestellten Positionen. Während Sander gesellschaftliche Wirklichkeit durch seine Porträts systematisch zu erfassen versuchte, verwandelten andere Fotografen alltägliche Gegenstände in eigenständige Bildkompositionen. Wieder andere nutzten die präzise Wiedergabe des menschlichen Körpers, um neue ästhetische Ausdrucksformen zu entwickeln.
Die Neue Sachlichkeit bezeichnet deshalb weniger die Abwesenheit subjektiver Gestaltung als vielmehr eine veränderte Haltung gegenüber der sichtbaren Welt.
Mehr als 100 fotografische Positionen
Entlang zentraler Motive und Themenkomplexe präsentiert das Leopold Museum mehr als 100 herausragende künstlerische Positionen der Neuen Fotografie der 1920er- und 1930er-Jahre.
Die Exponate stammen aus bedeutenden europäischen Museen, Institutionen und Sammlungen sowie aus Privatbesitz.
Kuratiert wird die Ausstellung von Hans-Michael Koetzle, Dominik Papst und Aline Marion Steinwender. Sie entsteht in Kooperation mit der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München und der Skrein Photo Collection.
Begleitend erscheint ein umfangreicher deutsch-englischer Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König.
Die Aktualität der Sachlichkeit
Fast ein Jahrhundert später besitzen die Fragen, die die Neue Sachlichkeit aufwarf, eine bemerkenswerte Aktualität.
Was macht ein fotografisches Bild glaubwürdig? Wie verhalten sich technische Präzision und subjektive Interpretation zueinander? Und welche Bedeutung besitzt die fotografische Darstellung von Wirklichkeit in einer Bildkultur, in der die Grenzen zwischen Aufnahme, Bearbeitung und künstlicher Generierung zunehmend verschwimmen?
Die Fotografie der 1920er- und 1930er-Jahre liefert darauf keine Antworten für die Gegenwart. Sie erinnert aber daran, dass die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Bild und Wirklichkeit von Anfang an zu den zentralen Fragen der fotografischen Moderne gehörte.
Die Wiener Ausstellung bietet damit nicht nur einen Rückblick auf eine der produktivsten Epochen der Fotografiegeschichte. Sie eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Grundlagen unseres heutigen fotografischen Sehens neu zu betrachten.
Foto oben: ALBERT RENGER-PATZSCH, Schaffende Hände (Töpferhände), 1925–27. Skrein Photo Collection. Foto: Courtesy Skrein Photo Collection. © Albert Renger-Patzsch Archiv / Ann und Jürgen Wilde, Köln / Bildrecht, Wien 2026.
NEU. SACHLICH. Fotografie der 1920er und 1930erLeopold Museum, MuseumsQuartier Wien
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Kuratoren: Hans-Michael Koetzle, Dominik Papst und Aline Marion Steinwender
Öffnungszeiten: täglich außer Dienstag, 10 bis 18 Uhr; an Feiertagen geöffnet.


























