Mit „Das gute Bild“ legt der Hamburger Fotograf Friedrun Reinhold ein bemerkenswert reflektiertes Fachbuch vor, das sich weniger als klassische Technik- oder Inspirationslektüre versteht, sondern vielmehr als Arbeitsbuch zur Selbstverortung fotografischer Praxis. Es richtet sich an ambitionierte Amateure ebenso wie an professionelle Bildautorinnen und -autoren – und fordert sie gleichermaßen heraus.
»Ein gutes Foto ist das Ergebnis einer inneren Haltung, nicht primär technischer Perfektion«

Bereits in der Einleitung macht Reinhold deutlich, dass es ihm nicht um Kameraeinstellungen oder Software-Tipps geht. Sein zentrales Credo: Ein gutes Foto ist das Ergebnis einer inneren Haltung, nicht primär technischer Perfektion. Technik wird als notwendige Grundlage anerkannt, aber nie als Ziel. Wer sich allein auf Equipment verlässt, so die implizite Botschaft, wird keine fotografische Stimme entwickeln.
Dieser Ansatz zieht sich konsequent durch das gesamte Buch. Reinhold schreibt aus der Perspektive eines Praktikers, der selbst zahlreiche Wettbewerbe durchlaufen, Portfolios präsentiert und Jurys erlebt hat. Die Tonalität ist dabei weder belehrend noch esoterisch, sondern persönlich, zugewandt und zugleich erstaunlich präzise.

Portfolioarbeit als Selbstanalyse
Der erste große Themenblock widmet sich der Portfolioarbeit – und hier liegt eine der größten Stärken des Buches. Reinhold versteht das Portfolio nicht als „Best-of-Sammlung“, sondern als visuelle Argumentation. Entscheidend ist nicht die Menge starker Einzelbilder, sondern deren innere Logik, Konsistenz und erzählerische Verbindung.
Besonders wertvoll sind die zahlreichen Übungen, die weniger technische Aufgaben als vielmehr Denk- und Wahrnehmungsprozesse initiieren: Welche Bilder repräsentieren mich wirklich? Was verbindet meine Arbeiten jenseits des Motivs? Welche Geschichte erzähle ich – bewusst oder unbewusst?
Diese methodischen Einschübe machen das Buch zu einem Werkzeug, nicht nur zu einer Lektüre. Es lädt dazu ein, die eigene Bildproduktion zu hinterfragen, statt sie lediglich zu optimieren.

Serie versus Portfolio
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die klare Differenzierung zwischen Portfolio und Serie. Reinhold erläutert überzeugend, dass ein Portfolio Identität kommuniziert, während eine Serie Inhalt erzählt. Diese Unterscheidung ist in der fotografischen Praxis oft unscharf – hier wird sie verständlich, praxisnah und anhand konkreter Beispiele aufgeschlüsselt.
Die abgebildeten Werkserien – sowohl eigene als auch die anderer Fotografen – illustrieren, wie konzeptionelle Tiefe und formale Stringenz zusammenwirken können. Besonders auffällig ist dabei Reinholds Offenheit, auch eigene Ablehnungen oder Juryentscheidungen zu thematisieren. Das verleiht dem Buch eine wohltuende Authentizität.

Wettbewerbe als Spiegel, nicht als Ziel
Der zweite große Teil widmet sich Fotowettbewerben. Statt sie als Karriereabkürzung zu glorifizieren, beschreibt Reinhold sie als Lernfeld. Absagen werden als ebenso wertvoll dargestellt wie Auszeichnungen – eine Perspektive, die in einer von Social-Media-Erfolgsgeschichten geprägten Fotokultur erfrischend realistisch wirkt.
Besonders interessant sind die Einblicke in Juryprozesse, Bewertungskriterien und die Frage, was ein „Gewinnerbild“ tatsächlich auszeichnet. Dabei geht es weniger um Formeln als um Sensibilität, Handschrift und inhaltliche Klarheit.

Stilfindung und Konsistenz
Ein wiederkehrendes Motiv des Buches ist die Entwicklung eines eigenen Stils. Reinhold beschreibt Stil nicht als ästhetische Maske, sondern als Summe wiederkehrender Entscheidungen – Licht, Perspektive, Distanz, Atmosphäre. Konsistenz entsteht hier nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch innere Logik.
Diese Haltung spiegelt sich auch in der Bildauswahl wider: Viele der gezeigten Arbeiten verzichten auf spektakuläre Effekte und setzen stattdessen auf Ruhe, Struktur und formale Klarheit. Das Buch argumentiert damit implizit gegen den schnellen visuellen Reiz und für nachhaltige Bildwirkung.
Sprachlich bewegt sich „Das gute Bild“ zwischen Essay, Ratgeber und persönlichem Erfahrungsbericht. Reinhold schreibt zugänglich, aber nie banal. Die Struktur ist klar gegliedert, die Kapitel bauen sinnvoll aufeinander auf, ohne dogmatisch zu wirken. Man kann das Buch linear lesen – oder gezielt einzelne Abschnitte als Arbeitsgrundlage nutzen.
Fazit
„Das gute Bild“ ist kein Buch für Menschen, die schnelle Tipps oder technische Tricks suchen. Es ist ein Buch für Fotograf:innen, die bereit sind, sich mit ihrer eigenen Arbeit ernsthaft auseinanderzusetzen. Reinhold liefert keine Rezepte, sondern Denkwerkzeuge. Gerade darin liegt seine Qualität: Es fordert Zeit, Aufmerksamkeit und Selbstkritik – und bietet im Gegenzug Klarheit, Orientierung und die Einladung, Fotografie als persönliche Sprache zu begreifen. Für alle, die ihr Portfolio nicht nur ordnen, sondern verstehen wollen, ist dieses Buch weniger Anleitung als Begleiter.
*Reinhold, Friedrun, Das gute Bild – Die eigenen Fotos mit anderen Augen sehen. Heidelberg: dpunkt.verlag, 2026. Gebundene Ausgabe, 256 Seiten. ISBN 978-3-9888906-2-7 (ISBN-10: 3988890626), 39,90 Euro












