Warum greifen Fotografen heute noch zur analogen Kamera – obwohl digitale Workflows schneller und kontrollierbarer sind? Antworten liefert eine aktuelle Untersuchung von Dr. Joachim Feigl vom Institut für Fotopsychologie, die Motive, Einstellungen und Praxisformen analoger Fotografie empirisch beleuchtet.
Analoge Fotografie war durchgehend Teil fotografischer Praxis. Auffällig ist eher, wie bewusst sie heute als eigene Praxis diskutiert und genutzt wird. Während digitale Workflows auf Geschwindigkeit, Kontrolle und unmittelbare Rückmeldung ausgelegt sind, organisiert Filmfotografie das Arbeiten anders: weniger Bilder, bewusstere Entscheidungen vor dem Auslösen, Ergebnis zeitlich nachgelagert. Genau diese Prozesslogik steht im Zentrum der Studie.

Für die Studie wurden insgesamt 1347 Personen befragt. Neben einer nach Alter und Geschlecht quotierten Panelstichprobe aus Deutschland, die von Talk Online Panel bereitgestellt wurde, wurden fotografisch stark involvierte Teilnehmer (Profis und Amateure) über eigene Kanäle rekrutiert, darunter gezielt auch Personen mit analoger Praxis. Auswertbar waren drei Vergleichsgruppen: Allgemeinbevölkerung, Digital-Fotografen und Analog-Fotografen. Als Analog-Fotografen wurden in der Auswertung diejenigen Teilnehmer aus der eigenrekrutierten Fotostichprobe zusammengefasst, die in den letzten drei Jahren mindestens gelegentlich mit einer Analogkamera (Filmkamera oder direkte Belichtung auf Fotopapier; Sofortbild ausgenommen) fotografiert haben.
In der Allgemeinbevölkerung ist aktives analoges Fotografieren eher selten. Gleichzeitig zeigt sich bei den Analog-Fotografen: Die große Mehrheit kombiniert analog und digital, ausschließlich analog arbeitet nur eine kleine Teilgruppe.
Bei den Analog-Fotografen fotografiert die Mehrheit zwar bereits seit mehr als 20 Jahren, aber ein relevanter Teil hat erst in den letzten Jahren damit begonnen oder wieder angefangen – also zu einem Zeitpunkt, als digitale Fotografie längst der Standard war.
Warum analog?

Die zentralen Motive der Analog-Fotografen liegen weniger im Look als im Prozess: Entscheidungen im Moment der Aufnahme, handwerkliche Routinen und eine als authentisch erlebte Bildentstehung. Entsprechend hoch ist die Zustimmung zu Aussagen wie: genauer überlegen, bevor man auslöst; bewusster planen wegen der begrenzten Aufnahmen pro Film; konzentrierter fotografieren. Auch der handwerkliche Weg von Filmwahl bis Entwicklung macht analoges Fotografieren attraktiv.
Parallel zur analogen Praxis existiert die digitale Simulation des „analog look“. In allen Gruppen gibt es Nutzer, die solche Filter häufig oder gelegentlich einsetzen, die Mehrheit verwendet sie jedoch nie.
Die Nicht-Nutzung wird überwiegend pragmatisch begründet: Oft ist es schlicht kein Thema oder kein Bedürfnis; der Filter-Look wirkt überflüssig oder passt nicht zum eigenen Anspruch. In der Allgemeinbevölkerung kommt hinzu, dass die passende App oder Software für solche Looks nicht immer vorhanden ist. Wer Filter nutzt, begründet das meist ästhetisch und experimentierend: eine warme, nostalgische Anmutung, ein bestimmter Charakter, schnelle Varianten zum Ausprobieren. In der Allgemeinbevölkerung spielt außerdem eine Rolle, dass man keinen Zugang zu einer analogen Kamera hat.

Aufschlussreich ist die Typisierung innerhalb der Analog-Fotografen. Statt einer homogenen Szene zeigen die Daten vier klar unterscheidbare Profile: distanziert-pragmatische Gelegenheitsnutzer, werteorientierte Analogfans mit Gemeinschaftsbezug, praxisstarke Selbstentwickler und engagierte Dunkelkammer-Experten. Damit wird sichtbar, dass analoges Fotografieren sehr unterschiedliche psychologische Bedeutungen haben kann: als gelegentliche Option im hybriden Workflow, als Ausdruck eines fotografischen Selbstverständnisses oder als handwerklich geprägter Schwerpunkt.
Analoge Praxis
Bei den Analog-Fotografen dominiert das Kleinbildformat, Mittelformat ist ebenfalls verbreitet. Großformat spielt dagegen nur für eine kleinere Teilgruppe eine Rolle; Sofortbildfilm wird insgesamt eher selten genutzt.

Im Workflow zeigt sich ein gemischtes Bild aus Selbermachen und Labor. Schwarz-Weiß-Film wird von einem Teil sehr regelmäßig selbst entwickelt, während ein ähnlich großer Teil das nie macht. Farbfilm wird überwiegend nicht selbst entwickelt. Laborleistungen werden häufig genutzt, vor allem für die Filmentwicklung. Beim Scannen liegt der Schwerpunkt eher auf Eigenleistung; Labor-Scans sind weniger etabliert. Dunkelkammerarbeit ist insgesamt seltener: Schwarz-Weiß-Abzüge werden von einer Minderheit regelmäßig gemacht, Farbabzüge in der Dunkelkammer sind kaum verbreitet.

Bei der Filmauswahl sind Amateure etwas stärker schwarz-weiß orientiert, Profis etwas stärker farborientiert; am häufigsten ist in beiden Gruppen die Kombination beider Filmarten.
Was folgt daraus für die Praxis? Die Attraktivität analoger Fotografie liegt auch im Prozess. Gleichzeitig zeigen die Daten: Viele arbeiten hybrid und verteilen die Schritte zwischen Eigenarbeit und Dienstleistung – etwa bei Entwicklung, Scans und Dunkelkammerarbeit. Für Anbieter in der analogen Praxis bedeutet das: Wer Orientierung, Qualität und Verlässlichkeit entlang dieser Prozesskette bietet, trifft den Kern dessen, was viele Analog-Fotografen suchen.
Die vollständigen Ergebnisse und eine Kurzfassung sind über das Institut für Fotopsychologie verfügbar.













