Mit der fünften Ausgabe ihres Residenzprogramms Artist Meets Archive setzt die Internationale Photoszene Köln ihre Auseinandersetzung mit fotografischen Archiven fort – und öffnet sie zugleich weiter in Richtung künstlerischer Forschung, internationaler Perspektiven und diskursiver Formate.
Für die Ausgabe 2026/27 wurden vier künstlerische Positionen ausgewählt, die im Sommer mehrere Wochen in Köln arbeiten werden: Lana Mesić, Maria Trabulo, Viktoriia Tymonova sowie das Duo Juana Awad und Luisa Ungar. Ihre Projekte entstehen in enger Auseinandersetzung mit den Beständen von Institutionen wie dem Deutschen Tanzarchiv Köln, dem Archiv der Fotowerkstätte Schmölz, dem Greven Archiv Digital sowie dem LVR-Landesmuseum Bonn und dem FrauenMediaTurm.
Die daraus hervorgehenden Arbeiten werden im Rahmen des Photoszene-Festivals im Mai 2027 präsentiert.
Das Programm Artist Meets Archive verfolgt seit seiner Einführung 2018 einen Ansatz, der Archive nicht als statische Wissensspeicher versteht, sondern als offene Systeme, die neu gelesen, umgeschrieben und hinterfragt werden können.
Gerade darin liegt seine Stärke: Künstlerische Praxis tritt hier nicht in Konkurrenz zur historischen Forschung, sondern verschiebt deren Perspektive. Statt Ordnung zu schaffen, werden Brüche sichtbar gemacht – Lücken, Auslassungen und blinde Flecken.
Die Resonanz auf den internationalen Open Call unterstreicht die Relevanz dieses Ansatzes: Über 350 Bewerbungen aus fast 60 Ländern zeigen, wie groß das Interesse an einer künstlerischen Neubefragung fotografischer Bestände inzwischen ist.
Die ausgewählten Künstlerinnen eint ein forschender Zugang, unterscheiden sich jedoch deutlich in Methodik und thematischer Ausrichtung.
Lana Mesić, die im Archiv der Fotowerkstätte Schmölz arbeitet, bewegt sich zwischen dokumentarischer Fotografie und installativer Praxis. Ihre Arbeiten untersuchen politische und gesellschaftliche Strukturen – von Grenzen bis zu kollektiven Mythen – und übersetzen diese in räumliche und materielle Formen.
- Lana Mesic (Foto: Jelle Mollema)
- Luisa Ungar (Foto: Jaime Iregui)
- Maria Trabulo (Foto: Iberia)
Maria Trabulo, die mit dem FrauenMediaTurm Köln und dem LVR-Landesmuseum Bonn kooperiert, versteht Archive als Orte kollektiven Erinnerns. Ihre Projekte kreisen um Fragen von kulturellem Erbe, Zerstörung und Wiederaufbau – insbesondere im Kontext politischer Umbrüche.
Viktoriia Tymonova, die sich mit dem Greven Archiv Digital auseinandersetzt, bringt eine bewusst andere Perspektive ein: Ihre Arbeit operiert mit Fiktion, Mystifikation und dem Paranormalen. Archive werden hier nicht nur als Speicher von Fakten verstanden, sondern als Projektionsflächen für Unsicherheiten und alternative Erzählungen.
- Viktoriia Tymonova (Foto: Lucie Sasinova)
- Juana Awad (Foto: J Awad)
Das Duo Juana Awad und Luisa Ungar schließlich arbeitet im Deutschen Tanzarchiv Köln. Ihre gemeinsame Praxis ist stark von dekolonialen Fragestellungen geprägt. Sie untersuchen, wie Geschichte konstruiert wird – und welche Stimmen dabei systematisch ausgeblendet bleiben.
Was alle Positionen verbindet, ist ein erweitertes Verständnis von Fotografie. Es geht nicht um einzelne Bilder, sondern um deren Kontext, ihre Zirkulation und ihre Einbettung in größere narrative Strukturen.
Archive werden dabei zu einem Material, das neu zusammengesetzt werden kann – jenseits wissenschaftlicher Systematik. Die künstlerische Arbeit verschiebt den Fokus von der Dokumentation hin zur Interpretation.
Diese Entwicklung ist symptomatisch für einen breiteren Wandel innerhalb der Fotografie: Das Bild ist nicht mehr Endpunkt, sondern Ausgangspunkt von Bedeutung.
Mit dem Projekt Bildgeschichte(n) des Kölner Popjournalismus erweitert die Photoszene das Programm um eine zusätzliche, forschungsbasierte Ebene. In Kooperation mit der Kunsthochschule für Medien Köln wird ab April 2026 eine studentische Projektgruppe die visuellen Archive des Kölner Popjournalismus untersuchen.
Im Zentrum stehen die Bestände des Fotografen Wolfgang Burats und der Musikzeitschrift SPEX, die in den 1980er Jahren maßgeblich zur Entwicklung einer neuen Popästhetik beitrug. Bemerkenswert ist dabei weniger die historische Perspektive als die Fragestellung selbst: Warum ist die visuelle Sprache dieser Szene bislang kaum aufgearbeitet worden?
Hier zeigt sich exemplarisch, wie viele fotografische Archive zwar existieren – aber noch nicht wirklich erschlossen sind.
Fotografie und das Nicht-Wissen
Mit dem Kongress „Not Knowing – Photography and the Unknown“ (22.–25. Oktober 2026, Orangerie Theater Köln) erweitert die Photoszene den Diskursraum zusätzlich.
Im Zentrum steht eine ebenso einfache wie grundlegende Frage: Was wissen wir eigentlich – und was nicht? Gerade für die Fotografie ist das eine zentrale Herausforderung. Seit ihrer Erfindung gilt sie als Medium der Evidenz, als Beweis, als Zugang zur Realität. Gleichzeitig wird diese Zuschreibung zunehmend brüchig.
Der Kongress greift diese Spannung auf und diskutiert Fotografie aus der Perspektive des Nicht-Wissens – insbesondere im Kontext von Archiven, die traditionell als Orte gesicherter Erkenntnis gelten.
Fazit: Mit Artist Meets Archive #5 zeigt die Internationale Photoszene Köln, wie produktiv die Reibung zwischen künstlerischer Praxis und archiviertem Wissen sein kann. Fotografie erscheint hier nicht als abgeschlossenes Medium, sondern als offenes Feld: zwischen Dokument und Fiktion, zwischen Erinnerung und Konstruktion, zwischen Wissen und Nicht-Wissen. Oder zugespitzt: Nicht das Archiv bewahrt die Geschichte – sondern die Art, wie wir es lesen.
Foto oben: FMT, Archivkartons im Regal, Foto: Bettina Flitner


















