Je schneller Fotografie geworden ist, desto deutlicher spüren viele, was dabei verloren geht. Permanente Kontrolle, sofortige Bewertung und endlose Bildmengen prägen den digitalen Alltag. Gleichzeitig wächst bei immer mehr Fotografinnen und Fotografen die Sehnsucht nach einem anderen Arbeiten. Langsamer, konzentrierter, haptischer. Analoge Fotografie erlebt deshalb keine bloße Nostalgiewelle, sondern steht für eine bewusste Entscheidung: für Präsenz im Moment und einen Prozess, der wieder Raum lässt, Bilder zu entwickeln und das einzelne Bild zu zelebrieren.
Beim Symposium „Zwischen Hype und Vergessen“ des Deutschen Fotorats im vergangenen November wurde unter anderem genau darüber diskutiert. Besonders eindrücklich waren die Perspektiven von Linn Schröder, Professorin an der HAW Hamburg und Mitglied von Ostkreuz, die die Ergebnisse einer Umfrage unter Studierenden vorstellte. Erstaunlich viele der Befragten arbeiten bewusst analog, nicht aus technischen Gründen, sondern wegen der Qualität des Prozesses. Analoges Fotografieren unterbricht nicht. Es zwingt nicht zur Kontrolle, nicht zur sofortigen Bewertung. Wer nicht ständig auf ein Display schaut, bleibt bei der Person, bleibt im Moment präsent und arbeitet sich Schritt für Schritt in das Bild hinein.
Diese Dichte des Arbeitens verändert die Beziehung zur Person vor der Kamera. Entscheidungen werden nicht sofort korrigiert, Zweifel nicht direkt sichtbar. Der Bewertungsprozess findet später statt, nach dem Shooting. Gerade dadurch entstehen oft klarere Bilder und eine größere innere Ruhe während der Arbeit. Das ständige Hinterfragen nimmt ab. Selbst bei Selbstporträts, etwa mit Fernauslöser, ist der Blick auf das eigene Bild weniger streng, weniger optimierend. Die Distanz schafft eben auch fotografische Privatsphäre.
Auch der Umgang mit Fehlern verändert sich. Wer analog arbeitet, weiß, nicht alles lässt sich kontrollieren. Eine vergessene Filmspannung kann zu einer Doppelbelichtung führen und genau daraus entsteht manchmal etwas Unerwartetes mit eigenem Charakter. Zufälligkeiten werden Teil des kreativen Prozesses und oft absichtlich als Stilmittel eingesetzt. Besonders Schwarzweißfilme verstärken diesen Effekt. Sie entziehen Bilder einer eindeutigen zeitlichen Zuordnung und verleihen ihnen eine fast zeitlose Präsenz.
Hinzu kommt die körperliche Dimension. Wer mit einer Mittelformatkamera arbeitet und von oben in den Sucher blickt, verändert automatisch seine Haltung. Dadurch fühlt sich die fotografierte Person weniger beobachtet und agiert freier im Ausdruck. So entsteht eine andere Situation im Raum.
Auch der Workflow selbst wird Teil der fotografischen Arbeit. Entwicklung, Kontaktabzüge oder Scans sind kein notwendiges Übel, sondern ein integraler Bestandteil des Prozesses. Die Bildmenge ist begrenzt, die Konzentration hoch. Statt tagelanger Nachbearbeitung digitaler Serien erfolgt die Auswahl schneller und klarer. Die Negative liegen greifbar im Schrank und nicht auf Servern, die gepflegt, gesichert und migriert werden müssen. Und dazu noch datenschutzkonform.
Oliver Heinemann, Inhaber von Khrom in Hamburg, brachte es beim Symposium auf den Punkt: „Das Endergebnis ist in der analogen Fotografie nur noch die Hälfte des Grundes, warum man analog fotografiert.“
Die andere Hälfte ist der Weg dorthin, der nicht nur von den Studierenden der Klasse Linn Schröders geschätzt wird. Manche Modekampagne wird wieder analog fotografiert und unzählige freie und künstlerische Projekte von Fotografinnen und Fotografen ebenfalls. Dass dieses Verständnis zunehmend geteilt wird, zeigt der Plan, am ersten Mai ein deutschlandweites Event zum „Analog Season Opening“, initiiert von Khrom und Partnern ins Leben zu rufen. Ein klares Zeichen dafür, dass analoges Arbeiten heute kein Rückzug ist, sondern eine bewusste Positionierung.
Digitales Entgiften ist angesagt. Allerdings ist analoge Fotografie kein Gegenentwurf zur digitalen Welt, sondern eine Ergänzung. Sie erinnert daran, dass Qualität Zeit braucht, dass Prozesse wirken dürfen und dass nicht alles sofort sichtbar sein muss, um Bedeutung zu haben. Gerade im heutigen Foto-Business kann diese Haltung zu einem echten Unterscheidungsmerkmal werden.
„Man muss Fotografie ernst nehmen“ sagte Markus Schaden, Experte für Fotobücher, Verleger, Kurator und Mitbegründer des Photo Book Museum. Genau das machen die Studierenden an der HAW, was die Umfrage gezeigt hat.
Und wann kehren Sie zur analogen Fotografie zurück?
Silke Güldner coacht Fotografinnen und Fotografen dabei, ihr Potenzial und ihre Kompetenz im Foto-Business zu entwickeln, zu präsentieren und zu verkaufen.
www.silkegueldner.de
*Symposium Deutscher Fotorat:
www.youtube.com/watch?v=MYxDe9I2IH8












