Nach Jahrzehnten größtmöglicher Freiheit bei Darstellungen und öffentlicher Präsentation schwindet die Akzeptanz für den künstlerischen und fotografischen Akt, werden Publikationen und Ausstellungen wieder stärker zensiert.
Jens Pepper hat Kuratoren, Magazinmacher, Galeristen und Fotografen zu ihren Perspektiven auf das Thema Nuditiy in der Fotografie befragt. Das wollte er wissen:
- Haben Sie in Ihrem beruflichen Umfeld Formen der Zensur in Bezug auf Nacktheitsdarstellungen erlebt? Welche?
- Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für diesen Backlash?
- Haben Sie sich schon einmal selbst zensiert?
- Wie lässt sich diesem Trend entgegenwirken?
Die Antworten:

Foto: Max Kuta
Mathilde Leroy
Sammlungsdirektorin und Kuratorin bei CHAUSSEE 36 Photography
www.chaussee36.photography
1.
Die Zensur von Nacktheit in der Fotografie hat eine lange Geschichte. In Europa wurde die Aktfotografie – überwiegend weiblich – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Avantgarden akzeptiert, bevor sie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, insbesondere durch Werbung und die sexuelle Revolution, weit verbreitet wurde.
In den letzten Jahren scheinen Tabus und Streitigkeiten jedoch zuzunehmen, insbesondere in Bezug auf die Präsentation von Aktbildern im öffentlichen Raum und in sozialen Medien. Bei CHAUSSEE 36 Photography habe ich diese Form der Zensur ebenfalls direkt erlebt, da Akt- und Erotikfotografie einen zentralen Bestandteil unserer Sammlung und Ausstellungsprogramme bildet.
Das jüngste Beispiel stammt aus dem Jahr 2024: Das „Shadowbanning“ unserer Instagram-Seite und die Löschung unserer Facebook-Seite anlässlich der Veröffentlichung eines Bildes im Rahmen der Ausstellung AdeY: Uncensored. Das Werk von AdeY enthält keinerlei sexuellen Inhalt: Es handelt sich um künstlerische, zarte und humorvolle Akte, die für Gleichberechtigung und Menschenrechte werben. AdeY hatte uns bereits gewarnt: 2017 war sein gesamtes Instagram-Konto ohne Vorwarnung gelöscht worden, woraufhin er einen Beschwerdebrief an die Plattform schrieb und um eine bessere Zusammenarbeit mit Künstler*innen bat.
2.
Diese neue Form der Zensur ist offenbar durch kulturelle, moralische und wirtschaftliche Logiken bedingt. Soziale Medien setzen globale, automatisierte Normen durch, die auf US-amerikanischem Recht und einem konservativen Kontext basieren und jede sichtbare Nacktheit als sexuellen oder pornografischen Inhalt interpretieren. Diese vereinfachte Lesart unterscheidet nicht zwischen potenziell schädlichen Inhalten für Nutzer*innen und künstlerischem Ausdruck.
Die massive Verbreitung sexualisierter weiblicher Körper durch Werbung und Marketing verstärkt diese falsche Gleichsetzung von Nacktheit und Sexualität. Nacktheit wird toleriert, wenn sie Produkte verkauft, doch in einem künstlerischen Kontext wird sie verdächtigt.
3.
Ich zensiere mich regelmäßig selbst in der Kommunikation von Ausstellungen, um die Plattformrichtlinien zu umgehen. Dies betrifft die Auswahl von Pressebildern, bei denen direkte Darstellungen nackter Körper vermieden oder in den Hintergrund gerückt werden, sowie Vorsicht bei Bildern, die auf sozialen Medien veröffentlicht werden. Für die Ausstellung von AdeY haben wir beispielsweise grafische Elemente hinzugefügt oder Genitalien auf den geposteten Fotografien verpixelt.
4.
Dieser Trend zu einem gewissen Puritanismus in der Aktfotografie könnte durch eine bessere Bildkompetenz überwunden werden, die klar zwischen künstlerischem Akt, Erotik, Sexualität und Pornografie unterscheidet.
Während der Vorbereitung der Ausstellung Eros & Photography: Behind Desire im Jahr 2020 stellte ich fest, dass dieses Thema in der Fotografiegeschichte nur sehr selten behandelt wird. Es gibt nur wenige Fachpublikationen, Ausstellungen oder Konferenzen zu künstlerischer Nacktheit und Erotik. Um die Wahrnehmung nachhaltig zu ändern, wäre zudem ein Ausgleich der Geschlechterdarstellung und die Förderung künstlerischer männlicher Akte notwendig … aber das ist ein anderes Thema!

Foto: Franziska Hauser
Ute Gliwa und Janina Gatzky
Chefredakteurinnen Séparée Magazin
www.separee.com
1.
Ständig. Wir dürfen bei Männerakten keine Erektionen über 45° zeigen. Bei Frauen z.B. keine inneren Schamlippen. Alles, was als Pornografie gedeutet werden kann, ist schwierig. Wir wurden und werden in den sozialen Medien immer wieder zensiert. In der Vergangenheit wurden wir auf Facebook regelmäßig gesperrt, auch unsere privaten Accounts. Wir haben daher irgendwann mit Facebook aufgehört. Bei Instagram achten wir sehr auf die Darstellungen und wählen bewusst Bilder, die „unproblematisch“ sind. Aber auch hier gibt es immer wieder Mahnungen.
2.
Vermutlich das allgemeine politische und gesellschaftliche Klima, das derzeit wenig freiheitlich geprägt ist und von allen Seiten gern mit Vorschriften und Bevormundung aufwartet. Große Pendelschwünge in die eine Richtung (#MeToo, die Genderdebatte in ihren vielen Facetten) sorgen immer auch für Pendelschwünge in die Gegenrichtung. In vieler Hinsicht gibt es auch klare Fortschritte, z. B. die allgemeine Akzeptanz von Sexualpraktiken, die früher als pervers galten. Kinky ist heute nichts Besonderes mehr. Aber Pendelschwünge sind in der Geschichte nichts Neues und kennzeichnen langfristig Fortschritt. Allerdings hatten wir das Gefühl, dass der Backlash eigentlich schon vor einigen Jahren war und gar nicht so neu.
3.
Regelmäßig, vor allem was unsere englischsprachige Publikation betrifft. Hier „vernippeln“ wir standardmäßig für amerikanische Plattformen und geben in unserem eigenen Webshop eine zensierte und eine unzensierte Version heraus. Auch bei der Auswahl für die Séparée zensieren wir uns, wenn wir Bedenken haben, ein Bild könnte „jugendschutztechnisch“ problematisch sein, und lassen dies ggf. von unserem Medienanwalt überprüfen. Im Zweifelsfall fällt die Entscheidung gegen (!) das betreffende Bild.
4.
Weitermachen, Auseinandersetzungen anregen, Nischen finden.

Foto: privat
Thomas Berlin
Fotograf (Frankfurt am Main)
www.thomasberlin.net
1.
Ja – am sichtbarsten ist das auf Social-Media-Plattformen: Inhalte wurden manchmal gelöscht oder in der Empfehlung eingeschränkt. Bilder mit viel Haut oder ambivalenten Situationen wurden mitunter fälschlich als sexualisierter Inhalt eingestuft, selbst wenn keine Nacktheit und keine sexuelle Handlung vorliegt.
Inzwischen beschränken sich die Restriktionen nicht mehr nur auf die Veröffentlichung, sondern sind Bestandteil digitaler Fotobearbeitungswerkzeuge. Bei KI-gestützten Photoshop/Firefly-Funktionen beispielsweise kann es vorkommen, dass Anwendungen wie „Generatives Erweitern“ bei viel Haut blockiert werden – selbst wenn die KI keine Nacktheit erzeugen, sondern nur Bildränder ergänzen soll.
2.
Bei Social Media sind es Plattformökonomie und Normexport. Plattformen sind werbegetrieben und standardisieren Regeln deshalb auf eine risikoarme Variante. Einschränkungen bei Nacktheit werden auch mit kulturellen Sensibilitäten begründet. Das wird dann problematisch, wenn liberale Ausdrucksformen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Hinzu kommt, dass viele dieser Policy-Entscheidungen vom US-amerikanischen Kulturkontext geprägt sind und global ausgerollt werden – auch in Ländern, in denen der Umgang mit Akt, Körper und Kunst anders verankert ist.
Dazu kommt der Aspekt der kulturellen Hegemonie: Wenn Sichtbarkeit algorithmisch gesteuert wird, setzen Plattformen normative Filter. Sie prägen, was gesehen wird und dadurch als akzeptabel oder normal gilt.
3.
Nicht darin, was oder wie ich fotografiere, aber in der Veröffentlichung. Für Social Media wähle ich ohnehin nicht meine wichtigsten Arbeiten. Denn die möchte ich nicht als reine „Daumenstopper“ im Feed einsetzen, sondern lieber in einem Kontext zeigen, der mir besser gefällt.
Daneben gibt es eine zweite Form der Selbstbegrenzung, die ich wichtig finde: Verantwortung gegenüber den Beteiligten – Schutz vor Kontextverschiebung, unerwünschter Weiterverwertung und die Frage, wie sich Bilder in zehn Jahren noch anfühlen. Entscheidend ist für mich, ob ich aus meinem Ethikverständnis handle oder zur Vermeidung algorithmischer Sanktionen bzw. aus Angst vor einem puritanischen Weltbild mancher Betrachter.
4.
Ich würde auf mehreren Ebenen ansetzen – mit dem Ziel, Freiheit und Schutz nicht gegeneinander auszuspielen:
- Plattform- und Tool-Abhängigkeit reduzieren: Jeder Künstler kann versuchen, eigene Kanäle zu stärken – Website, Newsletter, Print, Ausstellungen, Artist Talks. Das heißt: Social Media als Zubringer nutzen, aber nicht als einzige Öffentlichkeit. Das ist der wichtigste Aspekt.
- Mehr Sichtbarkeit für Aktfotografie im physischen Raum: Mehr Ausstellungen und kuratorische Formate, die Körperlichkeit nicht reflexhaft skandalisieren. Das erweitert langfristig die Wahrnehmung von Fotografie im kulturellen Kontext.
- Medienkompetenz stärken: Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Körperlichkeit, Sexualisierung, Werbung und Pornografie fördern – und damit pauschaler Tabuisierung und Schamlogik entgegenwirken. Das beginnt in der Schule.
- Checks and Balances gegen Plattformmacht: Plattformbetrieb und algorithmische Kuratierung sollten getrennte Verantwortungsbereiche sein. Bei Zeitungen gibt es eine funktionale Trennung zwischen Eigentum und Redaktion; als Analogie zeigt das, dass gesellschaftlich relevante Informations- und Meinungsräume Regeln brauchen, die Meinungs- und Kunstfreiheit absichern – statt Echokammern und Empörungsdynamiken zu belohnen.

Foto: Wendy Hicks
Renée Jacobs
Fotografin (Südfrankreich)
www.reneejacobs.com
1.
Ich arbeite gerade an meinem nächsten Buch, das diesen Sommer erscheint und Arbeiten aus den Jahren 2006 bis 2016 enthält, also aus der Zeit vor meinem Umzug nach Frankreich. Als ich um 2006 mit Aktfotografie begann, hatte ich einige einflussreiche Verbündete, die mich davor warnten, meine Arbeiten zu erotisch zu gestalten und über meine eigene Sexualität und die meiner Modelle zu sprechen. Ein bekannter Fotograf sagte mir, dass zu viele Informationen die Fantasien von Sammlern über die Verfügbarkeit der Modelle stören könnten. Anfangs ließ ich mich davon beeinflussen. Doch wie dieses neue Buch zeigen wird, habe ich mich glücklicherweise schnell davon distanziert, als ich von begeisterten Frauen mitgerissen wurde, die sich ausdrücken wollten. Der Großteil dieser Arbeiten entstand während der Obama-Jahre in den USA, als sich so viele von uns so viel freier fühlten. Trotzdem wurde meine Arbeit in Ausstellungen auf höchst unprofessionelle Weise zensiert – sogar in Europa! Im krassesten Fall wurden fast alle meine authentischen, leidenschaftlichen Bilder von gleichgeschlechtlichen Paaren in letzter Minute ohne meine Erlaubnis oder mein Wissen und unter Verletzung eines schriftlichen Vertrags entfernt, während Bilder von Frauenpaaren eines bekannten männlichen Fotografen gefeiert und wandgroß ausgestellt wurden. Auch wurden die Bilder in einen weniger prominenten Bereich verlegt, was ebenfalls gegen den Vertrag verstieß. Es ist schon bedenklich, wenn Menschen Angst vor Frauen haben, die ihre Kraft und ihre Sehnsüchte ohne einen männlichen oder kommerziellen Filter zeigen. Andererseits gibt es natürlich auch viele großartige Männer (und Frauen), die meine Arbeiten veröffentlicht, gesammelt und gefeiert haben. Wir brauchen mehr furchtlose Menschen in der Fotografie wie sie.
2.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Gegenreaktion auf den Feminismus von Bots und Algorithmen angeheizt wird, die von konservativsten Politikern und Ländern entwickelt wurden. Die Zensur, die wir jetzt erleben – insbesondere in den USA – ist jedoch eine direkte Reaktion auf den Feminismus und die größere Freiheit für alle Frauen – queere Frauen eingeschlossen –, die uns während der Obama-Ära geprägt haben. Denken Sie nur an den Vorfall mit dem ICE-Beamten in Minneapolis. Dieser Polizist schoss einer Frau dreimal ins Gesicht, nachdem sie ihn angelächelt und gesagt hatte, sie sei nicht wütend auf ihn, und nachdem ihre gleichgeschlechtliche Partnerin ihn ausgelacht hatte. Die Reaktionen im Internet, die diese Gräueltat unterstützen, sind sehr aufschlussreich – viele Menschen (sogar Frauen) sagen Dinge wie: „Warum war sie nicht einfach zu Hause bei ihren Kindern?“ Sie akzeptieren die neue rechtskonservative Theorie der „traditionellen Ehefrau“. Mit anderen Worten: Du bist eine Frau und hast das Haus verlassen? Du bist lesbisch? Dann verdienst du es, erschossen zu werden. Das sind sehr beängstigende Zeiten.
3.
Je nach Land habe ich manchmal meine Arbeiten für Ausstellungen selbst zensiert. Soziale Medien sind natürlich ein ganz anderes Terrain. Ich poste dort mittlerweile kaum noch etwas, weil sie so unglaublich restriktiv sind. Aber die Fotos selbst habe ich nie zensiert. Ich höre den Modellen zu und lasse sie sich ausdrücken. Wie bereits erwähnt, gab es zu Beginn meiner Karriere aufgrund von Ratschlägen, die ich bekommen hatte, eine interne Diskussion, die aber nicht lange anhielt. Sobald ich die Frauen gefunden hatte, die sich ausdrücken wollten, fand ich mein Zuhause. In der Einleitung zu meinem Buch „POLAROIDS“ schrieb der Maler Greg Forstner: „Begehren braucht Kontext.“ Ich finde diesen Gedanken sehr aussagekräftig. Ich brauchte Kontext. Die Frauen, die ich fotografierte, brauchten Kontext. Und aufgrund der Zensur, der wir von der Gesellschaft und sogar innerhalb der Kunstwelt ausgesetzt sind, wurde es umso wichtiger, Kontext zu finden.
4.
Wir müssen laut, stolz und voller Freude sein. Wie jemand sagte: Wir dürfen uns nicht im Voraus unterwerfen. Wir müssen diesem schleichenden Faschismus unbedingt entgegentreten. Künstler tragen diese Verantwortung. Galeristen tragen diese Verantwortung ebenfalls. Museen tragen diese Verantwortung. Wir dürfen uns nicht entschuldigen. Ich muss lachen, wenn ich online jemanden lese, der behauptet, ein Künstler dürfe sich nicht politisch engagieren. Über solche Leute sollten wir lachen. Jede Gelegenheit dazu nutzen.
(übersetzt aus dem Englischen)

Foto: Victoria Kämpfe
Lara Wilde
Fotografin (Berlin)
www.lara-wilde.com
1.
Meine Arbeiten zeigen Akt eher beiläufig und als Teil einer größeren Geschichte: eine Frau vor ihrem Kleiderschrank, ein Paar vor dem Fernseher. Sie ist nie Spektakel. Was mir vor allem auffällt ist, dass die Intention der Nacktheit keine Rolle mehr spielt. Im Internet ist die Zensur besonders deutlich sichtbar. Bilder, die ich vor zwei Jahren noch problemlos auf großen Plattformen zeigen konnte, werden nun gelöscht. Das ist insofern verwunderlich, als das laszive, verpixelte Bilder mit den ewig gleichen unterwürfigen Posen augenscheinlich kein Problem darstellen. Aber auch im realen Raum erlebe ich mehr Menschen, die sich an Nacktheit pauschal stören, als sei sie kein Teil unseres Lebens mehr. Als hätten wir die Fähigkeit verloren, Nacktheit und Sexualität voneinander zu trennen.
2.
Anfangs dachte ich, es habe etwas mit der Bilderflut von Nacktheit im Allgemeinen zu tun, an der ich mich auch manchmal störe, gemischt mit den Algorithmen, die nur nach Form entscheiden und somit keine Detailtiefe zulassen. Doch jetzt glaube ich, deutet vieles auf eine neue Prüderie hin. Zum einen scheinen wir vieles von der amerikanischen Vorstellung von Nacktheit zu übernehmen, zum anderen geht mit den zunehmend politisch konservativen Strömungen auch eine fehlende bildliche Freiheit einher. Beides sehe ich als problematisch an. Es ist ja auch keine Entwicklung, die sich nur auf Bilder bezieht, sondern sich genauso in den überarbeiteten AGBs vieler deutscher Saunen finden lässt.
3.
Ja, besonders bei Einreichungen für Ausstellungen oder Fotografiepreise gehe ich systematisch vor. Bei vielen weiß ich vorher schon, dass ich mir die Arbeit sparen kann, wenn die Darstellung zu roh, nackt oder blutig ist. Das ist die Realität unserer Szene, gerade im internationalen Kontext. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das okay: Wenn Bilder im öffentlichen Raum hängen, müssen sie dem Jugendschutz entsprechen. Da gibt es auch nichts zu diskutieren. Aber solange die Schulklassen sich die nackten Büsten im Louvre ansehen, sollten ähnliche Maßstäbe für zeitgenössische Werke gelten. Das hat sich aber geändert.
4.
Mit Persistenz da, wo es geht und dem offenen Austausch. Meinungen anderer zu ändern geht immer über den direkten Kontakt. Ich erinnere mich an eine Gruppenausstellung, die ich letztes Jahr im Forderzimmer mit kuratiert habe. Unser großes, zur Straße zeigendes Plakat in der Scheibe zeigte eine Selbstfotografie von Franziska Lange; ein Teilakt. Wir haben uns sehr bewusst für die sichtbare Darstellung entschieden, haben aber der Öffentlichkeit die Wahl gelassen, wie viel wir zeigen, indem wir das Werk von Außen mit Ducktape zensiert haben. Das Tape hat keine 24 Stunden dort geklebt und für uns war das eine schöne Interaktion mit einer uns fremden Person, die sich gegen diese Zensur entschieden hat. Es hing dann für die restliche Zeit unzensiert. Zusätzlich kann ich mir vorstellen, dass die großen Plattformen mit der Zeit weniger relevant werden und sich Neue – mit anderem Konzept – mehr Raum erkämpfen.

Foto: privat
Jennifer Adler
Fotografin (Berlin)
www.fraurabefotografiert.de
1.
Ja, ich habe in meinem beruflichen Umfeld wiederholt Formen von Zensur in Bezug auf Nacktheitsdarstellungen erlebt, insbesondere durch Plattform- und Distributionsmechanismen. Über mehrere Jahre hinweg habe ich als Künstlerin aktivistisch gearbeitet und meine Arbeiten vor allem über Social Media veröffentlicht. In diesem Kontext waren Reichweiteneinbrüche, temporäre Sperrungen und sogenanntes „Shadowbanning“ an der Tagesordnung – auch bei eindeutig künstlerischen, nichtpornografischen Arbeiten.
Darüber hinaus erlebe ich eine zunehmende Vorsicht bei Auftraggeberinnen. Klientinnen vermeiden Nacktheit nun häufiger, selbst wenn sie thematisch sinnvoll wäre, etwa bei Arbeiten zu Körperlichkeit, Vulnerabilität oder Selbstbild. Diese Form der Zensur ist selten explizit, wirkt aber strukturell, weil sie Sichtbarkeit und künstlerische Entscheidungsräume nachhaltig einschränkt.
2.
Ich erlebe eine Verschiebung in der Debatte um Schutz und Sensibilität. Die notwendige Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch hat dazu geführt, dass Nacktheit zunehmend pauschal verdächtigt wird. Statt über Consent, Autorinnenschaft und Blickverhältnisse zu sprechen, wird das Motiv selbst problematisiert – als ließe sich Macht durch das Entfernen von Körpern aus Bildern lösen.
Verstärkt wird das durch ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken im kulturellen und kommerziellen Bereich. Medien, Institutionen und Auftraggeberinnen agieren zunehmend wie Marken, für die Kontroverse vor allem ein Reputationsrisiko darstellt. Das führt zu vorsorglicher kuratorischer und redaktioneller Glättung.
Gleichzeitig wirken tief verankerte Sehgewohnheiten fort: Auch feministische oder queere Arbeiten werden oft noch durch ein sexualisierendes Blickschema gelesen.
3.
Ja, ich habe mich selbst zensiert – und genau darin liegt aus meiner Sicht der zentrale Mechanismus dieses Trends. In meiner Praxis bedeutet das, dass ich Arbeiten nicht vollständig öffentlich zeige, Bildausschnitte oder Details anpasse und Texte entschärfe, um Plattformreaktionen, Sperrungen oder Sexualisierung zu vermeiden.
Besonders im professionellen Kontext wird diese Selbstzensur spürbar. Wenn ich Werbeanzeigen schalte oder Presse- und Ausstellungsmaterial an Redaktionen und Kuratorinnen versende, achte ich bewusst auf Plattform- und Guideline-Konformität. Das ist strategisch notwendig, verwässert aber zugleich meine künstlerische Wahrheit.
Diese Form der Anpassung kann Selbstschutz sein, verschiebt jedoch langfristig die kulturelle Norm – weil das, was sichtbar bleibt, immer schmaler wird.
4.
Dem Trend lässt sich meiner Erfahrung nach nur begegnen, wenn Haltung, Kontext und Strategie zusammenkommen. Entscheidend ist, die Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen Bilder entstehen: Consent als fortlaufender Prozess, klare Absprachen und Transparenz darüber, wer entscheidet und in welchem Rahmen gearbeitet wird. So wird deutlich, dass Fotografie ein Verhältnis ist und kein beliebiges Bild ohne Geschichte.
Genauso wichtig ist es, Nacktheit nicht für sich allein stehen zu lassen. Serien, Erzählungen, Bücher oder Ausstellungen geben Arbeiten einen Rahmen und nehmen ihnen die schnelle, vereinfachende Lesart. Auf der Bildebene heißt das, bewusst andere Blickweisen anzubieten: mehr Subjektivität, mehr Eigenständigkeit, mehr Ambivalenz und weniger standardisierte Sexualisierung.
Und schließlich braucht es einen realistischen Umgang mit Sichtbarkeit. Wer sich allein auf Plattformen verlässt, gibt zu viel Kontrolle ab. Eigene Kanäle, alternative Öffentlichkeiten und der Austausch mit anderen Künstlerinnen und Kuratorinnen schaffen Spielräume, um Inhalte selbstbewusst zu platzieren und Bedingungen von Veröffentlichung aktiv mitzugestalten.

Foto: privat
Thomas Karsten
Fotograf (Uffenheim bei Würzburg)
www.thomaskarsten.com
1.
Zum ersten Mal wurde ich 1981, noch in der DDR lebend, bei den Vorbereitungen zu einer Ausstellung von den Behörden zensiert. Geplant war eine größere Präsentation meiner Aktfotografien in einem Kulturhaus in Leipzig. Besonders eine Aufnahme erregte Anstoß: Zu sehen war eine schwangere, nackte Frau, die ihrem ebenfalls nackten, eine Zigarette rauchenden Freund gegenüberstand. Da mir dieses Motiv wichtig war, weigerte mich, genau dieses Bild abzuhängen. Konsequenterweise verzichtete ich dann auf die gesamte Ausstellung. Ganz nachvollziehbar war die Beanstandung nicht. Lag es an der Darstellung des jungen Mannes, der übrigens später als IM (Informant der Staatssicherheit) enttarnt wurde? Oder war es das Bild einer nackten Schwangeren?
Ähnlich wenig Verständnis habe ich für die zweimalige, jeweils völlig unangekündigte Löschung meines Instagram-Accounts. Beim ersten Mal dachte ich noch: Okay, vielleicht habe ich mich nicht immer exakt an die Vorgaben – diese wundersamen Regeln – gehalten; einzelne Posts waren zuvor bereits sporadisch entfernt worden. Nachdem ich den Verlust von über 1000 Followern verschmerzt hatte, begann ich von vorn. Es dauerte etwa ein Jahr, mit täglichen, handverlesenen Fotos, erneut eine Gefolgschaft aufzubauen – diesmal rund 5000 Menschen. Dann war plötzlich wieder alles verschwunden. Besonders ärgerlich ist dabei, dass man nicht nur seine Anhänger verliert, sondern auch den eigenen Namen: Ein neuer Account braucht einen neuen Namen.
3.
Natürlich muss man sich ständig selbst zensieren, wenn man sichtbar bleiben will. Grundsätzlich lehne ich es jedoch ab, meine Aufnahmen zu „verstümmeln“. Viele Kollegen arbeiten mit schwarzen Balken, partieller Unschärfe oder beliebigen, weit hergeholten Mustern auf den zuvor so ansehnlichen Körpern. Ich entscheide mich stattdessen für Bilder aus Serien, die ohne Brustwarzen und Geschlechtsteile auskommen. Doch auch das ist Selbstzensur, denn gemessen an meiner eigenen Auffassung von Aktfotografie sind es eher Zufallsbilder, die dann auf den Accounts landen.
Die Bilder, die mir wirklich am Herzen liegen, kann ich letztlich nur in meinen Buchprojekten zeigen.
4.
Ich bin dankbarer, dass ich mit Claudia Gehrke eine Verlegerin an meiner Seite habe, die meine Haltung teilt und diesen Standpunkt seit Jahrzehnten verteidigt. In unseren zahlreichen gemeinsamen Projekten muss ich mich nicht verbiegen und kann im Buch alle Bilder unzensiert zeigen. Eine kleine Einschränkung bilden lediglich die Buchcover – auch hier ist eine Entwicklung hin zu zurückhaltenderen, subtil angedeuteten Motiven zu beobachten. Abhängigkeiten von Amazon, Buchhändlern und Vertretern machen sich dabei deutlich bemerkbar. Eine weitere Möglichkeit, der Zensur zu entgehen, sind im Eigenverlag produzierte Bücher – mühsam hergestellt und mit erheblichem finanziellem Risiko verbunden. Doch beim Vertrieb ist man erneut auf soziale Medien angewiesen und rutscht damit schnell wieder in die Selbstzensur.













