Anfang 2025 haben Sebastian Weißmann und Caleb Ridgeway den bpp – bund professioneller people- & portraitfotografen – übernommen. Jetzt folgt eine strategische Neuausrichtung.
Der Anspruch ist hoch: Der bpp soll nicht nur Netzwerk, sondern Orientierung und Qualitätsmaßstab für professionelle Portrait- und Peoplefotografie werden. Im Gespräch erläutern beide, warum Veränderung notwendig ist, weshalb einige Entscheidungen bewusst kontrovers sind – und warum sie glauben, dass der Verband gerade jetzt eine neue Rolle einnehmen muss.

ProfiFoto: Der bpp existiert seit vielen Jahren und gilt in Deutschland als eine der wichtigsten Berufsinitiativen für Portrait- und Peoplefotografie. Trotzdem habt ihr eine grundlegende strategische Neuorientierung gestartet. Was hat diesen Schritt notwendig gemacht?
Sebastian Weißmann: Der Markt hat sich in den letzten Jahren massiv verändert – technologisch, wirtschaftlich und auch kulturell. Gleichzeitig funktionieren viele Strukturen in Berufsverbänden immer noch nach Logiken aus einer Zeit, in der Fotografie ganz anders organisiert war. Unser Eindruck war: Wenn man diese Entwicklung ignoriert, verliert man irgendwann an Relevanz.
Deshalb haben wir uns bewusst gefragt: Wie bleibt der bpp auch in zehn oder fünfzehn Jahren noch ein echtes Gütesiegel für professionelle People- und Portraitfotografie? Die Antwort kann nicht sein, einfach alles so weiterlaufen zu lassen.
Caleb Ridgeway: Wir wollten aber auch keine Revolution. Unser Ansatz ist eher evolutionär: Das Beste aus dem bisherigen bpp bewahren und gleichzeitig weiterentwickeln. Der entscheidende Punkt ist für uns, dass Veränderung nicht aus Aktionismus entsteht, sondern aus Beobachtung, Gesprächen und Analyse der Branche.
ProfiFoto: Viele Organisationen reagieren auf Veränderungen im Markt mit einer Öffnung – also mit möglichst vielen neuen Mitgliedern. Ihr betont im Leitpapier dagegen ausdrücklich, dass der bpp kein offener Club sein soll. Warum?
Caleb Ridgeway: Weil die Stärke des bpp immer darin lag, ein Qualitätsmerkmal zu sein. Wenn man das aufgibt, verliert man seine eigentliche Funktion.
Der bpp ist eine Berufsinitiative für professionelle People- und Portraitfotografie – nicht einfach eine Plattform für alle, die Fotografie interessant finden.
Sebastian Weißmann: Das bedeutet aber nicht, dass wir elitär sein wollen. Es geht vielmehr um Haltung und Professionalität. Eine starke Gemeinschaft funktioniert nur dann, wenn die Mitglieder ein gemeinsames Verständnis davon haben, was professionelle Arbeit bedeutet.
ProfiFoto: Gleichzeitig formuliert ihr eine modernere Definition von Professionalität, denn ein Gewerbeschein allein ist kein Qualitätsnachweis und viele Fotografen arbeiten heute nebenberuflich. Manche verstehen das als Aufweichung.
Sebastian Weißmann: Ich glaube, man muss hier ehrlich auf die Realität schauen. Die klassische Karriere – Ausbildung, Studio, Vollzeitfotograf – existiert natürlich noch, aber sie ist längst nicht mehr der einzige Weg. Viele talentierte Fotografen kommen heute über andere Wege in den Markt.
Caleb Ridgeway: Die Frage ist deshalb nicht mehr: „Lebt jemand zu 100 Prozent von Fotografie?“ Entscheidend ist vielmehr: Wie gut ist die Arbeit? Wie professionell ist die Außenwirkung? Gibt es Marktverständnis und unternehmerische Klarheit?
Wenn wir diese Menschen ausschließen würden, verlieren wir nicht nur Talent, sondern auch Einfluss auf Qualitätsstandards und Preisstrukturen in der Branche.
ProfiFoto: Ein besonders sensibles Thema im bpp ist das Sterne-System. Viele Mitglieder haben die Erweiterung auf fünf Sterne kritisch gesehen, weil sie sich plötzlich schlechter bewertet fühlten. War diese Kritik berechtigt?
Caleb Ridgeway: Wir verstehen diese Reaktionen. Wenn jemand früher drei von drei Sternen hatte und danach drei von fünf, wirkt das schnell wie eine Abwertung – auch wenn sich an der tatsächlichen Qualität nichts verändert hat.
Sebastian Weißmann: Unser Ziel war nie, jemanden zu demotivieren. Sterne sollen kein Urteil über Menschen oder Talent sein. Sie sind eine Orientierung zur Marktwirkung und ein Instrument zur Weiterentwicklung.
ProfiFoto: Trotzdem bleibt der Eindruck, dass Bewertungen innerhalb einer Gemeinschaft schnell persönlich werden.
Caleb Ridgeway: Das stimmt. Deshalb arbeiten wir aktuell daran, die Kommunikation und Einordnung des Systems klarer zu machen. Transparenz und nachvollziehbare Kriterien sind entscheidend, damit Vertrauen entsteht.
ProfiFoto: Ein Schwerpunkt eurer Strategie ist die Bewertung von Websites. Manche Fotografen fragen sich: Warum mischt sich ein Berufsverband überhaupt in die Gestaltung von Websites ein?
Sebastian Weißmann: Weil die Website heute der zentrale Kontaktpunkt mit potenziellen Kunden ist. Innerhalb weniger Sekunden entscheidet sich dort, ob Vertrauen entsteht oder nicht.
Caleb Ridgeway: Dieser Punkt wird oft unterschätzt. Eine gute fotografische Arbeit allein reicht nicht aus, wenn sie online nicht professionell präsentiert wird. Deshalb verstehen wir die Website-Bewertung als Standortanalyse der Außenwirkung.
ProfiFoto: Ihr sprecht im Leitpapier auch ein Thema an, das aktuell sehr kontrovers diskutiert wird: KI-generierte Bilder. Warum ist das für den bpp relevant?
Caleb Ridgeway: Weil Authentizität ein Kernwert professioneller Fotografie ist. Wenn eine Website überwiegend mit Stockbildern oder KI-generierten Bildern arbeitet, entsteht ein massives Vertrauensproblem.
Sebastian Weißmann: Der bpp steht für echte Fotografie – reale Menschen, reale Situationen und eine erkennbare fotografische Handschrift. Wenn diese Grundlage fehlt, wird es schwierig, fotografische Qualität überhaupt noch zu bewerten.
ProfiFoto: Ihr investiert stark in Weiterbildung. Warum ist dieser Bereich für euch strategisch so wichtig?
Sebastian Weißmann: Weil Erfolg in der Fotografie heute nicht mehr nur von fotografischem Können abhängt. Marketing, Preisstrategie, Positionierung – all das entscheidet darüber, ob ein Business wirtschaftlich funktioniert.
Caleb Ridgeway: Unsere Struktur mit Essentials, Excellence und Masters soll eine klare Entwicklung ermöglichen. Es geht nicht um Ranglisten, sondern um Lernwege.
ProfiFoto: Auch die interne Kommunikation verändert sich. Ihr nutzt unter anderem WhatsApp-Gruppen. Für einen Berufsverband wirkt das ungewöhnlich.
Caleb Ridgeway: Vielleicht, aber es funktioniert. WhatsApp hat dafür gesorgt, dass Mitglieder sich schneller helfen können. Fragen werden oft innerhalb weniger Minuten beantwortet.
Sebastian Weißmann: Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass Struktur nicht verloren geht. Deshalb bleibt der Newsletter der offizielle Informationskanal und wir arbeiten an einer Plattform, die Austausch und Wissen besser organisiert.
ProfiFoto: Der bpp ist organisatorisch Teil einer GmbH-Struktur. Manche Mitglieder sehen darin eine zu starke Kommerzialisierung. Wie reagiert ihr auf diese Kritik?
Sebastian Weißmann: Die GmbH ist eine Betriebsstruktur, kein ideologisches Statement. Sie ermöglicht klare Vertragsstrukturen mit Industriepartnern und professionelle Organisation von Projekten.
Caleb Ridgeway: Gerade in einer Branche, die sich technologisch so schnell verändert, braucht man eine Organisation, die agil und handlungsfähig ist. Das wäre mit klassischen Vereinsstrukturen deutlich schwieriger.
ProfiFoto: Mit PROfemale habt ihr eine Initiative speziell für Fotografinnen gestartet. Warum war das notwendig?
Caleb Ridgeway: Es war kein einzelner Auslöser, sondern eher ein Muster, das wir über längere Zeit wahrgenommen haben. In vielen Gesprächen mit Fotografinnen sind ähnliche Themen zwischen den Zeilen immer wieder aufgetaucht – etwa geringere Sichtbarkeit im Markt, Unsicherheit bei der Preisgestaltung oder fehlende Netzwerke. Wir haben genau hingehört und daraus bewusst eine Initiative entwickelt.
Sebastian Weißmann: Mit PROfemale haben einen Raum geschaffen, in dem Fotografinnen sich austauschen, gegenseitig stärken und voneinander lernen können. Es geht nicht um Abgrenzung, sondern um gezielte Förderung.
ProfiFoto: Wenn wir nach vorne schauen: Wie soll der bpp dann aussehen?
Sebastian Weißmann: Wir wollen, dass der bpp die führende Berufsinitiative für professionelle People- und Portraitfotografie wird – nicht nur in Deutschland, sondern mit starken europäischen Verbindungen.
Caleb Ridgeway: Unser Ziel ist, dass Mitglieder fachlich, unternehmerisch und menschlich erfolgreicher werden. Wenn das gelingt, entsteht automatisch ein stärkerer Markt.
ProfiFoto: Viele Mitglieder verbinden mit dem bpp auch Traditionen – Wettbewerbe, Conventions oder Festivals. Wie geht ihr mit dieser Geschichte um?
Sebastian Weißmann: Traditionen sind wichtig, weil sie Identität schaffen. Genau deshalb halten wir an Formaten wie dem bpp Photo Contest, der Convention oder dem Summer Light Festival fest. Gleichzeitig schauen wir immer wieder, wie wir diese Formate weiterentwickeln können.
Caleb Ridgeway: Unser Auftrag ist nicht, das Gestern gemütlich zu konservieren. Unser Auftrag ist, das Beste aus dem Gestern zu bewahren und gleichzeitig die Zukunft aktiv zu gestalten – auch für die Fotografinnen und Fotografen, die ihr Berufsleben noch vor sich haben. Und dazu gehören auch weiterhin Präsenzveranstaltungen.
Foto oben: Sebastian Weißmann und Caleb Ridgeway













