Die Bilderwelt der in Berlin lebenden Fotografin Lilith Terra entspricht kaum dem Mainstream und erfreut sich gerade deshalb zunehmender Beliebtheit. Auch als Kuratorin konnte sie erfolgreich reüssieren. Jens Pepper hat mit ihr gesprochen.
Jens Pepper: Du beschäftigst dich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Selbstporträt. Was reizt dich an diesem Thema?
Lilith Terra: Ein wesentlicher Reiz ist die gestalterische Freiheit: Ich kann Themen unmittelbar umsetzen, sobald sie gedanklich entstehen, da ich als Modell jederzeit verfügbar bin. Diese Arbeit mit mir selbst schafft eine Intimität, die mit einer anderen Person kaum erreichbar wäre; die Ergebnisse sind dadurch wesentlich persönlicher.
Dabei geht es mir jedoch nie um ein bloßes Abbild meiner äußeren Erscheinung. Vielmehr nutze ich das Selbstporträt, um innere Zustände und persönliche Themen zu visualisieren, die über eine rein dokumentarische Aufnahme hinausgehen. Ein weiterer Reiz liegt für mich in der nachträglichen Erkenntnis. Während des Fotografierens handle ich oft impulsiv; erst die Betrachtung des fertigen Bildes erlaubt mir eine objektive Analyse meiner Intention. Es ist dieser Moment der Bewusstwerdung – das Bild zeigt mir, was ich eigentlich sagen wollte. Obwohl vieles intuitiv geschieht, plane ich manche Projekte und folge einer präzisen visuellen Vorstellung. Besonders spannend wird es, wenn ich andere Personen in meine Selbstporträts einbeziehe. Dabei fasziniert mich die entstehende Dynamik und die Frage, wie wir gemeinsam den Raum einnehmen und uns innerhalb der Inszenierung zueinander positionieren.
In einigen deiner Selbstporträts, wie auch in zahlreichen Porträts und fotografischen Inszenierungen mit anderen Personen, spielt Nacktheit eine Rolle. Ein Akt der Freiheit? Ein dramaturgisches Element?
In einem theoretischen Sinne interessiert mich Nacktheit als Ort der Entziehung. Der nackte Körper ist nicht neutral, aber er entzieht sich bestimmten kulturellen Codes, die Kleidung sofort aktiviert: Status, Rolle, Geschlecht, Zeitgeist. In meinen Arbeiten fungiert Nacktheit daher weniger als Darstellung von Körperlichkeit, sondern als eine Art Reduktion – als Versuch, die üblichen Lesarten zu unterbrechen.
Ausgangspunkt war eine persönliche Erfahrung von Scham und Entfremdung vom eigenen Körper. Die Selbstporträts wurden zu einem Experimentierfeld, in dem sich Fragen von Sichtbarkeit, Kontrolle und Selbstermächtigung verhandeln ließen: Wer blickt? Wer wird gesehen? Und unter welchen Bedingungen kann Sichtbarkeit stattfinden, ohne zur Vereinnahmung zu werden? Es geht mir nicht um Erotisierung. Auch wenn ich erotische Szenen oft andeute in meinen Fotografien. Der Körper erscheint vielmehr als Projektionsfläche, als Träger von Spannungen, Widersprüchen und Ambivalenzen. Mich interessiert der Moment, in dem sich Schutz und Offenheit überlagern – ein Zustand zwischen Exponiertheit und Autonomie.
Nacktheit ist dabei ein dramaturgisches Element innerhalb eines komplexeren Bildgefüges. Der Körper steht nie isoliert, sondern in Relation zu Raum, Licht, Schärfe, Unschärfe und architektonischen oder atmosphärischen Strukturen. Bedeutung entsteht im Verhältnis, nicht nur im Körper selbst.
Für mich ist diese Arbeit auch eine bewusste Verschiebung normativer Vorstellungen von Moral, Anstand und Blickregimen, mit denen ich sozialisiert wurde. Sie hinterfragt nicht nur, was gezeigt werden darf, sondern auch, warum bestimmte Körper wie gesehen werden – und andere nicht.
Mit den Begriffen Moral und Anstand sprichst du etwas an, das in diesem Heft auch Thema einer Umfrage ist: gesamtgesellschaftlich wird es aufgrund unterschiedlicher Einflüsse schwieriger, Nacktheit, vor allem weibliche Nacktheit, unzensiert zu zeigen bzw. überhaupt zu zeigen. Beeinflusst das deine Arbeit?
Ja, das beeinflusst meine Arbeit – zunächst ganz pragmatisch. Die zunehmende Reglementierung visueller Inhalte im digitalen Raum oder auch in Ausstellungen führt dazu, dass künstlerische Darstellungen von Nacktheit erschwert öffentlich gezeigt werden können, ohne Sanktionen wie z.B. Account-Löschungen zu riskieren. Die entsprechenden Richtlinien operieren häufig mit pauschalen Moralvorstellungen und differenzieren nur unzureichend zwischen Kunst, Pornografie und diskriminierenden Darstellungen. Damit wird nicht nur künstlerische Freiheit eingeschränkt, sondern auch die Möglichkeit einer kulturellen Auseinandersetzung mit Körperlichkeit.
Das betrifft zumindest meine Erfahrung mit Social Media. In Bezug auf Ausstellungen habe ich persönlich bislang keine vergleichbaren Einschränkungen erlebt, da meine Arbeit überwiegend in nichtkommerziellen und unabhängigen Kontexten verortet ist. Auch die Art, wie und was ich fotografiere, wird damit nicht beeinflusst. Auffällig für mich ist dabei die selektive Moralität dieser Zensurmechanismen: Während Gewalt, Frauenfeindlichkeit oder rassistische Inhalte vergleichsweise wenig reguliert erscheinen, wird insbesondere weibliche Nacktheit zum moralischen Problem erklärt. Die fortgesetzte Zensur weiblicher Brustwarzen bei gleichzeitiger Normalisierung männlicher Oberkörper verweist auf tief verankerte geschlechtsspezifische Macht- und Kontrollstrukturen. Der weibliche Körper wird so weiterhin als zu kontrollierendes Objekt behandelt. Darüber hinaus beobachte ich eine zunehmende Tabuisierung von Sexualität, begleitet von einer normativen Verengung dessen, was als akzeptabel oder wünschenswert gilt. Ich frage mich, was in den Menschen, die das fordern, abgewehrt werden muss, um diese Formen der Regulierung anzuwenden – und welche inneren Konflikte dabei auf andere projiziert werden.
Aus meiner Sicht wäre es produktiver, auf Aufklärung, Reflexionsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz zu setzen. Gesellschaften, die Mehrdeutigkeiten aushalten können und offene Diskurse über Körper, Sexualität und Macht zulassen, schaffen Räume für Verantwortung statt für Verdrängung. Unterdrückung von Sichtbarkeit und Sprache erzeugt hingegen Angst, Misstrauen und verlagert problematische Dynamiken ins Verborgene, dorthin, wo sie sich der kritischen Auseinandersetzung entziehen. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen z.B. ist dabei selbstverständlich zentral. Ich bezweifle jedoch, dass pauschale Zensur diesem Anspruch gerecht wird. Schutz entsteht nicht durch Unsichtbarmachung, sondern durch Kontextualisierung, Begleitung und Bildung. Was mir in diesem Zusammenhang oft fehlt, ist eine abnehmende gesellschaftliche Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten, statt sie moralisch zu vereinfachen, also genau jene Ambiguitätstoleranz, die für eine reife, demokratische Kultur notwendig wäre.
Studioaufnahmen gibt es bei dir nicht. Du fotografierst vor allem in Wohnungen, gelegentlich auch in der Natur. Was für Kriterien müssen die Aufnahmeorte erfüllen?
Ich unterscheide bewusst zwischen Orten und Räumen. Mich interessieren weniger konkrete Orte als vielmehr innere Räume. Die äußeren Räume, in denen meine Arbeiten entstehen, sind dafür eher Träger oder Projektionsflächen. Oft ergeben sich die Aufnahmeorte aus der Situation heraus – aus Verfügbarkeit, Zufall und Begegnung. Es wird noch einmal persönlicher, wenn ich in den Wohnungen meiner Models arbeite, weil diese Räume Spuren von deren Leben tragen und eine andere Form von Nähe zulassen.
Ich arbeite mit dem, was mir zur Verfügung steht: mit den Räumen, den Orten und dem vorhandenen Licht. Ich gehe selten gezielt auf die Suche nach bestimmten Locations, auch wenn ich mir das immer wieder vornehme. Meine Arbeitsweise ist eher intuitiv und spontan, sie entwickelt sich oft aus dem Moment heraus. Deshalb habe ich keine festen Kriterien, die ein Aufnahmeort erfüllen muss – entscheidend ist, was sich im Zusammenspiel von Raum, Person und Situation ergibt. Ich finde diese Form der Begrenzung als Teil des Ausdrucks sehr spannend. Das Bild verliert so eher an Neutralität. Ich mag die Verschiebung von der Repräsentation hin zur Beziehung.
Gemeinsam mit der Fotografin Lara Wilde betreibst du einen Ausstellungsraum in Berlin Pankow. Wie kam es zu dieser Kooperation und was war eure Zielsetzung?
Ich kannte Laras Fotografien schon seit einiger Zeit und habe sie schließlich auf einer Vernissage persönlich kennengelernt. Mich haben die Tiefe und die besondere Ästhetik von Laras Arbeiten gleich sehr angesprochen. Wir blieben in Kontakt und arbeiteten auch künstlerisch ein paar Mal zusammen. 2024 hat sie sich in Pankow ein Studio zugelegt und ich habe sie dort besucht. Da ich bereits einige Ausstellungen kuratiert und Lust hatte, das weiterzuführen, fragte ich sie, ob sie nicht gemeinsam mit mir in ihrem Studio Ausstellungen veranstalten möchte.
Lara war sofort begeistert, da sie selbst große Freude daran hat, kreative Prozesse gemeinsam mit anderen zu gestalten. Und auch schon viel Erfahrung damit hat. Ihr fiel der Name dazu sein. So entstand das Forderzimmer. Der Name Forderzimmer ist dabei Programm und spiegelt unsere gemeinsame Philosophie wider. Es geht darum, das Publikum, die Künstler*innen – und auch uns selbst – herauszufordern: hinzusehen, zu spüren und sich mit den jeweiligen Themen auseinanderzusetzen, auch wenn diese nicht immer bequem sind und Fragen aufwerfen. Wir verstehen den Raum als Einladung zur bewussten Auseinandersetzung und als Bühne für experimentelle Positionen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Fine Art Fotografie.
Im Forderzimmer zeigen wir bewusst nicht nur fertige Arbeiten, sondern schaffen Formate, in denen neue Werke entstehen können. Ein Beispiel dafür sind die Chaos Sessions, bei denen wir gemeinsam mit den beteiligten Künstler*innen fotografische Arbeiten direkt aus dem Thema heraus entwickeln. Mit den Chaos Sessions haben wir ein Format geschaffen, das auf Kollaboration setzt. Dort dreht sich alles um das Thema der nächsten Ausstellung. Künstler*innen können sich mit ihren Projekten bewerben oder direkt in der Session, gemeinsam mit anderen, ein Werk dazu erschaffen. Networking und der kreative Ausstausch stehen dabei für uns im Mittelpunkt. Für unser Netzwerk interessieren wir uns auch für Performance-Künstler*innen, Musiker*innen oder Menschen, die mit Worten umgehen können.
Lara und mich verbinden Interessen an psychologischen, zwischenmenschlichen und poetischen Fragestellungen sowie an bewussten und unbewussten Prozessen. Diese Themen berühren uns persönlich und bilden den Ausgangspunkt unserer kuratorischen Arbeit. Unser Anspruch ist es, jedes Ausstellungsthema individuell, zeitnah und mit persönlicher Involviertheit zu begleiten. Der Raum dient als offenes Atelier, Fotostudio und Galerie.
Nichtkommerzielle Orte, wie ihr einen führt, gehörten über Jahrzehnte zur DNA Berlins, sind aber aufgrund hoher Mieten inzwischen seltener zu finden. So gesehen, leistet ihr wertvolle Kulturarbeit über die eigene kreative Tätigkeit hinaus. Wird das Forderzimmer langfristig bestehen oder ist es ein zeitlich begrenztes Projekt?
Die Räumlichkeiten des Forderzimmers gehören Lara Wilde, die dort auch ihr eigenes Studio betreibt und regelmäßig eigene Arbeiten zeigt. Dadurch ist der Ort unabhängig von kurzfristigen Mietverhältnissen und langfristig gesichert. Das Forderzimmer ist jeden Mittwoch von 10 bis 18 Uhr geöffnet und bewusst als zugänglicher Raum gedacht – zum Anschauen der Ausstellungen, für Gespräche und zum Vernetzen. Lara und mir ist es ein zentrales Anliegen, einen solchen Ort für kreative Zusammenarbeit zu erhalten und anderen Künstler*innen die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten zu zeigen. Gleichzeitig stellen wir mit Bedauern fest, dass genau solche unabhängigen, nichtkommerziellen Räume in Berlin zunehmend seltener werden. Da wir große Freude an der Zusammenarbeit haben und noch viele Ideen und Pläne verfolgen, wird es das Projekt auf absehbare Zeit weiter geben. Gleichzeitig bleibt das Forderzimmer ein wandelbarer Ort: Im Januar und Februar ist das Forderzimmer im Rahmen einer Residency an zwei Fotograf*innen vergeben, die den Raum jeweils einen Monat lang mit ihrer Ausstellung und eigenen Shootings bespielen. Im März folgt eine Soloausstellung von Axel Schneegass, danach starten wir wieder mit Gruppenausstellungen, zu denen es einen Open Call geben wird.
Demnächst werden Infos zu unserer nächsten Gruppenausstellung mit dem Thema „Die ungelebte Seite“ auf unserer Homepage zu finden sein.
Letzte Frage. Was sind deine Pläne als Fotografin für 2026?
Für 2026 habe ich mir zunächst vorgenommen, wieder mehr zu fotografieren. In letzter Zeit ist das etwas in den Hintergrund geraten, und ich merke, wie sehr mir diese kontinuierliche Praxis fehlt. Außerdem habe ich große Lust, ein Projekt über einen längeren Zeitraum zu begleiten und vertieft umzusetzen – Ideen dafür gibt es bereits. Parallel dazu sind einige Ausstellungen geplant. Im vergangenen Jahr habe ich verstärkt an Underground-Formaten teilgenommen, was mir große Freude bereitet hat, insbesondere durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Performance Artists. Diese Offenheit möchte ich beibehalten, ebenso wie das Einreichen von Arbeiten bei Magazinen und in Fotobuchkontexten.
Fotos: © Lilith Terra


















