Er ist einer der profiliertesten Straßenfotografen Europas, seine Aufnahmen von sozialen Außenseitern und kompromisslosen Individualisten in Großstädten Europas, Nord- und Zentralamerikas sind faszinierend und verstörend zugleich. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit in der Megametropole Mexiko City.
Jens Pepper: Als du für eines deiner letzten Bücher in Istanbul fotografiert hast, hat dir jemand – wahrscheinlich ein Zuhälter – einen kräftigen Kinnhaken verpasst, weil er nicht wollte, dass du Prostituierte fotografierst. Jetzt warst du in Mexiko, das nicht unbedingt als gewaltfreien Land bekannt ist. Bist du auf deinen Streifzügen durch Mexico City und wo immer du noch im Land gewesen bist unbeschadet geblieben oder gab es wieder brenzlige Situationen?
Miron Zownir: In einer 20-Millionen-Metropole wie Mexico City, in der viele Menschen in extremer Armut leben und es täglich Überfälle oder Entführungen gibt, ist man natürlich einem gewissen Risiko ausgesetzt, besonders abseits der Touristenrouten. Als Straßenfotograf ist Antizipation und Street-Smartness entscheidend, um brenzlige Situationen schnell zu erkennen und richtig einzuschätzen. Es sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür, unbeschadet zu bleiben. In Mexiko ist mir das gelungen, und ich bin weder Opfer von Verbrechen geworden, noch gab es irgendwelche körperlichen Auseinandersetzungen.

Was hat dich bewogen, für ein neues Buch nach Mexiko City zu gehen?
Mexico stand schon lange auf meiner Liste. 1980, als ich durch die Staaten trampte, bin ich auch in Mexico City gelandet. Leider gingen mir die Filme aus und ich konnte nur wenig fotografieren. 1989, als ich in Los Angeles wohnte, machte ich einen Abstecher nach Baja California, wo ich eigentlich einen Film drehen wollte. Leider wurde aus dem Projekt nichts. Und als ich 1995 nach Berlin zurückzog, habe ich hauptsächlich in Osteuropa und anderen Ländern fotografiert. In 2025 hatte ich endlich die Mittel und die Gelegenheit nach Mexico City zu fliegen. Dort wurde mir schnell klar, dass ich in sechs Wochen kein adäquates Fotoprojekt über Mexiko machen konnte. Wo man früher mit der Eisenbahn oder dem Bus reisen konnte, wurden fast nur noch Flüge angeboten. Alle anderen Transportmittel waren zu umständlich oder zeitaufwendig. Und ich habe mich exklusiv auf Mexico City beschränkt.

Auch jetzt hast du dich unter anderem wieder für Menschen interessiert, die am Rande der Gesellschaft stehen, wie Obdachlose, Bettler oder Prostituierte. Manche scheinen das Fotografiertwerden mit Humor zu nehmen, andere mit Gleichgültigkeit und wieder andere bemerken es gar nicht. Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede bei den Reaktionen der Menschen, je nachdem wo du sie fotografierst, in Kyiv, Moskau, Los Angeles, Bukarest oder jetzt in Mexiko City?
Zunächst mal gab es eine hohe Anzahl von Obdachlosen, die unter Alkohol oder Drogeneinfluss standen und viele, die unter depressiv-schizoiden bis manisch-euphorischen bipolaren Störungen litten. Menschen, die man in anderen Zeiten und anderen Ländern wahrscheinlich institutionalisiert hätte. Süchtige, Betrunkene und Psychotiker lagen bewusstlos auf den Straßen, Fußgängerzonen, vor Supermärkten, Imbissbuden, Restaurants und Luxushotels, ohne dass sie beschimpft, davongejagt oder beachtet wurden. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ein Teil des hektischen Pulsschlags und der chaotischen Dynamik von Mexico City waren, hat mich schlichtweg beeindruckt. Selbst die Polizei hat sich nie eingemischt, wenn ein Obdachloser offensichtlich Drogen konsumierte oder sich sonst daneben benahm. So als hätten sie ohne die Aussicht auf Schmiergeld kein Interesse an der öffentlichen Ordnung oder der Einhaltung der Gesetze gehabt. Diese „Mind your own business“ Haltung war der große Unterschied zu meinen Erfahrungen in den von Dir angesprochenen Städten. Und natürlich dieser Totenkult, diese Obsession mit dem Tod, der überall spürbar war. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber ein interessantes Thema. Du hast viele Menschen fotografiert, die Schädelmasken tragen, etliche sind zusätzlich auch mit gefiederten Kostümen bekleidet. Sind diese Aufnahmen am Rande von Zeremonien oder Umzügen entstanden?
Die Omnipräsenz des personifizierten Todes beschränkt sich in Mexico City nicht auf Umzüge oder Veranstaltungen. Überall trifft man auf indigene Medizinmänner in fantastischen Kostümen, die Exorzismus ähnliche Rituale anbieten. Skelette, die Glückskekse verkaufen. Bettler mit Totenkopfmasken. Es gibt sogar Kirchen, in denen der Tod verehrt und angebetet wird. „Das latente Erbe indianischer Autokratie, spanischer Kolonialherrschaft und republikanischer Tyrannei“ (Zitat von Carlos Fuentes) zeigt sich bis heute auch in der Symbiose des inquisitorischen Christentums und dem indigenen Opferkult.
Wo du gerade Fuentes zitiert hast. Wie hast
du dich auf diese Tour vorbereitet? Reiseführer, Geschichtswerke und Literatur lesen, Dokumentarfilme und Fotobücher ansehen, mit Kennern der Stadt über Mexiko City sprechen?
Wie gesagt, war ich schon zwei Mal in Mexiko. Dazu kam, dass ich zwei Mexikaner kenne, die ich in Mexico City kontaktieren konnte. Um mir einen generellen Überblick zu verschaffen, habe ich mir natürlich mehrere Reiseführer besorgt. Ich habe Fuentes, Paz, Márquez und „Die Eroberung von Mexiko“ von Díaz del Castillo gelesen. Künstlerisch war ich durch die Filme von Buñuel, die Fotos von Alvarez Bravo, die Wandgemälde von Diego Rivera und die makabren Illustrationen von José Guadalupe Posada auf den surrealen Spirit von Mexico City vorbereitet. Und im Übrigen habe ich mich wie immer intuitiv auf die Vibes der Stadt eingelassen.
Du hast einige Männer fotografiert, deren Gesichter stark tätowiert sind, weniger mit einem einheitlichen Motiv, sondern mit verschiedenen Symbolen und Wörtern. Ich muss da sofort an ehemalige oder aktive Gangmitglieder denken, obwohl das vielleicht einfach nur Klischeedenken ist. Weißt du, was es mit diesen Tattoos auf sich hat?
Nein, tut mir leid. Ich könnte auch nur spekulieren.
Ich habe kürzlich mit dem Berliner Straßenfotografen Holger Biermann gesprochen, der für eine neue Publikation in London fotografiert
hat, rund zehn Tage immer nur an einer einzigen, belebten Kreuzung. Ein so statisches Vorgehen kann ich mir bei dir beim besten Willen nicht vorstellen. Wie sahen deine Tagesabläufe in Mexiko City aus? Gab es bestimmte Viertel, die du bevorzugt aufgesucht hast, oder hast du dich treiben lassen?
Klar, bei meinem Temperament und meiner Neugierde könnte ich nicht auf einem Platz kleben bleiben oder mich auf einen Hotspot reduzieren. Ich beschränke mich nie auf ein vorgefertigtes Konzept, bin immer auf der Suche und für alle Überraschungen und potentiellen Begegnungen offen. Ich bin diszipliniert, aber flexibel. Meine Tagesabläufe unterliegen keinem aufgezwungenen Rhythmus oder Zeitplan. Meine Unterkunft lag in einer Gegend, die ein unglaublich abwechslungsreiches Spektrum bot, das man zu Fuß durchstreifen konnte und ich hatte guten Anschluss an alle öffentlichen Verkehrsmittel. Ich war immer stundenlang unterwegs und bin manchmal in den düstersten und schrägsten Ecken gelandet, die in keinem Reiseführer standen.
Verrätst du, welche Ecken das waren und was diese fotografisch für dich interessant gemacht hat? Das waren dann ja sicherlich nicht nur die Menschen.
Es waren vor allem Orte, an denen die repräsentativen Fassaden bröckelten und sich eine knallharte Realität zeigte. Primär fasziniert haben mich aber nicht die „Ecken“ an sich, sondern die unmittelbaren Begegnungen und der Dialog mit den Menschen, die sich teilweise in tragischen Lebenssituationen Tag für Tag neu behaupten müssen. Die Stadt lieferte zwar den Kontext, doch der eigentliche Kern meiner Arbeit beleuchtet die sozialen Bruchlinien und die existenzielle Verletzlichkeit. Im Zentrum standen für mich deshalb ganz klar die Menschen. Die soziale Situation vieler der von mir porträtierten Personen ist äußerst fragil, oft brutal. Trotzdem begegnete ich einer bemerkenswerten Form von Selbstbehauptung und Offenheit, die wirklich außergewöhnlich war. Als Fotograf war ich zwar in der Position des „Sehenden“, doch ich wurde andersherum auch sehr genau angeschaut und stand selbst auf dem Prüfstand. Ob ein Foto gelingt, hängt auch davon ab, ob und wie man von seinem Gegenüber wahrgenommen wird.
Besonders spannend für mich waren auch die unglaublich kreativen Straßenkünstler in Mexiko-Stadt. All die Superhelden, Krieger, Clowns bis hin zu den sogenannten „Catrinas“, den Skelett Damen, denen man plötzlich begegnet, wenn man irgendwo um die Ecke biegt. Viele Straßenkünstler erschaffen auch ganz eigene Fantasy-Figuren, die es so nirgendwo anders gibt: eine Mischung aus Horror, Azteken-Ästhetik, US-Popkultur, Religion, Punk, politischer Satire und Volkskunst. Kreative Individualität wird in Mexiko-Stadt sehr öffentlich zelebriert und ist Teil des Straßenbildes. Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen „Alltag“ und „Performance“. Die Kostümierung wird zu einer Form von Selbstermächtigung im öffentlichen Raum. Die Künstler bestimmen, wie sie gesehen werden, schaffen je nach Identität Nähe oder Distanz, inszenieren ihre Präsenz und verschieben soziale Rollen. Es geht also um mehr als den reinen „Broterwerb“. Was mich daran besonders interessiert, ist die psychologische Überlebensstrategie, die dahintersteckt.
Wenn du von einem Dialog mit den Menschen sprichst, meinst Du Gespräche, nicht bloß Augenkontakt und Gesten, richtig? Suchst du die gezielt – auf Englisch, nehme ich an – oder ergeben sie sich situationsabhängig? Und ist das, was du in Gesprächen erfährst, auch etwas, das du dir notierst, in einem Tagebuch zum Beispiel?
Das ergibt sich sehr stark aus der jeweiligen Situation. Es gibt kein festes Muster. Natürlich ist der Augenkontakt oft der erste Impuls, eine Art Einladung oder vorsichtige Annäherung. Aber wenn es die Situation zulässt, suche ich das Gespräch ganz bewusst. Meistens auf Englisch, manchmal mit improvisierten Wortfetzen Spanisch, Händen und Füßen, was oft erstaunlich gut funktioniert. Gerade in Mexiko-Stadt habe ich erlebt, dass die Offenheit der Menschen Fremden gegenüber weniger von der gemeinsamen Sprache abhängt als vom Respekt, mit dem man jemandem begegnet. Aber natürlich gibt es in der klassischen Straßenfotografie immer wieder auch Situationen, wo ein Gespräch nicht möglich ist. Sie lebt ja gerade von der Unmittelbarkeit des Augenblicks und der Reaktionsgeschwindigkeit des Fotografen. Bevor das erste Wort gesprochen wird, kann der Moment schon vorbei sein. Ein klassisches Tagebuch führe ich nicht. Wenn ich an einem Fotoprojekt arbeite, fließt da 100 Prozent meiner Energie rein. Gedanken oder Fragmente notiere ich mir meist erst im Nachhinein.
Letzte Frage: Du schreibst auch Romane. Kannst du dir vorstellen, irgendwann auch das Erlebte in Mexiko als Inspiration für eine neue Erzählung zu nutzen?
Nicht jede intensive Begegnung eignet sich automatisch als literarischer Stoff. Ein Roman braucht Distanz, Verdichtung, Transformation. Die Menschen, denen ich begegnet bin, sind für mich keine Figuren, die ich fiktiv vereinnahme. Wenn ich mich literarisch inspirieren lasse, dann nur indirekt. Über Stimmungen, innere Konflikte oder Atmosphären, die sich nicht fotografieren lassen. Die Literatur ist für mich ein völlig anderer Schaffensraum. Vorerst sollen die Bilder für sich sprechen, alles Weitere ergibt sich im Blick des Betrachters. Wer sich wirklich darauf einlässt, stellt sich im besten Fall Fragen, die über das Offensichtliche hinausgehen.
Ausstellung & Fotobuchpräsentation: Miron Zownir BERLIN 1977–2025, Ausstellungsdauer bis 30.05.2026, Urban Spree Galerie, Revaler Str. 99, 10245 Berlin
Miron Zownir, Foto: © Michele Corleone
Alle Fotos: © Miron Zownir










