Mit MOLTITUDE gehört Laura Knipsael zu den fünf Preisträgerinnen des PROFIFOTO NEW TALENT AWARDS 26/1 — eine Auszeichnung, die weniger einen Abschluss markiert als vielmehr den Beginn einer künstlerischen Position, die sich entschieden gegen visuelle Zurückhaltung stellt. Denn Knipsaels Arbeit kennt kein leises Herantasten. Sie fordert Aufmerksamkeit, provoziert Blickkontakt und begreift Modefotografie nicht als Oberfläche, sondern als Experimentierfeld für Identität in einer Gegenwart, die sich zunehmend zwischen physischem Körper und digitalem Selbstbild bewegt.
Die niederländische Fotografin und Artistic Director, aufgewachsen in einer kleinen Stadt, entwickelte früh ein Gespür dafür, dass Anpassung selten der Ausgangspunkt für starke Bilder ist. Ihre Arbeiten entstehen aus Widerstand gegen das Gewöhnliche — gegen das, was sie selbst als das „Beige“ visueller Kultur versteht. Farbe wird bei ihr nicht dekoratives Mittel, sondern Haltung. Kontraste sind nicht nur ästhetische Entscheidungen, sondern emotionale Statements. In MOLTITUDE verdichtet sich diese Haltung zu einer Serie, die Mode als Sprache des Wandels begreift.
Im Zentrum stehen fünf unterschiedliche Looks, die bewusst an die Auswahl digitaler Skins in virtuellen Welten erinnern. Kleidung fungiert hier nicht als Statussymbol oder Trendmarker, sondern als zweite Haut — als bewusst gewähltes Interface zwischen Innen und Außen. Knipsael überträgt das biologische Prinzip der Häutung auf menschliche Selbstentwürfe: Ein Vorgang, der gleichermaßen Schutz, Verletzlichkeit und Neubeginn beinhaltet. Wie Tiere ihre alte Haut abstreifen, um zu wachsen, so inszeniert die Fotografin Mode als Ritual der Transformation. Identität erscheint dabei nicht stabil oder abgeschlossen, sondern als fortlaufender Prozess.
Gerade in einer Zeit, in der Avatare, Social-Media-Profile und digitale Selbstinszenierungen zunehmend Einfluss auf reale Wahrnehmung nehmen, gewinnt diese Metapher besondere Schärfe. Wer sind wir zwischen Filter und Spiegelbild? Welche Version unseres Selbst gehört uns tatsächlich? MOLTITUDE beantwortet diese Fragen nicht mit Eindeutigkeit. Stattdessen entstehen Bildräume, in denen Rollen ausprobiert werden dürfen — spielerisch, rebellisch und manchmal bewusst widersprüchlich.
Die Figuren wirken dabei weder anonym noch vollständig greifbar. Sie stehen zwischen Charakter und Projektionsfläche, zwischen Persona und Individuum. Knipsael nutzt Mode als theatrales Werkzeug: Stoffe werden zu Rüstungen, Farben zu Emotionsträgern, Gesten zu Statements. Die Kamera beobachtet nicht distanziert, sondern beteiligt sich am Prozess der Verwandlung. Es ist eine Fotografie, die weniger dokumentiert als performt.
Dass diese Arbeit auch kunsttheoretisch Resonanz erzeugt, unterstreicht die Jurybegründung des Awards. Jury-Mitglied Christian Popkes, Kurator des Fotogipfels Oberstdorf, formuliert es so:
„Das Serie MOLTITUDE besticht durch eine beeindruckende Symbiose aus modischer Inszenierung und tiefgreifender Identitätsanalyse, bei der Fotografie als Bühne für eine existenzielle Metamorphose dient. Die Jury würdigt besonders die konsequente Übertragung des biologischen Konzepts der Häutung auf die digitale Welt, wodurch Laura Knipsael die Beständigkeit des Ichs in Zeiten virtueller Avatare hinterfragt. Mit einer rebellischen Farbsprache und starker Symbolik inszeniert sie Mode als kraftvolles Werkzeug der Selbstermächtigung und Wandelbarkeit. So entsteht ein lautstarkes Plädoyer für die Freiheit des Selbstausdrucks, das den Nerv unserer Zeit trifft.“
Tatsächlich liegt die Stärke der Serie darin, dass sie Mode nicht nur als ästhetisches Ereignis versteht, sondern als psychologischen Akt. Kleidung wird zur Entscheidung, zur Maske und zugleich zur Offenbarung. Die Bilder feiern Individualität, ohne sie zu romantisieren. Denn hinter der expressiven Farbigkeit bleibt stets die Frage nach Authentizität bestehen: Ist Wandel Befreiung — oder Anpassung an immer neue Erwartungen?
Knipsaels Bildsprache antwortet darauf mit Energie statt Skepsis. Ihre Fotografien pulsieren vor Bewegung, Humor und Selbstbewusstsein. Imperfektion wird zugelassen, manchmal sogar bewusst inszeniert. Gerade darin entsteht Nähe. Die Arbeiten wirken lebendig, weil sie nicht versuchen, makellos zu sein. Sie erlauben Brüche, Übertreibung und spielerische Überzeichnung — Strategien, die im digitalen Zeitalter fast subversiv erscheinen.
In einer Kultur permanenter Selbstoptimierung formuliert MOLTITUDE deshalb ein anderes Versprechen: Identität darf wechselhaft sein. Sie darf laut werden, sich widersprechen, sich neu erfinden. Mode wird hier nicht zur Uniform, sondern zur Möglichkeit.
Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die Knipsaels Arbeiten so nachhaltig wirken lässt. Sie wollen nicht gefallen, sondern erinnern. Nicht beruhigen, sondern Bewegung auslösen. Oder anders gesagt: Sie laden dazu ein, die eigene Haut gelegentlich abzulegen — um herauszufinden, wer darunter vielleicht noch wartet.
New Talent Award
Zweimal jährlich bietet der von Canon und ProfiFoto in Kooperation mit der Laif Genossenschaft, Hahnemühle und Whitewall ausgeschriebene New Talent Award Fotografinnen und Fotografen die Chance, bei der Umsetzung ihrer „Bilder im Kopf“ Unterstützung zu finden. Das aus dem >Canon Profifoto Förderpreis< weiterentwickelte Konzept öffnet den Wettbewerb für die zahlreichen Quereinsteiger in die professionelle Fotografie. Teilnehmen können alle, die professionell in der Fotografie oder artverwandten Berufsgruppen tätig sind, gleich welchen Alters und egal ob haupt- oder nebenberuflich. Die mit 3.000 Euro jährlich dotierte Auszeichnung wird alle sechs Monate von einer renommierten Jury an fünf Bewerber vergeben, deren fotografische Handschrift überzeugt und die mit ihren Konzepten neugierig machen auf mehr. Unter den insgesamt zehn Siegerarbeiten der jährlich zwei Wettbewerbs-Abschnitte ermittelt die Jury die drei besten Arbeiten. Neu ist Runde 26/2, weitere Informationen und Teilnahmebedingungen: www.profifoto.de


















