Was wäre aus uns geworden, wenn wir andere Entscheidungen getroffen hätten? Welche Wege haben wir nicht beschritten, welche Wünsche zurückgestellt, welche Möglichkeiten verworfen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Gruppenausstellung „Die ungelebte Seite“, die vom 4. Juli bis 1. August 2026 im Forderzimmer in Berlin-Pankow zu sehen ist.

Foto: Thomas Gerwers
Das Forderzimmer ist ein unabhängiger Projektraum in Berlin-Pankow, der insbesondere fotografischen, interdisziplinären und experimentellen Positionen eine Plattform bietet. Als Ort für Austausch, künstlerische Recherche und gemeinsames Denken versteht sich das Forderzimmer nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als Labor für neue Perspektiven und Fragestellungen.
Die von Lara Wilde und Lilith Terra kuratierte Ausstellung versammelt fotografische Arbeiten von Arek Akki, Thomas Gerwers, Adina Harnischfeger, Freddy Langer, Maartje Martisan, Dr. Dirk Schlottmann, Marius van de Goor, Lara Wilde und Lilith Terra. Gemeinsam nähern sich die Künstlerinnen und Künstler einem Thema, das ebenso persönlich wie universell ist: den verborgenen Seiten unserer Biografien.
Im Mittelpunkt stehen jene Anteile des Selbst, die im Verlauf des Lebens ungelebt geblieben sind. Es sind Entscheidungen, die nie getroffen wurden, Sehnsüchte, die keinen Ausdruck fanden, oder Persönlichkeitsanteile, die zugunsten gesellschaftlicher Erwartungen, familiärer Bindungen oder persönlicher Schutzmechanismen in den Hintergrund traten. Die Ausstellung fragt danach, welche Spuren diese nicht gelebten Möglichkeiten hinterlassen und wie sie bis heute unser Denken und Handeln beeinflussen.
Dabei eröffnet „Die ungelebte Seite“ einen vielschichtigen Blick auf innere Parallelwelten. Die fotografischen Arbeiten bewegen sich zwischen dokumentarischen Ansätzen, inszenierten Bildwelten und subjektiven Reflexionen. Sie erzählen von Brüchen und Wendepunkten, von verborgenen Identitäten, unausgesprochenen Wünschen und den Masken, die Menschen im Alltag tragen. Sichtbar wird nicht das tatsächlich Gelebte, sondern das Potenzial des Möglichen – jene alternativen Lebensentwürfe, die oft nur als Ahnung oder Erinnerung existieren.
Die theoretische Grundlage der Ausstellung speist sich aus unterschiedlichen Perspektiven. In der Psychoanalyse wird die „ungelebte Seite“ häufig als jener Teil der Persönlichkeit beschrieben, der verdrängt oder abgespalten wird, weil er nicht zum eigenen Selbstbild passt oder gesellschaftlich nicht akzeptiert erscheint. Systemische Ansätze wiederum verstehen das Ungelebte als Folge familiärer und sozialer Loyalitäten, die bestimmte Entscheidungen fördern und andere verhindern. Die Ausstellung übersetzt diese Überlegungen in eine visuelle Sprache und macht sichtbar, was sich normalerweise dem Blick entzieht.
Charakteristisch für die Arbeit im Forderzimmer ist der gemeinschaftliche Entstehungsprozess. Jede Gruppenausstellung beginnt mit einer offenen Einladung an Künstlerinnen und Künstler, sich über mehrere Monate intensiv mit einem gemeinsamen Thema auseinanderzusetzen. Die daraus entstehenden fotografischen Positionen unterscheiden sich bewusst in Stil, Methodik und Perspektive. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz der Ausstellung aus und eröffnet unterschiedliche Zugänge zu einem komplexen Thema.
Mit „Die ungelebte Seite“ setzt das Forderzimmer seine Reihe thematisch kuratierter Gruppenausstellungen fort und schafft erneut einen Raum für künstlerische Recherche, persönlichen Austausch und gesellschaftliche Reflexion. Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, den Blick nicht nur auf die gezeigten Bilder zu richten, sondern auch auf die eigenen Lebensentwürfe – und auf jene Geschichten, die nie geschrieben wurden, aber dennoch Teil der eigenen Biografie geblieben sind.
Foto oben: Dr. Dirk Schlottmann
*Forderzimmer – Raum für absolute Angelegenheiten, Florastraße 61, 13187 Berlin-Pankow, Öffnungszeiten: Mittwochs 10:00–18:00 Uhr sowie nach Vereinbarung











