Persönliche Erfahrungen, Beobachtungen und Meinung von Manfred Heiting zur „scheinbaren Schieflage“ des letzten souveränen Verlegers, Druckers und Ausstellungsmachers Gerhard Steidl.
Manfred Heiting verbindet mit Gerhard Steidl (Foto oben) eine 25-jährige Zusammenarbeit, aus der mehr als zwanzig Publikationen hervorgegangen sind. In seinem Gastkommentar blickt er aus persönlicher Erfahrung auf die aktuelle Krise des Göttinger Verlags – und erklärt, weshalb es dabei nicht nur um offene Forderungen und Investoren, sondern um die Zukunft eines einzigartigen kulturellen Ökosystems geht:
„Mitte Juli verbreitete sich die Nachricht in kürzester Zeit um die Welt: Der Göttinger Steidl Verlag sei in finanzielle Schieflage geraten. Am 10. Juli 2026 hatte das Amtsgericht Göttingen im Insolvenzantragsverfahren Sicherungsmaßnahmen über das Vermögen der Steidl GmbH & Co. OHG angeordnet und den Braunschweiger Rechtsanwalt Stefan Liese zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Formeller Auslöser war eine Forderung der Minijob-Zentrale über 2.438 Euro, die nach Angaben von Steidls Rechtsanwalt inzwischen beglichen wurde. Weitere Schritte sind noch unbekannt.
Wer die Angelegenheit jedoch auf diese vergleichsweise geringe Summe reduziert, macht es sich etwas zu einfach. Nach Angaben eines Göttinger Arbeitsrechtlers, der zahlreiche Mitarbeiter des Verlages vertritt, soll es darüber hinaus regelmäßig Verzögerungen bei Gehaltszahlungen und noch offene Lohnforderungen geben. Die Arbeit seiner Mitarbeiter ist dabei natürlich genauso zu respektieren wie die Arbeit seiner Künstler und Fotografen.
Aber ebenso falsch wäre es, aus der aktuellen Krise eine gewöhnliche regionale Insolvenzgeschichte zu machen. Auch in einer Zeit des Wirtschaftswandels, der besonders in Deutschland zu spüren ist, fand diese Nachricht nicht deshalb weltweit Beachtung, weil ein deutsches Amtsgericht ein Verfahren eingeleitet hatte. Sie verbreitete sich, weil es um Gerhard Steidl geht: um einen Mann, der als letzter souveräner Verleger und Drucker wie kaum ein anderer die internationale Fotografie- und Fotobuchwelt der vergangenen drei Jahrzehnte geprägt hat.
Seit den 1990er-Jahren wurde Göttingen zu einem Mekka für Fotografen, Künstler, Autoren, Herausgeber, Museumsdirektoren und Sammler. Man kommt in die Düstere Straße, um mit Steidl Bücher zu entwickeln, Druckbogen zu prüfen, Papier auszuwählen und Bildfolgen festzulegen. Steidl ist kein bloßer Produzent, sondern ein Mitdenker, Qualitätsfanatiker, Materialkenner und Möglichmacher.
Klaus Staeck, Joseph Beuys, Günter Grass, Karl Lagerfeld, Robert Frank, Josef Koudelka, Ed Ruscha, Roni Horn, Jim Dine, William Eggleston, Robert Adams, Nan Goldin und Barbara Klemm arbeiteten mit ihm – ebenso F. C. Gundlach, Ute Eskildsen, Artur Walther, Timm Rautert, Bryan Adams, Martin Parr, Joel Sternfeld, Juergen Teller, Dayanita Singh, Robert Polidori und viele andere. Einige vertrauen und vertrauten ihm einzelne Projekte an, andere wesentliche Teile ihres Lebenswerks. Der Verlag wurde zu einem Ort, an dem ein Buch nicht lediglich hergestellt, sondern gemeinsam gedacht, gebaut und bis in die kleinste materielle Einzelheit bestimmt wurde. Das Buch „How to Make a Book with Steidl“ wurde zum Bestseller.
Gerhard Steidl gründete 1968 seine eigene Siebdruckwerkstatt und seinen Verlag. 1972 erschien das erste Steidl-Buch. Aus dem handwerklichen Betrieb entwickelte sich ein international bedeutendes Verlagshaus, in dem Gestaltung, Druck und verlegerische Entscheidung weitgehend in einer Hand blieben. Dieses Modell war Steidls große Stärke: kurze Wege, persönliche Verantwortung und kompromisslose Kontrolle. Zugleich wurde es mit zunehmender Größe und Komplexität zu seiner größten wirtschaftlichen Verwundbarkeit.
Denn die Welt, in der dieses Modell entstand, existiert so nicht mehr. Die digitale Bilderflut hat die Fotografie zwar allgegenwärtig gemacht, die Aufmerksamkeit für das einzelne Bild und die Bereitschaft, hochwertige gedruckte Bücher zu erwerben, jedoch nicht im gleichen Maße vergrößert. Immer mehr Fotografen produzieren immer mehr anspruchsvolle Projekte für eine kaum wachsende und zunehmend älter werdende Gruppe von Sammlern und Fotobuchliebhabern.
So entstanden immer mehr gute Bücher für vielfach dieselben Käufer. Manche Auflagen waren zu hoch, manche Projekte zu aufwendig, manche Vertriebswege zu langsam und zu kostspielig. Gleichzeitig sollten die Verkaufspreise bezahlbar bleiben. Ein Fotobuch für 70 oder 90 Euro findet noch sein Publikum. Muss es jedoch kostendeckend 120 oder 140 Euro kosten, wird aus einem anspruchsvollen Kulturprodukt schnell ein Luxusgegenstand.
Hinzu kamen stark gestiegene Kosten für Papier, Energie, Löhne, Logistik, Einfuhr und internationalen Versand. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nennt anhaltend hohe Kosten, Bürokratie und eine rückläufige Zahl von Buchkäufern als wesentliche Belastungen der Branche. Auch die deutsche Druck- und Papierindustrie berichtet von strukturellem Druck, sinkenden Produktionsmengen und steigenden Rohstoff-, Logistik- und Lohnnebenkosten.
Steidl selbst führt die Krise unter anderem auf höhere Energie- und Papierkosten sowie auf einen Rückgang der Exporte in die Vereinigten Staaten und nach China zurück. Zugleich konkurrieren deutsche Verlage längst mit Produzenten in Asien und anderen kostengünstigeren Märkten. Heute kann ein kleiner Verlag im Homeoffice ein hervorragend gestaltetes Buch konzipieren und es in Fernost zu Bedingungen herstellen lassen, die ein handwerklich arbeitender Betrieb in Deutschland nicht erreichen kann.
Gerhard Steidl hat diese Entwicklung keineswegs übersehen. Aber er war nie ein auf Rendite fixierter Geschäftsmann, der Qualität als veränderbare Kalkulationsgröße verstand. Er wollte nicht möglichst viele Bücher möglichst billig herstellen. Er wollte für jedes Projekt das bestmögliche Buch schaffen. Genau das begründete seinen internationalen Ruf – und genau das brachte sein Unternehmen zunehmend an die Grenze des wirtschaftlich Tragbaren.
Eine solche Haltung ist bewundernswert, aber sie ersetzt keine belastbare Unternehmensstruktur. Künstlerische Großzügigkeit, persönliche Loyalität und handwerklicher Ehrgeiz sind kulturelle Werte; sie sind jedoch noch kein Geschäftsmodell. Auch ein außergewöhnlicher Verleger muss entscheiden, welche Projekte realisierbar sind, welche Auflagen der Markt aufnehmen kann und welche Investitionen ein Unternehmen langfristig tragen kann.
Auf Anraten von Karl Lagerfeld besuchte ich 1998 Gerhard Steidl in Göttingen. Als gelernter Schriftsetzer erkannte ich sofort: Hier traf ich auf einen Kameraden meiner Zunft. Seine präzisen, bisweilen spitzfindigen Fachkenntnisse und sein außergewöhnliches Materialwissen um alles, was ein vollkommen produziertes Buch ausmacht, lagen von Beginn an offen auf dem Tisch. In den folgenden 25 Jahren entstanden in unserer Zusammenarbeit mehr als zwanzig umfangreiche Publikationen. Heute kann ich mit großer Zufriedenheit auf die fruchtbarste und erfolgreichste Zeit meines Berufslebens zurückblicken.
Doch wurde mir zugleich bewusst, dass Steidl aber Rentabilität und Kosten kaum im Blick hatte – und deshalb ein außerordentlich guter Bankkunde war. Mit meinen eigenen, bescheidenen finanziellen Mitteln konnte ich dazu beitragen, die brutalen Kreditzinsen seiner Bank von damals 10,8 Prozent auf die mit mir vereinbarten 3,5 Prozent zu senken. So wurden dann in den darauffolgenden Jahren der Bau einer eigenen Lagerhalle, der Erwerb der gegenüberliegenden Buchbinderei und vor allem die Anschaffung einer hochmodernen MAN-Roland-Druckmaschine mit sechs Farbwerken möglich, die die außergewöhnliche Druckqualität seiner Bücher langfristig sichern sollte.
Auch sein langjähriger Papierlieferant, die vph/IGEPA Group in Hemmingen bei Hannover, verschaffte ihm durch weitsichtige Unterstützung jene wirtschaftliche Flexibilität, die es uns gemeinsam über viele Jahre ermöglichte, Steidls höchsten Ansprüchen an Papier, Gestaltung und Druckqualität gerecht zu werden.
In den vergangenen fünf Jahren jedoch wurde dies zunehmend schwieriger und kaum noch planbar. Sinkende Auflagen, das immer ungünstigere Verhältnis zwischen Herstellungskosten und erzielbaren Verkaufspreisen, der Verlust wichtiger Absatzmärkte für Fotobücher sowie wachsende bürokratische Belastungen, Personalnebenkosten und Energiepreise bestimmen heute die tägliche Realität dieses Kulturbetriebs. Der Wirtschaftswandel in Deutschland hatte Steidl voll im Griff.
Gerade darin liegt die eigentliche Tragik der gegenwärtigen Situation: Steidls Fehler bestand nicht darin, zu wenig für die Kultur getan zu haben. Er tat möglicherweise zu viel, zu lange und mit einer Struktur, die fast vollständig auf seiner Person, seiner Energie und seinem Urteilsvermögen beruhte.
In Göttingen ist dadurch weit mehr entstanden als ein Verlag. Rund um die Düstere Straße entwickelte sich ein kulturelles Gefüge aus Druckerei, Verlag, historischen Gebäuden, Arbeits- und Gästeorten, dem Günter-Grass-Archiv und dem städtischen Kunsthaus. Steidl war dessen Initiator und Gründungsdirektor und ist heute ehrenamtlicher künstlerischer Leiter für den Bereich Bild. Die 2018 errichtete Günter Grass Archiv Göttingen Stiftung soll die Dokumente aus der jahrzehntelangen Zusammenarbeit zwischen Grass und Steidl dauerhaft für Wissenschaft und Bildung sichern.
Hinzu kamen Investitionen in modernste Offset- und Digitaldrucktechnik, in eine historische Buchbinderei und in internationale Ausstellungsprojekte. Wer Steidl kennt, weiß, dass seine 3-Tage-Reisen nach Shanghai, Hongkong, Johannesburg, Doha, Los Angeles, Seoul, Tokio oder Dhaka keine Erholungsreisen waren. Er flog zu Museen, Künstlern und Ausstellungspartnern und stand wenige Tage später wieder morgens in der Druckerei, um die Bogen der Nachtschicht zu kontrollieren.
Auch seine Pläne reichten weit über den Verlag hinaus. Die vorgesehene Steidl Academy sollte jungen Menschen aus unterschiedlichen Ländern Buchgestaltung, Drucktechnik und handwerkliches Denken vermitteln. Für das Projekt war ein Gebäude nach Plänen von David Chipperfield mit Bibliothek, Studienräumen und technischen Werkstätten vorgesehen. Die bestehende Steidl-Stiftung verfolgt unter anderem Zwecke der Förderung von Kunst und Kultur, Wissenschaft, Forschung und Bildung.
Dass Steidls Arbeit international als kulturelle Leistung anerkannt wurde, ist unbestritten. 2015 verlieh ihm die NSCAD University in Halifax gemeinsam mit Robert Frank die Ehrendoktorwürde. Seit dem Wintersemester 2022/23 begleitet er an der Fakultät Gestaltung der HAWK in Hildesheim Seminare im Editorial Design als Gastkritiker. 2020 erhielt er sowohl den Gutenberg-Preis der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft und der Stadt Mainz als auch die Auszeichnung „Outstanding Contribution to Photography“ der Sony World Photography Awards. 2024 wurde ihm schließlich der Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie verliehen.
Diese Leistungen machen Gerhard Steidl zu einer kulturellen Institution. Aber eine Institution dieses Umfangs kann im 21. Jahrhundert nicht mehr dauerhaft von einem einzigen Menschen und einem kleinen Mitarbeiterstab getragen werden. Schon gar nicht, wenn derselbe Mensch zugleich Verleger, Drucker, Gestalter, Produktionsleiter, Kurator, Reisender, Projektentwickler, Bauherr und kultureller Netzwerker sein will.
Die gewohnten Bedingungen des Verlags- und Druckgewerbes haben sich innerhalb eines Jahrzehnts grundlegend verändert. Steidls zahlreiche Vorhaben, seine Loyalität gegenüber Künstlern, sein Anspruch auf bestmögliche Qualität, bezahlbare Verkaufspreise und traditionelle Vertriebsstrukturen zehrten zunehmend an den Grenzen kaufmännischer Vernunft. Was früher durch Wachstum, internationale Aufträge und persönliche Kreditwürdigkeit aufgefangen werden konnte, verlangt heute nach einer professionellen, dauerhaft tragfähigen Neuordnung.
Nach Angaben des Verlages und seines Rechtsanwalts laufen bereits konkrete Gespräche mit möglichen Investoren; ein Abschluss wird bis Ende August 2026 angestrebt. Doch nicht jeder Investor ist für das „House of Steidl“ geeignet. Wer lediglich eine schnelle Rendite, verwertbare Markenrechte oder einzelne Vermögenswerte sucht, wird entweder enttäuscht werden oder die Institution zerstören, die er angeblich retten will.
Was heute benötigt wird, ist daher kein Ausverkauf, sondern ein tragfähiges Zukunftsmodell. Dazu gehören ein versierter Finanzverantwortlicher mit wirklicher Entscheidungsbefugnis, eine realistische Projekt- und Liquiditätsplanung, eine klare Trennung zwischen verlegerischem Kerngeschäft, Druckerei, Ausstellungsprojekten und gemeinnützigen Vorhaben sowie eine geregelte Nachfolge. Kultureller Anspruch und wirtschaftliche Verantwortung dürfen nicht länger als Gegensätze behandelt werden.
Eine deutsche, kulturell engagierte Stiftung könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen, ohne selbst zur operativen Eigentümerin oder zum reinen Geldgeber zu werden. Sie könnte Archive, Bildungsprogramme, Bibliothek, Akademie und ausgewählte kulturell bedeutende Buchprojekte sichern. Das wirtschaftliche Unternehmen wiederum müsste professionell geführt, kontrolliert und auf einen realistischen Umfang konzentriert werden.
Eine solche Unterstützung darf allerdings kein Blankoscheck sein. Sie muss an Transparenz, verlässliche Lohnzahlungen, klare Verantwortlichkeiten und eine tragfähige Planung gebunden werden. Wer Steidls Lebenswerk erhalten will, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass seine Mitarbeiter sicher arbeiten können und seine Künstler und Fotografen wissen, wann und unter welchen Bedingungen ihre Projekte verwirklicht werden.
Gerhard Steidl hat über Jahrzehnte einen einzigartigen kulturellen Boden bereitet. Fotografen, Künstler, Museen, Sammler, Galerien, Stiftungen und öffentliche Institutionen haben davon profitiert. Viele haben ihre Bücher erhalten, ihre Ausstellungen eröffnet, ihre Archive gesichert und ihren internationalen Ruf durch die Zusammenarbeit mit Steidl erweitert.
Nun reicht es nicht, betroffen auf die Krise zu blicken, Steidls handwerkliche Virtuosität zu loben und anschließend zur Tagesordnung überzugehen. Wer über Jahrzehnte von diesem kulturellen Ökosystem geerntet hat, trägt auch Verantwortung für seinen Fortbestand.
Ein Garten bleibt nicht immer fruchtbar, weil man seine Früchte bewundert. Man muss den Boden pflegen, neu säen, beschneiden, düngen und Unkraut jäten und auch schon mal hart anpacken.
Nur ernten geht nicht.”










