SCAYLE macht aus der KI-basierten Bildproduktion von About You ein Geschäftsmodell für die gesamte Modebranche. Mit SCAYLE STUDIOS bietet die Enterprise-Commerce-Plattform eine Software-as-a-Service-Lösung an, die aus Produktaufnahmen vollständige Bild- und Videosets für Onlineshops, Social Media, Performance Marketing und Kampagnen erzeugen soll. Aus dem klassischen Fotostudio wird eine skalierbare Content Engine.
- Today I did nothing, Thomas Lelu, about you campaign
Der Workflow folgt zunächst den vertrauten Schritten einer Modeproduktion: Produkt hochladen, Model auswählen, Outfit stylen, Setting festlegen, Bildset generieren, retuschieren und freigeben. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Arbeit nicht mehr über feste Studiozeiten, Castings, Aufbauten und manuelle Produktionsschleifen organisiert wird. Sie findet innerhalb eines vollständig digitalen Systems statt, laut Anbieter nicht innerhalb von Wochen, sondern in wenigen Minuten.
SCAYLE STUDIOS ist bereits in Europa und den USA verfügbar. Firmenkunden können die Lösung als Enterprise-Angebot oder im Pay-as-you-go-Modell nutzen, bei dem die ersten 50 Credits kostenlos sind. Zu den ersten Enterprise-Kunden zählen neben About You die s.Oliver Group, die Betty Barclay Group, Goldner Fashion und der FC Bayern München. Hinzu kommen nach Unternehmensangaben mehr als 100 zahlende Marken. Nur zweieinhalb Monate nach dem Start soll der wiederkehrende Jahresumsatz bereits über einer Million Euro liegen.
Damit ist die Plattform mehr als ein internes Rationalisierungsprojekt. About You dient als Entwicklungsumgebung und Referenzanwender für eine Technologie, die nun auf weitere Händler, Sortimente und Produktionsvolumen übertragen werden soll.
Vom Einzelbild zum Content-Set
SCAYLE STUDIOS erweitert die Produktion vom einzelnen Produktfoto zum vollständigen Content-Set. Aus einem Produkt sollen Vorder- und Rückansichten, Detail- und Winkelaufnahmen, Modelbilder, Videos, Social Assets und Kampagnenmotive entstehen. Kleine Marken können damit ohne eigenes Studio starten, während größere Händler umfangreiche Sortimente nach eigenen Regeln automatisiert bearbeiten können.
Der zentrale Produktionsgegenstand ist folglich nicht länger das einzelne Bild. Entscheidend wird die Fähigkeit, für jedes Produkt unterschiedliche Varianten, Formate und Bildwelten zu erzeugen. Model, Pose, Styling, Perspektive und Hintergrund werden nicht mehr zwingend am Set entwickelt, sondern innerhalb eines Systems konfiguriert, generiert und anschließend ausgewählt.
Die kreative Entscheidung verschwindet dadurch nicht. Sie löst sich jedoch zunehmend von der unmittelbaren Aufnahme. Statt Licht einzurichten, ein reales Model anzuleiten und ein Kleidungsstück physisch zu inszenieren, steuern Nutzer einen Prozess, der aus Ausgangsmaterial zahlreiche visuelle Möglichkeiten ableitet.
Technisch basiert SCAYLE STUDIOS auf einer modelloffenen Architektur. Unterschiedliche KI-Modelle und automatisierte Verarbeitungsschritte greifen im Hintergrund ineinander. Neue Modellgenerationen sollen ergänzt oder ausgetauscht werden können, ohne die bestehenden Workflows vollständig neu aufzusetzen.
Welche konkreten Modelle dabei zum Einsatz kommen, legt das Unternehmen bislang nicht offen.
About You schließt sein Fotostudio
Wie weit die Transformation bereits reicht, zeigt der Einsatz bei About You selbst. Nach Angaben von Julian Jansen, Vice President Marketing Innovation, sind rund 90 Prozent des Contents KI-generiert. Ab Oktober 2026 wird das Unternehmen kein eigenes Fotostudio mehr betreiben.
Allein innerhalb eines Monats wurden mit SCAYLE STUDIOS mehr als 80.000 Outfits erzeugt. Zuvor verteilte sich die Produktion auf rund 200 Shooting-Tage im Jahr.
Die Schließung ist damit mehr als ein Symbol. Sie demonstriert potenziellen Kunden, dass sich selbst große Mengen an Model-, Produkt- und Marketingcontent ohne den bisherigen Studiobetrieb bewältigen lassen sollen.
Für die Fotobranche liegt darin die eigentliche Tragweite. Solange ein einzelner Händler seine Produktion automatisiert, bleiben die Auswirkungen begrenzt. Wird der zugrunde liegende Prozess jedoch als Plattform vermarktet und von zahlreichen Marken übernommen, betrifft der Wandel einen erheblichen Teil der seriellen Mode- und E-Commerce-Fotografie.
Postproduktion bleibt notwendig
Auch bei SCAYLE STUDIOS entsteht der fertige Content nicht fehlerfrei auf Knopfdruck. Als größte technische Herausforderung nennt Jansen die Konsistenz. Generative Systeme reproduzieren Inhalte nicht exakt, sondern interpretieren sie. Selbst ein identischer Hintergrund kann innerhalb einer Serie unterschiedlich ausfallen.
Die Postproduktion bleibt deshalb ein zentraler Bestandteil des Systems. Sie gleicht Abweichungen aus und soll dafür sorgen, dass die synthetisch erzeugten Bilder wie eine zusammenhängende Produktion wirken.
Damit verändert sich auch die Aufgabe der Bildbearbeitung. Sie optimiert nicht mehr ausschließlich fotografische Aufnahmen, sondern korrigiert zugleich die Fehler einer generativen Produktion. Hintergründe, Schatten, Materialstrukturen, Nähte, Verschlüsse, Proportionen und Produktdetails müssen daraufhin geprüft werden, ob sie das reale Kleidungsstück korrekt wiedergeben.
About You betont, SCAYLE STUDIOS sei aus den praktischen Anforderungen der Modebranche heraus entwickelt worden. Wissen über Styling, Licht und geeignete Kameraperspektiven sei unmittelbar in die Plattform eingeflossen. Die Anwendung soll sich nicht nur effizient, sondern auch intuitiv und kreativ anfühlen.
Die professionelle Kompetenz verschiebt sich damit von der handwerklichen Aufnahme zur Steuerung, Beurteilung und Qualitätskontrolle eines automatisierten Produktionssystems.
Sieben bis acht statt 80 Euro
Besonders deutlich wird die wirtschaftliche Dimension bei den Kosten. Jansen beziffert die bisherigen jährlichen Aufwendungen von About You auf rund sechs Millionen Euro für die Produktion und weitere zwei Millionen Euro für die Bildbearbeitung.
Ein vollständiges SKU-Set habe bislang rund 80 Euro gekostet. Mit SCAYLE STUDIOS lasse sich derselbe Content heute für sieben bis acht Euro erzeugen.
Diese Angabe unterscheidet sich allerdings von einem zuvor im Handelsblatt genannten Betrag. Dort wurden 70 bis 80 Euro für die traditionelle Produktion Kosten von lediglich rund einem Euro für die KI-Variante gegenübergestellt.
Möglicherweise bezieht sich der niedrigere Wert nur auf einen einzelnen Generierungsschritt oder ein einzelnes Motiv, während die sieben bis acht Euro ein vollständiges SKU-Set einschließlich zusätzlicher Bearbeitung umfassen. Belegt ist diese Erklärung nicht.
ProfiFoto hatte About You daher ausdrücklich gefragt, welche Leistungen und wie viele Bilder der jeweilige Kostenvergleich umfasst. Die Pressestelle verwies angesichts der Vielzahl entsprechender Anfragen auf bereits geführte Interviews im Handelsblatt und in der TextilWirtschaft, beantwortete den Fragenkatalog jedoch nicht im Einzelnen.
Die belastbarere Angabe bleibt damit zunächst der im Interview genannte Preis von sieben bis acht Euro für ein vollständiges Set. Schon dieser Wert entspricht gegenüber der bisherigen Produktion einer Einsparung von rund 90 Prozent.
Der Verkauf entscheidet
About You begründet den Einsatz der Plattform nicht allein mit geringeren Kosten. In einem A/B-Test wurden klassische Produktionen mit KI-generierten Bildsets für insgesamt 5.000 Outfits verglichen.
Das Unternehmen meldet 90 Prozent niedrigere Produktionskosten, eine um 95 Prozent verkürzte Markteinführungszeit und einen durchschnittlichen Anstieg des Bruttowarenwerts um 9,2 Prozent.
Hinzu kommt laut Pressemitteilung eine um 5,1 Prozent höhere Add-to-Basket-Rate. Werden ein klassisches Studio-Set und mehrere mit SCAYLE STUDIOS erzeugte Varianten im sogenannten Multi-Set-Routing gegeneinander ausgespielt, soll das Umsatzplus bei einzelnen Produkten sogar bis zu 20 Prozent erreichen.
Allerdings war der A/B-Test offenbar kein reiner Vergleich zwischen einer klassischen Fotografie und einem formal identischen KI-Bild. Das traditionelle Set für die Artikeldetailseite wurde um zusätzliche Bildwelten wie Selfies, Streetstyles und weitere Formate ergänzt, die About You in den vergangenen Jahren für seine Produktseiten entwickelt hatte.
Der Umsatzanstieg beweist daher nicht zwangsläufig, dass ein einzelnes KI-Bild grundsätzlich besser verkauft als eine vergleichbare klassische Aufnahme. Er zeigt vielmehr, dass sich mit generativer KI umfangreichere und variablere Bildsets wirtschaftlich herstellen, auf unterschiedliche Zielgruppen zuschneiden und gegeneinander testen lassen.
Genau darin liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil der Plattform. Wenn zusätzliche Motive nur noch einen geringen Aufwand verursachen, können mehrere Bildserien für dasselbe Produkt erzeugt und anhand ihrer Verkaufsleistung bewertet werden.
Das Modebild wird vom verbindlichen Ergebnis einer Produktion zur messbaren Verkaufskomponente. Model, Pose, Bildausschnitt und Hintergrund lassen sich so lange variieren, bis die gewünschte Wirkung erreicht ist.
Jansen warnt selbst vor einer rein performancegetriebenen Bildproduktion. Wenn sämtliche Inhalte nur noch auf Verkauf optimiert würden, könne die Markenidentität verloren gehen. Die kreative Aufgabe bestehe deshalb darin, aus der wachsenden Menge synthetischer Bilder weiterhin eine konsistente visuelle Geschichte zu entwickeln.
Austauschbare Models
Besonders direkt äußert sich About You zur Zukunft klassischer Models. Für standardisierte Produktdarstellungen würden diese zunehmend überflüssig. Eine Grenze zieht das Unternehmen dagegen bei Influencern, Prominenten und Persönlichkeiten mit eigener Geschichte und Community. Deren Authentizität lasse sich weder ersetzen noch kopieren.
Damit zeichnet sich eine klare Trennung ab. Wo ein Körper lediglich als Träger eines Kleidungsstücks benötigt wird, kann er synthetisch erzeugt werden. Wo Persönlichkeit, Bekanntheit oder Glaubwürdigkeit Teil der Bildaussage sind, bleibt ein realer Mensch unverzichtbar.
Für Fotografen, Models und Produktionsdienstleister ist das keine Randentwicklung. Gerade standardisierte On-Model-Shootings, Still-Life-Produktionen und wiederkehrende E-Commerce-Sets sorgten bislang für große Volumen und planbare Auslastung. Ausgerechnet diese wirtschaftlich wichtigen Bereiche lassen sich besonders gut standardisieren und automatisieren.
Die klassische Modefotografie verschwindet dadurch nicht. Ihre Rolle dürfte sich jedoch stärker auf reale Persönlichkeiten, komplexe Inszenierungen, Kampagnen mit individueller Handschrift und Bildwelten konzentrieren, deren Wert nicht allein aus ihrer Verkaufsleistung entsteht.
Unsichtbar gekennzeichnet
Alle mit SCAYLE STUDIOS erzeugten Assets tragen nach Angaben des Anbieters ein unsichtbar eingebettetes AI-Wasserzeichen. Es soll die maschinelle Herkunft überprüfbar machen, ohne die sichtbare Bildqualität zu beeinflussen. Die Verantwortung für die Einhaltung gesetzlicher Kennzeichnungspflichten liegt laut SCAYLE beim jeweiligen Shopbetreiber. In den ab September 2026 geltenden Nutzungsbedingungen wird das digitale Wasserzeichen ausdrücklich dem C2PA-Standard zugeordnet. Ob die Bilder darüber hinaus sichtbar als KI-generiert gekennzeichnet werden, entscheidet der veröffentlichende Händler.
Auch zu den Bildrechten macht SCAYLE inzwischen konkrete Angaben. Demnach bleibt SCAYLE Inhaber der Rechte an den erzeugten Outputs, soweit keine bereits bestehenden Kundenrechte am Ausgangsmaterial betroffen sind. Kunden erhalten ein dauerhaftes, exklusives Nutzungsrecht, das die kommerzielle und nichtkommerzielle Veröffentlichung, Bearbeitung und Vervielfältigung umfasst.
Nach Auskunft von About You kommt bei der Bilderzeugung unter anderem Googles Gemini-Technologie zum Einsatz. Die Plattform ist jedoch modelloffen konzipiert. SCAYLE nennt unterschiedliche integrierte Bild-, Video- und Postproduktionsmodelle und kann die zugrunde liegenden Systeme austauschen, ohne den Workflow für die Anwender zu verändern.
Hochgeladene Produktbilder und generierte Assets werden laut FAQ nicht zum Training der SCAYLE-STUDIOS-Modelle verwendet. Fotografien realer Personen dürfen in der regulären Anwendung nicht als Models hochgeladen werden. Die synthetischen Models werden stattdessen aus Merkmalen wie Körperform, Größe, Hautfarbe und Haaren zusammengestellt. Für Enterprise-Kunden sind allerdings Referenzbilder zur genaueren Steuerung der Modelästhetik möglich.
Nach Angaben von About You hat der Einsatz der KI-generierten Produktbilder bislang keine Veränderung der Retourenquote verursacht. Weiterführende Zahlen, der untersuchte Zeitraum und eine Aufschlüsselung nach Produktgruppen wurden dazu nicht genannt.
Damit werden mehrere offene Fragen beantwortet. Vollständig geklärt sind die technischen und rechtlichen Konsequenzen dennoch nicht – insbesondere das Verhältnis zwischen der von SCAYLE beanspruchten Rechtsinhaberschaft und den den Kunden eingeräumten Nutzungsrechten verdient eine genauere Betrachtung.
Industrialisierung des Modebildes

Die ABOUT YOU- Geschäftsführung
SCAYLE STUDIOS steht nicht nur für den Umbau der Bildproduktion eines einzelnen Modehändlers. Die Plattform macht aus diesem Umbau ein skalierbares Geschäftsmodell für die gesamte Branche.
SCAYLE entwickelt seit 2018 Enterprise-Commerce-Software. Rund 350 Onlineshops setzen nach Unternehmensangaben bereits auf die Technologie. Mit STUDIOS wird diese Infrastruktur um die visuelle Content-Produktion erweitert.
Produktdaten, Shopbetrieb, Bilderzeugung und Ausspielung können damit innerhalb eines eng verbundenen Systems organisiert werden. Für Händler liegen die Vorteile auf der Hand: geringere Kosten, kürzere Produktionszeiten und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Bildwelten an Märkte, Zielgruppen und Vertriebskanäle anzupassen.
Für die Fotobranche ist die Bilanz weniger eindeutig. Kreativität, Art Direction, Styling und visuelle Markenführung bleiben erforderlich. Sie lösen sich jedoch zunehmend vom klassischen Set und werden zu Funktionen innerhalb einer softwarebasierten Produktionskette.
Fotografen, Models und Studios werden nicht überall ersetzt. Unter Druck geraten vor allem jene Leistungen, bei denen Wiederholbarkeit, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit wichtiger sind als Autorenschaft und physische Präsenz.
Aus dem Fotostudio wird eine Plattformleistung. Aus der fertigen Aufnahme wird ein variabler Datensatz, der permanent neu kombiniert, getestet und auf seine Verkaufswirkung optimiert werden kann.
Der Wandel beginnt nicht erst irgendwann. About You beendet den Betrieb seines eigenen Studios im Oktober. SCAYLE bietet den zugrunde liegenden Prozess bereits der gesamten Modebranche an.






















