Die Fotografin Annette Kelm ist neues Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Die 1975 in Stuttgart geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin wurde in die Sektion Bildende Kunst gewählt. Damit würdigt die Akademie eine fotografische Position, die sich seit Jahren mit Alltagskultur, materiellen Dingen und den Bedingungen beschäftigt, unter denen Bilder entstehen und Bedeutung entwickeln.
Kelm (Foto oben: Tobias_Zielony) studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Im Zentrum ihrer Arbeit steht eine Fotografie, die auf den ersten Blick häufig nüchtern und sachlich erscheint. Gegenstände, Textilien, Pflanzen, Designobjekte oder alltägliche Arrangements werden präzise ins Bild gesetzt, verlieren dabei jedoch ihre vermeintliche Eindeutigkeit. Die Akademie der Künste beschreibt Kelms Fotografien als Auseinandersetzung mit „moderner Alltagskultur und der soziokulturellen Geschichte der materiellen Welt“.
Gerade diese Verbindung von formaler Präzision und gesellschaftlicher Lesbarkeit hat Kelms fotografisches Werk geprägt. Ihre Bilder funktionieren selten als bloße Dokumentation dessen, was sich vor der Kamera befindet. Stattdessen entstehen bewusst gesetzte Konstellationen, in denen sich die Gegenstände von ihrer vertrauten Funktion lösen. Die Inszenierung wird dabei nicht verborgen, sondern selbst zum Thema.
Nach Einschätzung der Akademie reflektieren Kelms Arbeiten damit ausdrücklich die „Konstruiertheit von Bildern sowie deren Produktionsumstände“. Kunsthistorische Referenzen treffen auf gesellschaftliche Fragestellungen – und damit auf eine zentrale Frage zeitgenössischer Fotografie: Wie sehr bildet ein Foto Wirklichkeit ab, und wie stark produziert es selbst erst jene Bedeutung, die wir anschließend darin zu erkennen glauben?
Präzision ohne Eindeutigkeit
Charakteristisch für Kelm ist eine Bildsprache, die weder auf dramatische Inszenierung noch auf den klassischen fotografischen Augenblick angewiesen ist. Viele ihrer Arbeiten wirken kontrolliert, frontal und beinahe emotionslos. Gerade diese Zurückhaltung ermöglicht jedoch eine genaue Betrachtung der dargestellten Dinge und ihrer kulturellen Codierungen.
Damit bewegt sich Kelm an einer Schnittstelle zwischen dokumentarischer Fotografie, Stillleben, Konzeptkunst und institutioneller Bildkritik. Die Gegenstände in ihren Fotografien bleiben erkennbar, zugleich geraten die Zuschreibungen ins Wanken, die mit ihnen verbunden sind. Muster, Oberflächen, Marken, Gestaltung, Herkunft und Gebrauch werden zu Bestandteilen eines visuellen Systems.
In einer Gegenwart, in der fotografische Bilder zunehmend automatisch produziert, bearbeitet und verbreitet werden, gewinnt dieser Ansatz zusätzliche Aktualität. Kelms Arbeiten erinnern daran, dass die vermeintliche Neutralität eines Bildes selbst bereits eine Konstruktion sein kann. Nicht erst digitale Manipulation oder generative KI stellen die Glaubwürdigkeit fotografischer Darstellung infrage – Auswahl, Ausschnitt, Arrangement und Kontext haben dies immer schon getan.
Internationale Anerkennung
Kelms Arbeiten wurden international in Museen und auf Biennalen gezeigt. 2015 erhielt sie den Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie, bereits 2009 wurde sie mit dem Publikumspreis im Rahmen des Preises der Nationalgalerie für junge Kunst ausgezeichnet. Am 15. September 2026 erhält sie zudem den Pauli-Preis 2026.
Mit ihrer Aufnahme in die Akademie der Künste erfährt ihre fotografische Position nun eine weitere institutionelle Würdigung. Die Mitgliedschaft ist dabei keine klassische Auszeichnung im Sinne eines Kunstpreises. Die Akademie versteht sich vielmehr als Gemeinschaft von Künstlern verschiedener Disziplinen, deren Mitglieder in die inhaltliche Arbeit der Institution eingebunden sind.
Für die Fotografie ist Kelms Wahl deshalb auch über ihre Person hinaus interessant. Sie bestätigt einmal mehr deren selbstverständliche Verankerung innerhalb der zeitgenössischen Bildenden Kunst – nicht als technisch definiertes Medium, sondern als künstlerische Praxis, die sich mit Wahrnehmung, Darstellung und gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen auseinandersetzt.















